Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs / Volkstrauertag (17. November 2019)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Lucie Panzer, Stuttgart [Lucie.Panzer@elk-wue.de]

Hiob 14, 1 -17

IntentionManche Menschen verlieren alles. Gibt es für sie einen Trost, der trägt? Hiobs Geschichte könnte ein Hinweis sein.

Liebe Gemeinde,
Not lehrt beten, sagt man. Wenn das Leben in Gefahr ist, das eigene oder das von Menschen, die man liebt, dann beten auch viele, die darüber sonst eher milde lächeln würden: Beten, das ist doch höchstens was für Kinder und ältere Frauen. Aber wenn alles in Gefahr ist, wenn man merkt: Jetzt kann ich gar nichts mehr tun. Dann beten viele.
Heute ist Volkstrauertag. Wir denken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, an die Weltkriege im vergangenen Jahrhundert, an die Kriege, die jetzt Menschen töten, in Syrien besonders, aber auch in Afghanistan oder im Jemen. Wie viele mögen da beten, um Verschonung, um Rettung. Beten für Angehörige, bring uns den Vater gesund nach Haus. Schütze unseren Sohn, irgendwo im Krieg, damals in Russland oder in den Ardennen, heute in Afghanistan, im Jemen, in Syrien. Viele beten um Frieden, besonders jetzt, in der Friedensdekade. „Verleih uns Frieden gnädiglich…“ Wie vor 30 Jahren, als den Menschen das Regime in der DDR unerträglich wurde, da haben auch immer mehr sich zu Friedensgebeten versammelt. Da kamen auch viele, die weder vorher noch danach gebetet hatten.

Hiobs GeschichteNot lehrt beten. Das tun sie alle, Christen und Heiden, hat Dietrich Bonhoeffer mal geschrieben. Alle? Wirklich?
Nein, das tun nicht alle.
Hiob zum Beispiel. Hiob hat nicht gebetet. Oder jedenfalls: Er bittet nicht. Obwohl: Zu Gott geht Hiob auch. Er klagt Gott an, bitter und vorwurfsvoll. Die Bibel erzählt seine Geschichte.
Hiob war ein wohlhabender Grundbesitzer, gottesfürchtig noch dazu. Ein vorbildlicher Frommer, voller Anerkennung spricht die Bibel von ihm. Sogar Gott selbst habe ihn so genannt: fromm und rechtschaffen und gottesfürchtig. Aber dann bekommt Hiob eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Sein ganzer Besitz wird ihm genommen, marodierende Soldaten töten sein Vieh und am Ende kommen auch alle seine Kinder bei einem Unglück ums Leben. Am Schluss, als ob das nicht genug wäre, wird Hiob schwer krank. Voller Geschwüre sitzt er da, ein elender, unglücklicher Mensch, dem das Unglück die Sprache verschlagen hat.
Nach einer Weile fängt Hiob an – nein, er betet nicht. Nicht um Verschonung, nicht um Besserung wenigstens seiner Krankheit, dass er wenigstens seine Kinder begraben, seiner Frau beistehen kann. Nein, Hiob bittet nicht. Hiob fängt an zu klagen.
Ein Dichter hat Hiobs Klage in der Bibel in Worte gefasst, ein Teil davon ist heute unser Predigttext.

Hiobs Klage
So klagt Hiob:

Hiob 14, 1-6 (nach Jörg Zink)
„Der Mensch, von seiner Mutter geboren,
lebt ein paar Jahre voll Unruhe dahin.
Wie eine Blume geht er auf und fällt ab,
wie ein Schatten flieht er dahin und vergeht.
Und auf diesen Menschen hast du acht
Und siehst ihn und ziehst ihn vor dein Gericht,
als ob von Unreinen ein Reiner abstammen könnte!
Nicht einer.
Wenn es doch so ist,
dass seine Tage bestimmt sind
und die Zahl seiner Monde beschlossen, wenn doch sein Ziel festliegt
und er keine Aussicht hat, es zu überschreiten – dann lass ihn in Frieden, dass er seine Zeit wenigstens wie ein Tagelöhner genieße!“

Hiob, Sie haben es gehört, macht Gott Vorwürfe.
Wie kleinlich bist du denn, hält er ihm vor. Der Mensch ist ein Nichts vor dir, empfindlich wie eine Blume, kraftlos wie ein Schatten. Und du, der große Gott, du kannst ihn nicht in Ruhe lassen? Du ziehst ihn vor dein Gericht?
Ich bin ein fehlbarer Mensch, das sieht Hiob wohl. Wie kann ein Mensch anders sein? Aber so hast du uns Menschen geschaffen, Gott! Es ist nicht Recht, dass du uns deswegen mit Strafen überziehst. Das ist einfach kleinlich.
Hiob beharrt darauf, wie schon vorher in diesem langen Gespräch mit Gott: Ich bin ein Mensch, sicher. Aber ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich habe es nicht verdient, dass es mir so geht. Lass mich doch wenigstens in Ruhe.
Nicht jeder würde sich trauen, Gott so bitter anzuklagen. Hiob traut sich. Und seine Anklage steht in der Bibel. Der das aufgeschrieben hat, der weiß: Solche Situationen gibt es. Leid, das einen sprachlos macht. Nicht immer lehrt die Not beten. Viele macht sie auch bitter, so wie Hiob. Der keine Antwort findet auf die Frage: Warum? Warum tut Gott mir das an? Ich habe doch nichts getan. Ist Gott wirklich nur ein böser alter Mann, der Spaß daran hat, uns kleine Menschenwichte zu plagen?

Hiobs SehnsuchtSo klagt Hiob. Und auf einmal seufzt er: Ach! Einmal in seiner langen Klage kommt eine Sehnsucht aus ihm heraus mit diesem Ach. Die Sehnsucht, dass Gott doch anders sein möchte.
Ich will Ihnen auch das vorlesen: Hiob 14, 13-17

„Ach,
das wünschte ich mir:
dass du mich verstecktest im Reich der Toten,
dass du mich verborgen hieltest, bis dein Zorn von mir abließe!
Ach, dass du dir einen Tag vornähmest, an dem du dich an mich erinnertest.
Wird denn ein toter Mensch wieder leben?
Ach, ich würde gern diese Jahre des Streits ausharren bis zu dem Tag, an dem du mich wieder zu dir holtest!
Dann würdest du rufen und ich dir antworten,
und du hättest Sehnsucht nach deinem Werk – nach mir!
Ja, du hättest wieder acht auf meine Schritte, und meine Sünde wäre vergessen.
Wie in einem versiegelten Beutel verschlossen wäre meine Schuld.
Bedeckt wäre die alte Wand durch einen frischen Verputz.“

Also doch ein Gebet? Vielleicht. Wünsche jedenfalls, Sehnsucht. Sehnsucht nach einem anderen Gott. Hiob wünscht sich einen Gott, der nach ihm fragt. Der ihn ruft. Der ihn bei seinem Namen ruft. So wie Gott das durch den Propheten Jesaja versprochen hat: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen…fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Hiob wünscht sich, dass Gott nach hm fragt.

Gott fragt nach den VerzweifeltenHat er das nicht eigentlich schon erlebt? Die Bibel erzählt doch im Hiobbuch, dass da die drei Freunde sind. Die lassen ihn nicht fallen. Die sagen nicht: selber schuld! Die fragen nach ihm. Die besuchen ihn. Sie gehen ihm nicht aus dem Weg, weil sie nicht wissen, wie mit so einem umgehen. Die Freunde halten bei ihm aus. Erst schweigen sie mit ihm. Dann diskutieren sie mit ihm. Nicht in allem ist das gut für Hiob, was sie sagen. Aber immerhin: Sie laufen nicht weg. Sie bleiben. Hiob ist nicht allein mit seinem Leid. Drei Freunde. Immerhin. Vielleicht ist das die Art, wie Gott nach Hiob fragt?

Oder: Ist es vielleicht noch einmal anders? Sind die Freunde solche Menschen, die nach den Mühseligen und Beladenen fragen? Nach den Mühseligen und Beladenen wie Hiob – weil sie in ihm Gott sehen? Gott, der gar nicht von hoch oben auf uns herab schaut, sondern mitten unter uns ist, einer von den Geringsten unserer Brüder und Schwestern? Gott, der sich zeigt als einer, der am Kreuz leiden und sterben muss, ohne jede Schuld? Bei dem aber ein paar stehen bleiben und sein Elend mit ihm teilen?
Auch so kann man Hiobs Geschichte verstehen scheint mir.
Vielleicht ist auch das etwas, was mir die Geschichte dieses unglückseligen Menschen Hiob sagt: Die Elenden und Verzweifelten darf man nicht im Stich lassen. Da, wo ich bei ihnen aushalte, mir ihr Klagen anhöre – da kann ich Gott begegnen. Gott, der anders ist, als Hiob zuerst meint. Nicht unendlich fern und empfindungslos und gefühllos, sondern bei denen und in denen, die ihn verzweifelt suchen.

Hiob findet RuheHiob hat Sehnsucht nach einem Gott, der nach ihm fragt. Sein langes Gespräch mit Gott in der Bibel geht noch weiter. Noch dreißig lange Kapitel. Hiob beharrt darauf, dass er unschuldig und Gott gnadenlos ist. Wie später Jesus fragt er immer wieder: Warum hast du mich verlassen, Gott? Aber: Hiob lässt Gott nicht los. Er sagt nicht: Schluss aus, Gott gibt es nicht. Ich habe mich geirrt.
Ich habe mir überlegt, ob das nicht leichter wäre. Seine Frau übrigens hat das dem Hiob vorgeschlagen. Sage Gott ab und stirb! Dann hast du deine Ruhe.
Hiob kann das nicht. Er klagt weiter und redet weiter mit seinen Freunden und auch mit Gott. Und am Ende fängt er an zu begreifen: Ein Mensch kann Gott wohl nicht verstehen. Trotzdem will ich auf ihn vertrauen. Er wird es gut machen. So, wie Jesus, ganz am Ende gesagt hat: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“

Von Hiob erzählt die Bibel, dass sich sein Schicksal gewendet hat. Er hat noch einmal sein Glück gefunden, auch irdisches Glück. Das gibt es, Gott sei Dank, dass sich das Schicksal Verzweifelter wendet. Wenn einer von uns dazu beitragen kann, dann sollten wir es tun.

Nicht alle Geschichten gehen so gut aus wie die von Hiob. Manche vielleicht. Und Not lehrt nicht jeden das Beten. Manche verzweifeln auch und klagen, wie Hiob.
Von ihm lerne ich trotzdem: Wenn einen das Unglück trifft: Reden hilft. Mit Gott reden hilft. Klagen ist erlaubt. Und: Freunde helfen. Freunde die wissen, wann man schweigen muss und wann reden. Durch solche Freunde lässt Gott keinen allein.
Amen.

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