Exaudi (24. Mai 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Florian Link, Stuttgart-Bad Cannstatt [Pfarramt.Bad-Cannstatt.Stadtkirche2@elkw.de]

Jeremia 31, 31-34

IntentionDie Erzählpredigt gibt der aktuellen, vom Corona-Virus dominierten Situation Raum. Sie führt vor Augen, welcher Glaube, welche Verbundenheit und Beherztheit unter heutigen Bedingungen aus dem „Bund“ mit Gott erwachsen können.

31,31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss,
als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen,
mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Das Volk Israel geht durch eine tiefe Krise. Mitten in dieser Notzeit verheißt Gott seinem Volk durch die Worte des Propheten Jeremia einen neuen Bund, einen Bund, der zu Herzen geht. Hören wir, liebe Gemeinde, als Auslegung des Predigttextes eine Geschichte, wie ein etwa vierzigjähriger Lehrer in der heutigen, vom Corona-Virus dominierten Zeit selbst vieles lernt; wie er neue Verbindungen, eine neue Verbundenheit und eine neue Beherztheit für sich entdeckt.

Da will ich mit dem Hause (…) einen neuen Bund schließen„Meinst Du, es lässt sich etwas aus der ganzen Sache lernen?“ „So etwas kann auch nur ein Lehrer fragen!“ Die Augen meiner Frau blitzen. „Warum? Ist das nicht eine Frage, die viele derzeit bewegt?“ Leicht gekränkt drehe ich mich weg. Ich hole tief Luft, öffne die Balkontür und trete hinaus. Das wochenlange Aufeinandersitzen zehrt an den Nerven. Ich weiß.
Draußen lasse ich meinen Blick über das Haus schweifen, in dem wir leben. Unten im Souterrain tönt leise Musik durch das geöffnete Fenster. Der junge kroatische Krankenpfleger, der dort wohnt, genießt seinen Feierabend. Die große Wohnung im Erdgeschoss ist das Domizil eines Mannes mittleren Alters. Er arbeitet noch – so wie fast immer. Er ist in der IT-Branche tätig und kann sich gerade vor Aufträgen nicht retten. Auch der kleine Garten gehört zu ihm. Unsere Familie lebt im ersten Stock. Ich blicke hinauf, wo seit eh und je eine ältere Dame das Dachgeschoss bewohnt. Sie schaut sicher gleich Nachrichten. Die Glocke vom nahen Kirchturm schlägt sieben Uhr abends. „Meinst Du, es lässt sich etwas aus der ganzen Sache lernen?“ Auch wenn meine Frau sich über diese Frage ärgert – wenn ich an unser Haus denke, so habe zumindest ich viel gelernt in der letzten Zeit.

Noch im Januar gab es hier Riesenstreit. Ich habe den Eindruck, das ist schon ewig her. Wie aus einer anderen Welt. Der junge Kroate hat die Kehrwoche nicht erledigt. Ich stelle ihn zur Rede, alle müssten sich an die Hausordnung halten. Er meint, er habe Überstunden gemacht. Ich lasse das nicht gelten. Am Ende schlägt er mir die Tür vor der Nase zu. Dann mischt sich die Dame von oben ein: „Früher haben sich alle an die Regeln gehalten. Da war die Hausordnung unumstößliches Gesetz.“ Das ist auch schon ewig her, denke ich. „Die Zeiten sind einfach vorbei!“ – belehre ich sie. Ab da herrscht Eiszeit im Haus.

Doch dann bricht eine ganz andere Zeit an. Völlig unvorhergesehen. Corona. Aus der Schule waren einige Kollegen Skifahren und kamen krank zurück. Bei einem von ihnen muss ich mich angesteckt haben. Ich bekomme leichtes Fieber. Husten. Von einem Tag auf den anderen ist unsere Familie in Quarantäne. Meine Frau, unsere 14jährige Tochter, der siebenjährige Sohn und ich.
Da klingelt es. Der junge Kroate. Ich starre ihn an. „Die Nachbarin hat mir gesagt, dass Sie in Quarantäne sind. Ich wollte jetzt fragen: Brauchen Sie was? Ich gehe einkaufen.“ Freunde haben uns gut versorgt. Aber der Kaffee ist alle. Kurz darauf steht ein Päckchen vor unserer Tür. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß
Die Krankheitssymptome halten sich bei uns in Grenzen. Bald sind wir genesen. Betroffen verfolgen wir dagegen, wie nach und nach alles geschlossen und abgesagt wird. Keine Schule mehr, die Läden zu, alles dicht. Abends um halb 8 läuten nun die Kirchenglocken. Unabgesprochen wird es unser Familienritual, auf dem Balkon dem Geläut zu lauschen. Gesungen wird in unserer Nachbarschaft nicht dazu. Nicht einmal meiner Frau ist danach zumute – obwohl sie von Beruf Sängerin ist. Aber all ihre Engagements über die Passions- und Osterzeit wurden ausnahmslos abgesagt, die Gagen größtenteils gestrichen. Wir kommen ja mit meinem Gehalt einigermaßen über die Runden, etliche ihrer Künstlerfreunde aber werden von nackter Existenzangst heimgesucht.

Unsere Tochter malt einen Regenbogen. „Warum machst Du das?“, fragt unser Sohn, als sie das Bild an der Scheibe befestigt. „Der Regenbogen ist nach einem Gewitter wie ein himmlisches Zeichen, dass der Sturm vorbei ist. Deshalb steht der Bogen für Hoffnung. Gerade jetzt“, antwortet sie. „So war das auch schon bei der Arche Noah,“ springt meine Frau ihr bei. „Da hat Gott einen Bogen an den Himmel gezeichnet, damit die Menschen sehen: Gott meint es gut mit uns. Er schenkt uns Frieden. Er bleibt uns verbunden, was auch geschieht. Und das macht Mut.“

Dann kommt Ostern. Der Großelternbesuch – gestrichen. Der kurze Urlaub danach – abgesagt. An Ostersonntag verstecken wir Geschenke in der Wohnung und schauen uns die Filmandacht an, die unsere Gemeinde aufgenommen hat. Da klingelt es. Die Nachbarin oben und der Mann aus dem Erdgeschoss rufen im Chor: „Schnell, Kinder, gerade war der Hase im Garten. Der hat sicher was für euch gebracht.“ Begeistert rennen die Kinder nach unten. Solange sie die Süßigkeiten suchen, sagt der Nachbar zu uns: „Ihre Kinder können jetzt gerne mal den Garten nutzen. Nur in den eigenen vier Wänden, das hält ja keiner aus.“ So ist Ostern ein Neuanfang für mich, was unser Haus betrifft. Die Eiszeit ist vorbei. Oft sind wir jetzt um halb 8 alle draußen, hören auf die Glocken und unterhalten uns. Meine Frau beginnt auch wieder, mit dem Chor zu proben, den sie leitet. Zumindest digital. Der Nachbar hat ihr geholfen, das entsprechende Programm auf unserem Computer zu bedienen – trotz der Arbeit, die er hat. Eine schöne Form, seine Solidarität mit der Künstlerin zu zeigen. Denn während sie derzeit leer ausgeht, verdient er sicher gut.

Das soll der Bund sein: Sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott seinUnd dennoch: So schön das Osterfest und die positiven Entwicklungen danach sind: Die Ungewissheit, was werden wird, lastet mehr und mehr auf uns. Besonders bedrückend ist dabei der Sonntag Mitte Mai für uns. Denn da ist seit über einem Jahr die Konfirmation unserer Tochter geplant, die wir mit der ganzen Verwandtschaft feiern wollten. Auch dieses Fest muss verschoben werden. Am Samstag davor aber findet unsere Tochter im Briefkasten eine Karte der Kirchengemeinde mitsamt dem Kreuzanhänger, der ihr eigentlich bei der Konfirmation überreicht worden wäre. Feierlich legt sie ihn an. „Bist Du sehr traurig, dass die Konfirmation verschoben werden muss?“, fragt meine Frau. „Natürlich,“ antwortet unsere Tochter, „aber wir holen sie ja nach. Und ich finde es schön, dass wir die Kette mit dem Kreuz schon jetzt bekommen haben. Da fühle ich mich mit den anderen verbunden.“ Nachdenklich blickt meine Frau auf das Kreuz. „Da wird einem noch einmal neu bewusst, wofür das Kreuz steht: dass Gott uns zur Seite steht, gerade wenn es uns nicht gut geht.“

Mittlerweile ist Ende Mai. Jetzt leben wir schon seit Monaten mit Corona – und doch sind wir nicht darauf gefasst, dass sich die Nachbarin oben letzte Woche mit Corona angesteckt haben muss – und sie kommt nicht so glimpflich davon wie wir. Sie ist im Krankenhaus, wo sie beatmet werden muss. Der kroatische Nachbar schaut im Krankenhaus ab und an bei ihr vorbei und hält uns auf dem Laufenden. Das ganze Haus ist in Sorge um sie – und abends auf dem Balkon sprechen wir seitdem ein Gebet für sie. Für uns ist das eine neue Erfahrung. Aber eine schöne. Es verbindet auf eine tiefe Art und Weise. Und der Blick auf die Menschen, für die wir beten, ändert sich. Er wird liebevoller.

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Und es wird keiner den andern (…) lehrenIch höre, wie meine Frau zu mir auf den Balkon kommt. Gleich ist es halb 8. Eine seltsame Zeit. So viele verlorene Selbstverständlichkeiten. So viel Ungewissheit. Und doch fühle ich mich zuversichtlich. Ich schaue mir den Regenbogen im Fenster an. Viel habe ich gelernt in den vergangenen Wochen. Über die Nachbarn, über mich, über das Beten, den Glauben. Mir ist wieder bewusster geworden, was mir am Herzen liegt. Und in unser Haus ist ein neuer Geist eingezogen – ein neues Miteinander. Wir lernen voneinander, ohne dass einer den anderen belehrt. Wir halten Abstand – und sind einander doch nahe. Ostern und Pfingsten, neues Leben, neuer Geist. Und wir sind mitten drin.

Wie es nach Pfingsten weitergehen wird? Das kann noch niemand genau sagen. Die Erkrankung unserer Nachbarin macht uns deutlich: Die Infektionsgefahr ist noch nicht gebannt. Und doch schaue ich nicht ängstlich in die Zukunft. Eher ... beherzt. Mir scheint: In einer Zeit, in der die Zukunft so unplanbar ist, da werden die Werte noch einmal wichtiger, die uns Orientierung geben. Sie weisen uns die Richtung, auch wenn das Ziel noch nicht erkennbar ist. Für mich ist das der Glaube, dass uns die Zukunft trotz allem offensteht – wie bei Noah, als er den Regenbogen sieht. Die Verbindung zu Gott. Das Vertrauen, dass wir unseren Weg nicht alleine gehen müssen. Und Mut macht mir auch der neue Geist in unserem Haus. Diese neue Verbundenheit und Beherztheit.

Ob unser Haus da ein Bild für unser Land sein kann?
Jetzt kommen noch die Kinder zu uns heraus. Die Glocken beginnen zu läuten. Wir schauen uns an und sprechen unser Gebet für die kranke Nachbarin. Gott helfe ihr! Er sei bei ihr und bei uns in unserem Sinn und in unserem Herzen.
Amen.

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