Altjahresabend (31. Dezember 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer Matthias Hennig, Weilheim/Teck [Matthias.Hennig@elkw.de ]

Hebräer 13, 8 -9

IntentionDie Predigt möchte den Hörerinnen und Hörern im Übergang vom alten zum neuen Jahr die Ruhe vermitteln, die der Hebräerbrief in Aussicht stellt; die Gewissheit verschaffen über Jesu rettende Anwesenheit zu jeder Zeit; und die Berufung anbieten, die dem Leben als Christ/in im neuen Jahr Richtung gibt.

13,8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben.

Zu Ruhe kommenLiebe Gemeinde! Vieles wäre zu sagen heute Abend. Denn wir nähern uns der Schwelle. In wenigen Stunden setzen wir den ersten Schritt ins neue Jahr, ein Zimmerwechsel im Haus der Zeit steht an. Wir gehen langsam. Bedächtig. Was ist 2019 passiert? Wir geben den großen und kleinen Ereignissen des abgewohnten Jahres noch einmal einen Namen. Wir denken den Höhepunkten hinterher und dem Alltagstrott, den Tiefschlägen auch. Lässt sich ein Sinn entdecken? Wer leben will, will sein Leben verstehen. Am allermeisten will das, wer den Weg vom alten ins neue Jahr mit dem Gefühl sieht, dass er bald aus dem Haus der Zeit hinausführen wird.
Vieles wäre zu sagen heute Abend. Was sehen Sie, wenn Sie zurückschauen? Gleicht das vergangene Jahr einem Feld nach der Ernte? Die Tage, die Wochen – gepflückt und nun als Strauß schöner Erinnerungen dankbar gebunden? [ In der Vase des Weilheimer Gedächtnisses sehe ich als herausragende Blume den Festumzug zum Stadtjubiläum am 7. Juli: Wunderschön anzuschauen, dieser Sommertag mit 1.500 Mitwirkenden, mit über 10.000 Schaulustigen an den Straßenrändern. Am meisten haben mich die offenen Fenster und Türen berührt. In der Kirchheimer Straße, in der Bissinger Straße, in der Bahnhofstraße, überall sah ich Menschen, wo Türen und Fenster sonst verschlossen sind. Wie schön war das: die offenen Fenster und Gesichter, die offenen Türen und die offenen Menschen. Und alle waren dabei. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Das Jubiläumsjahr – von den Passionsandachten mit der Erinnerung an die dunklen Kapitel unserer Stadtgeschichte angefangen, über die Theaterwochen in der Peterskirche, bis zu den Konzerten und Kinoabenden unter freiem Himmel – es steht uns als reich gepflückter, vielfarbiger Strauß vor Augen. ] Eingebracht ist vom Feld des Jahres 2019 nun auch die Arbeit, der Alltag. Manches davon sehen wir in der Scheune gesammelt, die den Lebensunterhalt sichert, die Vorsorge für uns und die Fürsorge für andere. Sehen Sie auch den Segen? Den Segen der Kraft, die Sie zum Leben und Leisten hatten? Den Segen der Freude, die Sie empfunden haben im Spiel mit Kindern und Enkeln? Den Segen der Schwachheit, die Sie an sich ertragen haben und die Ihnen eine Zuwendung und Achtsamkeit Anderer geschenkt hat, die der Starke nicht kennt? Sehen Sie auch den Segen, der sich leise eingestellt hat, ohne Ihre Absicht und bewusste Einflussnahme – und doch kräftig eingestellt hat als Ruhe, als Gelassenheit, als Gottvertrauen, was immer noch kommt, auch 2020?
So viel auch noch zu sagen wäre – und in diesen Tagen allerorten gesagt und gezeigt wird zum alten wie zum neuen Jahr – die Bibel macht heute Abend nicht viele Worte. Ganz kurz ist der Predigttext, der uns für den Schritt über die Schwelle an die Hand gegeben wird. Eigentlich nur dieser Satz: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Erstaunlich, nicht wahr? So ein kurzer Satz ist das, und verlangsamt doch auf wirkungsvolle Weise unsere Schritte vor der Schwelle. Mich macht er still. So viel man auch sagen könnte, möchte ich mit diesem Satz im Ohr eigentlich nur noch hören, ihn verstehen und selbst schweigen. „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ So heißt es im Hebräerbrief. Hinzugefügt ist da noch die Anregung: „Lasst euch nicht umtreiben durch mancherlei Lehre, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“

Zu Gewissheit gelangenEin festes Herz zu haben, das wäre gut. Das müsste ein Herz sein, das auf der Schwelle zwischen dem alten und neuen Jahr gefasst ist. Das müsste ein Herz sein, das sich nicht verkrampft beim Blick zurück auf das alte Jahr; ein Herz, das sich nicht zusammenzieht über dem Schmerz, den es im zurückliegenden Jahr gab; über den Fehlern, die ich gemacht habe; über den Menschen, die ich nicht verstanden habe und die mich nicht verstanden haben.
Ein festes Herz zu haben, das wäre gut. Das müsste auch ein Herz sein, das nicht aussetzt beim Blick voraus auf das neue Jahr; ein Herz, das nicht erstarrt in der Angst vor dem, was kommt; das nicht erstarrt in der Sorge, wie alles wird; ein Herz, das nicht gefangen ist in sich selber, sondern das sich öffnen und interessieren kann für andere Menschen und ihr Schicksal; das sich öffnen kann für neue Aufgaben und neue Gedanken; das sich öffnen kann für Gottes Wesen und Wirken; für das, was er mir gibt, mir zumutet, aber auch zutraut.
Ein festes Herz zu haben, das wäre gut. Ein festes Herz ist ja kein hartes Herz. Ein hartes Herz versucht stark zu erscheinen, damit sich alle fürchten und niemand ihm zu nahekommt. Ein hartes Herz ist einsam. Mit einem harten Herz hört und sieht man nicht viel: Man hört nicht den Rat von Freunden. Man hört auch nicht die Stimme des Feindes, der mit Blicken und Worten sagt: ‚Es tut mir leid’. Ein hartes Herz verschließt sich. Und irgendwann, wenn es hart auf hart kommt, zerbricht so ein Herz. Ein festes Herz zu haben, das wäre gut. Wie gewinnt man so ein Herz?
Die Bibel macht heute Abend nicht viele Worte. Sie nennt praktisch nur den Namen „Jesus Christus“. Ihn verbindet sie mit allen Ebenen der Zeit, in denen wir leben, und mit der Ewigkeit, die alle Zeit umgibt. Wir blicken zurück und versuchen die Vergangenheit in unsere Scheunen zu retten, indem wir ihr Namen und Sinn geben. Vieles wäre gerade dazu zu sagen. Die Bibel sagt einfach: „Jesus Christus gestern“. Wer also sich einen Reim zu machen versucht auf das alte Jahr; wer verstehen will, wer er in diesem Jahr geworden ist, ja welchen Namen und welchen Sinn die unwiederbringlich vergangene Zeit des alten Jahres trägt – wer das wissen will, dem macht der Hebräerbrief das Angebot: Schau jetzt auf Jesus Christus. Der Hebräerbrief bietet uns „Jesus Christus gestern“ an als den Fluchtpunkt aller Erinnerungen. Er ist der Fluchtpunkt, von dem her die Erinnerungsbilder ihre Perspektive, Plastizität und ihren Sinn gewinnen. Jesus Christus, so der Hebräerbrief, ist der Fluchtpunkt, in den die Bilder von gestern, vorgestern und von allen vergangenen Tagen zielen. Und auch umgekehrt, so der Hebräerbrief: Jesus Christus ist auch der Fluchtpunkt, in dem sich die Bilder von heute, von morgen und von aller Zukunft vereinigen zu einem Zentrum, aus dem alle Zukunft ihren Sinn empfängt. – Ist das nur ein Gedanke, oder ist das auch Ihre und meine Erfahrung? Ist Jesus Christus eine lebendige Gewissheit?
Wenn ich zurückblicke, steht mir Jesus Christus vor Augen als der, der in den Bewegungen des Lebens da war und da ist. Wie die Jünger im Boot auf dem See Genezareth sind wir in unserem Leben unterwegs gewesen im vergangenen Jahr. Einer Ausfahrt beim Verlassen des Hafens gleich, hat sich das Landschaftspanorama aufgetan mit Festtagen, Urlaubsreisen und Momenten des Glücks – da hat man Gott mit im Boot, denkt man. Doch Unwetter ziehen auf, Wetterextreme, Klimanotstand, dazu Handelskriegserklärungen und Kündigungen an die Adresse eines friedfertigen, menschenfreundlichen Europas – Gott schläft doch nicht etwa, hofft man. Unversehens gehen die Wogen hoch, plötzlich schlägt das Wasser ins Boot, plötzlich schlägt die Diagnose des Arztes ein Loch ins Leben und Angst flutet herein - um Gottes willen, Jesus, hilf uns!
Auch wenn wir es selbst nicht so erlebt haben sollten im Jahr 2019, ist es gut, von der Erfahrung der Jünger im Boot zu wissen. Es ist gut, zu wissen, dass man Gott wachrütteln und anrufen kann, so wie die Jünger den schlafenden Jesus im Boot wach geschüttelt und wachgebrüllt haben. Es ist gut, die Erfahrung der Jünger zu kennen und zu wissen, dass auch in großer Not Gott die Rettung bewirkt. So wie Jesus mit einer Handbewegung den Sturm still macht, so wird Gott unserem Leben und unserer Not eine Wendung geben. Auch wenn wir das erst hinterher so begreifen und deuten können.
Vielleicht empfinden Sie im Rückblick auf das alte Jahr manches wie eine stürmische und bedrohliche Bootsfahrt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht lief alles gut, ganz nach Ihren Vorstellungen. In beiden Fällen ist es ein Segen, von „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ zu wissen. Ob der Sturm hinter Ihnen oder vor Ihnen liegt – es ist ein Segen, die Noterfahrung und die Rettungserfahrung der Jünger zu kennen. Man kann sich in sie hineinflüchten. Man kann sich in dem Kampf und Krampf der Jünger gegen den Sturm unterbringen. Man kann sich in der Verzweiflung der Jünger darüber unterbringen, dass Gott scheinbar schläft. Man kann hineinfinden in das grenzenlose Staunen der Jünger, die am Rande ihres zerzausten Bootes auf die stillgewordene See blicken. Man kann hineinfinden in den Frieden und die Ruhe, am Rande zerzauster Tage mit einem atemlosen Blick auf die glatt gewordenen Wogen.
Was von Jesus Christus damals bei den Jüngern – gewissermaßen von „Jesus Christus gestern“ – erzählt wird, ist der Fluchtpunkt für uns heute, für uns mit dem Blick auf die Bilder des alten Jahres; und für uns mit dem Blick auf die Bilder des neuen Jahres. Wie Jesus bei den Jüngern damals war, so deuten auch wir unser Gestern, Heute und Morgen; ja so erleben wir ihn gestern, heute und denselben auch in Ewigkeit. Das macht das Herz fest. Ich weiß mit solchen Not- und solchen Rettungserfahrungen im Herzen: Ich bin ein von Gott beschenkter und begnadeter Mensch, immer wieder aufs Neue gerettet aus den Stürmen des Lebens.

Der Berufung folgenMit jeder Rettung verbindet sich übrigens eine Berufung. Beschenkte und begnadete Menschen, die wir nun einmal sind – wir sind immer auch berufene Menschen. Wer weiß: Ich bin gerettet worden von Gott aus dem Sturm, der wird selbst zum Rettungshelfer. Wer erlebt hat, dass er herausgezogen und emporgezogen worden ist, der wird anderen die Hand reichen und ihnen helfen. Mit jeder Rettung empfangen wir auch eine Berufung. Wer im alten Jahr im Betrieb einer Mobbingsituation entkommen ist, der wird im neuen Jahr den Mund auftun, wenn sich das an einem anderen Mitarbeiter wiederholt. Wer im alten Jahr über einen Verlust hinwegkommen musste und hinweggekommen ist, der wird Geduld haben mit einem trauernden Menschen und immer wieder einfach für ihn da sein. Wem ein Fehler verziehen wurde im alten Jahr, der wird doch im Ernst nicht sein Herz hart machen, wenn einer ihn um Entschuldigung bittet. Wer von „Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit“ unverdientermaßen Vergebung und einen neuen Anfang empfangen hat, ja nachher sogar zu Sehen und Schmecken bekommt, der muss doch danach suchen, wie das auch zur Erfahrung anderer werden kann. Wer gerettet worden ist, beschenkt und begnadet, der ist immer auch berufen.
Deshalb ist trotz dem Vielen, was heute Abend zu sagen wäre, im Grunde nur Eines zu sagen über das Jahr, das war, und das Jahr, das kommt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Dass er mich rettet, beschenkt und begnadet und beruft, das macht das Herz fest. Und froh. Amen.

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