Calwer
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Wegwort zum 3. Advent

Bibeltext:
Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe,
der Herr kommt gewaltig.
Jesaja 40, 3-10

Ein Prophet tritt auf bei den kriegsgefangenen Fremdarbeitern irgendwo
in einem Winkel Babylons, des heutigen Irak, bei den Hebräern,
die sich wie ein längst verlorener Haufe ohne jede Perspektive
vorkommen. Er trifft auf Leute, die ihre Klagen, Anklagen, Selbstanklagen
schon fast vergessen haben und längst nur noch ans reine
Überleben denken.
Der Prophet, den wir, weil wir seinen Namen nicht kennen, den
zweiten Jesaja, den Deuterojesaja, nennen, sieht sich dazu berufen,
sein Volk zu trösten: »Tröstet, tröstet mein Volk, redet mit Jerusalem
freundlich, sagt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre
Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der
Hand des Herrn für alle ihre Sünden« (Jes 40,1. 2). Dieses Volk in seiner
trostlosen Verlassenheit ist nun wirklich genug gestraft.
Deuterojesaja sagt diesem Volk, Gott, sein schon fast vergessener,
sein so oft als abwesend oder gar als nicht existierend bezeichneter
Gott, sei gewaltig im Kommen. Keine Macht der Welt könne ihn daran
hindern. Er werde die Sache seines erwählten Volkes nun in seine
Hand nehmen, werde dafür sorgen, dass es zurückkehren kann in das
Gelobte Land, aus dem es deportiert wurde. Er schildert den gewaltig
kommenden Gott dann in geradezu idyllischen, feinen Tönen. Wie
ein Hirte wird er seine Herde weiden und nach Hause in ihr Land
führen. Die Lämmer, die nicht so weit laufen können, die sich im
Dorngestrüpp verletzt haben, werde er fürsorglich auf dem Arm tragen
im Bausch seines Gewandes. Die Mutterschafe werde er führen.
Neue, lang nicht mehr gehörte Töne! Etwas Weihnachtliches klingt
auf, schon am dritten Adventssonntag, der doch eigentlich ganz dem
strengen Täufer Johannes und seinem Bußruf gewidmet ist. Eben dieser
Johannes, zu dem Menschen jeden Standes und jeder Geisteshaltung
vom Soldaten bis zu den Leuten der sadduzäischen Priesterkaste
und der pharisäischen Frömmigkeitsbewegung in die Wüste hinauspilgerten,
um ihm ihre Sünden zu bekennen und sich untertauchen
zu lassen. Damit wollten sie zeigen: Der Sündenmensch in mir soll
sterben; als ein Neuer, Gereinigter, will ich wieder auftauchen. Dieser
Johannes muss merkwürdig exotisch gewirkt haben mit seinem Mantel
aus Kamelfell, der Mann, der sich von Heuschrecken und wildem
Honig genährt hat, der gerade die Frommen und religiös Arrivierten,
die »Dekans- und Prälatenkaste« von Jerusalem mit Publikumsbeschimpfung
empfängt: »Schlangenbrut! Otterngezücht! Ausgerechnet
ihr? Ja, glaubt ihr denn wirklich, Gott könne mit euch noch was
Rechtes anfangen? Für euch gebe es noch eine Chance, dem Zorn
Gottes zu entkommen? Was habt ihr im Volk kaputtgemacht!« Johannes,
der jedem, der sich darauf beruft, er gehöre doch schließlich zu
Gottes erwähltem Volk, auch er habe Abraham zum Urvater, über
den Mund fährt: »Gott braucht euch nicht. Gott kann dem Abraham
Steine zu Kindern erwecken.«
Johannes, der denMenschen, die vor ihm sitzen, ins Gesicht sagt, sie
kämen ihm vor wie Bäume in der Obstplantage, die derVerwalter schon
mit der Axt gezeichnet habe: »Morgen kommen die Männer mit der
Säge und machen ganze Arbeit. Aus euch wird Brennholz. Ihr seid gezeichnet!
Dürre Bäume, die nichts bringen, nehmen nur Platz weg.«
Johannes, dem es offenbar weder an Selbstbewusstsein noch an
Gewissheit seiner Berufung noch an Mut fehlt, der die Stasi-Leute des
Herodes unter seinen Zuhörern sieht und der sich jetzt gerade mit
dem gernegroßen König von Roms Gnaden Herodes und seiner Mätresse
anlegt: »Er hat seinen Bruder umgebracht, um mit dessen Frau
ungestörter ins Bett zu kommen! Sagt’s ihm, ich hätte es gesagt! Und
er kann mich gern verhaften lassen und auf seine Zwingburg bringen,
dann sag ich’s ihm direkt ins Gesicht!« Johannes, der bewusst in Kauf
nimmt, was die Franzosen »payer de sa personne« nennen, Das Bezahlen
mit der eigenen Person.
Johannes, der seinem Auftreten nach so anders ist als der Trostprophet
Deuterojesaja. Ein Radikalalternativer, ein Bußprophet ohne
Wenn und Aber. Kündigt Deuterojesaja den Gott an, der sein Volk
aus der Fremde durch die Wüste ins Gelobte Land führt, so zieht der
Täufer Johannes die Leute heraus aus den Städten und Dörfern in die
Wüste. Als wolle er damit sagen: »Zuhause, in ihrem Kaff, können die
Leute gar nicht begreifen, was es heißt umzukehren, ein anderer zu
werden. Zuhause sind sie viel zu sehr eingebunden in ihre Gewohnheiten,
in ihren Mief, in ihren Dünkel, in den Clan, der es keinem erlaubt,
auszuscheren und einen anderen Weg zu gehen. Sie sollen,
wenn sie von mir etwas hören wollen, herauskommen in die Wüste,
und es soll ja keiner meinen, ich würde ihm zu Ehren leise treten.«
Gerade dieser Johannes weiß doch von sich und sagt es von Anfang
an, dass er nur ein Vorläufer ist. Dass er lediglich die Funktion hat, den
anderen anzukündigen, der »mit Heiligem Geist und Feuer« taufen
wird (Mt 3,11). Er, Johannes, sei nicht einmal wert, ihm die Schuhe zu
binden. Er, Johannes, könne ja nur alle die höchst ärgerlichen Sünden,
Fehlleistungen, Fehlhaltungen beim Namen nennen und zur Umkehr
rufen; der aber kommt, der sei Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt
(Joh 1,30). Der Kommende werde die Sünden bewältigen.
Beide Propheten, der freundliche Trostprophet Deuterojesaja und
das Raubein unter den Propheten, der Täufer Johannes, kündigen an,
dass die Sünden bewältigt werden durch den kommenden Gott. Beide
weisen hin auf das wesentliche Ereignis: die Vergebung der Sünden.
Und beide geben die gleiche Anweisung, den gleich zweifach gestraften
kriegsgefangenen Familien in Babylon um 550 v.Chr., den in die
Wüste herausgekommenen Menschen zur Zeit Jesu und uns am Beginn
des 21. Jahrhundert n.Chr.: »Bereitet dem Herrn den Weg;
denn siehe, der Herr kommt gewaltig.«
Klar, dass das gewaltige Kommen Gottes, das Kommen Jesu Christi
in unsere Gemeinden, in unsere Familien, zu uns ganz persönlich,
von niemandem inszeniert, veranstaltet, gemacht werden kann. Was
immer wir in der Advents- und Weihnachtszeit tun mit Adventsnachmittagen,
Krippenspielen, Heilig-Abend-Gottesdienst, Christmette,
Christfestgottesdienst und Weihnachtskonzert, das alles kann nur wie
ein leeres Glas sein. Wir stellen es hin. Nur Gott selbst kann es füllen.
Selbst unsere Gebete können ihn nicht hernötigen. »Gottes Reich
kommt wohl ohne unser Gebet von ihm selbst, aber wir bitten in diesem
Gebet, dass es auch zu uns komme«, soerklärt Luther im Kleinen
Katechismus die Bitte »Dein Reich komme«.
Stellen wir uns nicht unter den Druck, Weihnachten, das Kom-
men Jesu Christi, herbeiwerkeln zu müssen, als müssten wir das
Christkind selbst gebären. Der erfahrene Gemeindepfarrer Paul Gerhardt
hat Recht:

»Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst.«

Dass er kommt, ist seine Sache, seine Freiheit. Wobei wir nicht zuversichtlich
genug darauf vertrauen können, dass wahr wird, was uns Deuterojesaja
und der Täufer zusagen: »Siehe, der Herr kommt gewaltig.«
Wobei es keinen tieferen Gegensatz gibt als den zwischen dem
Wort »gewaltig« und dem Kind im Stall und seinen Eltern, für die
kein Platz ist in einem normalen Quartier, dem Kind, das bald zur
Rettung seines Lebens vor einem gewaltigen Machtneurotiker durch
die Wüste nach Ägypten fliehen muss. Die Gewalt, mit der Gott
kommt, ist ganz anders, als wir uns das vorstellen können. Luther
bringt es auf die Formel:
»Den aller Welt Kreis nie beschloss,
der liegt in Marien Schoß;
er ist ein Kindlein worden klein,
der alle Ding erhält allein.
Kyrieleis.« (EG 23)
Aber: Er kommt. Und wir sollen uns für ihn bereithalten. Was heißt:
»Bereitet dem Herrn den Weg ! Macht in der Steppe eine ebene Bahn
unserem Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und
Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und
was hügelig ist, soll eben werden« (Jes 40,4).
Dafür können wir allerdings einiges tun. Es ist keine gut reformatorische
Theologie, wenn die Botschaft »allein aus Gnade« so verstanden
wird, als hätten wir, damit Gott zu uns kommt, gar nichts mehr zu tun.
Es gibt einiges, das Gott nicht für uns tut. Das sollen wir selbst
tun, damit es Weihnachten werden kann: »Was uneben ist, soll gerade
werden.« Da wäre mancher Brief zu schreiben, manches Zeichen zu
geben. Manchem Menschen wäre die Hand zu reichen. Wir haben es
nicht in der Hand, ob das Zeichen verstanden und richtig gedeutet
wird und ob die Hand ergriffen wird. Aber dass wir meist nichts tun,
um nicht falsch verstanden zu werden, das ist doch sehr unbefriedigend.
Gehen wir aus uns heraus und suchen wir die Schwester, den
Bruder.
Wir werden da und dort auch Grund haben, einem Menschen zu
sagen: »Es tut mir Leid.« Wir vergeben uns nichts, wenn wir es tun.
Die christlichste, aber leider am wenigsten eingeübte Sportart ist es,
über den eigenen Schatten zu springen. Wir können es. Wenn ich mit
meinem Gott über die Mauer springen kann (Ps 18,30), dann auch
über meinen Schatten. Wir werden Grund haben, manchem Menschen
ein herzliches »Danke« zu sagen. Besonders solchen Menschen,
bei denen jeder davon ausgeht, es sei doch selbstverständlich, was er
uns an Gutem tut, das sei doch schließlich seine Pflicht. Und den
Menschen, die man glatt übersieht, weil sie durch nichts zu den
»most important persons« gehören. Der Müllmann, der uns den
Dreck wegschafft – wie ginge es uns ohne ihn? –, die Briefträgerin,
die Zeitungsfrau, die wir noch nie gesehen haben, weil sie vorbeieilt,
während wir noch zu ruhen gedenken.
Vor allem aber: die durch ihre Krankheit oder Behinderung Isolierten.
Man könnte in Familien gereifter Christenmenschen ohne Weiteres
einen Pakt schließen: Wir beschenken außer unseren kleinen Kindern
nur solche Menschen, die sonst nichts bekommen. Vor allem
aber: hingehen! »Bereitet dem Herrn den Weg!«, das heißt doch wohl
vor allem selbst Wege gehen zu den Menschen, zu denen sonst niemand
geht, die man längst abgeschrieben hat.
Dass wir in unserer Gesellschaft sehr erhebliche Rangunterschiede
haben und dass wir uns oft ganz so verhalten, als seien wir Gefangene
unserer Kaste und als seien Menschen »unterer« Kasten Unberührbare,
wird das hier angesprochen, wenn es heißt: »Alle Täler sollen erhöht
und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden?« (Jes 40,4). Es
gibt Menschen, die »ganz unten« leben. Könnten wir etwas tun, da-
mit sie »erhöht« werden? Vielleicht sieht es aus der Optik derer, die
ganz unten sind, so aus, als würden wir in unerreichbarer Höhe leben.
Wäre es nicht an der Zeit, diese unsere mühsam errungene und mit
Klauen und Zähnen verteidigte hohe Position zu verlassen und denen,
die ganz unten sind, einfach zur Seite zu stehen? Eine Kirche, die
in irgendeiner Weise beim Personenkult, womöglich beim Starkult,
mitmacht, bereitet nicht den Weg dem, der »ganz unten« gelebt hat.
Und wenn dieser Personenkult auch noch religiös-hierarchisch überhöht
wird, dann ist es Zeit, die Frage zu stellen: Wo ist hier Jesus von
Nazareth?
Dass wir in den politischen Fragen Stellung nehmen für Menschen,
die immer mehr verarmen, das gehört gewiss auch dazu. Das
Eine nicht ohne das Andere. Wir sollten jedenfalls vieles tun, damit in
der Steppe eine Bahn geebnet wird für den Gott, der von der Kastengesellschaft
nichts hält und der sich selbst in Jesus ganz unten finden
lässt.
Noch ein Wort gegen den Weihnachtsrummel der Kaufhäuser?
Gegen die Selbstüberforderung der Hausfrauen in der Adventszeit?
Gegen die oft vollgepfropften kirchlichen Programme, die es mit sich
bringen, dass der andächtelnde Pfarrer von einer Adventsbesinnung
zur anderen hechelt?
Es kann nötig werden, dass wir allen, die es hören können, sagen:
Weniger ist mehr. Freut euch, wenn ihr etwa ein Drittel von dem fertig
bringt, was ihr euch vorgenommen habt. Das ist genug.
Wir sollten aber keine Frau, die mit Herz und Liebe das Haus
weihnachtlich schmückt, auch noch kritisieren, als sei das ja alles nur
total äußerlich. Wir tun gut dran, dankbar zu sein und das Äußere zu
verstehen als Sinnbild dessen, was in uns und zwischen uns geschehen
will.
In allem wird das Stille, Unspektakuläre, das sich zwischen Menschen
abspielt, dem Kommen Gottes in Jesus Christus zu uns am
ehesten den Weg bereiten.


03_3.So_i_Advent (pdf) (application/pdf 42.1 KB)


Die Wochensprüche des Kirchenjahres ausgelegt

Prälat i.R. Paul Dieterich, langjähriger Vorstandssprecher der Calwer Verlag-Stiftung, führt in seinem Buch "Wegworte" mit oft überraschenden Deutungen der Wochensprüche durchs Kirchenjahr.



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