Buß- und Bettag (20. November 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer Christof Messerschmidt, Lorch [Christof.Messerschmidt@elkw.de]

Römer 2, 1 -11

IntentionVor Gott sind alle Menschen gleich. Es geht um mich und mein Verhalten und nicht um das der anderen. Gottes Gericht schmerzt und befreit. Sein Wesen aber ist Güte, Geduld, Langmut, letztlich Liebe, auch für mich.

2,1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest.
2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun.
3 Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst?
4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?
5 Du aber, mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes,
6 der einem jeden geben wird nach seinen Werken:
7 ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben;
8 Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit;
9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen;
10 Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen.
11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Weil ich nicht weiß, wie ich mich selbst verhalten hätte, kann ich nicht über die anderen richtenZehnte Klasse Realschule. Die Schüler und Schülerinnen beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus. Sie sehen einen Film, in dem es um das Verhalten von vier Familien geht, die ganz unterschiedliche Haltungen zum Nationalsozialismus leben. Selbst in der jeweiligen Familie verhalten sich die Menschen unterschiedlich. Es gibt den Mitläufer, der versucht irgendwie durchzukommen, so dass seine Familie, seine Frau, seine Kinder und er selbst keinen Schaden nehmen. Es gibt den, der den Mund aufmacht und im Gefängnis landet, weil er denunziert wird. Einer macht ohne Rücksicht Karriere und wird Kreisleiter. Seine Söhne sind Mitglied der Waffen-SS, die Töchter begeistert von Reich, Ehre und Führer. Die jüdische Familie hofft, dass alles irgendwie nur ein ekliger Spuk ist und bringt aber den einzigen Sohn nach Amsterdam in Sicherheit.

Im Anschluss an den Film diskutieren die Jugendlichen die Frage: „Wie hätte ich mich verhalten?“. Die meisten setzen auf die Methode, irgendwie durchkommen: also nicht zu sehr mitmachen aber auch keinen Widerstand leisten, schließlich ist dann ja das Leben der Familie und auch das eigene gefährdet. Keiner will sein Leben riskieren. Nur einer sagt: „Wenn ich in der Familie groß geworden wäre, wo alle eine Nazikarriere machen, dann hätte ich das bestimmt auch gemacht. Familie prägt doch. Und wenn die mir das alles erzählen und vorleben, hätte ich das bestimmt übernommen. Es ist einfach zu sagen: ‚Auf keinen Fall hätte ich mitgemacht.‘“ Die Klasse wird nachdenklich. Der Blick richtet sich aufs eigene Leben. Eine Schülerin meldet sich und sagt: „Unsere Kinder werden uns bestimmt auch mal fragen: Warum habt ihr so gelebt und nicht anders? Habt ihr nicht gewusst, dass das Öl knapp wird und Burger kacke sind? Was soll ich da dann antworten? Ich hab‘s gewusst, aber doch einfach so weitergemacht?“
Die Äußerung der Mitschülerin verändert den Blick der Schüler und Schülerinnen auf die Menschen der Nazizeit. Sie beginnen weniger zu verurteilen, sondern fangen an, über sich nachzudenken: Wie hätten sie sich verhalten? Und wie verhalten sie sich heute? „Wo schweige ich, wenn ich doch den Mund aufmachen müsste? Wo schaue ich weg? Wo gehe ich den Weg des kleinsten Widerstands, obwohl ich doch gar nichts zu verlieren habe?“
Der Blick auf sich selbst, weg von den anderen, ist der erste Schritt hin zu dem, was der heutige Tag Buße nennt. Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen, deren Schwächen zu benennen, ja diese notfalls oder auch aus reiner Bosheit oder Lust an den auch virtuellen Pranger zu stellen. Es ist vermutlich viel schwieriger innezuhalten, die Augen offen und ehrlich auf das eigene Leben zu richten. Was sehe ich, wenn ich auf mein Leben schaue? Was sehe ich, wenn ich mich mal für einen Augenblick mit den Augen Gottes sehe? Denn dazu lädt uns der Buß-und Bettag ja ein. Bin ich so, lebe ich so, wie Gott mich haben will? Stelle ich mir die Frage überhaupt, ob es Gott gefällt, wie ich lebe, was ich tue, lasse oder sage?
In Internetforen wird schnell die junge Generation abgeurteilt, die da freitags auf die Straße geht. Weil sie sich bestimmt alle mit den SUVs ihren Eltern zur Demonstration fahren lassen und es ihnen doch nur ums Schulschwänzen geht. So kann man dort lesen. Auch Greta bekommt dort ihre Prügel, weil es ihr angeblich ja letztlich nur darum ginge, das Konto ihrer Eltern zu füllen.
Offensichtlich ist es leicht, andere für ihre Lebensführung zu verurteilen. Beim Blick ins eigene Leben aber werden auch die eigenen Schwächen offenbar. Jetzt schaue ich auf mein Leben und halte aus, was da kommt. Wie in einem Spiegel, der mir zeigt, wie ich bin, wen ich verletzt habe und wo ich es nicht geschafft habe, Gottes Willen zum Leben umzusetzen. Welchen Menschen ich nicht mehr begegnen kann oder wer mir gestohlen bleiben kann. Wo ich am Raubbau an Gottes Schöpfung schuldig werde und wo ich die Tür zugeschlagen habe. Dabei wäre es so leicht gewesen, sie offen zu halten, jemanden zu bitten, einfach nur da zu sein. Mit Raum und Zeit. Ich lasse diesen Blick auf mein Leben zu, gemessen an Gottes Willen zum Leben, der mir doch gesagt hat, was gut ist.

Gott richtetEine Frau aus der Gemeinde sagt in einem Gespräch: „Ich komme mit allem klar, nur nicht damit, dass Gott Richter ist.“. Dann erzählt sie von ihrer Mutter, die am Tag vor ihrer Konfirmation auf den Dachboden ihres Elternhauses gestiegen ist. Schon im schwarzen Konfirmationskleid kniet sie sich auf die harten, staubigen Holzdielen und betet: „Ich bin deiner nicht würdig. Sag zu meinem Ja morgen auch Ja, sonst lande ich in der Hölle“. Die Tochter kann von furchtbarer Angst ihrer Mutter erzählen, die bis zum Schluss auf dem Sterbebett noch nicht wusste, ob sie Gott mit offenen Armen empfangen wird oder eben nicht. „Sie wäre bestimmt anders gestorben, wenn sie hätte glauben können, dass Gott für sie da ist und er so richtet, dass er vergibt.“
Für Paulus ist klar: Gott richtet. Für ihn ist auch klar: Es gibt zwei Arten, wie er sein Urteil spricht und über wen er welches Urteil findet. Ein sogenannter „doppelter Ausgang“ ist zu erwarten. Die Guten, Frommen, Rechtschaffenen kommen zu dir in den Himmel, den anderen blüht Trübsal und Angst. Dies erinnert mich an das Bild vom breiten und vom schmalen Weg, das im Schlafzimmer meiner Großeltern über dem Bett hing. Da war alles klar: Der breite Weg führt am Wirtshaus und Spielhölle fröhlich in den höllischen Abgrund, der schmale Weg über den Gottesdienst, die Betstunde und das Diakonissenhaus direkt ins Paradies.
„Deine Art zu leben entscheidet, wo du endest.“ Um Angst und Schrecken zu verbreiten, lassen sich die Worte des Paulus verwenden. Wie ja die ganze Rede vom Gericht mich erstarren lassen kann. Manchmal bis in die Körperhaltung hinein. Die Angst, verloren zu gehen, kann einen im Leben von der Lebensfreude fernhalten und niederdrücken. Die Angst lässt einen erstarrt leben. Aber war das die Botschaft, die Paulus seiner Gemeinde in Rom senden wollte?
Ich denke, es sind zwei andere Gedanken, die einen frei machen können, auch wenn wir um ein Gericht Gottes wissen. Da ist zum einen die wirklich wohltuende Botschaft, dass Gott alle gleich behandelt. Was einer ist, spielt für Gott keine Rolle, wenn er richtet. Das beruhigt.
Zum anderen hat es tatsächlich reinigende, damit auch richtende Wirkung, wenn ich den Blick auf mein Leben richte. Mir mal Zeit nehme, anzuschauen, wie es läuft, was ich entscheide, was ich lasse, wo ich liebe, wo ich hasse. Das ist schon Gericht, wenn ich mit den Augen Gottes auf mein Leben schaue und dann kann ich mich ja bewegen, mich neu orientieren. Nichts anderes ist Buße. Mich hinzuwenden zu Gott, ihm zu danken, dass er trotz allem mit mir gütig, geduldig und langmütig ist und bleibt und mir meine Fehler vergibt. So, denke ich, werden wir gerettet wie durch Feuer hindurch.
Die Frau aus der Gemeinde sagt ein paar Jahre später: „Wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen und es kommt die Stelle ‚Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten‘, da habe ich auch jahrelang immer geschwiegen.“ Auf Nachfragen, warum sie es nicht mehr macht, erzählt sie dann Folgendes: „Irgendwann habe ich begriffen, ja vielleicht hat es mich eher ergriffen, dass der Gott, der mich richtet, ja derselbe Gott ist, der mich im Leben begleitet. Der mich aufrichtet, wenn mir die Kraft fehlt. Der meinem Fuß Halt gibt und einfach da ist. So wie er mir jetzt begegnet wird er auch dann vor mir sein.“
Der liebende und richtende Gott ist derselbe. Auf seine Güte, Geduld und seinen Langmut lässt sich vertrauen. Heute schon und dann erst recht.
Amen.





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