1. Sonntag nach Trinitatis (23. Juni 2019)

Autorin / Autor: Prälat i. R. Paul Dieterich, Weilheim a. d. Teck [Paul.Dieterich@t-online.de]

Johannes 5, 39 -47

IntentionJesus befreit uns von der Knechtschaft, in der wir unsere Bestätigung von anderen suchen, zur Freiheit der Kinder Gottes, die sich von seiner Liebe befreien lassen zum frohen, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen.
(Als Schriftlesung könnte man Matthäus 11,25-30 nehmen.)

Johannes 5,39-47
Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.
Ich nehme nicht Ehre von den Menschen an; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Schwestern und Brüder,
„Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“ Je rückhaltloser wir diesen Satz auf uns selbst beziehen, je selbstkritischer wir über uns selbst und unsere Lebensart nachdenken, desto mehr erkennen wir, dass Jesus mit dieser Frage das System trifft, das uns im Innersten prägt. Es ist zu einfach, es wäre zu billig, wenn wir diesen Satz und die anderen, die Jesus seinen schriftgelehrten Gegnern sagt, nur für eine Strafrede halten würden, die uns nicht trifft, weil wir ja Gott sei Dank Christen und nicht Juden sind. Alles, was er ihnen sagt, das sagt er ebenso gut uns. Und wir haben allen Grund, uns selbst von ihm treffen zu lassen.

Unsere Gefangenschaft, so lange wir auf „Ehre voneinander“ aus sindDass wir von Kind auf bestimmt wurden und uns bestimmen ließen von dem, was andere zu uns sagen, wie sie uns finden, dass wir, wenn nicht geradewegs mit Zuckerbrot und Peitsche, so doch durch Lob und Tadel unserer Eltern, unserer Lehrer erzogen wurden, das ist gewiss. Ich weiß auch nicht, ob man Kinder anders erziehen kann. Die Gefahr, in der wir leben und in die wir oft genug zurückfallen, ist nur eben die, dass wir kindisch genug vom Lob oder vom Tadel anderer abhängig bleiben. Dass wir um den Beifall unserer Mitmenschen buhlen und dass wir dann ihre Kritik wie eine Majestätsbeleidigung verstehen, dass wir ehrenkäsig werden, käuflich durch Schmeicheleien, nachtragend, wenn einer ein wahres Wörtchen wagt, und in alledem schlichtweg unfrei, Menschen, denen andere im Stillen vorwerfen: Du glaubst im Grunde gar nicht an Gott, dein Herrgott sind die Leute. Nach denen richtest du dich. Du findest es zwar stark, dass Luther sagt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“, aber de facto bist du ein Knecht der Menschen, jedem untertan, der dir schmeichelt, und jedem böse, der dich kritisiert. Zuckerbrot und Peitsche bestimmen dich. Dein christlicher Glaube ist eine aufgesetzte Maske, mehr nicht.

Verknechtung durch „big brother“?Freilich, wenn wir Zuckerbrot und Peitsche ersetzen durch den Gott, der alles sieht, der die kleinen Sünden gleich und die großen am Jüngsten Tag straft, wenn der Gott, an den wir glauben und den wir unsere Kinder lehren, wie jener „big brother“ bei George Orwell ist, dann geraten wir vom Regen in die Traufe, dann ersetzen wir ein Verknechtungssystem durch ein noch schlimmeres.

Der Vatergott, den Jesus verkörpertUmso wichtiger für uns alle, dass wir immer neu lernen von Jesus, wer Gott ist und wer wir sind oder jedenfalls sein dürften, wenn wir uns wirklich auf den Vater einlassen, den er uns bezeugt und den er verkörpert; und wenn wir in seiner Nähe lernen, spüren, erfahren, wer wir sein dürfen.
Der Gott, den er verkörpert, straft uns nicht; er hat uns längst all die kleinen und die großen Fehltritte und Versäumnisse, all das, was wir ihm und einander schuldig blieben, verziehen. Wir sind und bleiben seine Kinder. Oder etwas pathetisch gesagt: Wir sind bei ihm in Ehren. Und er kann uns brauchen, was gar nicht selbstverständlich ist. Es ist eine Gnade, dass er uns, ausgerechnet uns, brauchen kann. Wozu? Dass wir einander helfen zu leben. Nicht zuletzt auch denen, die sich schwer tun, weil es ihnen nicht gut geht, seelisch, körperlich, finanziell, emotional, weil sie mit ihrer Einsamkeit, mit ihrer Angst, mit ihrer gesamten Hilflosigkeit kämpfen.

Befreiung zu frohem, dankbarem Dienst an seinen GeschöpfenIndem er uns das vorgelebt hat, bis hin zur Hingabe seines Lebens am Kreuz, hat er uns Gott, den Vater, nahegebracht. Nicht nur nahegebracht hat er ihn. Er hat ihn verkörpert. Das ist letztlich gemeint mit dem Bekenntnis, dass er der Sohn Gottes ist. Er verkörpert ihn. In ihm ist Gott selbst unter uns. Indem er uns beauftragt und dazu befähigt, einander beizustehen, beauftragt und befähigt Gott selbst uns. Treffend haben Ende Mai 1934 bekennende Christen in Barmen das so formuliert: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu frohem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.“ Wer diese Geschöpfe sind, die unseren frohen, dankbaren Dienst sehr nötig haben, das erkennen wir auf Schritt und Tritt, wenn Jesus uns die Augen öffnet. Die Menschen, die man damals dann bald zum „lebensunwerten Leben“ gezählt und schlichtweg ermordet hat, gehören gewiss dazu. Aber auch die „Geschöpfe Gottes“, die von fernher zu uns kommen nicht aus Abenteuerlust, sondern aus akuter Not. Und bestimmt auch die „Geschöpfe Gottes“, die mitten unter uns leben, oft genug getarnt, „verschämte Arme“.

Gottes Liebe als sein GeschenkSeinen Gegnern, die nicht „zu ihm kommen“ wollen, obgleich er zu ihnen kommt, und die ihn demnächst ans Kreuz schlagen werden – den Todesbeschluss haben sie bald gefasst, es ging nur noch um das Wie und Wann – ihnen sagt er, sie hätten nicht „Gottes Liebe“ in sich. Wer von uns hat Gottes Liebe in sich? In uns wohnt und schafft etwas ganz Anderes. Aber er nennt dieses Defizit, an dem wir alle krank sind, nur deswegen beim Namen, weil er zu uns kommt, um es uns zu nehmen und um uns zu erfüllen mit der Liebe, in der wir einander verstehen und einander mit Lust und Liebe helfen, wo und wie immer wir können.
Lassen wir uns das gefallen? Lassen wir uns von ihm befreien aus den kümmerlichen Zwängen, die uns deformieren und entstellen? Folgen wir seiner Einladung, wir, die wir oft „mühselig und beladen“ sind? Lassen wir uns von ihm „erquicken“? Machen wir mit, wenn er uns brauchen kann? Wollen wir erfahren, dass die Last, die er auf uns legt, leicht ist, weil er sie mit uns trägt? Er lädt uns dazu ein. Wir tun uns etwas Gutes, wenn wir dieser Einladung folgen. Amen.

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