Estomihi (23. Februar 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Sabine Löw, Stuttgart [sabine.loew@elkw.de ]

Lukas 18, 31-43

IntentionBevor die Passionszeit beginnt, ist die Zeit des prallen Lebens und die große Frage Jesu „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Wir sind ermutigt, über diese Frage persönlich nachzudenken. Die bevorstehende Passionszeit ist ein Weg, um sehend zu werden.

Liebe Brüder und Schwestern,
„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ – Sind Sie schon einmal mit dieser Frage konfrontiert worden? Hat dich das schon einmal jemand gefragt? Vielleicht ist es umständlich formuliert. Die Frage könnte auch schlichter lauten: „Was soll ich für Sie tun?“ Das wird man oft ja gefragt, wenn man irgendwo anruft: „Guten Tag, hier Autohaus Soundso – was kann ich für Sie tun?“ Mir einen Termin geben – für den Kundendienst. Zum Beispiel. Ich hab meist sehr klar, was ich will, wenn ich bei einer Hotline anrufe.
„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ – ist aber irgendwie noch etwas anderes, da ist ein Wollen drin. Also: Was willst du?
Milan Kundera schrieb in seiner unerträglichen Leichtigkeit des Seins: „Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen, noch in späteren Leben korrigieren kann.“
Es ist so eine Sache mit dem, was man wirklich will.
Aber ich frage Sie trotzdem: Haben Sie einen Herzenswunsch? Gibt es etwas, in deinem Leben, was du dir zutiefst wünschst und ersehnst. Was ist deine tiefste Sehnsucht?
Anerkennung im Beruf? Gut sein in der Schule? Harmonie in der Familie? Die große Liebe? Alt werden und gesund dabei bleiben?
Ein Sprichwort sagt: Ein Gesunder hat viele Wünsche, ein Kranker nur einen.
Ja, wer krank ist, will oft einfach nur gesund sein. Oder?
Aber manchmal ist man so sehr an seine Krankheit oder sein Handicap gewöhnt, dass man gar nicht mehr weiß, dass auch ein anderes Leben möglich wäre. So sehr ist man eingerichtet in dem, was ist, dass einem gar nicht klar ist, dass etwas anderes auch möglich wäre. Und es kann auch gut so sein, wie es ist.
Von einem Menschen, dem diese Frage gestellt ist, ist heute die Rede. Jesus stellt ihm genau diese Frage. Er hat keinen Namen in der Bibel, im Lukasevangelium.
Interessant ist allerdings, wie diese Frage in den Gesamtzusammenhang dort eingeordnet ist. Lukas erzählt zunächst von Jesus, wie er seinen Jüngern ankündigt, dass er gefoltert wird, leiden und sterben wird. Wir haben heute den letzten Sonntag vor der Passionszeit. Wer von uns allerdings gerade Fasching feiert, ist noch mittendrin im prallen Leben. Morgen ist Rosenmontag, übermorgen Faschingsdienstag – und dann – am Aschermittwoch ist alles vorbei. Wir gehen nach innen, sieben Wochen bis Ostern, oder mit anderen Worten: Wir gehen hinauf von Jericho nach Jerusalem.
Hören wir aus Lukas 18, die Verse 31-43:
„Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!Stellen wir uns mal vor, wir sind eine oder einer von denen, die mit Jesus ziehen. Nicht jemand aus der ersten Reihe, eher so etwas hinten, im Anhang. Vor uns die Wanderung, der Weg bergauf – 25,6 km sagt der Routenplaner. Aber noch unten sind wir in Jericho. Verschnaufpause, pralles Leben. Kein Geruch von Leiden und Sterben in der Luft, obwohl Jesus gerade noch davon sprach.
Jericho – eine orientalische Stadt: Es ist heiß, die Sonne sticht in den engen Straßen. Es ist bunter Markt. Es riecht nach Gewürzen und Shisha. Neue Stoffe und viele Menschen sind zu sehen. Wir bahnen uns einen Weg. Als Gruppe nicht so einfach. Da muss man darauf achten, zusammen zu bleiben, und als Letzte muss ich aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren.
Aus dem Gewirre und Gesumme von Menschenstimmen höre ich plötzlich eine Stimme besonders laut heraus. Da schreit einer. Laut und vernehmlich, mit Qual in der Stimme: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Wer schreit da? Und was für eine seltsame Wortwahl: „Erbarme dich meiner“ – ich kann mich nicht erinnern, das jemals zu jemandem gesagt zu haben. Krasse Wortwahl. Das klingt nach Verzweiflung. Das klingt nach ganz unten sein …
Ich schaue mich um, woher das Geschrei kommt – sehe aber nichts. Da ist so vieles, da sind so viele … ah, doch hier, da sitzt einer, da unten am Boden. Aber da ist kein Durchkommen – so viele Leute. „Hör auf, so zu schreien“, höre ich einen meiner Freunde brüllen. Dann höre ich, wie Jesus zu irgendwem sagt, freundlich sagt er es: „Bringt ihn her!“ Der, der gerade gerufen hat, wird gebracht und sieht seltsam aus, finde ich – desorientiert, leer … Und noch lauter schreit er: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Noch einmal schreit ihn jemand an: „Hör doch auf zu schreien!“ Super Pädagogik, denke ich mir. Aber dieser Mann ruft weiter, noch lauter: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Und jetzt wird mir klar, warum der Rufende so seltsam wirkt: Dieser Rufende scheint nichts sehen zu können. Er ist blind. Deshalb wirkt er so anders als andere.
Und Jesus fragt ihn nun: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“
Eigentlich klar, denke ich als eine, die diesen Mann sieht. Was wird er schon wollen? Es ist doch bekannt, dass Jesus ein Heiler ist – gesund wird er werden wollen, was denn sonst? Sehend will er werden – was denn sonst?
Warum fragt Jesus ihn das, was so offensichtlich ist?

Was willst du, dass ich für dich tun soll?Damit beame ich uns jetzt wieder hinaus aus Jericho, hinein in diese Kirche.
Wenn ich diese Frage so weiter auf mich wirken lasse: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, dann finde ich sie immer weiser. Immer mehr denke ich, das ist gar nicht so leicht zu beantworten.
Will ein Blinder wirklich sehend werden? Will eine Kranke wirklich gesund werden?
Und ich frage noch einmal dich, die oder der du heute Morgen in diesem Gottesdienst bist. Wenn Jesus dich persönlich gerade fragen würde: Was willst du, dass ich für dich tun soll? – was würdest du Jesus antworten?
(Pause)

Meine Bitte vor Gott bringen setzt Energie freiDer Blinde in der Geschichte antwortet: „Herr, dass ich sehen kann.“
Vielleicht ist es wichtig, wirklich auszusprechen, was ich will. Ja mehr noch, vielleicht ist vorher auch wirklich so eine Verzweiflung wichtig, wie sie dieser Mann mit seinem Erbarmen-Ruf zum Ausdruck bringt. Es geht darum zu spüren, dass es so nicht weiter gehen kann. Es gibt tausend Gründe, alles beim Alten zu lassen – aber nur einen einzigen Grund, etwas verändern zu wollen: Man hält es einfach nicht mehr aus.
An diesem Punkt war dieser Blinde. Und dann spricht er seinen Wunsch aus – ein Stoßgebet, sein tiefer Wunsch: „Ich will sehend werden.“
Ich lerne von dieser Erzählung, dass es wirklich wichtig ist, mir selbst klar zu machen, was ich wirklich will, und es dann als Bitte wirklich vor Jesus zu bringen. Das hat Kraft. Das setzt eine Energie frei.
„Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.“

Sieben Wochen, um sehend zu werden auf dem WegSo weit, so wunderbar – aber das Ganze steht unter einem Vorzeichen: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“
Was wird hier vollendet, wenn Jesus den Weg ins Leiden, Sterben und Auferstehen geht?
Heißt das, dass nicht nur einzelne Männer damals vor tausenden Jahren sehend wurden, sondern die ganze Welt sehend werden wird – und ich in ihr? Was gerade in Jericho einem Menschen passiert ist, wird dann allen passieren – auch mir?
Wenn ich glaube, dass Jesus mir hilft, ich ihm sage, was ich mir wünsche: Hilft er mir dann auch?
Heißt das, dass ich, wo ich blind bin, sehend werde?
Heißt das, dass in meine blinden Flecken Licht und Farbe kommen?
Die Passionszeit, die jetzt vor uns liegt, ist so ein Prozess: Vom Leiden führt sie zur Auferstehung. Wir können uns in die Passionszeit hineingeben. Uns jeden Tag mehr Zeit als sonst nehmen für Meditation, Besinnung, Selbstreflexion und Gebet.
Wir können auf diesem Weg Sehende werden, wir können erkennen, wer wir sind und sein wollen und sein könnten. Wir können zu solchen Menschen werden, als die Gott uns gemeint hat.
Die Passionszeit ist ein Erkenntnisprozess. Wenn wir ab Aschermittwoch nun in sie hineingehen, können wir uns mal bewusst für diese sieben Wochen vornehmen, unsere Regungen und Bedürfnisse zu erforschen. Und wirklich wichtig nehmen, was alles an Gefühlen in uns ist und was da alles hochkommen will, Freude, Kummer, Schmerz, Angst, Zorn, meine Krankheit, mein Blindsein … Alles will gefühlt und von mir ernstgenommen und angenommen sein und nicht verdrängt werden. Alles hat sein Recht, alles ist wichtig für den Prozess. Jesus ist dabei in unserer Not, und unsere Traurigkeit kann sich auf dem Weg mit ihm in Freude verwandeln. Freude ist mehr als das, was man ausgelassen am Rosenmontag und Faschingsdienstag erleben kann. Freude ist die Erfahrung, dass Gott uns Sinn schenkt, echtes Sehen und Erkennen. Ich möchte schließen mit einem Gedicht von Oliver Ruhl. Es heißt „Der Sinn des Lebens“.

Das Leben hat keinen Sinn,
wie Bäume Blätter haben.

Wir geben dem Leben Sinn,
wie wir aus leeren Räumen
ein Zuhause machen.

Wir richten uns das Leben ein,
indem wir denen aufhelfen,
die aus ihm zu fallen drohen;

oder andere um Hilfe bitten,
wenn das Leben selbst uns
nicht mehr helfen kann.

Wer Sinn sucht, findet ihn
in allen Spielarten der Liebe.

Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)