Ostersonntag (12. April 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Markus Eckert, Fellbach [markus.eckert@ekw.de]

1. Korinther 15,(12-18)19-28

IntentionAn Ostern geht es ums Ganze. Es geht nicht mehr nur um einzelne Menschen, sondern um Herrschaft, Macht und Gewalt und den Tod selbst. Darauf möchte ich in diesen Krisenzeiten aufmerksam machen. Wegen Ostern bleibt nichts, wie es war.

15, 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1).26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

Alles paletti!Es gibt Menschen, die sind mit sich und Gott und ihrem Herrn Jesus im Reinen. Sie haben das Angebot, das Jesus für sie am Kreuz gestorben ist, um ihnen Leben zu schenken gerne und gut aufgenommen. Und es war für sie eine Befreiung. Eine Befreiung in ein neues Leben hinein.
Ich stelle mir eine Mutter vor, die ständig im Zweifel war, ob sie es richtig macht mit der Erziehung ihrer Kinder und durch die Geschichten und die Geschichte von Jesus erkannt hat: Ja, du wirst Dinge falsch machen in der Erziehung, aber deshalb musst du nicht in Sack und Asche gehen. Du sollst die Dinge so gut wie möglich machen, sicher, aber nicht an den Fehlern verzweifeln.
Oder einen Kaufmann, der endlich den Mut gefasst hat, sein bisheriges Geschäftskonzept über den Haufen zu werfen, weil er, ermutigt von der Geschichte und den Geschichten Jesu, gesagt hat: Ja, ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt, aber ich vertraue Gott, dass er einen Weg für mich weiß, auch wenn ich scheitere.
Und beide: Mutter wie Kaufmann, haben ihren Glauben an Jesus nicht bereut – sie kommen, so sagen sie, besser, befreiter, glücklicher durchs Leben. Danke Jesus! Du hast uns geholfen, mein Leben in den Griff zu bekommen. Sie loben Gott – zurecht.

Wie geht das alles weiter?Aber es gibt auch das andere. Als ich Herrn F. nach dem Tod seiner Frau begleite, ist für ihn eine Welt zusammengebrochen. Es geht ihm nicht darum, ob er wieder fröhlich wird, ob Gott ihm hilft, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er hat nur eine – sehr grundsätzliche - Frage an mich: „Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“ „Ja!“, sage ich und weiß: damit fangen die Fragen ja erst an. Denn wie sieht das Ganze denn aus? Dieses Leben nach dem Tod. Werden wir unsere Liebsten wiedersehen? Wie wird es sein im Paradies? Sind da weiße Strände oder ist da die leuchtende Stadt Jerusalem? Wie stelle ich mir das vor und wie stellst du dir das vor?
Und zudem bin ich aufgeklärt: Der Mensch vergeht, das ist der Fakt! Der Körper wird zerfallen oder in der heutigen Zeit häufig verbrannt. Und danach bleibt das Grab, wenn es denn überhaupt noch eines gibt, 20 Jahre noch. Das ist es. Ob da was weitergeht? Die einen sagen Himmel, die anderen Wiedergeburt, die Nächsten sagen die Seele schwebt frei. Wer weiß das schon. Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind? Und ist das überhaupt die Frage? Hauptsache, mir hilft mein Glaube jetzt. Was dann passiert – lasse ich mal dahingestellt. Kann man das so sagen?
Paulus dagegen wird konkret: Auferstehung der Toten! Das ist es, was er erwartet. Kernig und sperrig. Und: Es gibt eine klare Ordnung, wie das alles vonstattengeht: Zuerst Christus, dann die, die zu ihm gehören, danach…
Paulus macht jetzt das Bild groß! Geht von der Nahaufnahme in die Totale. Es geht nicht mehr um mich oder dich oder um die Frau von Herrn F. Es geht ums Ganze und um DAS Ende! Es geht nicht mehr um Menschen, sondern um Herrschaft, Macht und Gewalt und den Tod selbst. Was für Herrn F. als Zusammenbruch seiner eigenen Welt begann, endet bei Paulus in der Supernova des ganzen Universums. Nichts, wirklich gar nichts in der Welt bleibt, wie es war!

Alles andersIn diesen Tagen ist auch nichts, wie es mal war. Wir ziehen uns zurück, anstatt hinauszugehen. Wir gehen auf Abstand und bleiben zuhause und das alles gar nicht mal so sehr für mich und meine Familie – wir sind jung –, sondern, damit die Gruppen geschützt werden, die gefährdet sind. Die Alten und die Jungen, die eine Vorerkrankung haben wie Asthma, Diabetes oder eine Herzkreislauferkrankung.
Je länger wir aber drinnen bleiben, desto unzufriedener werden die Einzelnen allerdings. Für Viele ist es ja auch eine finanzielle Katastrophe. Andere haben einfach keine Lust mehr, allein zu sein. Sie wollen endlich wieder unter Leute und blicken zum Beispiel sehnsüchtig nach Schweden, wo die Gaststätten noch offen haben (heute, wo ich das schreibe jedenfalls noch). „Ich will endlich wieder raus und ordentlich den Frühling genießen!“ Ich kann das sehr gut verstehen! Manche werden depressiv, andere werden kreativ, und bei manchem schlüpft aus einer gewöhnlichen Raupe ein bunter Schmetterling heraus.
Und die Kirchen versuchen ganz neue Formen zu finden, wie man Ostern in diesen Zeiten feiern kann.

Es geht um alles!An Ostern geht es um die Auferstehung Jesu – Und dass sich alles verändert. Es geht „um alles, das unter die Füße Gottes“ gelegt wird. Und nicht nur die Welt verändert sich, auch Jesus Christus wird sich verändern. Er unterwirft sich, damit „Gott alles in allem“ sei. Und mir stockt der Atem!
Wo kommt da denn noch die Frau von Herrn F. unter, wo kommen die denn unter, die mit ihrem Gott und Herrn Jesus im Reinen sind, wo komme ich unter mit meinen Bedürfnissen und Fragen und meiner Lust auf Leben?
Ich kann nachvollziehen, wenn man es nicht mehr hören kann: Dass es um das Ganze geht, um Alles. Die Kurve, die wir versuchen abzuflachen – das ist ja nur ein Konstrukt aus Zahlen. Es geht doch auch um mich und mein Wohlbefinden, meinen Trost, den ich brauche im Zusammensein mit meinen Freundinnen und Freunden, im Zusammensein mit meiner Frau oder dem Feiern der Schöpfung und des Lebens. Und ist es nicht so, dass wenn ich glücklich bin, dann strahlt mein Glück auf alle anderen aus?
Und wenn wir wieder raus dürfen und endlich wieder das Leben feiern dürfen, dann sollen schon die anderen drinbleiben, die gefährdeten Alten halt, aber unser Leben muss sich doch entfalten können!
Es geht ums Ganze! Ja, das ist eine persönliche Kränkung, weil es nicht individuell um mich geht, aber wenn es ums Ganze geht, dann – ja, das ist die große Hoffnung – dann wird auch wirklich keiner vergessen. Nicht: „Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht“, sondern: „Weil Gott an alles denkt, denkt er auch an mich!“
Dann geht es eben genauso um meinen Nachbarn, der vielleicht krank liegt, wie um Frau F. und ihren Mann, dann geht es sogar um die, die ich nicht kenne und die in Syrien nicht ein noch aus wissen, es geht auch um unsere Schöpfung, die unter unserer Beanspruchung stöhnt und weint, es geht um alle, die ich gar nicht bedenke, weil mir ihr Leid zu abseitig erscheint oder ich es gar nicht anschauen mag, weil es mir zu groß und zu ungeheuerlich wäre.
Es geht um alle und es geht ums alles, weil Gott es so will.

Alle gespannt?Ich finde, das ist ein spannender Ausgangspunkt, dieses: Alles wird anders.
Ich bin gespannt, was wir aus unserem Experiment in Coronazeiten machen und was es mit uns macht. Jetzt wo wir mehr oder weniger alle zuhause bleiben, um es für alle besser zu machen. Welche Veränderungen werden wir als positiv und wichtig mitnehmen? Werden wir ein anderes Gemeinschaftsgefühl haben – ein besseres? Was wird es uns bedeuten, Ostern anders zu feiern?
Ich bin ostergespannt wie Herrschaft, Macht und Gewalt sich verändern – und wie wir uns verändern, wenn wir hören und uns erzählen und es feiern, dass der Tod besiegt ist und Gott alles in allem.
Amen.

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