2. Sonntag nach Weihnachten
Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit
als des eingeborenen Sohnes vom Vater,
voller Gnade und Wahrheit.
Das Evangelium nach Johannes 1, 14
In diesem »Wir« steckt eine helle Freude. Das festlich freudige Bewusstsein
dafür, dass dieses Wir, wer immer dazu gezählt werden darf,
in Jesus die Herrlichkeit Gottes sehen durfte und darf. In dem Wanderprediger
aus Nazareth – was kann von Nazareth Gutes kommen?
(Joh 1,46) – den einzig geborenen Sohn Gottes erkennen, das war gar
nicht selbstverständlich. Es gab genug Menschen, die an ihm nicht
die Herrlichkeit Gottes sahen. Sie lebten zur Zeit Jesu in dem Land,
in dem er durch Städte und Dörfer ging. Was für ein Vorrecht! Sie begegneten
ihm persönlich leibhaftig. Was würden wir dafür geben?
Aber sie sahen seine Herrlichkeit nicht. An ihnen wurde wahr, was
Paulus in Römer 11,10 zitiert: »Verblende ihre Augen, dass sie nichts
sehen. »Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren«, stellt Paulus in
Römer 11,25 fest.
Die »Seinen«, gemeint sind doch wohl seine Brüder – wie stand
Maria dazu? – sahen in ihm offensichtlich etwas ganz anderes. »Er ist
von Sinnen«, sagten sie und versuchten, ihn festzunehmen. Offensichtlich
hielten sie ihn für gestört, fühlten sich als Familie dafür verantwortlich,
dass er keinen Schaden anrichtet. Sie sahen an ihm offenbar
durchaus nicht die Herrlichkeit Gottes. Seine Brüder glaubten
nicht an ihn (Joh 7,5), wenigstens vor Ostern nicht. Jesus weiß das
und sagt, als die Brüder und seine Mutter vor dem Haus stehen, in
dem er gerade lehrt, als sie ihn sprechen wollen: »Wer ist meine Mutter
und wer sind meine Brüder?... Wer Gottes Willen tut, der ist mein
Bruder und meine Schwester und meine Mutter« (Lk 3,34. 35). Und
seine für uns befremdlichen Worte über das Verhältnis eines Nachfolgers
Christi zu seiner Familie (Lk 14,26) haben gewiss mit dieser
innerfamiliären Erfahrung Jesu zu tun.
Die Schriftgelehrten von Jerusalem erklären seine Heilungswunder
so: »Er hat den Belsebub und treibt die bösen Geister aus durch ihren
Obersten« (Mk 3,22), das heißt er ist ein Magier, der seine Kräfte von
»unten« hat.
Auch Johannes der Täufer, der mit seinen geistgeweckten Augen in
Jesus spontan das »Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt« erkannt
hat (Joh 1,29), zweifelt, als er im Gefängnis des Herodes sitzt, und
lässt Jesus fragen: »Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf
einen anderen warten?« (Mt 11,3).
Auch im Jüngerkreis sagt Jesus und meint dabei die Jünger: »Es
sind aber etliche unter euch, die glauben nicht.« Und er fügt dazu:
»Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater
gegeben« (Joh 6,64. 65). Thomas hat dem Auferstandenen gegenüber
seine speziellen Schwierigkeiten, muss die Wundmale genau sehen
und sie tastend spüren, ehe er die Herrlichkeit Jesu erkennt, so dass
Jesus zu ihm sagt: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh
20,29). Und auch bei der letzten Begegnung mit Jesus vor seiner
Himmelfahrt auf dem Berg in Galiläa, in welcher er sagt, ihm sei alle
Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben, heißt es: »Da sie ihn sahen,
fielen sie vor ihm nieder; etliche aber zweifelten« (Mt 28,17).
Wer in Jesus, der sich seiner göttlichen Gestalt entäußert und
Knechtsgestalt angenommen hat (Phil 2,7), seine Herrlichkeit sieht,
der genießt ein enormes Vorrecht. Der ist begnadet.
Das war zur Zeit des irdischen Jesus so. Das ist heute bei uns nicht
anders. Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis von Tegel in der Ohnmachtserfahrung
schreibt: »Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt.« Er
meint damit, dass es uns sehr zusetzen kann, wenn wir Christen die
offenbare Ohnmacht oder Abwesenheit Gottes in unserem Leben
oder in dem Leben anderer Menschen hautnah miterfahren.
Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.
Es ist wichtig, dass wir großes Verständnis haben für Menschen, die
seine Herrlichkeit nicht sehen, vollends nicht, wenn Christen durch
ihr gar nicht herrlich christusförmiges Wesen die Herrlichkeit Jesu
verdunkeln und den Glaubensschwachen zum Skandalon, zum Ärgernis
werden. Dass wir andererseits Gott danken, wenn uns immer wieder
die Größe und Herrlichkeit Jesu deutlich wird, sei es, dass sie uns
überwältigend überfällt wie eine Lichtoffenbarung, sei es, dass wir jedenfalls
einen Türspalt weit zu ihr Zugang bekommen, so dass wir sagen
können: »Wir sahen seine Herrlichkeit.«
Wir Protestanten mit unserer Kreuzestheologie, die wir so ganz auf
das Wort festgelegt sind, sollten uns nicht für unzuständig erklären,
wenn hier vom Sehen oder Schauen die Rede ist, wir sollten nicht
schnell sagen: »Davon verstehe ich nichts« und das Schauen den Visionären,
den Mystikern oder unseren orthodoxen Brüdern überlassen.
»Wir sahen seine Herrlichkeit.« Auch die Augen unserer Herzen
sind berufen, den Lichtglanz Gottes in seinem Sohn Jesus Christus
wahrzunehmen. Erlauben wir es unseren Augen!
Eine Herrlichkeit als des eingeborenen (Sohnes) vom Vater. Das
Wort Sohn kommt hier explizit gar nicht vor. Aber Luther hat es aus
dem Wort »monogenes«, einzig geboren oder einzig gezeugt, sinngemäß
hinzugefügt. Was bedeutet hier der Ausdruck monogenes, der etwas
missverständlich in der Regel als »eingeboren« – jeder denkt an
die Eingeborenen auf einer Südseeinsel – wiedergegeben wird? Das
nizänische Glaubensbekenntnis umkreist dieses Wort sorgsam. Mehr
als ein Umkreisen des Mysteriums können dogmatische Aussagen
nicht bieten, dürfen sie auch nicht. Wir können das Mysterium nicht
in die Hand nehmen und einfach entschlüsseln oder wie eine Rätselaufgabe
lösen. So heißt es im nizänischen Glaubensbekenntnis, das
wir gern in den Weihnachtsgottesdiensten sprechen:
Und an den Herrn Jesus Christus,
»Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit;
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen …«
Die Einzigkeit Jesu von Anfang an, die Einheit mit dem Vater – »ich
und der Vater sind eins« (Joh 10,30, cf. Joh 17,11. 21; Joh 14,11) –
soll damit ausgesagt werden. Sein Verhältnis zum Vater ist nicht nur
damit zu erklären, dass er den Willen des Vaters tut, dass er sich vom
Vater gesandt weiß, dass er redet, was er von ihm hat (Joh 7,16). Es ist
mehr. Gott selbst verkörpert sich in ihm, Gott spricht, Gott handelt,
Gott heilt, Gott erleidet, Gott versöhnt in ihm und durch ihn. Wenn
uns Jesus begegnet, dann begegnet uns Gott in seiner qualitativ ganz
anderen Weise, als wenn er uns durch andere Menschen begegnet oder
wenn er diesem oder jenem Erwählten durch seinen Engel begegnet
ist. Wir können in diesem Wort »einzig geboren« den Versuch sehen,
mit einer Formel zu umschreiben, was Jesus meint, wenn er sagt: »Wer
mich sieht, der sieht den Vater« (Joh 14,9, cf. Joh. 12. 45).
Vom Vater. Die Herrlichkeit Jesu ist die Doxa, die Kabod, die
Schechina, der Lichtglanz des Vaters. Sie ist die Schechina, die Gegenwart
Gottes, die mitging mit seinem Volk in die Verbannung, die
zurückgekehrt ist in den Tempel, die Ausdruck der heiligen Gegenwart
Gottes ist. Sie ist auch anwesend in dem Sohn, in Jesus. Es ist
die Herrlichkeit Gottes, die schließlich Himmel und Erde neu schaffen
wird (Offb 21,1), die kosmische Schechina, die das neue Jerusalem,
die neue von Gott gegebene Gesellschaft durchdringt (Offb
21,2. 10), seine unmittelbare Gegenwart, die alle Tränen abwischt, vor
der der Tod nicht bestehen kann, die alles Leid überwindet, vor der
jedes Geschrei sich erübrigt (Offb 21,3. 4). Der Lichtglanz Gottes, der
sich in den Edelsteinen des himmlischen Jerusalems spiegelt (Offb
21,19. 20); die in der heiligen Stadt so unmittelbar leuchtet, dass sie
weder Sonne noch Mond braucht. »Ihre Leuchte ist das Lamm« (Offb
21,23), Christus ist ihr Licht. Und weil er das Licht der Welt ist (Joh
11,12), darum werden die Völker wandeln im Licht der heiligen
Stadt, das sein Licht ist (Offb 21. 24). Es wird keine Nacht sein (Offb
21. 35; 22,5). »Gott der Herr, wird sie erleuchten.« Jürgen Moltmann
hat in seinem Buch »Das Kommen Gottes« (S. 343 ff.) die Einwohnung
der Schechina im himmlischen Jerusalem, der durch Christus
vollendeten Gesellschaft, besonders eindrücklich beschrieben.
Die Worte »Gnade« und »Wahrheit« werden, sozusagen als Emanationen
aus der Herrlichkeit Gottes, die in Jesus Christus aufleuchtet,
genannt. Bei dem Wort Gnade dürfen wir – die alten Sprachen machen
das deutlicher – auch den Aspekt der Schönheit heraushören.
Das von uns oft belächelte Lied »Schönster Herr Jesu … Jesus ist
schöner, Jesus ist reiner, der mein traurig Herz erfreut … Jesus ist feiner,
Jesus ist reiner als die Engel allzumal … alle die Schönheit Himmels
und der Erde ist gefasst in dir allein …«(EG 403) ist dem Wort
»Gnade« näher als manche trockene Abhandlung.
Gnade, sie ist die Leuchtkraft, die den von Sünde und den vom
verzweifelten Bemühen, sich selbst zu helfen, geplagten Menschen
emporhebt in die göttliche Sphäre gelöster Freude. Es ist seine Gnade,
die ewig währt (Ps 100,5; Ps 103,17). Es ist seine Gnade, die reicht,
soweit der Himmel ist (Ps 108,5), von der wir nur hoffen und erbitten
können, dass er uns mit ihr früh unser Wesen füllt, damit wir rühmen
und fröhlich sein können unser Leben lang (Ps 90,14) und »des
Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen«
(Ps 92,3). Wir sollten uns aber vorsehen, dass wir aus der Gnade Gottes
nicht eine Art göttlicher Hypostase machen, die dann sozusagen in
unserem Denken ihr Eigenleben führt. Als Gerrit Cornelis Berkouwer
seine Darstellung der Theologie Karl Barths mit dem Titel »Der Triumph
der Gnade in der Theologie Karl Barths« herausbrachte, war es
Barth gleich nicht ganz wohl. Und als er seine Theologie geradezu als
systematische Entfaltung einer Art Gnadenprinzip dargestellt fand,
konnte er nur sagen: Nein! Nicht die Gnade siegt, sondern, wie Johann
Christoph Blumhardt richtig gedichtet hat, »dass Jesus siegt,
bleibt ewig ausgemacht, sein wird die ganze Welt« (EG 375).
Wir werden nicht von unserer Vorstellung dessen her, was Gnade ist,
Jesus recht verstehen, sondern was Gnade ist, das füllt allein Jesus mit
Inhalt und Leben. Sehen wir auf ihn, so werden wir in den Blick bekommen,
was in der ganzen Bibel mit dem Wort »Gnade« gemeint ist.
Auffallend oft ist das Wort »Gnade« in der Bibel mit dem Wort
»Wahrheit« verbunden. Gnade und Wahrheit sind fast wie unzertrennliche
Zwillingsschwestern. Vielleicht, weil wir allzu leicht unter Gnade,
wenn sie auf Kosten der Wahrheit geht, etwas schwächlich Unehrliches
verstehen, eine Vertuschung, die dann meist auf Kosten der Opfer geht
und die wirken kann, als werde vollends jede Schandtat mit dem Mantel
christlicher Liebe bedeckt. Gnade wirkt nur dann befreiend, wenn
nicht geschönt wird, was ein Mensch dem anderen angetan hat oder
antut. Die Wahrheit wird euch freimachen (Joh 8,32).
Wir begreifen den eigentlichen Sinn des Wortes »Wahrheit« im Johannes-
Evangelium aber erst, wenn wir nicht vom griechischen, sondern
vom hebräischen Wahrheitsbegriff aus denken. Erhellend dazu
ist, was Sir Edwyn Hoskyns (Hoskyns/Davey: Das Rätsel des Neuen
Testaments 1957, S. 28 ff.) dazu schreibt: »Die Wahrheit, von der die
Schriftsteller des Neuen Testamentes reden, ist untrennbar mit dem
Wesen und Handeln Gottes verbunden: ›Ich glaube aber, dass Christus
als Diener der Beschneidung kam um der Wahrheit Gottes willen,
damit er die den Vätern gewordenen Verheißungen wahr mache, und
die Heiden Gott loben für seine Barmherzigkeit‹ (Röm 15,8. 9).«
Wahr werden die Verheißungen, indem Gott seine Treue bewährt (1.
Kor 10,13; 1. Kor 1,9). »Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das
Ja« (2. Kor 1,19). Hoskyns fährt fort: »Jesus ist das Ereignis, in dem
Gott seine Verheißungen wahr gemacht hat, und darum ist er der Ort,
an dem wir verstehen lernen, der locus intelligentiae. Die Wahrheit,
Gottes Wahrheit, ist in ihm… Wahrheit ist eine Eigenschaft Gottes,
und Gott ist dabei nicht so sehr ein Gegenstand menschlichen Fragens,
als vielmehr der handelnd Wirkende. Er ist der lebendige Gott.
Seine Wahrheit offenbart sich in einem besonderen geschichtlichen
Handeln, und alle diejenigen, die zu diesem Handeln in Beziehung
stehen, müssen seiner Wahrheit nachleben und sie verwirklichen,
nicht nur im Wissen und Denken, sondern in ihrem ganzen Leben.
Soweit stimmen das Alte und das Neue Testament überein. Aber während
das Alte Testament immer noch nach der Offenbarung von Gottes
Wahrheit ausblickt, sieht das Neue Testament sie als gegenwärtige
und entscheidende Wirklichkeit aufgrund einer einzigartigen Folge
von historischen Tatsachen; denn in ihrem Brennpunkt steht Leben,
Tod und Auferstehung Jesu Christi.« So ist auch der Begriff Wahrheit
zu verstehen in Jesu Selbstaussage: »Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh
14,6). In Jesus ist wahr geworden, was Gott seinem Volk zugesagt hat,
dass er sie erlösen werde von allen ihren Sünden. Lässt sich ein
Mensch von dieser Wahrheit erleuchten, dann wird er in Wahrheit ein
Kind Gottes, ein Gottesmensch.
Die Freude darüber, dass die Verheißungen, die den Vätern gegeben
wurden, erfüllt werden, ist zu spüren im Lobgesang des Zacharias
(Lk 1,76–79), auch im Lobgesang der Maria (Lk 1,54. 55). In Jesus
Christus, in dem der Lichtglanz Gottes auf diese Erde kommt, um
auf ihr zu zelten, wird wahr, was Gott seinem Volk verheißen hat und
was die Frommen dieses Volkes gern gesehen hätten, was sie gegen allen
Augenschein nicht geglaubt haben – »eine gewisse Zuversicht dessen,
was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht
sieht« (Hebr 11,1). Was Abraham im Geist gesehen hat (Joh 8,56)
und was wir Christen an Jesus Christus als erfüllt sehen dürfen.
Wegworte zum Herunterladen: 08_2.So_n_d_Christf (pdf)