Quasimodogeniti

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren
hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung
Jesu Christi von den Toten.

Der erste Brief des Petrus 1, 3

Für viele von uns ist dieser Sonntag Quasimodogeniti, der »weiße
Sonntag«, mit diesem Leitwort aus 1. Petrus 1,3, unlösbar verbunden
mit dem letzten Kapitel des Lebens von Dietrich Bonhoeffer. Er war
im Februar 1945 mit anderen Gefangenen zusammen aus dem Gestapogefängnis
in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin abtransportiert
worden in Richtung Südwesten. Zahlreiche Personen des Widerstandes,
die man noch nicht umgebracht hatte, waren dabei, auch Admiral
Canaris, auch Oberst Oster. Zwei Wochen hat man die prominenten
Häftlinge, die Himmler wohl noch als Geiseln gegenüber den
Alliierten nutzen wollte, im KZ Buchenwald gefangengehalten. Nun
ging der Zug in den Holzvergaserlastwagen weiter in Richtung Süden.
Für die mit Maschinenpistolen bewachten Menschen ein Todeszug
mitten durch die erwachende Frühlingslandschaft der bayerischen
Oberpfalz. Verwechslungen von Personen kamen vor, weshalb Bonhoeffer
nicht gleich mit den anderen Hauptverschwörern nach Flossenbürg
kam. Mit Frau Gördeler, dem Neffen des russischen Außenministers
Molotow, mit dem gefangenen englischen Fliegeroffizier
Payne Best und anderen sollte Bonhoeffer den weißen Sonntag unter
scharfer Bewachung in einem Schulhaus in Schönberg verbringen.
Die Gefangenen baten ihn, eine Morgenandacht zu halten. Bonhoeffer
sprach über die Tageslosung aus Jesaja 53,5 »Durch seine Wunden
sind wir geheilt« und über das Leitwort zum Sonntag Quasimodogeniti
»Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns
in seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen
Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten«.
Viel konnte er nicht sagen. Die Tür wurde aufgestoßen. Er hörte
den Befehl »Gefangener Bonhoeffer, fertigmachen und mitkommen«.
Bonhoeffer bat Payne Best, seinen ökumenischen Freund in England,
Bischof George Bell, zu grüßen. Als er den kleinen Schulraum verließ,
sagte er. »Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.«
George Bell, der Erzbischof von Chichester, hat später berichtet,
Bonhoeffer habe ihm sagen lassen, er glaube mit ihm an die universale
christliche Bruderschaft, die sich über alle nationalen Interessen erhebe.
Und: »Unser Sieg ist sicher.«
Bonhoeffer wurde zum KZ Flossenbürg transportiert. Nach einem kurzen,
chaotischen Standgericht – die Urteile waren von Hitler bestellt – wurde
Bonhoeffer am nächsten Morgen mit vier anderen Mitverschwörern erhängt.
Noch am selben Tag haben amerikanische Truppen das Lager befreit.
Von denen, die diese chaotische Todesfahrt durch die Oberpfalz
überlebt haben, wird berichtet, Bonhoeffer habe in jenen Wochen ganz
auffallend um sich die Atmosphäre freudiger Hoffnung ausgestrahlt.
Seine Nähe habe ihnen sehr viel Überlebenshoffnung vermittelt. Das ist
nicht selbstverständlich, wenn wir daran denken, wie sehr er im Gefängnis
in Berlin-Tegel oft von drückender Trauer bedrängt wurde.
Lebendige Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den
Toten. Der auferstandene Christus strahlt eine Hoffnung aus, die über
den Tod, auch über einen frühen, gewaltsamen Tod, hinaussieht. Das
Leben, das uns der Sieger über den Tod gibt, kann uns der besiegte Tod
nicht mehr nehmen. Wie immer wir uns die Zukunft jenseits der Todeslinie
vorstellen mögen, es wird uns der Tod eine Tür zum Leben sein.
Und Christus gibt uns die Hoffnung darauf, dass seine Sache – in
Bonhoeffers und Bells Worten: die Sache der universalen christlichen
Bruderschaft oder Geschwisterlichkeit – durch alle Untergänge hindurch
zuletzt das Feld behaupten wird. Die Sache Jesu ist im Kommen
durch alle Rückschläge hindurch. Das heißt auch: Die Sache des
Friedens, der Menschenliebe, der geschwisterlichen Gerechtigkeit, für
die Christen sich einsetzen, um die sie beten, für die sie arbeiten, wird
sich durchsetzen.
Es wird gewiss nicht ohne schwere Opfer gehen. Der Weg führt
durch Situationen, die uns das Fürchten lehren könnten. Aber nicht
die menschenfeindlichen und gottfeindlichen Gewalten, so sehr sie
die Szene beherrschen, werden zuletzt siegen. Jesus Christus ist der
Sieger. Und es gilt, was Kurt Müller-Osten 1941, in dem Jahr, in wel-
chem Hitlers Mordpolitik in die endgültige Phase des Grauens kam,
gedichtet hat (EG 359):

In dem Herren freuet euch,
freut euch allewege.
Der am Kreuz den Sieg errang,
der ins Reich des Himmels drang,
ist nah auf eurem Stege.
Mag der Feind mit Finsternis
euren Schritt umhüllen,
seid nur um den Herrn geschart,
dessen Heil und Gegenwart
all Stund euch kann erfüllen.
Werft das stolze Sorgen fort,
bittet Gott mit Danken.
Sieh, es leuchtet seine Gnad
über eurem schmalen Pfad,
führt euch durch alle Schranken.
Friede höher als Vernunft,
Licht von höchster Zinne;
wird dir heut und jeder Frist
hüten ganz in Jesus Christ
das Herz und alle Sinne.

Das Wort »wiedergeboren« spielt am Sonntag Quasimodogeniti eine
besondere Rolle. Der Name dieses Sonntags erweckt bei dem, der
weiß, dass es »wie die neugeborenen Kindlein« heißt, ein gewisses Lächeln.
Der Zusammenhang, aus dem es genommen ist: »So leget nun
ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle
üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen, lauteren
Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch dieselbe zunehmt
zu eurem Heil, wenn anders ihr geschmeckt habt, dass der
Herr freundlich ist« (1. Petr 2,1. 2). Dahinter steht die große Sehnsucht,
das verschlagene, betrügerische, bösartige Wesen samt all der
Heuchelei, in der es sich verbirgt – trau, schau, wem! –, das wir im
Grunde so satt haben, abzulegen und spontan und direkt, so arglos
und vertrauensvoll wie ein Kind zu werden.
Vor allem aber: dass wir von der lauteren Milch der Gnadenbotschaft
des Evangeliums, so leben, wie ein neugeborenes Kind von der
Milch lebt. Dass das Wort »Milch« mit dem Wort »lauter« verbunden
ist, erinnert uns daran, welch großen Wert die Reformatoren darauf legen,
dass das Evangelium »lauter und rein« gepredigt wird. Das heißt:
ohne die Beimengung irgendwelcher »Fündlein«, die der Prediger besonders
interessant findet und die doch nur die Botschaft von der bedingungslosen
Gnade Gottes gegen den sündigen Menschen verunreinigen.
Was Luther und Brenz damit gemeint haben, ging mir auf, als
ich eines Tages ein zu früh geborenes Kind in der Frühchen-Station einer
Klinik besuchte. Da lag das winzige Kind im Brutkasten, wurde
durch die Nase ernährt durch spielzeugartig wirkende Schläuchlein und
kämpfte um Sein oder Nichtsein. Klar, dass die Milch, die ein solches
Kind bekommt, in Ordnung sein muss. Keine Krankenschwester dürfte
ihr nach eigenem Gutdünken diesen oder jenen chemischen Zusatzstoff
beifügen. Die Milch muss »lauter und rein« sein. Nur dann wird das
Kind die nächsten Wochen überstehen und wird langsam, grammweise,
zunehmen. Vor dem Kind sah ich im Geist manches mittelalterliche
Bild, auf dem die Menschenseele in Gestalt eines neugeborenen Kindes
gezeigt wird. Das hat Luther aufgenommen. Die Menschenseele, besonders
am sensibelsten und wichtigsten Punkt, wo es um ihr Verhältnis
zu Gott, der Quelle des Lebens, geht, ist ungemein verletzlich. Nur
die »lautere, reine« Milch des Evangeliums kann ihr helfen. Beimengungen
von Bedingungen für die Gnade verunreinigen die Milch. Sie
schädigen den Menschen. Es soll das Evangelium nur predigen, wer ein
Gespür hat für die hohe Verletzlichkeit einer Menschenseele, wo es um
ihr Verhältnis zu Gott geht. Und wer verstanden hat, wie bedingungslos
uns Gottes Gnade durch Jesus Christus zugesagt wird. Wer freilich
meint, der Mensch habe auch im Blick auf sein Gottesverhältnis einen
»Saumagen«, der möge sich als religiöser Meisterkoch gebärden, nach
seinen eigenen Rezepten, auf die er schwört, kochen und die Hungrigen
mit seinen Spezialitäten füttern. Es gibt vieles auf dem religiösen
Markt und in den religiösen Küchen. Vom Evangelium soll er aber seine
Hände lassen. Und unsere Kanzeln soll er anderen lassen, die das
Evangelium von Jesus Christus entdeckt, verstanden und lieb haben.
Aber zurück zu den Begriffen »wiedergeboren« und »Wiederge-
burt«. Sie sind zusammenzusehen mit dem, was das Wort »Bekehrung
« meint. Es ist mir fraglich, ob die beiden Begriffe zwei verschiedene
Ereignisse im Christenleben bezeichnen oder nicht eher die beiden
verschiedenen Aspekte des gleichen Vorgangs: Bekehrung
bezeichnet das aktive Verhalten, wenn ich umkehre zu Gott, so dass
ich nach allen Entfremdungen ihm neu die Sache meines Heils in die
Hand lege, um nun allein von seiner Gnade zu leben, um mich in allem,
was ich tue, unter die Regie seines Willens zu stellen. Das wird
nicht ohne eine gewisse selbstkritische Gedankenarbeit und Seelenarbeit
meinerseits gehen. Es wird nicht gehen, ohne dass mein Wille aktiv
wird und ich dann diesen Weg zurück zu Gott immer neu gehe,
indem ich mich mit mir selbst oft und oft aktiv kritisch auseinandersetze.
Das meint das Wort Bekehrung: die aktive Seite der Medaille.
Wiedergeburt bezeichnet den passiven Aspekt desselben Vorgangs.
Ich kehre um zu Gott, setze mein ganzes Vertrauen auf ihn, den
Barmherzigen, übergebe ihm die Regie meines Lebens. Mein Wille
wird in dieser Richtung tätig. Und doch, dass es bei mir überhaupt
möglich und wirklich wird, das geschieht an mir, das konnte ich nur
geschehen lassen; es ist wie eine Geburt, die das Kind, das geboren
wird, weder selbst inszeniert noch selbst bewirkt.
Als ein Geschehen, das über einen Menschen kommt, beschreibt
Jesus die Wiedergeburt auch in dem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus
(Joh 3,1–9).
Leider haben viele Christen zum Wort »Wiedergeburt« ein ebenso gespanntes
Verhältnis wie zum Wort »Bekehrung«. Das kommt bei den
meisten auch davon her, dass sie Menschen kennengelernt haben, die
sich selbst als wiedergeboren bzw. als Bekehrte bezeichnen, die sich dadurch
auch ganz bewusst von anderen, die sie für unbekehrt und nicht
wiedergeboren halten, abgrenzen, oft mit einem herablassend mitleidigen
Ton. Wer so von seiner Bekehrung oder Wiedergeburt spricht, der hat
aus diesem Vorgang eine Art biographischen Besitz gemacht, den er vor
anderen her trägt, als gehöre er ihm. Luther würde sagen: er hat aus der
certitudo, der Heilsgewissheit, eine securitas, eine Heilssicherheit, einen
Heilsbesitz, gemacht, auf den er womöglich glaubt pochen zu können.
Unser Gespür sagt uns mit Recht, dass da etwas nicht stimmt. Dass
ein Mensch seine erfolgte Wiedergeburt so wenig wie seine irgend-
wann erfolgte Bekehrung als ein festes Erlebnis mit sich herumtragen
kann. Vor allem aber: dass der Mensch, der in seiner Wiedergeburt
oder Bekehrung einen Besitz sieht, diesen Vorgang bei sich bereits
verdorben hat. Wiedergeburt und Bekehrung, sie mögen einmal in einem
Menschenleben geschehen sein, sind aber doch Vorgänge, die
wir teils hinter uns, teils vor uns haben. Wir stehen als Christen in
dieser Bewegung mitten drin. Sie ist wie das in der Taufe abgebildete
Sterben und Auferstehen eine Grundbewegung unseres Christenlebens.
Und wenn wir wirklich zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren
wurden oder wiedergeboren werden, dann gewiss zu einer
Hoffnung, die andere Menschen, die sich selbst für nicht wiedergeboren
halten, nicht aus –, sondern einschließt. Dazu, dass wir uns von
»nicht wiedergeborenen« Menschen als »beati possidentes«, als glückliche
Besitzer, abgrenzen, eignet sich die Wiedergeburt zu einer lebendigen
Hoffnung nicht.
Luther sagt in der ersten seiner 95 Thesen, dass unser ganzes Leben
eine Buße, eine Umkehr, eine Bekehrung sein solle. Wir könnten ebenso
gut sagen, unser ganzes Leben solle eine Wiedergeburt sein. Wir werden
wiedergeboren aus Wasser und Geist (Joh 3,5), ein neuer Mensch durch
die Taufe, die wir neu entdecken, in die wir zurückkehren oder, wie Luther
sagt, »zurückkriechen« und durch den Heiligen Geist, der wie Feuer
ist, das unsere Seelen entzündet. Dieser Feuer- und Wasservorgang an uns
ist wie ein Ereignis, das wir nicht in unserer Biographie abhaken können.
Dieser Vorgang steht ständig als die Chance unseres Lebens vor uns.
Wer diese Chance wahrnimmt und sich in diese Grundbewegung
des Christenlebens immer neu hineinbegibt, der kann Gott loben,
den Vater Jesu Christi, der uns zu diesem Vorgang frei macht (Joh
8,36). Wir leben dann in österlicher Freiheit, tragen das weiße Kleid,
das die erwachsenen Täuflinge einst in der Osternacht angezogen haben,
als Sinnbild des Festes und der Reinheit, die uns der auferstandene
Christus schenkt. Weil die Täuflinge das neue weiße Kleid in der
Regel in der Osterwoche bis zum Sonntag Quasimodogeniti getragen
haben, darum heißt dieser Tag »weißer Sonntag«. Wir müssen und
sollen dieses weiße Kleid am weißen Sonntag nicht ablegen. Wir werden
es unsichtbar, aber vielleicht doch spürbar, immer tragen, bis wir
es neu tragen werden in der Vollendung, der wir entgegengehen.

Wegworte zum Herunterladen: 27_Quasimodogeniti (pdf)