Ostermontag (13. April 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothea Schlatter, Ludwigsburg [Dorothea.Schlatter@elkw.de]

Lukas 24,36-45 (46-48)

IntentionAm Ostermontag führt die Erzählung des Lukas schrittweise von der Trauer zu neuem Vertrauen und zu dem verheißungsvollen Auftrag, Zeugen zu sein. Diese Schritte zeichnet die Predigt nach.

„Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“, so grüßen Christen in aller Welt sich zu Ostern. Aber dieses Bekenntnis war von Anfang an umstritten. Zu ungeheuerlich war die Vorstellung, um sie einfach so zu glauben. Eine Zumutung für Menschen damals wie heute. Es braucht Mut, dem auferstandenen Jesus nachzufolgen. Schon in den ersten Gemeinden gab es verschiedene Deutungen von Ostern. Lebt Jesus wirklich oder ist es eher ein geistig-geistliches Geschehen? Pflegen wir Vergangenheit oder ist Jesus Christus auch heute gegenwärtig? Ist Ostern, die Grundlage unseres Glaubens, eine schöne, aber flüchtige Idee? Die Ostergeschichten erzählen uns immer wieder neu, wie Jesus um das Vertrauen der Jünger und Jüngerinnen geworben hat.
Hören wir aus Lukas 24 die Verse 36 bis 48: „Als die Jünger von ihm redeten, trat Jesus selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem und seid dafür Zeugen.“

An Anfang: die TrauerDer Ausgangspunkt ist die Trauer. Lukas erzählt von Jerusalem, dem Machtzentrum und da geschieht im Verborgenen etwas Unglaubliches. Die Jünger sind beieinander. Selbstverständlich ist das nicht. Sie hätten sich ja auch in alle Winde zerstreuen können. Doch wenn Menschen einen wichtigen Freund verloren haben, dann suchen sie oft die Gemeinschaft und Halt. Sie wissen, miteinander trauern, das macht Sinn. Und sie tun, was Trauernde meistens tun: Sie reden über den Verstorbenen und tragen die Erinnerungen zusammen. Worüber redeten sie wohl? Von Ihrer Wut und ihrer Verzweiflung, dass Jesus sterben musste? Oder von diesem grässlichen Erleben, wie Jesus am Kreuz starb? Oder von der eigenen Angst und der Flucht vor dem Geschehen? Oder von ihrer Angst, was wohl noch alles auf sie zukommen würde? Und dann geschieht das Unerwartete: Jesus tritt unter sie und spricht sie an: Friede sei mit euch!

Jesu ErkennungsmelodieFriede – Schalom – dieses umfassende Wohlergehen, das Gesundheit und Sicherheit, geborgen sein und Ruhe umfasst, das ist den trauernden Jüngern abhandengekommen. Der Tod Jesu hat sie um die Ruhe und Sicherheit gebracht. Als sie noch mit Jesus unterwegs waren, da spürten sie ihn, diesen Frieden. Er ist verknüpft mit der Gegenwart Jesu. Doch mit ihm rechnen sie jetzt nicht mehr. Sie erschrecken sehr, als er sie anspricht. Das Sehen des Auferstandenen bewirkt nicht Glaube, sondern Furcht. Da ist keine Wiedersehensfreude, sondern Befremden und Erschrecken. Da ist einer im Raum, mit dem niemand rechnete. Sind sie jetzt übergeschnappt? Friede sei mit euch – sagt er zu ihnen. Vertrautes Wort in ihre verstörende Lage und Seelenlandschaft. Es ist seine Erkennungsmelodie.

Jesus versteht und führt zum LebenJesus kennt die Jünger und Jüngerinnen. Er liebt sie und versteht sie und weiß auch jetzt, was sie brauchen. Er weiß, dass ihnen der Friede verloren gegangen ist. Er kennt die Ausweichbewegungen ihrer Gedanken. Das ist nur eine Sinnestäuschung, ein Geist. Jesus spricht das direkt an. Doch keine Ungeduld kommt auf. Kein “Was braucht ihr denn noch?“ Liebevoll begleitet er sie Schritt für Schritt auf ihrem Weg in ein neues Leben. Behutsam führt er sie zum Begreifen, was da geschieht. Im ersten Schritt bietet er ihnen an: Seht die Hände und Füße an und erkennt, ich bin’s. Ein zweiter Schritt: nehmt eure fühlende Wahrnehmung dazu, fasst mich an, begreift mich mit euren Sinnen. Doch auch das Berühren und Anfassen der Wundmale hilft ihnen nicht, das Unfassbare zu fassen. Zu tief sitzt der Schock über die Kreuzigung Jesu. Schwer zu überzeugen sind die Jüngerinnen und Jünger und darin uns heute sehr nahe.

Der Halm der Hoffnung wächst leiseDa bietet Jesus einen weiteren Schritt an: Habt ihr hier etwas zu essen? Trauernde vergessen manchmal zu essen. Doch hier haben sie etwas da. Und Jesus isst. Ein Geist braucht kein Essen. Doch es geht hier um mehr. Unzählige Male saßen sie mit ihm zu Tisch. Sie waren dabei, als die Vielen gesättigt wurden am Ende eines langen Tages, als er sie mit Brot und Fisch satt machte. Und er machte nicht nur den Magen voll, sondern stillte auch den Hunger nach Liebe und Sinn. Wie oft aß er mit Menschen, die aus der Gemeinschaft ausgegrenzt waren. Er holte sie wieder in die Gemeinschaft. Auch das letzte Mahl klingt mit an, als er sich selbst mit ins Spiel brachte. Ohne Worte sind Brot und Wein oder Fisch Lebensmittel. Mit dem erklärenden Wort wird das Essen zum verbindenden Mahl und stiftet Gemeinschaft. So wie heute, wenn wir Abendmahl feiern. Das Wort hält alles zusammen. Essen – das Zeichen seiner Gegenwart, das Zeichen der Verbundenheit.
Beim Essen wandelt sich Furcht und Entsetzen in Freude und Zutrauen. Doch damit ist das Ziel noch nicht erreicht. Es bleiben Fragen offen.

Dem Leiden einen Sinn gebenWarum musste Jesus sterben? Was soll all das Leiden, das wir spüren in unserer Nähe und außerhalb unserer Reichweite? Es muss so sein. Gott wollte seinen Menschen nahe sein. Aus Liebe wurde er Mensch. Gott begab sich in diese Welt hinein. Nicht als Gedanke, sondern als Leib, als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Darum geht es auch hier beim Wiedererkennen nicht rein geistlich zu. Damit Vertrauen entsteht, muss man sehen und schmecken und hören und fühlen. Das Wort wurde Fleisch. Aus Liebe teilte Jesus das Leid der Menschen und ging bis in den Tod. Und die Liebe bleibt, verborgen in diesem Tod und über ihn hinausweisend. Jesus hat den Tod überwunden. Aber sein Auftrag, sich der Welt zuzuwenden ist mit dem Tod noch nicht beendet. Er kommt und zeigt sich. Er erklärt, wie er und die Schrift zu verstehen sind. Er knüpft an die Erfahrung mit ihm an. Seine Worte lassen das Erlebte in neuem Licht, im Osterlicht erscheinen. Durch ihn und mit ihm bekommt es Sinn. Jetzt verstehen die Jünger ihn und verstehen auch seinen Auftrag.

Ein letzter Schritt: der AuftragSagt es weiter! Fangt in Jerusalem an! Und dann geht in alle Welt. Gebt weiter, was euch froh macht. Teilt, worauf ihr hofft. Alle sollen Ostern erleben, erfahren, erfühlen. Bringt mehr Hoffnung in die Welt. Friede sei mit euch und vergesst nicht, ihr könnt Zeugen sein, dass Jesus unter uns lebt.
Die Frage an uns heute ist: Sind wir bereit, Lukas das abzunehmen, was er uns erzählt? Vertrauen wir seinen Worten oder halten wir das alles für Hirngespinste und schöne Bilder? Es gibt keinen Beweis für die Auferstehung. Der Glaube bleibt ein Vertrauen auf das Wort. Die Botschaft: „Jesus lebt“ zielt auf Erfahrung, baut auf Vertrauen, mündet in einen Auftrag. Wir haben gesehen: Lukas arbeitet sich schichtenweise vor bis zum Riegel meines Herzens, den er sanft zur Seite schiebt, um zu verkünden: Jesus ist auferstanden und Gott geht auch heute noch in die Welt ein und wird erfahrbar. Manche sehen das, wenn sie in den klaren Morgenhimmel blicken und es leuchtet ihnen ein. Manchen begegnet ein Mensch mit Liebe und hilft ihnen, die Angst zu überwinden. Manche berührt die Musik, vielleicht gerade jetzt zu Ostern die Choräle von der Auferstehung. Wo im Namen Jesu Friede einkehrt, wo Menschen ihre Angst verlieren und Vertrauen fassen, wo Menschen in Jesu Namen essen und trinken, wo sie einander vergeben, wo Menschen Gott bezeugen, da ist Christus leibhaftig auch unter uns. Lassen wir uns von Lukas Schritt für Schritt führen auf den Weg des Friedens? Öffnen wir uns für die Erfahrung, dass Gott bei uns ist. Gebt auch ihr weiter, was euch froh macht. Teilt, worauf ihr hofft. Alle sollen Ostern erleben. Sein Friede begleite uns. Amen.


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