1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember 2019)

Autorin / Autor: Professor Bernhard Mutschler, Ludwigsburg [b.mutschler@eh-ludwigsburg.de]

Titus 3, 4 -7

IntentionDurch Taufe und Heiligen Geist hat uns Gott in Christus aus seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit alles zur Seligkeit geschenkt. Uns bleibt nur: annehmen, sich freuen und täglich aus dieser Gewissheit heraus Gutes tun.

Liebe Gemeinde,
mal ehrlich: Wann waren Sie zuletzt so richtig von Herzen froh? Wissen Sie noch den Grund dafür? Weshalb waren Sie von Herzen froh?
In den Liedern zur Weihnachtszeit ist viel von Freude die Rede: „Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freu’n“. Oder: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“.
Wann waren Sie zuletzt von Herzen „munter und froh“, „fröhlich und selig“? Vielleicht ist es gestern Abend gewesen nach dem Besuch eines schönen Gottesdienstes. Oder nach einem guten Essen. Oder als Sie ein besonderes Geschenk erhielten.
Von einem besonderen Geschenk erzählt der Titusbrief des Neuen Testaments. Im dritten Kapitel (Verse 4 bis 7) heißt es dort in einem langen Satz:

„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.“

Wohl niemand versteht so einen langen Satz auf Anhieb. Wie entsteht ein solches Schwergewicht? Dazu blicken wir in seine Entstehungszeit: Der Titusbrief stammt nicht aus der ersten oder zweiten Generation des Christentums, sondern erst aus der dritten. An seinen stark verdichteten Formulierungen ist zu spüren, dass hier schon seit Längerem theologisch gedacht und formuliert wurde. Entstanden ist ein dicht bepackter Text. In der Computersprache wäre unser Abschnitt eine Zip-Datei. Wir brauchen also Geduld, um diesen dichten Text zu entpacken. Es lohnt sich auf jeden Fall! Machen wir uns nun gemeinsam auf den Weg und entpacken den Satz in fünf Abschnitten.

I
„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig“. Das Wichtigste gleich vorweg: Gott „machte uns selig.“ Das ist entscheidend. Nicht wir selbst können es tun. Es ist nicht unsere Aufgabe, und es liegt gar nicht in unseren Möglichkeiten, „uns selig zu machen“. Sooft wir es versuchten, wäre es vergeblich. Vielmehr ist es allein Gottes Werk, Gottes Gabe und Geschenk an uns: Gott „machte uns selig“. „Selig“ bedeutet: Ganz-Sein, Sinn erfahren, Heil und Leben, überglücklich. „Selig“ bedeutet Frieden mit Gott und mit sich selbst, und zwar auf ewig.
Wann geschieht dies? Es ist bereits geschehen: „Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Wann, wo und wie erscheinen diese „Freundlichkeit und Menschenliebe“? Mit Christinnen und Christen auf der ganzen Welt bekennen wir: in Jesus von Nazareth, angefangen mit seiner Geburt im Stall von Bethlehem. Angefangen mit der Erscheinung der Engel auf den Hirtenfeldern; angefangen mit dem himmlischen Gloria der Engel erscheint der Schöpfer des Universums, erscheinen „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“. Noch prägnanter formuliert: In Jesus erscheint Gott. Mit seinem Erscheinen „machte er uns selig“.

II
Nun können wir den zweiten Abschnitt entpacken. Unsere göttliche Seligmachung geschah „nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit“. Menschen können nicht anders, als schuldig zu werden gegenüber sich selbst, gegenüber ihren Nächsten und gegenüber Gott. Was ihrem Leben an Liebe, Solidarität und Hingabe fehlt, können sie weder selbst ergänzen noch nachträglich ausgleichen. Dieser Mangel bewirkt eine Trennung vom Grund und Ziel allen Lebens, nämlich dem Schöpfer des Universums, von Gott. Ein solcher Riss geht durch das Leben jedes Menschen.
Der Verfasser des Briefes an Titus schreibt: Auch menschliche Werke, „die wir in Gerechtigkeit getan hätten“, können diesen Riss nicht kitten. Eine Versöhnung mit Gott geschieht nicht um menschlicher Werke willen, sondern allein nach Gottes Barmherzigkeit. Weil Gott Gnade, Erbarmen, Barmherzigkeit, d.h. einen Neuanfang dem Menschen zuwendet. Das Erbarmen Gottes ist der zuverlässige und feste Grund unserer göttlichen Seligmachung. Menschliche Werke – auch jene „in Gerechtigkeit“ – können den Riss nicht kitten, den Graben nicht überbrücken, die Sünde nicht aus der Welt schaffen. Eine Vorleistung des Menschen ist nicht möglich. Gott allein ist der Grund, die Ursache und die treibende Kraft für unsere göttliche Seligmachung. Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig, und seine Barmherzigkeit ist gerecht. Gott spricht uns selig, daher sind wir selig für immer.

III
Damit wenden wir uns dem dritten Abschnitt zu. Gott machte uns selig „durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist“. „Bad der Wiedergeburt“ ist ein gebräuchliches frühchristliches Bild für die Taufe auf den dreieinigen Gott. In dieselbe Richtung weist der Ausdruck „Erneuerung im Heiligen Geist“. Beides kann im frühen Christentum als Geburt „aus Wasser und Geist“ oder als „neue Geburt“ bezeichnet werden, so zum Beispiel im Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus.
Schon durch unsere Taufe erhielten wir eine grundlegende, tragende Verbindung zu Gott. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen der Verbindung mit dem Allerhöchsten. Martin Luther hat lebenslang – besonders in schweren Stunden – Trost aus dieser Gewissheit gezogen: baptizatus sum, ich bin getauft. Im Tauflied „Ich bin getauft auf deinen Namen“ heißt es: „Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt“. Nichts anderes meint der Verfasser des Titusbriefs, wenn er schreibt: „Gott, unser Heiland, machte uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist.“ Diese Gewissheit gilt für jede und jeden Getauften: „Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.“ Darum kann das Sakrament der Heiligen Taufe gar nicht hoch genug geachtet und wertgeschätzt werden. Denn durch dieses fand unsere göttliche Seligmachung sichtbar statt.
Unsere Kirche und diese Gemeinde handeln deshalb verantwortungsvoll und richtig, wenn sie Menschen schon früh taufen. Gott selbst beauftragt dazu. In der Taufe nimmt Gott einen Menschen an Kindes Statt an und verheißt ihm Leben, Heil und Seligkeit in Ewigkeit. Alle Getauften stehen, weil sie mit derselben Taufe getauft sind, geistlich auf derselben Stufe. Dazu noch einmal Luther: „(...) was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, ein solches Amt auszuüben“ (WA 6, 408,11–13). Die eigene Taufe für sich selbst annehmen und wahr sein zu lassen, ist eine lebenslange Übung. Kurzum, „an der Taufe fehlt nichts, am Glauben fehlt’s immerdar“ (Luther deutsch Bd. 4, 121f).

IV
Vom Heiligen Geist handelt der vierte Abschnitt: Gott hat seinen Heiligen Geist „über uns reichlich ausgegossen durch Jesus Christus, unsern Heiland“. Die im Alten Testament verheißene Ausgießung des Heiligen Geistes hat sich in Jesus Christus erfüllt. Bei seiner Taufe wurde Jesus sichtbar zum Träger des Heiligen Geistes. Symbolisch kam die Taube auf ihn herab, das Zeichen der Liebe und des Friedens. Von diesem Geist gibt Christus an andere weiter bei der Heiligen Taufe. Darum schreibt der Verfasser des Briefes: Gott hat den Heiligen Geist „über uns reichlich ausgegossen durch Jesus Christus, unsern Heiland“.

V
Ein letzter Halbsatz ist noch zu Gehör zu bringen: „damit wir, durch Christi Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben“. Die göttliche Gerechtsprechung, die göttliche Seligmachung, bedeutet, Anteil zu haben an den himmlischen Gütern. Oder einfacher formuliert: Durch Christi Gnade erhalten wir das ewige Leben von Gott geschenkt! Wir alle sind daher hoffnungsfrohe Erben.
Wenn der dreieine Gott als Vater, Sohn und Geist dermaßen großzügig zu uns ist, dann sind wir reich beschenkt. Das reicht weit über das Christfest und die Weihnachtszeit hinaus! Dann haben wir allen Grund zur Freude und können Gott gar nicht genug lobsingen und dankbar dafür sein. Dann fließt unsere Dankbarkeit über aus Glauben in die Liebe und gegen die Hoffnungslosigkeit der Welt. Dann investieren wir uns in „gute Werke“, die allen Menschen nützen. Schon im nächsten Satz des Briefs an Titus ist zu lesen: „damit alle, die zum Glauben an Gott gekommen sind, darauf bedacht sind, sich mit guten Werken hervorzutun. Das ist gut und nützlich für die Menschen.“ Sich mit guten Werken hervorzutun – das ist gut und nützlich für die Menschen.
Liebe Christfest-Gemeinde, was behalten wir nun? In wenigen Sätzen formuliert: Gott machte uns selig aus Barmherzigkeit durch Taufe und Heiligen Geist. Diesen hat er durch Christus über uns ausgegossen. In Christus schenkte er uns seine Gerechtigkeit und (die Hoffnung auf ein) ewiges Leben. Alles, was uns zu tun bleibt, ist: annehmen, sich freuen und täglich aus dieser Gewissheit leben. Dieses Licht lassen wir gerne in unsere Umgebung leuchten! Danke, guter Gott! Amen.

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