Autorin / Autor: Codekan Dr. Gottfried Claß, Friedrichshafen [gottfried.class@elkw.de]

Matthäus 28, 1-10

IntentionOstern ist das Fest, das mit Gottes Zukunft rechnet. Auch in dieser Corona-Krise ist es das Fest gegen die Armseligkeit des Glaubens und unserer kleinen Hoffnung.

28,1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.


Liebe Gemeinde, am Osterschrecken vorbei kommen wir nicht zur Osterfreude. Ostern ist nicht das Sahnehäubchen auf Frühlingsgefühle. Nein, die gewaltigsten Mächte sind hier im Spiel. Die Erde bebt. Der Boden unter den Füßen wankt. Das ganze Gefüge dieser Welt wird erschüttert. Die Wächter, die die alte Machtordnung verteidigen, fallen wie tot um. Und Maria Magdalena und die andere Maria trifft fast der Schlag, als sie zum Grab Jesu kommen.
Sie wollten dort noch einmal Abschied nehmen. Sich erinnern. Einen Ort für ihre Tränen haben. Es ist ein Weg, den ja viele von uns kennen. Wenn Sie schon selbst einen geliebten Menschen begraben mussten, kennen Sie jene Stille und jenes lebendige Gedenken, das sich am Grab oder vor der Urnenwand einstellen kann.
Aber die beiden Frauen finden nicht, was sie suchen. Die Grabstätte ist unheimlich, ganz verändert. Da ist nur eine Leere. Und dann schockt sie der Engel mit seinen Worten: „Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden.“ Nicht hier! – mit einem schockierenden Nein beginnt das österliche Ja. Nicht hier – aber wo ist er dann? Tot bleibt tot! Soll das nicht mehr gelten?
Alle waren sich am Karfreitag tod-sicher. Jetzt sind wir diesen Jesus los, für immer und ewig. Die einen reiben sich triumphierend die Hände. Die anderen tragen ihre ganze Hoffnung zu Grabe. Doch alle machen sie die Rechnung ohne den lebendigen Gott. Das nimmt er nicht hin, dass sein geliebter Sohn so endet: am Kreuz – unter Qualen – als Gespött der Menschen. Und Gott handelt, ohne dass ein Mensch beteiligt wird oder zusieht. Schon am nächsten Tag, am Sabbat. Für Gott steht so viel auf dem Spiel, dass er selbst sein Sabbatgebot bricht.
Was ist die göttliche Antwort: Gericht – Strafe – Vernichtung, wie in der Sintflutgeschichte? Nein, Gott löscht die Bösen nicht aus. Er ruft Jesus ins Leben. In ein Leben von ganz neuer Güte. Dem Leid, Krankheit und Tod nichts mehr anhaben können. So weist Gott den Tod und die Mächte des Bösen in die Schranken. Und so kommt es zu diesem wundersamen Ostermorgen. Wo ein Engel vom Himmel herabkommt und den Stein von Jesu Grab weg wälzt. Und sich geradezu lässig und demonstrativ auf diesen Stein setzt: „Seht her“, scheint er zu sagen, „auch durch Tonnengewichte konntet ihr Jesus nicht ausschalten“.
Wie sollen Maria Magdalena und die andere Maria das begreifen? Dass die Pforten der Hölle und des Todes aufgesprengt worden sind! Dass sie eigentlich keinen Grund mehr haben, um Jesus zu trauern! All die Jahrhunderte, die nach ihnen kommen, reichen nicht aus, um zu ermessen, wie sehr in den ersten Stunden jenes Ostermorgens das ganze Gefüge dieser Welt erschüttert worden ist.

Uns steckt freilich noch eine ganz andere Erschütterung in den Knochen: die Corona-Krise. Alle waren wir felsenfest überzeugt: Es geht immer so weiter wie bisher. Und nun das: Stillstand – Unnormal-Zustand – weltweit – in allen Bereichen.
Und doch ist diese Erschütterung von ganz anderer Art. Das Virus erschüttert uns als tödliche Bedrohung. Weil es uns damit konfrontiert: Mitten im Leben seid ihr vom Tod umfangen. Ostern aber erschüttert uns mit dieser unglaublichen Botschaft: Mitten im Tod seid ihr vom Leben umfangen.
Zurück zu den beiden Frauen: So verstört sie sind, – sie lassen sich doch auf das Wort des Engels ein. Und siehe da, es ist ein Lebenswort: Es löst sie aus der Starre. Sie machen sich auf den Weg – hin- und hergerissen zwischen Furcht und Freude. Zwischen: „Das kann nicht wahr sein!“ und „Wenn das wahr wäre, dann...!“‘ So eilen sie weg vom Grab – und was passiert? Sie rennen geradewegs in die Arme Jesu, der sie als Auferstandener empfängt.
Aus dieser Erfahrung heraus sagen die beiden Frauen uns: „Seit Ostern könnt ihr euch nicht allein an das halten, was eure Augen sehen. Menschenaugen erkennen nur: ‚Jesus ist nicht hier; das Grab ist leer‘. Lasst los, was ihr seht. Vertraut dem Wort des Engels. Es wird euch durch alle Zweifel hindurch den Weg zur österlichen Freude bahnen.“
Für die beiden Frauen gewinnt es an Gewissheit: Der Engel, die Stimme, das alles ist wirklich wahr. So wie Maria nach der Verkündigung des Engels das Kind gebar. So wie die Hirten auf den Ruf der Engel hin nach Bethlehem eilten und das Kind fanden. So finden die Frauen auf dem Weg den Auferstandenen, von dem der Engel sprach. „Und sie traten zu ihm und griffen an seine Füße und fielen vor ihm nieder“. Nun ist es also doch kein leerer Wahn. Kein Wunschtraum, an den sie ihr Herz gehängt hatten. Nein, Gott hat wirklich sein Ja und Amen gesprochen zu all dem, was Jesus gesagt und getan hatte. Sein Tod ist das Tor eines neuen Anfangs. Die Geschichte mit ihm geht weiter. Auf neue Weise.

„Und siehe, der Auferstandene geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen“. Galiläa, das ist Alltag pur. Dort sollen sie dem Auferstandenen begegnen. Wir auch? Ja, auch wir. In unserem Galiläa. Mitten in der Krise, die so viel Unheimliches hat, will der Auferstandene für uns da sein:

Als Lichtblick und Trost. Wenn ein Lied oder ein Wort wie mit unsichtbarer Hand das Bedrohliche zurückdrängt und sich ein Raum auftut, wo ich aufatmen, Mut schöpfen kann.
Der Auferstandene ist für uns da als Klagemauer. „Christus, sieh doch die Abgründe und Not, in die diese Krise viele von uns stürzt. Wie lange noch??? Lass uns doch bald das Licht am Ende des Tunnels sehen?“
Er ist für uns da als Verteidigungsmauer gegen die Angst und Verlassenheit. Und sagt uns: „Ich bin auch jetzt nur ein Gebet weit von dir entfernt. Du gehst nicht verloren. Ich stehe mit dir diese Zeit durch.“
Er ist für uns da als Kraft, die Last noch einen Schritt weiter zu tragen. Mitten in den Schrecken, die täglich auf uns einstürmen, begleitet uns sein „Fürchte dich nicht!“

Vor allem aber ist der Auferstandene ist unter uns gegenwärtig als Hoffnung und Zukunftsversprechen. Damit wir mehr erhoffen für uns und diese Welt – und über diese Welt hinaus. Dazu zum Schluss noch eine Entdeckung an unserer Ostererzählung: Matthäus unterstreicht ganz dick die Zeitangabe: „Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach…“ Wir erinnern uns: Der Sabbat ist Höhepunkt und Abschluss der ersten Schöpfung Gottes. Und nun sagt Matthäus: „Seht her, was am Tag nach dem Sabbat geschieht. Was da ans Licht kommt! Gottes neue Schöpfung! Der Ostermorgen ist ein neuer Schöpfungsmorgen. Er stellt alles Bisherige in den Schatten.“ Die erste Schöpfung ist stets gefährdet durch einbrechendes Chaos. Das erleben wir mit jeder ernsten Erkrankung. Das erleben wir in der Corona-Pandemie ganz massiv. Gottes neue Schöpfung aber ist eine Welt ohne Schmerzensschreie, ohne Leid und Tod. Die Vision des himmlischen Jerusalems kennt keine Nacht mehr. Dort werden auch die bedrohlichen Nächte der Krankheit nicht mehr sein. Auf diese neue Welt dürfen wir hoffen.

Und was ist mit den Toten? Mit all denen, die durch das Corona-Virus gestorben sind oder noch sterben? Was ist mit den ungezählten Menschen, die im Lauf der Weltgeschichte um ihr Leben betrogen wurden? Kein Mensch macht sie wieder lebendig. Keine Revolution kann ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ohne Hoffnung auf Gott ist für all diese Menschen nichts zu erwarten. Doch Ostern verspricht: Gott handelt auch jenseits der Todesgrenze. Dieser auferstandene Christus wird dich mitreißen, wenn dein letztes Stündlein schlägt – mitreißen in ein neues Leben. Glaub es ihm! Der Auferstandene wird mit seinen durchbohrten Händen und Füßen über das Totenfeld der Erde gehen und zu Tage fördern, was sich längst in Staub aufgelöst hat über den Himmeln von Auschwitz und Hiroshima, im Krater des World Trade Centers, unter der Erde von Srebrenica und der Foltergefängnisse von Damaskus.Und dann wird er wahr machen, was er versprochen hat: Ich lebe – und ihr sollt auch leben! Traut es ihm zu!

Ostern ist auch in dieser Corona-Krise das Fest gegen die Armseligkeit des Glaubens und unserer ach so kleinen Hoffnung. Ostern ist das Fest, das mit Gottes Zukunft rechnet. An Ostern feiern wir den Anfang vom Ende des Todes. Amen. Diese Hoffnung verändert unsere Gegenwart. Hier und heute, und in den kommenden Wochen. Amen.

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