2. Sonntag nach Epiphanias (19. Januar 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Karin Pöhler, Kernen i.R. [Karin.Poehler@elkw.de]

Jeremia 14, 1-9

IntentionIch habe versucht, dem Predigttext nichts von seiner Härte zu nehmen, sondern die Erfahrung der Gottesferne ernst zu nehmen. Lange habe ich nach dem Evangelium darin gesucht und hoffe, dass meine Lösung auch den Hörerinnen und Hörern eine Hilfe sein kann, solche Zeiten durchzustehen.

Wüstenerfahrung„1 Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.“ (Jer 14, 1-6)
Mit drastischen Bildern schildert der Prophet Jeremia eine große Dürre, unter der Juda leiden muss. Für uns hier kaum vorzustellen. Selbst die heißen und trockenen Sommer, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, sind nichts dagegen. Und jetzt in diesem verregneten Winter ist eine solche Dürre erst recht schwer vorzustellen.
Doch in Juda, im kargen Südreich, das die Negevwüste umfasst, ist es gut möglich, dass das Volk ganz real unter einer Dürre leidet. Jedenfalls kannten die Menschen, zu denen Jeremia spricht, solche Situationen. Sie hatten solches Leiden – wenn auch nicht ganz so drastisch – wahrscheinlich selbst schon erlebt.
Doch die Worte Jeremias spiegeln auch das Bild einer inneren Wüste wider. Vielleicht korrespondieren diese innere und äußere Wüste sogar miteinander.
Erfahrungen von innerem Durst und Dürre, das kennen manche von uns. Situationen, in denen wir nichts finden, was unseren Durst nach Sinn löscht. Wie ausgetrocknet sind unsere Kehlen. Die Krüge bleiben leer. Rissig springen unsere Lippen auf ebenso wie der harte, ausgetrocknete Boden.
Nichts wächst. Nichts spendet Schatten. Das Auge findet kein Grün, das dem Blick guttut. Dazu schmerzt in meinen Ohren das Schreien der verlassenen Hirschkuhjungen, und die nach Luft schnappenden Wildesel tun mir leid.
Nichts wo meine Seele Ruhe, Schutz findet. Ich spüre sie fast körperlich diese Hitze, diese Wüste, diesen Durst. Schwer auszuhalten.

Gottesferne„Warum?“, frage ich mich.
„Warum zwingst du mich, diese Wüste zu durchqueren?“, frage ich Gott. Doch er antwortet nicht. Er scheint nicht da zu sein. – Spüren sie die Wucht dieses Gedankens?
Doch, das kann passieren: mitten in der Wüste meines Lebens bleibt das rettende Handeln aus. Trotz Bitten und Flehen. Ich kann nichts von Gottes liebevoller Gegenwart spüren. Nicht ein Grashalm ist da, der Hoffnung schenken könnte.
Das nimmt mir vollends den Atem: Gott ist anscheinend nicht da, wenn wir in Not sind!?
Jedenfalls greift er nicht ein!
Gott – ein Held, der nicht helfen kann?
Haben wir uns getäuscht, als wir dem Kind in der Krippe zugetraut haben die Welt zu retten? Ist der, von dem wir Heilung und Rettung erhofften, doch nur ein hilfloser Säugling, ein Held, der nicht helfen kann?
Oder noch schlimmer: der nicht helfen will? Der so tut, als könne er nichts zu unserer Rettung beitragen?

Ringen um Gottes NäheStatt zu erwartender Todesstille kommt nun Bewegung in die Szene und in dieser Bewegung Leben in das Bild hinein: Das gottverlassene Volk beginnt mit Gott um Rettung zu ringen:
„7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“

Gott ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt und sich dann wieder entzieht?Warum stellst du dich wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
Mich hat dieses Bild, diese Formulierung an die Emmaus-Geschichte erinnert:
Die beiden Jünger, die da nach den Ereignissen an Karfreitag von Jerusalem nach Emmaus gehen, fühlen in sich vielleicht auch Dürre: Jesus ist tot, alle Hoffnungen mit ihm begraben, alle Träume von Frieden und Gerechtigkeit geplatzt, die Enttäuschung sitzt tief. Wie soll es weitergehen? Wo war Gott und wo ist er jetzt?
Er stellt sich wie ein Wanderer, der sie ein Stück ihres Weges begleitet, der ihnen zuhört und ihren Schmerz und ihre Enttäuschung aushält.
Als sie in Emmaus ankommen, da gibt der Auferstandene vor, dass er weitergehen wollte und sie bitten ihn: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“

Gott, ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Nicht mal über Nacht bleibt er: in demselben Moment als sie ihn erkennen, entzieht er sich ihnen schon wieder.
Gott entzieht sich, er bleibt unverfügbar. Gerade noch erlebten sie einen ganz intensiven Moment der Gotteserfahrung, und schon im nächsten Moment ist nichts mehr davon da. Sie können diesen Moment nicht festhalten. Doch sie bleiben verändert zurück. Rückblickend erkennen sie: „Brannte nicht unser Herz als er unterwegs mit uns redete?“
Gott entzieht sich. Das gehört zu den Erfahrungen des Menschseins. Wir können ihn nicht festhalten oder festlegen. Gottes Handeln lässt sich nicht berechnen, ausrechnen, bewirken. Manchmal bleibt uns Gott fern. Wir erleben Momente, ja sogar Phasen, richtige Wüstenzeiten, in denen wir uns auch von Gott verlassen fühlen. Gottes entzieht sich, bleibt uns fern, gerade dann, wenn wir ihn am nötigsten bräuchten.
Was kann uns dann noch helfen?

Es ist eine Phase, die vorbeigehtWenn meine jüngste Tochter es bei einem spannenden Film kaum noch erträgt, wie der Held ein Unglück nach dem anderen erleidet, dann fragt sie manchmal: „Gell, Mama, die Geschichte geht doch gut aus!?“ Sie baut dann auf die Erfahrung, die sie bei früheren Filmen gemacht hat: dass Kinderfilme eigentlich immer gut ausgehen. Diese Vergewisserung und die Aussicht, dass es auch diesmal so sein wird, dass das Unglück irgendwann zu Ende sein wird und das Blatt sich wieder zum Guten wenden wird, hilft ihr das Leiden des Protagonisten auszuhalten.
Es wird noch lange dauern, bis der Prophet Jeremia seinem Volk das Heil verkündigen kann. Doch endlich, nachdem sie viel Schlimmes durchgemacht haben, wendet sich das Blatt und der Prophet Jeremia darf verkündigen: „… ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“ (Jer 29, 11-14)

Gott ist unser bestes Argument gegen GottDoch wir müssen nicht still ausharren, bis das Unglück vorübergezogen ist.
Meine Tochter erinnert sich an all die Filme, die einen guten Ausgang hatten. Daraus schöpft sie die Hoffnung, dass es auch diesmal gegen allen Augenschein gut ausgehen wird. Das gibt ihr die nötige Kraft, das aktuell miterlebte Elend auszuhalten.
So können wir uns an eigene Situationen erinnern, in denen wir Gottes Liebe erfahren haben, seine Nähe gespürt haben. An Wüsten, die wir schon durchquert haben, an Durststrecken, die wir überstanden haben. Oder wir knüpfen an die Erfahrungen anderer an. Biblische Figuren, historische Persönlichkeiten oder Menschen aus unserem Alltag können die Quelle dafür sein.
Wir müssen auch nicht passiv warten bis die Wende eintritt. Wir können selbst aktiv werden. Doch wer oder was kann es aufnehmen mit dem fernen und abwesenden Gott? Gott selbst. Nämlich der Gott, der uns liebevoll zugewandt ist und von dem die Bibel ebenso berichtet, wie von dem Gott, der sich entzieht.
Und so bleibt uns nichts anderes, als Gott selbst gegen Gott anzuführen. Dem abwesenden Gott seine Verheißungen hinterherzurufen, ihn an seine mütterliche Liebe zu erinnern.
Auch wir tragen seinen Namen, denn wir sind auf seinen Namen getauft. Wir sind Gottes Kinder und wie könnte sich ein Vater oder eine Mutter dauerhaft von ihrem Kind abwenden!?
Und zu guter Letzt: Jesus hat das auch erlebt. Am Kreuz, am Tiefpunkt seines Lebens, mit ausgetrockneter Kehle schreit er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Selbst in der Gottesferne ist Jesus uns nah.
Amen.

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