3. Sonntag nach Trinitatis (07. Juli 2019)

Autorin / Autor: Pfarrerin Kathrin Nothacker, Wien [Kathrin.Nothacker@elkw.de]

1. Timotheus 1, 12 -17

IntentionEin Bibeltext voller fremd gewordener theologischer Begrifflichkeiten! Es fehlt an einer anschaulichen Geschichte, die den „Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit“ illustriert. Anstatt eigene Geschichten dazu zu konstruieren oder zu erzählen, setzt die Predigt bei der fremd gewordenen biblischen Sprache und dem fremd gewordenen Inhalt ein. Sie möchte mit einem holzschnittartigen Rekurs auf die Lebensgeschichte des Saulus/Paulus die Hörerinnen und Hörer ermutigen, sich in einer einfachen biblischen Geschichte, dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, mit ihren Lebensgeschichten wiederzufinden und davon mit eigenen Worten zu erzählen. Und dadurch zu einem eigenen „Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit“ kommen.
Am besten ist es, wenn dieses Gleichnis, das den Schluss der Predigt bildet, von der Predigerin oder dem Prediger frei erzählt wird oder von einer anderen Stimme (gut) gelesen wird.

„Kirchsprech“: Lobpreis der göttlichen BarmherzigkeitIm Jahr 2016 veröffentlicht der 30-jährige Unternehmens- und Kommunikationsberater Erik Flügge sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“(1) . Er weist mit diesem erschreckenden Titel auf einen beunruhigenden Zustand hin: Offensichtlich gelingt es der Predigt nicht mehr, Menschen in ihrer Lebens- und Sprachwelt anzusprechen. In einer schonungslosen Weise rechnet er mit dem „Kirchsprech“ ab. Er redet von einem trostlosen Repetieren ewiggleicher Floskeln. Einem schwebend-pathetischen bedeutungsschwangeren Kanzelton. Menschen können dem nichts mehr abgewinnen. Junge Menschen schon gar nicht.
Die jüngste Studie über die Entwicklung der Kirchenmitglieder scheint ihm Recht zu geben. Immer mehr Menschen, vor allem solche im Alter zwischen 25 und 40 Jahren, wenden der Kirche den Rücken zu. Sie halten das, was Kirche tut, für unbedeutend. Und sie halten das, was in der Kirche verkündigt wird und vielleicht auch wie es verkündigt wird, für nicht mehr zeitgemäß.
Flügge ist selbst kirchlich sozialisiert. In seiner Haltung ist er durchaus positiv gegenüber den Kirchen eingestellt. Und so plädiert er in seinem Buch für mehr Natürlichkeit und vor allem Verständlichkeit. Er rät den Predigerinnen und Predigern so über Gott zu sprechen, als säßen sie mit Freunden in der Kneipe. Er sagt: „Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich.“
Und jetzt kommt das Predigtwort aus dem 1. Brief des Paulus an Timotheus ins Spiel, überschrieben mit den Worten: Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit.
„Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen."

Ist dieser Lobpreis göttlicher Barmherzigkeit nun „Kirchsprech“? Es wäre interessant, jetzt Erik Flügge zu fragen, was er mit einem solchen Bibelwort anfangen kann. Denn meine Vermutung geht dahin, dass er nicht nur die Sprache von uns kirchlichen Amtsträgerinnen und Amtsträger kritisiert – das muss er dürfen – sondern was wir von Menschen und von Gott zu sagen haben. Und ich möchte nicht nur Erik Flügge fragen, was er mit einem solchen Bibelwort anfangen kann, sondern uns alle. Was bedeuten diese Sätze? „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren.“ Und: „Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn.“ Und: Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen.“ Und: „Dass Jesus Christus an mir als Erstem alle Geduld erweise.“
Es kostet Mühe, sich diesen alten und sperrigen Worten anzunähern. Und wahrscheinlich geht das auch nicht einfach beim Bier, sondern allenfalls bei konzentriertem Hören und Nachdenken. Dieses bleibt uns Christinnen und Christen nun einmal nicht erspart. Und wahrscheinlich geht es jetzt auch nicht so sehr um eine zeitgemäße Sprache. Sind wir bereit, uns mit dem auseinanderzusetzen, was Paulus sagt? Sind wir bereit, unser eigenes Leben zu „durchleuchten“? Mit diesen alten Worten? Es braucht einen Anlauf.

Die GeschichtePaulus redet von sich. Erzählt im Grunde von seinem Leben. Die Bilder fehlen. Aber die kennen wir aus anderen Zusammenhängen. Paulus, früher hieß er Saulus, war ein fanatischer Christenverfolger. Als ein rechtschaffener und überzeugter Schriftgelehrter lehnte er die neue Lehre ab. Auch das charismatische Sendungsbewusstsein der jungen christlichen Gemeinde verachtete er. Es war nicht vernünftig, davon zu sprechen, dass ein von den Römern hingerichteter galiläischer Rabbi von den Toten auferstanden sei. Es war nicht vernünftig und entsprach nicht der heiligen Schrift, dass er Gottes Sohn oder Messias genannt wurde. Und es war schon gar nicht klug, durch solche Aussagen eine Spaltung der jüdischen Gemeinde zu provozieren. Denn dadurch machte sich die christliche Gemeinde angreifbar gegenüber den römischen Behörden. Saulus wollte von diesem Jesus, den sie auch Christus nannten, nichts wissen.
Was dann folgt, bezeichnen wir in unserem „Kirchsprech“ als „Damaskus-Ereignis“. Auf einer seiner inquisitorischen Reisen hatte der Christen-Verfolger Saulus ein einschneidendes Erlebnis. In gleisendem Licht erschien ihm Christus mit der schlichten Frage: „Warum verfolgst du mich?“ Der mit Blindheit geschlagene Saulus wird von seinen Gefährten nach Damaskus gebracht. Und dort wendet sich dem blinden Saulus ein Mitglied der christlichen Gemeinde zu und erzählt ihm von Jesus. Und das war die Wende. Saulus wird zum Paulus. Und erkennt in Jesus den Christus, seinen persönlichen Retter und den Retter der Welt. Er lässt sich taufen und wird zum Missionar.

Das Bekenntnis„Früher war ich ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren.“ Und das ist nun sein schlichtes persönliches Bekenntnis: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen.“
Paulus wird während seiner Missionsreisen und in seiner umfangreichen Korrespondenz mit den jungen christlichen Gemeinden nicht müde, dieses Bekenntnis immer wieder laut werden zu lassen:
„Ich war ein Sünder. Ich habe Unrecht getan. Und ich bin gerettet durch die Gnade und Barmherzigkeit Jesu Christi. Einfach so. Nichts hab‘ ich beigetragen. Alles wurde mir geschenkt.“ Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit.
Der nächste Schritt, die nächste Frage ist nun: Was hat das mit uns zu tun? Warum beschäftigen wir uns immer noch mit der alten Geschichte von Saulus, der vor Damaskus zum Paulus wurde? Und was sagen uns die alten Begriffe wie Sünde und Gnade, Unglaube und Barmherzigkeit?
Ich glaube, dass das die richtig große Herausforderung ist. Nicht so sehr die alte Sprache und die sperrigen Begriffe. Sondern das, was sie ausdrücken. Und worum wir uns nur allzu gern drücken.
Unser Bekenntnis, unsere Geschichten, unsere Sprache
Und dennoch: Gerade hier könnten nun unsere eigenen Lebensgeschichten ins Spiel kommen. Unsere Brüche im Leben. Unsere Geschichten vom Ungerecht-Sein, vom Recht-haben-Wollen, von Lügen, vom Betrug, von Trennungen. Und auch unsere Geschichten vom Verstanden-Werden, von Vertrauen, von Neu-Anfängen, von der Umkehr, vom Verzeihen, von Versöhnung. Und unsere Erfahrungen mit Christus, der uns nicht auf unsere Vergangenheit festlegt. Der uns hilft, neu anzufangen.
Wir werden uns dann nicht nur von Damaskus-Erlebnissen berichten. Vieles wird sehr viel unspektakulärer sein. Aber dass es Wendungen in unserem Leben gegeben hat, die wir nicht uns selbst verdanken, sondern einer größeren Macht, davon können ganz gewiss viele von uns erzählen.
Lassen wir nochmals Erik Flügge zu Wort kommen. Er sagt: „Es wäre doch am Ende recht einfach. Macht’s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten.“
Ich will das tun. Und Jesus selbst hören. Eine seiner unvergleichlich sprechenden Geschichten (Lk 15, 11-32). Und jeder und jede von uns wird sich darin wiederfinden.
„Und er (Jesus) sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.
Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.
Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.“
Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit. Amen.

Anmerkung
1 Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016.

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