Trinitatis (16. Juni 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Martin Hauff, Langenau [Martin.hauff@kirche-langenau.de]

2. Korinther 13, 11-13

IntentionGott verbindet uns Christen miteinander. Das wird deutlich im gemeinsamen Bekenntnis und in den Gesten der Nähe.

2. Korinther 13,11 Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch,
lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen,
habt einerlei Sinn, haltet Frieden!
So wird der Gott der Liebe
und des Friedens mit euch sein.
12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss.
Es grüßen euch alle Heiligen.
13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!


Liebe Gemeinde!

„Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben! Aus!“ Schon Kindergartenkinder kündigen einander die Freundschaft auf. Zum Glück meistens nicht für lange.
Erwachsene tun sich da schon viel schwerer. „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben! Aus!“ Wenn zwischen Erwachsenen die Tür einmal ins Schloss gefallen ist, braucht es viel, bis sie wieder aufgeht.
Und noch viel schwerer wird es, wenn Volksgruppen übereinander sagen: „Mit denen wollen wir nichts mehr zu tun haben! Aus!“ Das erleben wir in unseren Tagen auf erschreckende, ja beängstigende Weise dort, wo Bürgerkrieg herrscht.

Paulus durchleidet einen heftigen Konflikt, bricht aber die Beziehung nicht abAuch der Zusammenhang unseres heutigen Predigttextes führt uns in eine Auseinandersetzung, die zwar nicht tödlich, aber persönlich ungemein verletzend ist. „Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben!“ gibt ein Teil der korinthischen Gemeinde dem Apostel Paulus zu verstehen – für Paulus persönlich tief kränkend und sehr bitter. Unter Tränen versucht Paulus, sich zu rechtfertigen.
Umso auffallender, dass Paulus ganz zum Schluss seines Tränenbriefs, mit den Worten unseres Predigttextes, versöhnlich schließt. Er schlägt nicht mit der Zaunlatte zurück. Er sagt nicht: „Mit euch will ich nichts mehr zu tun haben! Schluss! Aus!“, obwohl es nach allem, was wir von dieser schwierigen Situation damals wissen, menschlich allzu verständlich gewesen wäre. Kann sein, dass ihm noch die Tränen in den Augen stehen, als er schreibt: „Zuletzt, liebe Brüder, freut euch…!“

Paulus befiehlt seine Kontrahenten dem Gott an, der Beziehung ist und suchtEs ist eine konfliktgeladene Situation, in der es den Kontrahenten auf beiden Seiten so nahe liegt zu sagen: „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“ Mitten hinein in diese konfliktgeladene Situation befiehlt Paulus seine Kontrahenten dem Gott an, der mit dieser Welt und mit uns Menschen zu tun haben will, um jeden Preis, unter allen Umständen, trotz aller Schuld und Unzulänglichkeit auf unserer Seite. Paulus legt den Korinthern dabei zwei zentrale Stücke der Liturgie des urchristlichen Gottesdienstes ans Herz: einen Gestus, also eine zeichenhafte Handlung, und ein Bekenntnis.

Gestus und Bekenntnis als liturgischer Ausdruck von BeziehungDen Korinthern legt Paulus ans Herz – den Gestus des geschwisterlichen Kusses und das Bekenntnis zum dreieinigen Gott. Ist das nicht ein Zeremoniell der Heuchelei und bloßes Wortgeklingel in dieser aufgeheizten Situation?
Weit gefehlt! Das Vorgegebene des liturgischen Brauchs, also das oft praktizierte Zeichen und die vertrauten Worte aus dem Gottesdienst-Verlauf, das kann höheren geistlichen Realitätsgehalt und stärkere Kraft haben, als unsere schwankenden subjektiven Stimmungen.(1) Das oft praktizierte Zeichen und die vertrauten Worte aus dem Gottesdienst-Verlauf, das kann höheren geistlichen Realitätsgehalt und stärkere Kraft haben als unsere situationsbedingten Verirrungen und unser Eingeschnappt-Sein. Schauen wir also beides näher an: die vertrauten Worte des Bekenntnisses und das oft praktizierte Zeichen des geschwisterlichen Kusses.

Das Bekenntnis zum dreieinigen GottDas Bekenntnis zuerst. In liturgischen Worten bekennt Paulus sich zum dreieinigen Gott, dem Sohn, dem Vater und dem Heiligen Geist – in dieser Reihenfolge. In den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens hat die frühe christliche Kirche dieses Bekenntnis zur Trinitätslehre ausformuliert und noch später das „Dreieinigkeitsfest“ daraus entwickelt. Diese Lehre von Gottes Dreieinigkeit ist keine abstrakte Denkfigur. Vielmehr versucht diese Lehre gedanklich nachvollzuziehen, wie die neutestamentlichen Zeugen Gott erfahren und über ihre Gotteserfahrungen gesprochen haben. Im Grunde will die Lehre von Gottes Dreieinigkeit ganz elementar sagen: Wir haben Gott über uns, wir haben ihn als Menschen mitten unter uns, und wir haben ihn in uns. Gott ist nicht für sich allein Gott, sondern der große Gott ist schon in sich Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins, und als solcher will er mit uns Menschen zu tun haben. (2)
Wir verdanken uns nicht uns selbst, sondern der Liebe des Gottes, der uns geschaffen hat und an allem Anfang steht – Gott der Schöpfer.
Und Gott hat uns Menschen seine Liebe gezeigt und verbürgt, in der Gestalt Jesu Christi – Gott der Sohn. In seinem Sohn Jesus Christus kommt Gott herein in unsere Unzulänglichkeiten, in unsere Schuldverstrickungen und hausgebackenen Konflikte, damals in Korinth und heute bei uns. Durch seine Gnade vergibt er Schuld, löst uns heraus aus dem Schatten der Vergangenheit und eröffnet neue Zukunft.
Nun mögen Sie vielleicht sagen: „Jesus, der war den Jüngern und Jüngerinnen damals nahe – aber mir heute?“ Jesus Christus ist keine Figur aus einer fernen Vergangenheit. Wir glauben nicht an einen Toten, sondern an den auferstandenen Herrn. Vor einer Woche haben wir Pfingsten gefeiert. An Pfingsten geht es darum, dass Gott uns mit seinem guten Heiligen Geist beschenkt. „Der Heilige Geist ist uns gegeben“, betont Paulus immer wieder mit Nachdruck. Der Heilige Geist sorgt dafür, dass Jesus uns nahekommt, zu allen Zeiten, an allen Orten, nicht nur ein paar wenigen hier und ein paar Auserwählten dort. Gott, der Heilige Geist. Im Heiligen Geist ist Jesus uns ganz nahe. Wo wir ihm Raum lassen, in unseren Herzen zu wirken, da wird dieser Geist seine verwandelnde Kraft in uns entfalten. Seine verwandelnde Kraft, die uns vom Tunnelblick auf unsere Konflikte und Empfindlichkeiten befreit und uns den Horizont weitet. Uns den Horizont dafür weitet, dass der große Gott nicht hoch über unseren Köpfen und Schicksalen thront, nicht erhaben auf unsere Konflikte herabschaut, sondern dass er mit uns zu tun haben will, uns seine Gemeinschaft schenkt. Und gerade so werden wir befähigt, wieder ganz neu miteinander zu tun zu haben. Gerade so werden wir befähigt, wieder ganz neu zur Gemeinschaft untereinander zu finden. Gott der Heilige Geist führt in die Gemeinschaft zueinander.

Der Gestus des geschwisterlichen KussesNeben das Bekenntnis zu Gott, dem Schöpfer, der uns seine Liebe erweist; zu Gott, dem Sohn, der diese Liebe unter uns lebte und verbürgte; zu Gott, dem Heiligen Geist, der den auferstandenen Jesus nahe bringt und zur Gemeinschaft untereinander führt – neben dieses Bekenntnis tritt der Gestus, das Zeichen des geschwisterlichen Kusses.
Ja, die Christen damals in der Urkirche drückten ihre Gemeinschaft untereinander durch den Gestus des heiligen Kusses aus.
Die Liturgie der orthodoxen Kirche hat diesen urchristlichen Gestus beibehalten.

Die Wiederentdeckung der Kraft des Gestus in der evangelischen KircheIn der evangelischen Kirche hat man des Paulus Aufforderung zum „heiligen Kuss“ mit Kopfschütteln und Lächeln zur Kenntnis genommen. Vielleicht ja zu Recht. Wir haben uns in jüngster Zeit auf den Weg zu einer achtsamen Kirche gemacht.(3) Auf diesem Weg üben die in der Kirche Mitarbeitenden aufmerksames Hinschauen und Verhaltensweisen ein, die Grenzverletzungen, übergriffiges Verhalten und sexualisierte Gewalt vermeiden – und so unsere Kirche zu einem sicheren und vertrauensvollen Ort machen. Da wird niemand gezwungen, sich küssen zu lassen. Vielleicht gehen ja auch andere Gesten, mit denen wir zeigen: Wir gehören zusammen.
Wenn die Kinder im Kindergottesdienst zum Abschluss einen Kreis bilden und sich – mit den Mitarbeitenden – an den Händen fassen, zehn, fünfzehn ganz unterschiedliche Kinder, und so miteinander den Segen Gottes erbitten, ist das ein ganz tiefes Zeichen der Gemeinschaft untereinander, das sie über diese Stunde der Kinderkirche hinausbegleitet.
Wenn wir uns beim Abendmahl hier in der Martinskirche abschließend an den Händen fassen und ein Bibelwort zugesprochen bekommen, ist das keine Spielerei, sondern handgreiflicher Ausdruck dessen, dass der dreieinige Gott ganz unterschiedliche Menschen in seiner Gemeinde zusammenführt. Das stärkt uns, auszuhalten, dass auch in einer Gemeinde und in einer Kirche wir in manchem verschiedener Meinung sind, aber durchzuhalten, dass wir einem Herrn gehören.(4)

Das Beziehungsgeflecht zwischen Christen aller Zeiten und aller LänderNoch ein letztes: Grüßen sich die sichtbar Versammelten im Gottesdienst mit einem Gestus der Verbundenheit und der Gemeinschaft, so schaltet Paulus hier bemerkenswerterweise die „Grüße aller Heiligen“ ein. Es handelt sich hier nicht um bestimmte Menschen, die den Gruß bestellen lassen. Vielmehr macht Paulus den Korinthern damals und uns heute die unsichtbare Gegenwart der Gesamtkirche im Gottesdienst der Einzelgemeinde bewusst. Das ist etwas ganz Großartiges: Wenn wir hier in Langenau Gottesdienst feiern, stehen wir in der unsichtbaren, aber wirksamen Gemeinschaft mit den Christinnen und Christen aller Zeiten und aller Länder.
In einem Raum wie diesem Raum unserer Martinskirche ist es spürbar und in den Zeugnissen aus Holz und Stein ablesbar, dass hier schon Generationen von Christen vor uns Glauben und Hoffen geübt haben und Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfahren haben.

Der gemeinschaftliche Gott führt in die Gemeinschaft untereinanderBei jeder Taufe und an jedem Festtag, so auch heute am Dreieinigkeitsfest, sprechen wir das Apostolische Glaubensbekenntnis und stellen uns damit in die Gemeinschaft der weltweiten Christenheit. Deshalb interessieren sich Christen auch für das Ergehen von Menschen überhaupt und von den Glaubensgeschwistern, den Christen auf der weiten Welt und besonders an den Brennpunkten des Weltgeschehens. Sie beten für sie und legen für die in Not zusammen. Denn: Wir leben davon, dass Gott uns in seine Gemeinschaft hineinnimmt. Und das bleibt in unserem Leben nicht ohne Folgen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.


Anmerkungen

1 Vgl. dazu Gottfried Voigt, Die Kraft des Schwachen. Paulus an die Korinther II, Berlin 1990, S. 104.
2 Vgl. dazu Gottfried Voigt, Homiletische Auslegung der Predigttexte, Reihe VI – Die lebendigen Steine, Berlin 19892, S. 26; und: Sabine Pemsel-Maier, Gott als Beziehung, in: Hartmut Rupp/Markus Mühling, Gott. Schülerheft (Oberstufe Religion), Stuttgart 2011, S. 36f.
3 „Auf dem Weg zu einer achtsamen Kirche“, so die Prozessbeschreibung der Koordinierungsstelle „Prävention sexualisierter Gewalt“ in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, die Handlungsanweisungen und Schulungen zur Vermeidung von Grenzverletzungen, übergriffigem Verhalten und sexualisierter Gewalt in allen Arbeitsbereichen der Landeskirche implementiert.
4 Vgl. dazu: Theophil Askani, Die Kirchenwahlen als Einübung des Glaubens, in: Martin Hauff, Theophil Askani – Prediger und Seelsorger aus Passion, Stuttgart 1998, S. 291.296.

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