1. Sonntag nach Weihnachten (29. Dezember 2019)

Autorin / Autor: Pfarrerin Susanne Wolf, Tübingen [susanne.wolf@elkw.de]

Hiob 42, 1-6

IntentionDie Predigt soll die Hörer einladen, ihre Situation in Hiobs Weg zu erkennen. Sie sollen an ihm sehen, wie Gott mit ihnen in Beziehung bleibt. Und mit Hiob sehen, wie Jesus Christus als Heiland ihnen einen neuen, tröstlichen Blick auf sich ermöglicht.

Glanz fällt auf unsere ProblemeWeihnachten feiern, das Fest genießen, fällt uns am leichtesten als Kind.
Je älter wir werden und je mehr Spuren das Leben an uns hinterlässt, desto schwerer tun wir uns mit unbefangener Festfreude. Der Lichterglanz des Weihnachtsfests tut gut, aber er macht manchen auch den Schatten bewusst, der ihr Leben begleitet.
Frisch getrennt hat die junge Frau mit den Kindern das erste Weihnachtsfest in der neuen Wohnung erlebt, zum ersten Mal war sie allein mit den Kindern beim Krippenspiel gewesen. Mitten im Trubel hatte sie sich einsam gefühlt. Es kam ihr vor, als müsste sie die ganze Verantwortung allein schultern. Wie wird das gehen? Als sie ihre Kinder beseelt als Engel singen hörte und in die vertrauten Lieder einstimmte, wurde ihr warm und leicht zumute. Sie spürte auf einmal, wie das Licht, das die ganze Kirche erfüllte, bis zu ihr herdrang. Vielleicht wird alles gut für uns, dachte sie noch, bevor die Kinder sie aus der Kirche hinauszogen.
Am heutigen Sonntag fällt noch einmal ein milder Glanz des Christfestes auf uns, während wir beim großen Baum mit seinen Lichtern und der Krippe und den vertrauten Liedern versammelt sind. Und wir hören im Predigttext von einem Menschen, der in der tiefsten Krise seines Lebens steckt.

Hiobs Glaube ist auch in der tiefsten Krise unerschütterlichHiob heißt er. Fromm ist er und ein bisschen ängstlich. Die Angst flüstert ihm ins Ohr: Pass bloß auf, sonst passiert was, dir und deiner Familie. Hiob tut, was er kann, um sich gegen diese Angst und ihre Drohung abzusichern. Anstrengend ist das, zumal seine Söhne ab und zu über die Stränge schlagen und ihn für seine Angst wohl belächeln würden. Aber Hiob will alles recht machen.
Doch dann trifft ihn ein Schlag nach dem anderen. Zuerst wird sein ganzes Vermögen geraubt. Dann sterben seine Kinder alle auf einmal bei einem schrecklichen Unglück.

Und Hiob sagt: „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ (1,21)
Doch das Elend rückt ihm noch näher, auf seinen Leib. Ganz von Geschwüren bedeckt fragt Hiob: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (2,10)

Hiob fühlt sich verkanntSo sitzt Hiob in Staub und Asche auf den Trümmern seines Lebens. Freunde besuchen ihn, sitzen sieben Tage lang schweigend bei ihm. Dann versuchen sie ihn zu trösten. Jeder erklärt Hiob sein Leid auf seine Weise. Sie halten sein Leiden für eine Strafe. Irgendwas muss er falsch gemacht haben.
Hiob fühlt sich von ihnen völlig verkannt. Er ist doch unschuldig, warum sehen sie das nicht ein? Je mehr die Freunde Hiob davon überzeugen wollen, dass er etwas falsch gemacht haben muss, desto energischer weist er das von sich. Er beginnt zu toben und zu wüten, verwünscht den Tag seiner Geburt, klagt sein Leid und zieht Gott zur Rechenschaft.
Gott fordert eine Antwort von Hiob
In einem Sturm beginnt Gott mit Hiob zu reden. Er stellt ihm eine fast endlose Kette von Fragen, an deren Ende Hiob nicht mehr sagen kann als: „Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen. Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will´s nicht wieder tun.“ (40,4+5)
Gott aber fordert den Hiob heraus: „Ich will dich fragen; lehre mich!“ Er nimmt ihn mit auf eine Safari der wildesten Tiere, Leviathan und Behemoth, der großen chaotischen Gegenmächte gegen die Schöpfung. Gegen sie hat kein Mensch eine Chance, und sei er noch so klug und listig. Ihnen ist der Mensch hilflos ausgeliefert, wenn Gott ihnen keine Grenzen setzt.

Lesung des Predigttexts„Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach:
Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. ‚Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?‘ Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch (wunderbar) ist und ich nicht verstehe. ‚So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!‘ Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.
Hiob erkennt: Meine Not ist begrenzt
Gott gibt Hiob Einblick – und Hiob gewinnt Einsicht. Wenn ich ihn mir näher anschaue, fällt mir auf, wie er sich verändert hat. Auf einmal erkennt er, wie groß und unüberbrückbar der Abstand zwischen ihm und Gott ist. Hiob entdeckt die Welt und ihre Abgründe jenseits seiner eigenen kleinen Welt und ihrer Not. Ihm dämmert, wie unergründlich die Wirklichkeit ist, wie klein sein Gesichtsfeld, wie beschränkt sein Horizont.
Sein Elend bleibt spürbar. Aber er sieht neben sich andere Menschen, die ihr Leid ertragen oder fast nicht mehr aushalten, wie er. Und er sieht andere, die sich an ihrem Leben freuen, wie er früher.
Der Blick heraus aus dem Leid
Die junge Frau sieht nach der Trennung überall nur Paare, lauter glückliche unbeschwerte Paare – und fühlt sich noch. Immer wieder kreisen ihre Gedanken, ohne zu einem Ziel zu gelangen. In ihrer Not beginnt sie zu beten. Ganz still für sich, ohne viel Worte. Gott, du weißt doch, was mir fehlt. Hörst du mich? Warum hilfst du mir nicht? So betet und klagt sie. Und spürt dabei, wie gut es ihr tut, nicht allein zu bleiben mit ihrem Kummer
Im Rückblick auf diese Zeit ist sie froh, dass sie Gott nicht aufgegeben hat.
Wie Hiob. Auch er macht das durch. Klagt ins scheinbar Leere hinein.
Bis Gott redet.

ReframingGott stellt Hiob wegen seiner unverschämten Anklagen nicht zur Rede noch erklärt er ihm sein Leid. Er steht zu Hiob in seinem Leiden, er gibt ihm Recht und setzt damit Hiobs Freunde ins Unrecht. Gott hilft Hiob dabei, sich selbst und sein Leiden in einem neuen Licht zu sehen.
Gott öffnet Hiob die Augen für die Welt außerhalb seiner selbst und seines Leidens. Hiob lernt sich als Teil von Gottes guter Schöpfung sehen. Und er erfährt, wie Gott ihm nahekommt. Der mächtige Gott, der Schöpfer der Welt, spricht Hiob als sein DU an. So erkennt Hiob: Gott ist mir nicht fern, wie ich bisher glaubte. Gottes Beziehung tut mir gut, auch wenn ich noch immer in Staub und Asche sitze. Jetzt bin ich da angelangt, wo meine Sehnsucht mich hingezogen hat, als ich noch klagte: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ (19,26+27).

Simeon sieht den HeilandMit seiner Sehnsucht, Gott zu sehen, den Erlöser, ist Hiob uns an diesem Christfest ganz nahe. Und Simeon und Hanna auch. Simeon wartet schon lange darauf, Christus, den Heiland, zu sehen. Und Hanna, eine alte Witwe, lebt praktisch dort, fastet und betet. Menschen mit viel Lebenserfahrung und Gottvertrauen. Ausgerichtet auf ein Ziel. Hellwach. Als Maria und Josef ihr Neugeborenes an ihnen vorbeitragen, um für sein Leben Gott zu danken, hält Simeon ihnen seine Arme entgegen. Laut lobt er Gott:
„Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ (Lk 2,29-32)

Hiob entdeckt in Jesus den Heiland der WeltUnd ich stelle mir vor, wie Hiob neben Simeon und Hanna im Tempel steht. „Moment, da geht’s ja um mich“, denkt er, als er Simeon vom Licht reden hört, und schaut ihm über die Schulter. Simeon hält seine Hände ganz leicht unter dem Kind, wie etwas ganz Kostbares, und schaut es mit einem seligen Lächeln an.
„Das ist der Heiland. Der hilft uns in aller Not“, sagt er zu Hanna und Hiob gewandt. Und Hanna erhebt ihre Hände zum Lobgesang.
„Macht der, dass alles gut wird?“ fragt Hiob.
Simeon nickt. „Jetzt ist er ein Kind, zart und nackt. Wie wir alle, wenn wir auf die Welt kommen. Gott gibt uns mit ihm ein Zeichen. Wir sollen sehen, wie Gott sich auf uns einlässt, auf unser Leben und unser Leiden. Viele werden ihm zujubeln und ihm folgen, aber etliche werden ihm widersprechen und nach seinem Leben trachten.“

Maria erkennt: Ihr Sohn wird leiden und dennoch die Welt erlösen
Simeon wendet sich an Maria: „Dich, Mutter, segne Gott für deinen Weg mit deinem Kind. Du wirst hin- und hergerissen sein, wenn sich die Menschen an ihm ärgern, und dein Herz wird wehtun, wenn du siehst, was sie ihm antun.“
Hiob sieht einen Schatten über Marias Gesicht huschen, als ob sie den Schmerz in Gedanken vorwegnähme.
„Du meinst, auch er wird leiden, wie wir? Aber wie kann er uns dann erlösen?“
„Weil er bei uns aushält, wo wir sind und leiden. Schau hin: In diesem Kind ist Gottes ganze Fülle für uns, Licht und Leben. Sein heller Schein leuchtet hinein in unser Elend und verwandelt uns. Das ist genug.“
Amen.


Wichtige Einsichten verdanke ich Jürgen Ebach, Streiten mit Gott Bd. 3 und Alexander Deeg/Andreas Schüle, Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte.

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