Gründonnerstag (09. April 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Ursula Pelkner, Göppingen [Ursula.Pelkner@elkw.de]

2. Mose 12,1-4(5)6-8(9)10-14

IntentionWeil voraussichtlich am Gründonnerstag kein regulärer Gottesdienst gefeiert werden kann, sehr wohl aber Texte für die persönliche Meditation oder für häusliche Andachten gebraucht werden, habe ich die Predigt in drei Abschnitte zu Einzelaspekten des Predigttextes bzw. des Gründonnerstagsgeschehens verfasst. Die Texte können auch einzeln verwendet und durch Lieder und Gebete ergänzt werden. Vorschläge sind eingefügt.

Feiern unter besonderen BedingungenAm Gründonnerstag denken wir an das letzte Mal, dass Jesus mit seinen Jüngern zusammensaß, in der Nacht, als sein Leiden begann, in der Nacht, als er mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen war und das letzte Abendmahl mit ihnen feierte. In dieser Nacht kam ganz Israel an Tischen zusammen, um das Passafest einzuläuten. Bis heute kommen Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt mit der Familie, mit Freunden und Nachbarn zusammen, um der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten zu gedenken. Bis heute kommen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt zusammen, um der Befreiung aus Schuldverstrickung und schädlichen Abhängigkeiten zu gedenken.

Bis heute – in diesem Jahr ist jedoch alles anders. Gottesdienste fallen aus, das Abendmahl kann nicht gefeiert werden. Zusammenkommen geht nur virtuell oder im Gebet. Wie gehen jüdische Gemeinden mit dem Passafest in Zeiten von Corona um? In Verbundenheit mit unseren jüdischen Geschwistern hören wir heute als Predigttext die Worte zur Einsetzung des Passafestes aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 12:

1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. 6 Ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. 12 Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. 13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. 14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Wie soll man feiern, wenn man nicht zusammenkommen darf? Wer soll das Lamm aufessen, wenn man nicht die Nachbarn dazu einladen kann? Was für ein Fest kann das sein, wenn man Sorgen hat um die eigene Gesundheit, um die Gesundheit der Eltern, um den Arbeitsplatz und die wirtschaftliche Zukunft?
Aber wir lesen: Auch damals war das Leben bedroht. Bei Nacht und Nebel mussten die Israeliten aufbrechen, um den Ägyptern zu entkommen. Erst nach der Katastrophe der Tötung der Erstgeborenen ließen die Unterdrücker sie ziehen. Das Blut an der Tür als Zeichen der Verschonung. Eine harte Geschichte. Bittere Kräuter werden auch heute am Seder-Abend, dem Vorabend des Passafestes gegessen zum Gedenken an die bittere Zeit der Knechtschaft des Volkes Israel in Ägypten.
Und unser Gründonnerstag? – Die Nacht, als Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen zum Fest zusammenkam, war auch die Nacht, in der einer dieser Freunde ihn verriet, die Nacht, als sein Leiden und Sterben begann. Eine harte Geschichte. Wenn wir das Brot brechen und den Wein trinken, denken wir auch an das bittere Leid Christi. Und doch bricht sich inmitten dieser harten Geschichten die Freiheit zum Leben Bahn.

EG 604,1 Im Lande der Knechtschaft (Regionalteil Württemberg)

Im Lande der Knechtschaft, da lebten sie lang,
in fremde Gefilde verbannt,
vergessen die Freiheit, verstummt ihr Gesang
und die Hoffnung vergraben im Sand.
Nur heimlich im Herzen, da hegten sie bang
den Traum vom gelobten Land.
Doch:
Mirjam, Mirjam schlug auf die Pauke und Mirjam tanzte vor ihnen her.
Alle, alle fingen zu tanzen an: Groß war Gottes Tat am Meer.
Frauen tanzten, tanzten die Männer und Wellen, Wolken, alles tanzt mit.
Mirjam, Mirjam hob ihre Stimme, sie sang für Gott, sie sang ihr Lied. (1)

Gedenken„Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“ – Was tun wir, wenn wir gedenken? Warum feiern wir vergangene Ereignisse? Wir könnten auch fragen: Was bringt uns das?

Erinnerung kann pure Nostalgie sein, Verklärung der Vergangenheit ohne Bezug zur Gegenwart. Aber Erinnerung kann auch Vergegenwärtigung sein. Wenn ein Erlebnis durch Erzählen und durch Zelebrieren so nahekommt, dass es ist, als wären wir dabei. Und sind wir es nicht? Wenn ein Mensch durch Erzählen so nahekommt, als wäre er da. Und ist er es nicht? Wenn wir beim Abendmahl das Brot miteinander brechen und den Wein miteinander trinken, dann ist es so, als säßen wir mitten zwischen den Jüngerinnen und Jüngern, als wäre Jesus leibhaftig unter uns. Und es ist nicht nur so, als ob. „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Jesus ist mitten unter uns, nicht greifbar, nicht anfassbar, aber doch spürbar da.

Und wenn Jüdinnen und Juden am Seder-Abend zusammenkommen, um wie damals das letzte Mahl in Gefangenschaft zu essen, bereit zum Aufbruch, dann ist es, als wären sie dabei gewesen beim Aufbruch aus Ägypten. Nein dann sind sie dabei, wenn das Volk Gottes sich aufmacht in das gelobte Land. Dann sind sie dabei bei diesem Urereignis, durch das Gott sich mit dem Volk Israel auf immer verbunden hat. Der Rabbiner Albert Friedlander schreibt über das vergegenwärtigen am Seder-Abend: „Das Erinnern gehört zur Freiheit und bringt uns zur Freiheit, hören wir in jedem Buch der Bibel, in fast jedem jüdischen Brauch und Fest. Diejenigen, die vergessen, die sich weigern, den Weg in die Vergangenheit zu gehen, um eine Basis für ihre eigene Existenz zu haben, werden unfrei und bauen sich ein Gefängnis in dem armen Raum, den sie als eine vollständige Existenz betrachten.“
Unser eigenes Leben, unsere Gegenwart, unsere Umgebung, das ist alles ein sehr begrenzter Horizont. „Ein armer Raum“, sagt Friedlander. Es genügt nicht für eine Lebensdeutung, es genügt nicht, um eine Gemeinschaft zu stiften, um Sinn zu finden und eine Richtung zu haben. Deshalb gedenken wir der Befreiung des Volkes Israel, wir gehen den Weg in die Vergangenheit und setzen uns mit den Jüngerinnen und Jüngern Jesu an einen Tisch, wir hören den Zuspruch der Vergebung als Basis für unsere eigene Existenz.

Psalm 111
Der Herr gedenkt ewig an seinen Bund
Halleluja! Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen
im Rate der Frommen und in der Gemeinde.
Groß sind die Werke des Herrn;
wer sie erforscht, der hat Freude daran.
Was er tut, das ist herrlich und prächtig,
und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder,
der gnädige und barmherzige Herr.
Er gibt Speise denen, die ihn fürchten;
er gedenkt ewig an seinen Bund.
Er lässt verkündigen seine gewaltigen Taten seinem Volk,
dass er ihnen gebe das Erbe der Heiden.
Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht;
alle seine Ordnungen sind beständig.
Sie stehen fest für immer und ewig;
sie sind recht und verlässlich.
Er sendet eine Erlösung seinem Volk;
er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll.
Heilig und hehr ist sein Name.
Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang.
Klug sind alle, die danach tun.
Sein Lob bleibet ewiglich.

Bereit sein„Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand“ – in diesen Tagen sitze ich vor dem Telefon und dem Rechner und warte auf Neuigkeiten. Was wird als Nächstes kommen? Welche Vorgaben wird es geben und wie muss ich reagieren? Mit wem muss ich sprechen, an wen welche Information weitergeben? Über den Tag hinaus wage ich keine Prognosen. Man fährt auf Sicht.
Wenn beim Skifahren schlechte Sicht ist, dann hilft nur eins: weich in den Knieen bleiben, sich auf keinen Fall steif machen, die (Boden-)Wellen kommen lassen, bereit sein zu reagieren.
Bereit sein – für die Israeliten bedeutete das: bereit zum Aufbruch, das lange Gewand hochgebunden, damit es beim Wandern nicht hindert und im Staub hängt, die Schuhe nicht erst suchen und anziehen müssen, schnell essen, damit man gestärkt ist für den weiten Weg.
Bereit sein – für unseren christlichen Glauben gehört es quasi zum Konzept, sich nicht zu sehr einzurichten im Hier und Jetzt. Die alten Lieder wissen das: „Wir sind nur Gast auf Erden“ (EG 681, Regionalteil Württemberg) oder „Ach, wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben!“ (EG 528). Es ist kein Bleiben, vom ersten bis zum letzten Atemzug ist unser Leben immer wieder Veränderungen unterworfen. Manchmal sind es Entscheidungen, die wir selbst treffen, und manchmal sind es Ereignisse, die wir nicht selbst gerufen haben. So wie jetzt. Eine Zeit, die vielleicht als Wendepunkt, auf jeden Fall aber als einschneidend in Erinnerung bleiben wird. Bereit sein zu Aufbruch und Veränderung – als Dauerzustand ist das anstrengend. Aber vielleicht können wir aus diesen extremen Zeiten etwas mitnehmen für die Zukunft: ein bisschen weniger Starrheit, ein bisschen mehr Elastizität im Umgang mit Unerwartetem.

„Pilger sind wir Menschen“ (#lautstärke, Kirchentagsliederheft 2019)
Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort,
unerfüllte Sehnsucht treibt uns fort und fort.
Wer hört unsere Bitte, wer will bei uns sein?
Komm in unsere Mitte, Herr, tritt bei uns ein!
Komm in unsere Mitte, Herr, tritt bei uns ein! (2)


Quellenhinweise
1 Text und Melodie: Claudia Mitscha-Eibl 1983/1994.
2 Text deutsch: Diethard Zils; Musik: (Pomp and Circumstances Nr. 1 von Edward Elgar, Melodie »Land of hope and glory«) © tvd-Verlag Düsseldorf.

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