Jahreslosung (01. Januar 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Stefanie Heimann, Stuttgart [Stefanie.Heimann@elk-wue.de]

Markus 9, 24

IntentionDie Predigt nimmt die Enttäuschungen und Zweifel von Menschen als Teil des Glaubens ernst und gibt den Zuspruch Jesu weiter: Gott bleibt denen nahe, die enttäuscht sind und kaum noch zu hoffen wagen.

Wenn das Urvertrauen nicht mehr trägt„So ihr nicht werdet wie die Kinder…“ (Matthäus 18,7): Nicht umsonst wird Kinderglaube gerühmt. Dieses Urvertrauen, das nur Kinder haben. Wenn Kinder das Glück haben, behütet aufwachsen zu können, dann lernen sie dieses Vertrauen am Anfang ihres Lebens.

Im Lauf der Zeit kommen jedoch meist andere Erfahrungen dazu. Hoffnungen werden enttäuscht – Vertrauen auch. Und auch ich selbst kann längst nicht alles halten, was ich halten wollte.
Mit dem Wanken des Vertrauens kommt der Glaube an Gott mit ins Wanken. Wo sich die tiefen Wunden zeigen in der geschaffenen Welt, da bekommt die Zuversicht Risse: Wo das Bitten um Heilung verwehrt wird, wo wir an Totenbetten weinen. Wo trotz Beten und Bemühen die Liebe zerbricht. Wo Menschen gefangen bleiben in sich und durch andere, wo sich die Herren der Knechte nicht erbarmen, die Bösen unbekehrt bleiben und wo der Krieg den Frieden in einem Wimpernschlag zerschmettert – da ist die Frage nicht mehr zu stoppen: Wo bleibt Gott, der starke Helfer? Wo ist der Befreier, wenn wir ihn am nötigsten brauchen?

Zweifel stellt sich ein. Wie soll das auch gehen: das Leid und die Widersprüchlichkeit der Welt sehen – und dennoch Glauben, dennoch Vertrauen haben? Wäre es am Ende nicht ehrlicher, den „lieben Gott“ ein für alle Mal aufzugeben? Nur noch den Blick auf die Erde zu richten und den Himmel außen vorzulassen? Zu akzeptieren: Es ist, was es ist – und das ist alles, was es gibt?

Hoffnung und ZweifelIn der Geschichte, die Markus aufschreibt, da ist noch ein Rest hartnäckiger Hoffnung. Es ist die Geschichte eines Mannes. Sein Name wird nicht genannt, es ist „einer aus dem Volk“, und es könnte jeder von uns sein. Der Vater muss die schwere Krankheit seines Kindes miterleben. Kein Tag vergeht, wo der Junge nicht geschüttelt und gebeutelt wird. Vielleicht leidet der Junge an Epilepsie oder einer psychischen Krankheit. Seine Familie jedenfalls hat keine ruhige Minute. Und ganz sicher haben die Eltern sich schon oft gefragt: Warum? Warum muss ein armes Menschenwesen so sehr leiden? Ihre Gebete – immer leiser und kraftloser sind sie geworden über die Jahre. Der Zweifel dagegen stärker: Will Gott uns helfen? Kann er es?

Aus Zweifeln ist längst Verzweiflung geworden. Verzweiflung am Leben – und an dem Gott, der nicht antworten, nicht helfen will. Trotzdem horcht der Vater auf, als die Jünger des Predigers Jesus in seine Stadt kommen. Ihnen geht der Ruf voraus, dass sie Menschen heilen, sie von ihren Lasten befreien. Der Vater traut sich noch einmal, bittet sie für seinen Sohn. Doch an dem Kind mit seinen Anfällen scheitern sie. Fehlt auch ihnen der Glaube, dass Gott in diesem unglückseligen Leben noch wirken kann?

Man kann sich vorstellen, wie die zaghafte Hoffnung des Vaters nochmal einen neuen Stoß erhält. Als Jesus selbst in die Stadt kommt, zögert der Vater, ihn anzusprechen. Aber als der Messias ihn dann nach seiner Geschichte fragt – da redet er doch wieder von seinem armen, geplagten Kind. Wie oft hat er diese Krankengeschichte schon erzählt! So vielen Helfern, Heilern und Heiligen. Aber seine Versuche werden schwächer, zusammen mit seiner Hoffnung. Zu groß vielleicht seine Angst, wieder enttäuscht zu werden. Seine Bitte an Jesus ist dann auch ziemlich zurückhaltend. Er fragt ihn so, wie man einen Meister fragt, von dem man nicht weiß, wie weit seine Kunst reicht: „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns…“

Das ist Glaube auf niedrigster Flamme. Mehr Zweifel als Vertrauen.

Der Glaube der offenen HändeJesus nimmt die Hoffnungslosigkeit wahr. Er sieht den leidenden Vater.
Ihn spricht er auf seinen Glauben an. Mit einem eigentlich unmöglichen Satz: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Eine Provokation, angesichts dieser Lebens-, dieser Leidensgeschichte. Der Mann könnte jetzt davonlaufen. Was fällt dem Prediger ein, ihn anzuzweifeln? Ausgerechnet seinen Glauben anzufragen? Wer hat denn mehr über diesem armen Kind gebangt, gebetet und gehofft als seine verzweifelten Eltern?
Die Frage trifft ihn. Aber nicht als Vorwurf. Eine Sehnsucht wird in ihm angesprochen, die plötzlich in ihm neu erwacht. Glauben können! Vertrauen haben! Hoffen auf Neuanfänge! Das war einmal, auch bei diesem Vater. Aber nach so langer Zeit mit vergeblichem Hoffen? Solchen Glauben hat er nicht, nicht mehr. Ach, aber wie sehr er sich danach sehnt!
Aber sein immer noch krankes Kind macht den Kinderglauben zu einem Luxus, den sich der liebende Vater nicht leisten kann. Wie könnte er an einen guten Gott glauben, wenn es seinem Kind so unendlich schlecht geht. Sein Glaube steht und fällt mit dem Wohl, der Heilung seines Kindes. Nur wenn diesem Kind ein wenig Erbarmen widerfährt, dann, ja dann kann vielleicht auch der Vater wieder glauben.

„Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“ Das ist das ehrlichste Wort, das er hervorbringen kann. Leere Hände, aber geöffnet. Keine Spur selbstzufriedener Glaubensstärke. Kein Funken Gewissheit. Aber ein Meer von Sehnsucht.

Glaube mit RissenWenn wir über „Glauben“ sprechen, denkt man oft an eine feste, sichere Überzeugung. Vielleicht auch an ein tiefes Gefühl, ein spürbares Gehaltensein.
Viele Menschen fragen sich darum: „Glaube“ ich eigentlich wirklich? Sie können diese Frage schwer beantworten. Wenn der Kinderglaube verloren gegangen ist, ziehen sich manche aus ihren Gemeinden zurück; „Heuchler“ wollen sie nicht sein. Aber die Sehnsucht nach Glauben – Glauben, der authentisch ist –, die nehmen viele mit.
Manchmal werden Zweifel auch unterdrückt. Zu groß die Angst, dass der Glaube zerbricht, der doch das Leben trägt und hält. Aber der Preis ist hoch. Der Glaube kann kaum atmen.
Wieder andere würden niemals eine Gemeinde betreten. Kirchen sind für sie Horte einer Art von Glauben, die fast an Wissen grenzt. Von diesem Wissen fühlen sie sich ausgeschlossen. Die Fragen, die sie umtreiben, tragen sie mit sich herum.

Ich bin dankbar für die Jahreslosung 2020. Sie räumt mit manchen Klischees auf. Und zeichnet ein ganz anderes Bild von dem, was Glauben heißt. Ein Glaube, der Risse und Sprünge, Knicke und Kanten hat.
Glaube, der die Augen nicht verschließt für die Welt, ist immer Zweifeln ausgesetzt. Die tiefsten Zweifel, denen sich der Glaube stellen muss, nennt Martin Luther „Anfechtung“. Die Verheißungen des guten Gottes und unser Wahrnehmen einer gar nicht immer guten Realität sind es, die da miteinander fechten und streiten. Gerade wenn wir Gottes Verheißungen ernst nehmen, müssen wir da zweifeln, wo sie im Leben nicht sichtbar werden: wo die Liebe unter die Räder kommt, Leben einfach nicht zum Blühen kommen will, spürbarer Segen ausbleibt. Ja, wo das Böse scheinbar siegt. Wer an einen liebenden Gott glaubt, dem kann das Leid in der Welt nicht gleichgültig sein. In Anfechtung gerät der Glaube gerade deshalb, weil er nach Gottes Gegenwart im Leben fragt und mit ihr rechnet. Und er wird enttäuscht, wo Gottes Verheißungen leer erscheinen.

Gott ist zerbrochenen Herzen nahAuch der Vater des kranken Kindes hat etwas von Gott erwartet. Er beharrt drauf: Glaube darf kein leeres Versprechen, keine hohle Gewissheit sein. Und so kann der Vater nur bitten: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“
Mit keinem Wort erkennt Jesus dem gequälten Vater seinen Glauben ab. Im Gegenteil: Er kommt auf ihn zu. Und macht damit der schlimmsten Qual ein Ende. Der Vater selbst erfährt Erbarmen und Trost in seiner Anfechtung – durch die Zuwendung und Nähe Gottes, mitten in Zweifel und Leid.

Die Nähe Gottes hängt nicht an der Unerschütterlichkeit unseres Glaubens. Im Gegenteil – der Psalmbeter hat erfahren: „Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind…“ (Ps 34,18). Das ist eine Ermutigung an all die, denen der Kinderglaube abhandengekommen ist. Die das Vertrauen Stück für Stück verlernt haben. Die mit den Elenden mitfühlen und um ihretwillen nicht mehr ungebrochen von Gottes Kraft und Stärke reden können.
Die aber dennoch nicht aufhören können sich zu sehnen. Gerade diesen Menschen, den Menschen der Sehnsucht ist Gott nahe. Und denen mit den leeren Herzen. Menschen, die zweifeln, gerade weil sie lieben. Denen ist der nahe, der selber Mensch geworden ist: Jesus Christus. Er selbst hat die Anfechtung erlebt: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Der Unglaube, den der Glaube brauchtDie Jahreslosung ermutigt mich, zu mir zu stehen – mit all meinen Hoffnungen und all dem Zweifel. Der gebeutelte, der geplagte Glaube wird hier geradezu zum Vorbild. Ja, die Botschaft der Geschichte ist für mich: Es gibt niemals zu wenig Glauben, solange da noch Sehnsucht ist. Sehnsucht nach mehr Gott in der Welt. Ich brauche nicht künstlich zurückzukehren zu einer kindlichen Sicht. Verletzungen soll ich nicht kaschieren. Ich brauche mich nicht immun machen gegenüber dem Leid. Ja, erwachsener Glaube braucht sogar den Un-Glauben, den Zweifel am Glauben selbst, diese Mischung aus Schmerz und Sehnsucht. Er braucht die Anfechtung, das Hadern und Streiten mit Gott und mit der Welt. Erst durch den Glauben an Gottes Zusage, in dieser Welt zu sein, nehme ich doch überhaupt wahr, wie sehr er überall fehlt. Und beginne neu die Hand zu öffnen.

Schmerz und Sehnsucht können den Glauben neu anfeuern. Und indem ich sie nicht für mich behalte, sondern mit anderen teile – beim Singen, Beten, Hören auf die Verheißungsworte und auch bei dem, was wir im Hören darauf tun –, schleicht sich mitunter auch Hoffnung wieder ein.

Zweifel und Anfechtung – sie bleiben die Begleiter, Herausforderer des Glaubens, ein Leben lang. Die Geschichte sagt mir, dass uns gerade im Zweifel und im Leid Christus am allernächsten ist. Und uns Kraft gibt zu dem schweren, aber ehrlichen Lebens-Gebet: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“

Amen.

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