Palmarum / Palmsonntag (05. April 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Martina Servatius, Schwanewede [Martina.Servatius@elkw.de]

Markus 14, 3-9

IntentionIm Gespräch mit seinen Jüngern macht Jesus deutlich: Liebe geht nicht auf im Gutes-Tun. Es gibt auch den Überschuss an großzügiger Zärtlichkeit. Die macht das Leben schön, gerade auch in harten Zeiten, wo wir es besonders nötig haben.

(1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.)
3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Liebe Schwestern und Brüder!
Die Kinder liebten diese Geschichte. Sicher auch wegen des duftenden Öls. Denn wenn ich von der Salbung Jesu im Gottesdienst für die Grundschulkinder – donnerstags, 1. Stunde – erzählte, brachte ich immer ein Fläschchen Salböl mit. Ein wenig davon in ein winziges Kristallschälchen geträufelt stand neben der Kerze, während ich erzählte. Sein zarter Duft entfaltete sich während des Erzählens. Und war die Geschichte erzählt, durften die Kinder einander salben und sich salben lassen. Sie genossen es. Sie liebten es. Und sind mit diesen Gefühlen der Geschichte tief verbunden.

Verschwenderische Liebe gegen Einsamkeit im LeidenGott sei Dank ist uns diese Salbungsgeschichte überliefert! Sie bringt etwas zum Ausdruck, das uns sonst sehr fehlen würde: die zärtlich-verschwenderische Seite der Liebe zu Jesus. Ja, ich behaupte, ohne die Liebestat dieser Frau würde unserem Glauben Wesentliches fehlen. Jesus scheint das genauso zu sehen, wenn er in seinem Schlusswort mit Nachdruck festhält: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis was sie jetzt getan hat.“
Was hat sie denn getan? - Sie hat Jesus mit „unverfälschtem und kostbaren Nardenöl“ gesalbt. Zeichen ihrer Verehrung. Sie hat dem Totgeweihten ihr Kostbarstes geschenkt. Zeichen ihrer Liebe. Sie hat ihn mit einer sinnlichen Wohltat getröstet. Sie hat ihn ihre Verbundenheit spüren lassen und ist ihm damit näher gewesen als alle anderen. Sie scheint in dieser Szene die einzige, die wissend oder ahnend, was die Stunde geschlagen hat, etwas tut, das dem gewachsen ist.
Denn Leiden und Sterben sind nah. „Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest“, lässt uns der Evangelist Markus wenige Verse zuvor wissen. Legen wir seine Zählung zugrunde, so befinden wir uns mit der Salbung am Mittwoch vor dem Karfreitag. Nicht mal mehr 48 Stunden trennen Jesus von seinem Tod. In so einer Frist verschieben sich die Gewichte. Verdichtet sich alles. Worauf kommt es jetzt an? Was hält Stand? --- Das, was die Frau hier tut. „…, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.“ Es ist die schöne Tat der Liebe. Sie ist dem gegenwärtigen Moment und dem, was bevorsteht, gewachsen. Die zärtliche Berührung mit dem Öl streichelt und wärmt in der Einsamkeit des Abschieds. Der kostbare Duft dringt durch das kommende Leiden. „Denn Liebe ist stark wie der Tod“ (Hld 7,6).
Wir können uns nur wünschen, dass wir in einer entsprechend schweren Situation zu einer solchen Geste fähig sind. Und wir können uns und allen nur wünschen, dass in der schweren Stunde jemand uns eine solche Geste angedeihen lässt. Zart, duftend, stark wie der Tod.

Die schöne Tat„Sie hat eine schöne Tat an mir getan“, sagt Jesus. Er verteidigt die Frau gegen die Kritik der Jünger. Gegen dieses Herunterputzen und Abwerten unter dem fadenscheinigen Mantel der Moral. Ob die Jünger genauso reagiert hätten, wenn ein Mann Jesus in ähnlicher Weise seine Verehrung gezeigt hätte?
Jesus aber verteidigt die Frau und ihre Tat. Er nennt es ein „schönes Werk“ oder „eine schöne Tat“. So sollte man übersetzen; auch wenn es nach der Lutherübersetzung „ein gutes Werk“ heißt. „Gutes Werk“ klingt irgendwie zu schmal für das, was hier geschieht. Ein gutes Werk glänzt und duftet nicht. Das griechische Wort, das hier zugrunde liegt, bedeutet zuerst einmal „schön“. Dann auch „gut“. Und natürlich hängen „schön“ und „gut“ zusammen. Aber hier mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Schönen. Über die Salbung „mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl“ befindet Jesus: „Sie hat ein schönes Werk [oder: eine schöne Tat] an mir getan.“

Eine schöne Tat der Liebe: das wärmt. Das tröstet. Das gibt Kraft. Wir sollten einander solche schönen Taten gönnen.
Verschwenderisch war sie schon, diese schöne Tat. Narde, – gewachsen auf den Höhen des Himalaya, als Kostbarkeit von Indien ins Heilige Land gebracht. Mehr als dreihundert Silbergroschen wert, wie die empörten Jünger sofort überschlagen. Also mehr als zehnmal so viel, wie der unglückliche Judas nach dem Matthäusevangelium für sein Verraten erhält. Dreihundert Silbergroschen, – das war der Jahreslohn eines Tagelöhners; vorausgesetzt der war an 300 Tagen beschäftigt und ordentlich bezahlt worden. Die Frau, die Jesus hier salbt, scheint aus wohlhabenden Verhältnissen zu kommen. Sonst hätte sie so ein teures Salböl nicht besessen. Aber hier braucht sie es nicht, um ihrer eigenen Erscheinung Glanz zu verleihen. Sie verschwendet es an den totgeweihten Jesus. Eine Kostbarkeit ausgegossen „auf sein Haupt“, hingegeben in Liebe und Verehrung. Die Liebe rechnet nicht.

Eine schwäbische KontrastgeschichteEs gibt einen schwäbischen Witz, der als - regelrechte Kontrastgeschichte zu dieser Salbung - schwäbische Tugend zur falschen Zeit auf die Schippe nimmt. Mir ist der Witz ungefähr so in Erinnerung: Ein alter Wengerter hat eine Flasche von seinem kostbarsten, allerfeinsten Wein aufgehoben für die ganz besondere Gelegenheit. Jetzt ist der alte Wengerter alt geworden und liegt im Sterben. Da sagt er zu seiner Frau: „Geh, Lisbeth, hol die Flasche mit dem guten Tropfen aus dem Keller und schenk mir ein Viertele ein.“ Darauf die Frau: „B’hilf di so voll num. Jetzt wird et zibebelet. Jetzt wird gschtorba!“
Ach nein, liebe Schwestern und Brüder, es gibt Momente, da gilt nur eins: „Jetzt wird zibebelet!“ Jetzt wird das Kostbarste ausgegossen, hingegeben in Liebe.

Vergeudung?Und was ist mit den Armen? Haben die Jünger nicht doch auch ein bisschen recht, wenn sie einklagen, was man mit dem Erlös für das kostbare Öl hätte Gutes tun können? Schließlich haben sie die „Option für die Armen“ von Jesus gelernt. Stimmt. Hier aber, in der schmerzvollen Frist bis zu Jesu Tod, hier im Duft des Salböls, sollen sie anderes lernen. Und ich vermute, wir sollen es auch lernen. Dass wir den Duft des Evangeliums einatmen; die verschwenderische Komponente wahrnehmen. Liebe geht nicht auf im Gutes-Tun, im Vernünftigen, im größtmöglichen Vorteil für die größtmögliche Anzahl von Menschen. In der Liebe ist ein Überschuss, ein Glanz, ein Duft… „Lasst sie in Frieden!“, weist Jesus seine Jünger zurecht, „Was betrübt ihr sie? Sie hat eine schöne Tat an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht alle Zeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“

Jesus deutet den Jüngern das Geschehen. Und diese Deutung wird zur vierten Leidensankündigung im Markusevangelium. Aber die Salbung birgt noch mehr Dimensionen in sich. Zeichen der Liebe und Verehrung ist sie; tröstliche Wohltat für Leib und Seele. Oder wollte die Frau Jesus zum König salben? Verwendete sie deshalb das Königssalböl und „goss es auf sein Haupt“? So wurden schließlich im alten Israel Könige gesalbt. Saul. David. So oder so vollzieht die Frau mit ihrer vielschichtigen schönen Tat eine prophetische Handlung. Sie salbt Jesus zum „Messias“, zum „Christus“, was ja nichts anderes bedeutet als „Gesalbter“. Sie bekennt: „Das, – all das! – bist du für mich!“
Und schließlich wird die schöne Tat zum Gleichnis: Jesus selbst ist dieses „Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl“. Das Glas wird zerbrochen, und Liebe ergießt sich, – über uns. Nicht zu bezahlende, kostbare, unverfälschte Liebe. Es duftet.
Amen.

(Schön ist es, kleine Schälchen mit Salböl – ich nehme meist Granatapfelöl – durch die Reihen zu reichen mit der Einladung, sich und/oder einander zu salben.)



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