Karfreitag

Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.

Das Evangelium nach Johannes 3, 16

Die Welt hat Gott geliebt! Keineswegs nur die fromme oder die
kirchliche oder die christliche Welt, sondern die Welt in ihrer ganzen
Vielfalt von der frommen oder sich fromm dünkenden Welt über die
gottlose oder sich gottlos dünkende Welt bis hin zur brutal gottfeindlichen
und dann gewiss auch menschenfeindlichen Welt.
Ein Journalist hat mich zu Weihnachten interviewt. Er vertrat die
Auffassung, Weihnachten, das sei doch für alle Menschen da, auch für
solche, die nicht christlich sind. Weihnachten sei ein allgemein menschliches
Fest. Aber Karfreitag und Ostern, das seien eben rein »christliche
Feste«, nur für Christen.
Ich war einigermaßen erstaunt, versuchte ihm klarzumachen, dass
Jesus für alle Menschen, nicht nur für die Christen, gestorben sei. Er
sei das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt (Joh 1,29). Also sei
der Karfreitag ein Fest für alle Menschen so gut wie Weihnachten.
Und an Ostern würden wir die Auferweckung dessen feiern, mit dem
die Hoffnung auf Leben für alle Menschen begraben gewesen sei. Die
Hoffnung für alle Menschen, ja überhaupt für alles Geschaffene, das
sich nach Leben und Freiheit sehnt (Röm 8,18–21), sei auferstanden;
das würden wir an Ostern feiern; insofern sei doch Ostern das Fest
für alles, was lebt und was zum Leben drängt.
Aber wahrscheinlich haben wir es in den letzten Jahrzehnten versäumt,
die Botschaft des Karfreitags auf alle Menschen hin auszulegen.
Weshalb jener Journalist den Karfreitag als ein Exklusivfest allein
für Christen versteht.
Dagegen die Botschaft, dass Gott die Welt geliebt hat und gewiss
weiterhin liebt. Diese Welt, die er geschaffen hat mit all ihren Vitalkräften,
die alle von ihm stammen. Diese Welt, die er erhält trotz al-
len Gefahrenpotentials, das wir Menschen in ihr vervielfachen. »In
wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet«,
singen wir einander und uns selbst ganz persönlich zu (EG 317). Wir
können es ebenso gut dieser Welt, auf der und von deren Vitalkräften
wir leben, zusingen. Dieser Welt, die trotz der Erfindung der Atombombe
und des ersten Abwurfs derselben auf Hiroshima und Nagasaki
die Schwelle zum 21. Jahrhundert geschafft hat. Nur sehr pausbäckig
selbstbewusste Starkspieler können es damit erklären, das Gleichgewicht
der Stärke habe eben funktioniert und, wo entsprechend viel
Drohpotential aufgehäuft sei, schrecke die Menschheit doch vor dem
Äußersten zurück. Wer will, mag an dieser Logik festhalten. Wir
Christen bekennen, dass Gott die Welt geliebt hat, dass er noch immer
seine schützende Hand über sie hält, wunderbarerweise, dass sie
allein deswegen vor dem definitiven globalen Selbstmordattentat bewahrt
wurde.
Zeitgenossen, die auf die ausnahmslose Zuverlässigkeit menschlicher
Technik schwören, rechnen es der modernen Sicherheitstechnik zu,
dass nach dem Supergau von Tschernobyl weitere Atomkraftwerke bis
zur Stunde noch nicht in die Luft gingen. Die zahlreichen Störfälle in
Kraftwerken, bei denen vieles spitz auf Knopf stand, werden dann ausgeblendet.
Wir Christen vertrauen weder auf die lückenlos perfekte Sicherheit
unserer Technik noch auf die ausnahmslose Zuverlässigkeit der
Menschen, die in Atomkraftwerken arbeiten. Vielmehr ahnen wir im
Blick auf diese gefährlichen Zentren: »In wie viel Not hat nicht der
gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.« Dass Gott diese Welt liebt, ist
die einzig zureichende Erklärung dafür, dass diese Welt noch nicht in
ein Tohuwabohu wie vor der Schöpfung zurückimplodiert ist.
Diese Bewahrungen sind aber nicht dazu geschehen, dass wir das
Gefahrenpotential weiter vervielfachen. Vielmehr dazu, dass wir entschieden
zur Beseitigung dieser Drohpotentiale beitragen.

Diese Welt hat Gott geliebt

Im Sprachgebrauch des Evangelisten Johannes ist diese Welt keineswegs
nur eben die Schöpfung in ihrer gefährdeten Schönheit,
sondern das Wort »Welt« bedeutet vor allem
den Bereich, in welchem der Mensch herrscht, der sich von Gott
heimlich oder öffentlich, leise oder auch ganz laut losgesagt hat. Die
Menschenwelt, die unter sich bleiben und ihre Dinge ohne Gottes-
einfluss mit sich selbst ausmachen will. Die Welt ist die Menschheit,
die sich selbst nicht nur verrückt überschätzt, sondern auch verherrlicht
und gar vergottet. Die Welt, die Gott geschaffen hat, ihn aber in
Jesus kreuzigt, ist »sein Eigentum, in das er wohl kam, das ihn aber
nicht aufnahm« (Joh 1,11); die Welt ist die Finsternis, in der das
Licht scheint, die das Licht aber nicht ergriffen hat.
Ich werde nie vergessen, wie die Mutter eines ermordeten jungen
Mannes mit mir sprach. Wir planten eine rötliche Gedenkplatte im
grauen Granit des Ulmer Münsterplatzes, die an die abscheuliche Ermordung
ihres Sohnes erinnern sollte. Wir fragten uns, was man auf
einer solchen Platte eingravieren könne. Sie schlug das Wort aus Johannes
1,5 vor: »Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis
hat’s nicht ergriffen.« Die Mördermenschheit, in der solche Untaten
geschehen, die umgeben ist von Finsternis, ist diese Welt, die Gott
geliebt hat, liebt und bis zur Erlösung und Vollendung lieben wird.
Sie verdichtet und offenbart ihre Art in der Passionsgeschichte Jesu als
nur noch brutale Welt. Sie kann es aber nicht verhindern, dass Gott
sie unter allen Umständen liebt.

Was Paulus in seinem »Hohen Lied der Liebe« als Art der Liebe
(1. Kor 13,4–7) schildert, liest sich wie eine Beschreibung der Liebe,
die Jesus am Kreuz bewährt: »Die Liebe ist langmütig und freundlich…
sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet
das Böse nicht zu, sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie
duldet alles.« Es ist nicht die »Liebe«, die wir an uns kennen und die
sehr davon abhängt, ob sie erwidert wird, die sozusagen den Echo-Gesetzen
dieser Welt unterworfen ist. Es ist vielmehr eine Liebe, die von
Anfang an bis zuletzt freie göttliche Initiative ist. Sie lässt sich durch
nichts hindern. Sie ist und bleibt die freie Macht der göttlichen Liebe.
In der protestantischen Theologie wird oft betont – Karl Barth hat
das sehr konsequent getan – dass diese Liebe reine Caritas, Agape,
selbstlose Liebe, ist, die am Gegenstand ihrer Liebe nichts Attraktives,
sondern nur das Gegenteil findet. Ich weiß nicht, ob wir diese Auffassung
so durchhalten können. Mindestens im Alten Testament ist jedenfalls
das Verhältnis zwischen Jahwe und seinem Volk als ein durchaus
erotisches Liebesverhältnis geschildert (Hes 16 und Hos 2,21). In
Epheser 5, 25 ff. erscheint Christus als der Ehemann seiner Gemein-
de; in Offenbarung 21,2 sehen wir die neue Gesellschaft »wie eine für
den Mann geschmückte Braut«. »Die Hochzeit des Lammes« (Offb
19,7) wird gefeiert.
Wir müssen weder die Liebe Gottes zu seinem Volk noch die Liebe
Jesu zu seiner Gemeinde noch die Liebe des Schöpfers und Erlösers in
menschlichen Definitionen wie Caritas oder Agape oder Eros oder gar
Sexus sperren. Doch dürfen wir ein heftiges sehnsüchtiges Verlangen
Gottes nach seiner Welt und besonders nach jedem Menschen aus der
biblischen Botschaft von der Liebe Gottes herausspüren.
Aber wo soll ich das sehen, dass Gott die Welt geliebt hat? Wie hat
er die Welt geliebt?

Jesus – Gottes Gabe an die Welt

Wenn ich das erste Wort dieses Zentralverses »also hat Gott die
Welt geliebt« lese, höre ich mehrfach dieses »Also« in den Klängen einer
Vertonung von Melchior Frank. Mehrfach nacheinander bringt er
dieses »Also«, als wolle er sagen: So! So merkwürdig! So anstößig für
viele, dass sie es für töricht halten, so und nicht anders, Gott allein
weiß, warum, also hat Gott die Welt geliebt.
Warum nicht anders? Wir werden das letzten Endes nicht ergründen
können. Unsere Sühne–Theorien, die nachweisen wollen, warum
Gott, wenn er uns liebt, seinen Sohn so grausam sterben lassen musste,
sind wohl ein allzu menschlicher Versuch, dem menschlichen Verstand
oder Rechtsempfinden zu demonstrieren, warum Gott so und
nicht anders handeln konnte, wenn er die Welt liebt. Glauben heißt
immer wieder: sich auf etwas einlassen, das man noch nicht recht versteht,
dessen Bedeutung und Kraft erst auf dem Weg erfahren wird.
»… dass er seinen einzig geborenen Sohn gab« (griechisch: monogenes!).
Jesus als die entscheidende Gabe Gottes an die Welt. Nicht
erst am Kreuz, sondern von Anfang an: auch der lehrende Jesus, der
Therapeut, der Heiland, der zeichenhaft Lebende, der ausgemusterte
Menschen zurückholt, der seine Jünger sammelnde und ertragende
Jesus, schließlich der hinauf nach Jerusalem und ans Kreuz gehende
Jesus – Gottes Gabe an die Welt.
Manchmal frage ich mich, was aus unserer Welt geworden wäre,
wenn das Kreuz Jesu Christi nicht auf ihr gestanden hätte. Wenn
Gott seinen Sohn dieser unserer Welt und uns ganz persönlich nicht
gegeben hätte. Wo stünden wir? Welche Mentalität hätte uns geprägt?
Dabei müssen wir uns immer wieder klarmachen, dass es viele
Menschen gibt, auch feinsinnige, sensible Menschen, für die das
Kreuz weder ein Zeichen der Liebe noch ein Zeichen der Hoffnung
ist und die bei Begriffen wie »Blut Christ« erschrecken, als gehe es an
ihr Blut. Ganz plötzlich wurde ich daran vor vielen Jahren erinnert,
als ich mit dem jüdischen Historiker, Professor Joseph Walk, einem
Mitarbeiter des Yad Vashem-Museums in Jerusalem, einen kleinen
Ausflug durch die oberschwäbische Landschaft unternahm. Wir betraten
die Basilika von Weingarten, bewunderten ihr starkes und
lichtvolles Barock und sahen am Ausgang den Kartenständer mit den
Ansichtskarten vom Weingartener Blutritt. Ich erzählte meinem Gast
harmlos, fast ein wenig stolz, wie da 2500 Reiter auf ihren Pferden
hinter dem heiligen Blut Christi durch die Fluren reiten. »Da wendet
sich der Gast mit Grausen« und fragt erschreckt: »Ist das gegen uns
Juden gerichtet?«
Sofort musste ich daran denken, wie in den Judenvierteln mittelalterlicher
Städte in der Karzeit die Übergänge zu den Christenvierteln
geradezu zugenagelt wurden zum Schutz der Juden vor »passionsfrommen
« Christen, die, besonders am Karfreitag, aus dem Gottesdienst
zum Pogrom aufbrachen, um den Mord des Gottessohnes an
den Gottesmördern, den Juden, zu rächen. Das Kreuz, das Blut Christi,
als Zeichen der Bedrohung! Wir können nur hoffen, beten und wachen,
dass keine neuen Kreuzzugstöne und Kreuzzugstaten im 21. Jahrhundert
aufkommen, sodass aus dem Zeichen des Heils für viele ein
Zeichen der Bedrohung wird.
Für uns Christen ist das Kreuz, ist das »Blut Christi« Zeichen jener
unendlichen Liebe, die sich hingibt, damit ihr Leben in uns leben
kann. Das feiern wir im Herrenmahl: Er gibt sich uns, er gibt uns sein
Leben, damit es in uns lebt und unserem dürftigen Leben aufhilft.
Aber wie können wir sagen, dass der Tod Jesu Gottes Selbsthingabe
sei? Wie kann etwa Jürgen Moltmann gar vom »gekreuzigten Gott«
reden und sich damit in die Nähe der so genannten Patripassianer begeben,
denen man in der Alten Kirche vorwarf, sie würden zu wenig
zwischen Vater und Sohn unterscheiden und dann vom Tod Gottes
am Kreuz reden?
In einem Gespräch erinnerte mich Jürgen Moltmann einmal da-
ran, wie das ist, wenn ein Vater oder eine Mutter miterlebe, wie ihr
Kind stirbt. Ist das nicht, wie wenn sie selbst sterben? Und gar, wenn
das Kind, der erwachsene Sohn, die erwachsene Tochter durch mörderische
Gewalt sterben? In diesem Sinn leidet Gott selbst, wenn der
einzig Geborene am Kreuz stirbt. Gott selbst gibt sich in die Hände
der Mördermenschheit.
Um diese Hände und noch mehr die Herzen zu verwandeln, um
sie herauszulösen aus dem Bann, der sie gefangenhält.
»… damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden …« Wieder
höre ich die Vertonung dieses Wortes von Melchior Frank, wie er
dieses »Alle« gleich dreimal, mitten in der Karfreitagsmusik geradezu
hüpfend und heiter singen lässt: »Alle, alle, alle«. Es ist wie das »Kommet
her zu mir alle…« im Heilandsruf eine Einladung gerade auch an
die Menschen, die fernab stehen und sich auf die Nähe des gekreuzigten
Jesus nicht einlassen wollen. Alle! Wir können die Botschaft, die in
diesem kleinen Wort liegt, nicht genug bekannt machen. Es ist die
rückhaltlose Einladung für jeden Menschen, gleich welcher Vergangenheit,
gleich welcher Kultur oder Unkultur, welcher Mentalität. Den
»Generalpardon vom Kreuz Christi für alle Menschen, Lebende und
Tote« hat Johann Christoph Blumhardt am Karfreitag 1872 ausgerufen.
»… die an ihn glauben«, die sich mit ihrer ganzen Existenz, mit ihrem
Wollen und Glauben, mit ihrer Schuld und Sehnsucht nach Heilung
auf ihn einlassen. Dieses »Alle, die an ihn glauben« wird uns
nicht gesagt, um uns zu veranlassen, in uns oder gar in anderen zu
stieren nach einem eindeutig dingfest zu machenden Glauben. Nicht
zur inquisitorischen Introversion ist der Karfreitag gegeben, sondern
dazu, aus uns hinauszublicken auf den Christus, der uns sein Leben
gibt. Damit wir sein Leben annehmen mit offenem, dankbarem Sinn.
Wenn ein Mensch sich im Ruin seines Lebens fragt, ob er zu denen
gehört, die Gott ins volle ewige Leben führen will, dann soll er aus
sich selbst heraus und von sich selbst weg allein auf den gekreuzigten
Christus sehen, der sich selbst für ihn hingibt. Der sein Leben hingibt,
um uns sein ewiges Leben zu schenken. Martin Luther und Johannes
Calvin wurden nicht müde, uns immer neu den gekreuzigten
Christus als »speculum electionis nostrae«, als Spiegel unserer Erwäh-
lung,vor Augen zu halten.
Damit wir »nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben
«. Damit wir Gott nicht verloren gehen, damit wir uns selbst
nicht verlieren in hoffnungsloser Selbstüberforderung, wenn wir uns
eine Straße zum Heil bauen wollen. Damit wir uns nicht verlieren in
lebensfeindlichen Fehlhaltungen. Vielmehr: Damit wir leben in der
Beziehung zu Gott, die er uns neu eröffnet. In jener Beziehung, die
uns jetzt und noch im Tod lebendig macht. Denn wer in der Beziehung
zur Quelle des ewigen Lebens lebt, der lebt wirklich und hat
den Tod hinter sich gelassen.

Wegworte zum Herunterladen: 25_Karfreitag (pdf)