Michaelistag
Gottes Engel sind allzumal dienstbare Geister,
ausgesandt zum Dienst um derer willen,
die erwerben sollen die Seligkeit.
Der Brief an die Hebräer 1, 14
Zu den merkwürdigen Veränderungen der geistigen Landschaft in den
vergangenen fünfzig Jahren gehört die Wiederkehr der Engel in unser
Denken und Reden. Seit der amerikanische Religionssoziologe Peter
Berger 1969 sein Buch »Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft
und die Wiederentdeckung der Transzendenz« veröffentlicht
hat, hat sich gegen alle Säkularisierung der Gesellschaft beständig ein
neues Gespür für die Wirklichkeit der Engel verbreitet. Wohl zuletzt
unter uns Theologen.
Wenn während meines Studiums in den sechziger Jahren ein Mitstudent
hätte erkennen lassen, dass er mit Engeln umgehe, dann hätten
ihn seine Kameraden gemieden, allenfalls als psychiatrieverdächtig
bemitleidet. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass die Kirchenleitung
ihm die Eignung für den Pfarrdienst in unseren werktäglichen
Zeiten abgesprochen hätte. So stark standen wir alle unter dem Einfluss
von Rudolf Bultmanns Entmythologisierungsprogramm. Auch
wer wie ich nie ein Bultmann-Schüler war, konnte sich diesem Einfluss
doch nicht entziehen.
Heute stehen wir auf der Höhe eines Engel-Booms. Dieselben Freunde,
die als Studenten die Fahne der Entmythologisierung hochgehalten
haben, veranstalten heute in ihren Kirchen Engelwochen, bei denen
Theologen, Kirchenmusiker, bildende Künstlerinnen und geisthungrige
Gemeindeglieder einträchtig zusammenwirken. Welch eine Wendung!
Warum dieser Wandel? Vielleicht, weil immer mehr Menschen –
und auch hier wieder die mit Führungsanspruch Auftretenden der
Kirche zuletzt – spüren, dass der Machbarkeitswahn an sein Ende gekommen
ist. Er entlarvt sich ständig in seiner Hohlheit. Es wird auch
das weit verbreitete Gespür einer wachsenden Bedrohtheit durch
Kräfte, die wir schwer oder nicht mehr steuern können, dazu beitragen.
Und im Gegenpendelschlag zur Entmythologisierungswelle und
Selbstsäkularisierung der Kirchen die Wiederentdeckung dessen, was
Shakespeare seinen Hamlet sagen lässt: »Es gibt mehr Ding im Himmel
und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.«
Wie gehen wir mit den Engelsvorstellungen um? Dieter Heidtmann
hat in seiner Dissertation »Die Engel – Grenzgestalten Gottes« gezeigt,
dass die Engel in der Bibel nur eine funktionale Existenz haben,
keine von ihrer Funktion abgesehene Existenz. Sie sind, wie es in Hebräer
1,14 heißt, »dienstbare Geister«. Außerhalb ihres Dienstes können
sie für uns kein Gegenstand des Interesses sein. Es wird nur ihr
Dienen berichtet, sonst nichts. Heidtmann folgert daraus, dass sie in
der biblischen Rede Ausdrucksweisen sind, in denen Gott selbst Menschen
nahekommt und an ihnen handelt. Sie würden nicht in die
Schöpfungslehre gehören, sondern in die Gotteslehre.
Was tun die Engel, wie sie uns in der Bibel begegnen? Sie vertreten
Menschen, besonders »die Kleinen«, vor Gott: »… ihre Engel sehen allezeit
das Angesicht meines Vaters im Himmel« (Mt 18,10). Sie schützen
und helfen aus gefahrvollen Lagen heraus: »Als einer im Elend rief,
hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten. Der Engel des
Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus«
(Ps 34,7. 8). Der Engel des Herrn geht seinem Volk voraus durch die
Wüste: »Mein Engel wird vor dir hergehen« (2. Mose 23,23; 32,34).
Der Engel des Herrn zeigt der verstoßenen Mutter Hagar des in
der Wüste verschmachtenden Kindes Ismael die lebensrettende Wasserquelle
(1. Mose 21,15–20). Er gibt Brot und Wasser dem lebensmüden
Propheten Elia (1. Kön 19,5–7). Er tritt Jakob in der Nacht
am Jabok entgegen, ringt mit ihm bis zur Morgenröte und gibt ihm
den Namen Israel, Kämpfer mit Gott um Gott (1. Mose 32,26–33).
Er tritt dem heidnischen Propheten Bileam in den Weg, als dieser für
viel Geld das Volk Israel verfluchen will (4. Mose 22,22–35).
Er veranlasst Josef im Traum, mit Maria und dem Jesuskind nach
Ägypten zu fliehen, um so Jesus vor dem Mordplan des Herodes zu
bewahren (Mt 2,13). Die Engel Gottes dienen Jesus, nachdem er die
Versuchung in der Wüste bestanden hat (Mt 4,11). Der Engel Gottes
stärkt Jesus, als er Blut schwitzt im Garten Gethsemane (Lk 22,42).
Die Engel Gottes sind beim leeren Grab und deuten es: »Was sucht
ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden
« (Lk 24,5. 6).
Die Engel Gottes kämpfen für sein Volk, für die Menschen, die
Gott erwählt hat, um an ihnen und durch sie Heilvolles zu tun. Diese
Botschaft verknüpft sich vor allem mit der Gestalt des Engels Michael
(Dan 10,13. 21; 12,1). Besonders in Offenbarung 12 – »und es erhob
sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten wider
den Drachen« (Offb 12,7 ff.) – wird gezeigt, dass Gottes Engel in heftigem
Konflikt mit destruktiven Mächten sind, die Gottes Erwählte
bedrohen. Aus dieser Erkenntnis heraus betet Martin Luther in seinem
Abendsegen: »Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse
Feind keine Macht an mir finde.« In der Offenbarung Johannis erleben
wir die Engel besonders auch als Lobsänger Gottes, die mit den
24 Ältesten und aller Kreatur Gott anbeten (Offb 5,11–14). Die
himmlische Liturgie taucht auch in dem griechischen Ausdruck auf,
den der Verfasser des Hebräerbriefes in Hebräer 1, 14 verwendet: leiturgica
pneumata, sozusagen liturgische Geistwesen, die zur Diakonia
abgestellt sind. Ihr Dienst in allem, was sie tun, kommt vom Altar
und geht zum Altar.
Nicht unerwähnt soll sein, dass in der Rede von den Engeln oft –
und mit einem gewissen Recht – erwähnt wird, dass Gott auch Engel
in Menschengestalt auf dieser Erde einsetzt, so dass jeder Mensch,
wenn Gott sich seiner bedient, dem anderen eine Art rettender Engel
werden kann. Dafür nur ein Zitat aus dem Buch »Applaus für das Leben
« von Phil Bosmans: »Es gibt noch Engel – mitten unter uns – sie
haben keine Flügel, aber ihr Herz ist ein sicherer Hafen für alle, die in
Not geraten sind durch die Stürme des Lebens. Es gibt noch Engel.
Sie leben und arbeiten für Menschen, die weniger Glück hatten. Sie
zählen die Stunden nicht, und ihre Liebe zu den Menschen ist größer
als ihr Streben nach Geld und Besitz. Sie reichen ihnen die Hände
und bieten ihre Freundschaft an. Sie machen Zimmer sauber und decken
den Tisch. Sie gehen mit Einsamen spazieren. Sie kümmern sich
um Arbeitsplätze. Sie gehen in Gefängnisse. Sie sorgen für eine warme
Wohnung. Sie streichen an und reparieren. Wenn sie nicht wären,
würden viele keinen Tisch, kein Bett, keine Hilfe und keine Freundschaft
gefunden haben …«
Aber die Tatsache, dass Menschen einander im übertragenen Sinn
zu Engeln werden können, soll nicht die hilfreiche Botschaft verdrängen,
dass Gott uns auch da, wo kein Mensch uns mehr beistehen
kann, seinen Engel senden kann im Sinne des Wortes aus Psalm
91,11: »Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen.«
Wir rufen als Christen die Engel nicht an. Sie sind keine Wesen
neben Christus, die irgendeine Entscheidungsfreiheit hätten oder haben
wollten. Gerade der Hebräerbrief, vor allem in Hebräer 1,4–14,
wehrt jede Art von Engelkult entschieden ab. Und dass in der Offenbarung
des Johannes, in welcher die Engel als Werkzeuge Gottes sozusagen
allgegenwärtig sind, die Engel der Gemeinde neben den Gemeinden
stehen, nicht über ihnen, Lob, aber auch Tadel, die der
Gemeinde gelten, voll abbekommen (Offb 2 und 3), ist auch so zu
verstehen, dass jeder Anflug von Engelverehrung entschieden abgewehrt
wird. Wir können nur hoffen, dass die Vorliebe für Engel, die
wir zum Teil auf den Schriftentischen kirchlicher Bildungshäuser
wahrnehmen, nicht in Engelverehrung umschlägt.
Seien wir in unserer Freude über die Wiederkehr der Engel heilignüchtern
und hüten wir uns davor, den Herrn Jesus in einer Wolke
von Engeln zu verstecken.
Zum Schluss ein Engelgedicht, das mir gefällt. Es stammt von der
Heilbronner Autorin Ingeborg Pilgram-Brückner. Es ist nach dem
Tsunami am 2.Weihnachtstag 2004 entstanden.
Gebet
Um was ich bitte, Gott,
sind viele Engel
nicht große, mächtige,
nein, kleine helfende,
die den Verzweifelnden
den Traum der Hoffnung schenken
und die Verletzten
in den Schlaf begleiten,
die Sterbenden die Augen schließen
und den Alleingelassenen
den Freund zur Seite stellen.
Um was ich bitte, Gott,
sind hunderttausend Engel,
die Lebenskräfte
über Unglückslandschaft legen.
Wegworte zum Herunterladen: 53_Michaelistag (pdf)