15. Sonntag nach Trinitatis (29. September 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer Harry Waßmann, Tübingen [Harry.Wassmann@t-online.de]

1. Petrus 5, 5 -11

5,5b Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut;
denn Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes,
damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
8 Seid nüchtern und wacht;
denn euer Widersacher, der Teufel,
geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
9 Dem widersteht, fest im Glauben,
und wisst, dass eben dieselben Leiden
über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
10 Der Gott aller Gnade aber,
der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus,
der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet,
aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.

IntentionDemut ist im Text ein Signalwort und scheint mir für unsere Zeit Strahlkraft zu haben.
Demut steht quer zu heute vorherrschenden Mustern der Lebensbewältigung. Die Predigt will diese Dimension christlicher Existenz zum Leuchten bringen.
„Ich lag in schweren Banden, du kamst und machst mich los“ – als Vertiefung nach der Predigt sind für mein Empfinden die Strophen 4-7 von EG 11 hochgeeignet.


Liebe Gemeinde,
mein Leben ist kein Rundum-Sorglos-Paket.
Wenn ich gefragt werde: „Alles gut?“ – fällt mir das erwartete „Alles gut!“ schwer.
Im Leben „passt“ nicht alles.
Unser Leben findet nicht unentwegt in der Komfortzone des „Alles gut!“ statt.
In armen Ländern nicht und hier auch nicht – in einem der derzeit noch reichsten der Welt.
Im Gegenteil.
Es wackelt ganz heftig: Klimawandel, Mietwucher, exportabhängige Arbeitsplätze.
Wie sehr können körperliche und seelische Krankheiten erschüttern.
Sorgen belasten: Wie geht es weiter mit Kindern und Kindeskindern?
In diese Ängste hinein wird uns wieder und wieder in der Bibel zugerufen:
„Fürchte dich nicht!“ Und: „Lasst dich nicht von deinen Sorgen erdrücken!“
Darum singen und beten Christen immer wieder gegen Angst und Sorgen an.
So wie auch die fremde Stimme, auf die wir heute hören.
Die Worte des 1. Petrusbriefes sprechen zu uns – in unsere Zeit.
Aus Not und Bedrängnis – zum Trost und zur Freude am Leben.

Die Gemeinde des 1. PetrusbriefsDie Christen, an die sich der 1.Petrusbrief richtet,
kennen keinen Schutz durch Religionsfreiheit.
Sie sind Fremde ohne Bürgerrecht – weil sie Christen sind.
Eine angefeindete Minderheit.
Sie werden bedrängt und benachteiligt.
Ihr Glaube und wie sie als Christen leben, das stößt auf Ablehnung.
Der Mainstream – die Mehrheit – Volkes Stimme – klagt sie an:
„Die Christen machen nicht mit, die verhalten sich anders, die weichen ab.“

Liebe Gemeinde,
in den Augen der vorherrschenden römisch-heidnischen Kultur galten Christen damals bestenfalls als Narren.
Und ihr Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Juden aus Nazareth als Narretei.
Staatsfeinde sind sie damals noch nicht gewesen.
Aber gedisst und gemobbt – das wurden sie schon kräftig.
Davon können sie ein Lied singen – eines mit vielen Strophen.
Sie lehnen den Kaiserkult ab.
Darum sind Gottlosigkeit und Aufruhr verbreitete Anschuldigungen.
Sie beteiligen sich nicht an den staatlich angeordneten Opferkulten.
Darum wird ihnen vorgeworfen: Die Christen stören die Regeln des Miteinander
und verletzen wirtschaftliche Interessen.

Die so an den Rand Gedrängten will der Petrusbrief trösten.
Wir hören nun für heute Worte aus dem 5. Kapitel:

„Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut;
denn Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes,
damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht;
denn euer Widersacher, der Teufel,
geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Dem widersteht, fest im Glauben,
und wisst, dass eben dieselben Leiden
über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
Der Gott aller Gnade aber,
der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus,
der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet,
aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.“

Widersteht – fest im GlaubenStarke Worte – große Worte.
Nichts wird klein geredet. Nichts wird beschönigt.
Die Bedrängnisse sind groß. Real.
Der Widersacher, der Satan, der Inbegriff des Bösen – brüllt und verschlingt,
was sich ihm entgegensetzt.
„Dem widersteht – fest im Glauben.“ (V.9)
Einer Übermacht Widerstand leisten? Als Minderheit? Wie das denn?
Ist das nur eine fromme Parole?
Wo kommen denn widerständige Kräfte her – der feste Glauben?

Es heißt: Vom Grund der Hoffnung her:
Der „Gott aller Gnade“, der im Messias Jesus euch „aufrichtet, stärkt, kräftigt,
der gibt euch ein Fundament“ (V.10).
Diesem Überwinder des Widersachers „sei die Macht in Ewigkeit. Amen“ (V.11).

Wie kann Demut im Alltag gelebt werden?Das Amen kommt wie ein Basta, klingt wie eine Beschwörung.
Doch wie kann das denn im Alltag gelebt werden?
Wie kann sich christliche Existenz bewähren im Angesicht eines brüllenden Löwen?

Etwa Widerstand leisten gegen die Staatsgewalt?
Das schließt der 1. Petrusbrief aus. Er weiß um die unerbittliche Gewalt der römischen Staatsmacht und kennt sie nur zu gut. Darum: Respektiert die staatliche Ordnung! (2,13f)

Dann also Aussitzen und Ausharren? Sich mucksmäuschenstill verkriechen?
Bis das Unheil – die Bedrohung – bis das Böse – vorübergezogen ist wie ein Gewitter?

Nein – so auch nicht! Hier im 1. Petrusbrief, liebe Gemeinde, wird uns ein dritter Weg gezeigt:
Gebt durch euer Leben – in der Gemeinde – ein Zeugnis von Jesus Christus.
Christus ist das Vorbild, folgt seinen Fußstapfen (2,21), heißt es einmal.

Christen sollen nicht abtauchen, sondern erkennbar werden.
Allen voran so: Indem sie einander mit Demut „kleiden“.
Wörtlich heißt das, bildhaft: Wir sollen „uns Demut gegenseitig umbinden“ (V.5b).
Wie ein sichtbares Erkennungszeichen, wie ein Trikot.
Demut als Outfit der Christen. Das zentrale Erkennungszeichen.
Wenn man so will die Summe des Evangeliums: sein Markenzeichen, sein Kern:
Jesus, die Demut, die Sanftmut in Person.
Demut einander umbinden – das ist dann wie ein Nachbilden des Vorbildes Jesus Christus in uns.

Das bedeutet, liebe Gemeinde:
Nicht über andere herrschen – sondern: dienen, helfen.
Nicht andere beherrschen – sondern sich beherrschen.
Das betrifft auch für unser Verhältnis zu Pflanzen und Tieren, zu Wäldern und Feldern, zu Flüssen, Seen und Meeren.

Christus einander umbinden bedeutet:
Sich nicht aufblähen und als Sieger inszenieren.
Vielmehr Schwächen Anderer mittragen,
ihr Leid mitempfinden – mitleiden, ertragen und mittragen.

Demut – das Gegenteil von Konkurrenzkampf und SelbstoptimierungLiebe Gemeinde,
wenn wir in der Demut Christus in uns nachbilden,
steht unser christliches Leben auch heute quer zu diversen Dynamiken unserer Zeit.
Hier und heute kommt es darauf an, in einem unablässigen Wettbewerb andere zu übertreffen – in der Schule, im Beruf, selbst in der Partnerschaft und erst recht, wenn es um wirtschaftlichen Erfolg geht.
Besser sein. Sich optimieren. Sich groß und wichtig machen.
Sich inszenieren. Sich durchsetzen.
Das sollen Menschen lernen und beherrschen, die vorankommen wollen, die an die Spitze wollen, die die Führung übernehmen.

Demut üben – sich bescheiden, sich zurücknehmen, abwarten und sich hintanstellen, das gilt als Schwäche – als Versagen.
Vielleicht im Wohltätigkeitsbereich ist das gerade noch erwünscht.
In den helfenden Berufen.
Aber auch da nicht mehr in den Chefetagen der „Experten für das Elend“, wie sich manche Hilfsorganisationen anpreisen.
Nur am Boden, beim Bodenpersonal, da schon.
Und nun, liebe Gemeinde,
heißt es, genau da ist der Ort der Christen.
Denn da ist Christus und da sind die, die mit ihm unterwegs sind.

Ist da Häme und Spott garantiert? Das muss nicht sein, aber es kommt immer wieder vor.
Der 1. Petrusbrief rechnet damit: Brüder und Schwestern in der Welt wird es so ergehen.
Das teilen wir mit Christen zu allen Zeiten und an allen Orten.
Ein Großdenker wie Friedrich Nietzsche konnte in Demut lebende Christen ausgiebig mit Häme überziehen und sie als Heuchler oder mickrige Loser verspotten. Ein gelehrter Verklärer des Industriezeitalters – wie der Dichter Bertolt Brecht – stand ihm darin nicht nach.
Werte und Lebensmuster von Christen sind von so vielen Intellektuellen der Moderne als unsinnig und störend kritisiert worden.

Mut zur Demut – Lob der DemutWas, liebe Gemeinde, schützt und immunisiert dagegen?
Wir hören von einem Übungs- und Erfahrungsfeld:
„Demütigt euch unter die mächtige Hand Gottes!“
Was sich für viele wie eine Unterwerfung anhört, ist vielmehr ein Zuspruch:
Da – unter der mächtigen Hand Gottes – findet ihr Zuflucht. Da seid ihr geborgen.
Da spüren Gedemütigte und Erniedrigte: Der Vater im Himmel trägt meine Sorgen.

Liebe Gemeinde,
der Christus nicht im Stich gelassen hat – lässt auch uns nicht fallen.
Der Trost Christi ist auch unser Trost – geborgen sind wir in Gottes starker Hand.
Aus solcher Gewissheit wächst Gelassenheit – Mut zu Demut.

Und diesen Mut zur Demut braucht es.
Ich tue mich nicht leicht damit.
Mich ermutigen Menschen, die Mut zur Demut haben:

Ich selber habe das an einem Mann erlebt, der mir erzählt hat, dass er unlängst aus der Industriearbeit ausgestiegen ist – es nicht länger aushalten konnte, wie Käse industriell zu Scheiben verarbeitet, in Plastik verpackt, in alle Lande exportiert wird. Er konnte den Wahn solch ökologisch verheerender Lebensmittelproduktion nicht länger mitmachen. Ganz zu schweigen, was ein andauerndes Optimieren der Produktion durch das Management mit den Seelen der Mitarbeitenden gemacht hat.
Der Aussteiger, der mir seinen Schritt erklärt hat, verdient nun Geld mit Reparaturen und Ferienangeboten für Kinder und Jugendliche.
Er kennt sich in der Landwirtschaft aus und schafft jetzt dort im kleinen Stil.
Und: Er entdeckt neu seine christliche Spiritualität – wirkt bei Andachten in seiner Kirchengemeinde mit.
Freilich: Die berufliche Stellung – das damit verbundene Ansehen ist futsch.
Doch er ist glücklich. Auch mit weniger Geld für sich und seine Familie.

Ob er eine Hymne auf die Demut mit anstimmen würde?
Eine, wie die von Thomas von Kempen aus dem 15. Jahrhundert?

Wir jedenfalls können sie uns alle tief ins Herz schreiben:

"Empfehlung zur Demut
Durch die Demut
wird Gott für alle Beleidigungen versöhnt,
wird der Nächste, der irgendwo verletzt ist, gestärkt,
wird der Teufel beschämt,
wird dem Sünder der Himmel geöffnet ...
Denn die Demut allein entgeht allen Schlingen des Teufels
und besiegt seine Macht."(1)

Amen.

Anmerkung
1 Thomas von Kempen (um 1380 – 1471), in: Recommendatio humilitatis, 72.75.


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