2. Sonntag nach Trinitatis (21. Juni 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Manuel Stetter, Tübingen [manuel.stetter@uni-tuebingen.de]

Matthäus 11, 25-30

Intention„Kommt her“ und „lernt von mir“ – der Predigttext stellt Jesus in den Horizont der Weisheit. Und wie die Weisheit geht auch seine ‚Lehre‘ über die Vermittlung bloßer Kenntnisse hinaus. Von Jesus lernen heißt: eine Erfahrung machen, die einen nochmals anders in die Welt stellt: lebendiger, freier, standfester, vielleicht aufrechter.

Einführung: Das Wissen der WeisheitIn der Bibel gibt es eine Gruppe von Texten, die manchmal etwas zu kurz kommt. Man nennt diese Texte Weisheitsliteratur. Denn: Genau das möchten sie: weise machen, smart. Wer sie liest – so das Versprechen – der wird klug, der lernt etwas, der weiß nachher mehr als zuvor.
Wobei Wissen jetzt nicht so eine Art Faktenwissen meint wie ‚Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland‘ oder ‚Origami ist eine japanische Papierfaltkunst.‘ Das Wissen, das die Weisheit sucht, ist praktischer, ja, existenzieller:
‚Hochmut kommt vor dem Fall‘ – das wäre so ein Satz der Weisheit; Buch der Sprüche, Kapitel 16. Oder: ‚Ein jegliches hat seine Zeit: geboren werden, sterben, weinen, lachen …‘ Sie kennen den Text wahrscheinlich; Kohelet, Kapitel 3. Hier geht es nicht um das Wissen von Fakten, sondern um das Verstehen des Lebens. Und während ein Satz wie ‚Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland‘ für das Handeln von Menschen in aller Regel jetzt nicht die allergrößte Bedeutung haben dürfte, zielt das Verstehen der Weisheit eben darauf ab: auf unsere Lebenspraxis. Die Weisheit beobachtet: Wie sieht unser Leben aus? Welche Erfahrungen machen wir? Und leitet daraus dann praktische Konsequenzen ab: Wie hat man sich in einer solchen Welt einzurichten? Wie verhält man sich, handelt man hier am besten? ‚Hochmut kommt vor dem Fall.‘ Also: Zeige dich demütig, bleibe bescheiden, dann kommst du nicht aus dem Tritt, dann gelingt dein Leben. Tatsächlich ist die Weisheit etwas, zu dem wir heute wahrscheinlich ‚Lebenskunst‘ oder so sagen würden: der Versuch, die Welt und unsere Erfahrungen in ihr zu verstehen, um ein gelingendes, gutes, glückendes Leben zu führen.

Predigttext: Jesus als WeisheitslehrerDer Predigttext von heute ist auch ein Weisheitstext. Klar, er gehört nicht zur Weisheitsliteratur im engeren Sinne; er steht im Neuen Testament, im Matthäusevangelium. Aber er greift auf diese Tradition zurück und stellt uns Jesus als einen Lehrer der Weisheit vor.
„Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Vertiefung: Lernen als Erfrischungskur„Kommt her“ – „und lernt von mir“. Jesus als Lehrer, als Lehrer der Weisheit. Wer ihn hört – so das Versprechen –, der lernt etwas, der wird klug, smart, der weiß mehr als zuvor. – Nur was?
Die erste Antwort, die der Text auf diese Frage anbietet, ist wenig überraschend: Wer auf Jesus hört, der lernt etwas über Gott. Der Sohn „offenbart“ den Vater. So unerhört dieser Anspruch bis heute ist, sosehr haben wir uns, denke ich, daran gewöhnt. Genau deshalb lesen wir ja diese Texte, diese Erzählungen von Jesus: um etwas über uns und unser Leben vor Gott zu erfahren.
Zweite Antwort: Was man von Jesus lernen kann, verlangt keinen besonderen, ja, Intellekt. Auch die „Unmündigen“, die Einfältigen können es verstehen. Jesus schart keine gebildete Elite um sich. Was er zu sagen hat, gilt allen. „Kommt her zu mir, alle“ – nicht nur die Cleveren, nicht nur die Gebildeten, nicht nur die, die schon reich an Lebenserfahrung sind. Die auch! Aber nicht nur. Eben: Alle.
Antwort drei – und das finde ich interessant: Was man hier lernt, das erquickt – so Luthers schöne Übersetzung, das belebt. Lernen als Erfrischungskur! Die Einsicht, um die es hier geht, hat offensichtlich nicht nur etwas mit einem Zuwachs an Kenntnissen zu tun. Die Einsicht, um die es hier geht, macht auch etwas mit einem. Mit ihr fühlt sich das Leben nochmals anders an. Sie beflügelt, animiert. Sie stärkt, verleiht Stand. Es ist auch von „Ruhe“ die Rede. Und schon die Weisheitstexte des Alten Testaments verbanden mit dieser Ruhe viel; sie ist Teil einer ganzen Reihe weiterer ‚Gaben‘ der Weisheit wie Freude – Freiheit – Erfüllung. Alles Beschreibungen, die deutlich machen, dass das Verstehen des Lebens, um das es der Weisheit geht, den Menschen auch in seinem Erleben meint, sein Lebensgefühl betrifft. Was man hier lernt, das macht etwas mit einem, das stellt einen nochmals anders in die Welt: lebendiger, freier, standfester, vielleicht aufrechter.
Aber was genau ist es nun, das man hier lernt? Also inhaltlich. Interessanterweise bietet der Text hier gar nicht so viel an. Das einzige, das man als Antwort auf diese Frage nehmen könnte, ist: dass Jesus „sanftmütig“ sei und „von Herzen demütig“. Und tatsächlich übersetzen manche Ausleger den Text so: ‚lernt von mir‘, nämlich: ‚dass ich freundlich bin und demütig.‘
Vielleicht ist das ja der Clou der Lehre Jesu, der Weisheit, die er verspricht: Hier lernt man nicht nur etwas über Gott und die Welt und sich selbst; hier macht man eine Erfahrung mit Gott und der Welt und sich selbst, nämlich: dass der, der die Welt im Innersten zusammenhält, mir freundlich ist, sanftmütig, von Herzen demütig.
Die Weisheit, die Jesus schenkt, resultiert also nicht nur aus dem Beobachten von Erfahrungen, um dann Schlüsse für unser Leben daraus zu ziehen; die Weisheit, die Jesus schenkt, beruht selbst auf einer Erfahrung: dass es da einen gibt, der einen freundlich und mit Nachsicht ansieht. Und auch das dürfte dann wohl einen enormen Einfluss auf unser Leben haben.

Konkretion: Die Erfahrung der FreundlichkeitWelchen Einfluss, wie dieser Einfluss aussehen kann, wie sich das anfühlt, das illustriert auf sehr schöne Weise eine Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von Ottilia Klein, einer pensionierten Musiklehrerin.
Seit dem Tod ihres Mannes wohnt Ottilia bei ihrer Tochter. Das hatte sich angeboten, weil die Tochter und ihr Mann in ihrer neuen, schicken Wohnung noch ein Zimmer frei hatten, und – als vielbeschäftigte Menschen – einer Unterstützung im Haushalt auch nicht gänzlich abgeneigt waren. Und so oblag es Ottilia, die Wohnung in Schuss zu halten. Dass ihr dabei hier und da auch mal ein Fehler unterlief, war wirklich nicht ihre Absicht: Handtücher falsch eingeordnet, ein, zwei zerbrochene Teller beim Abwasch – das passiert halt mal. Für ihre Tochter passierte sowas freilich nicht ‚halt mal‘. Es war ein Vergehen, und das gab sie ihrer Mutter auch zu verstehen. Nicht dass sie regelrecht laut wurde, nein – jedenfalls nicht so laut wie früher Ottilias Mann, ein aufbrausender Charakter. Nein, direkt laut wurde ihre Tochter nicht, aber schimpfen, das tat sie schon. Und Geschimpft-Werden – dagegen war Ottilia seit jeher machtlos; sie brachte es einfach nicht fertig, hier Haltung, einen festen Stand, Ruhe zu bewahren. Geschimpft-Werden – da sackte sie innerlich zusammen, da entzog es ihr den inneren Halt.
Nun war es wieder soweit – und es war schlimmer als je zuvor: Ottilia hatte die falsche Herdplatte angemacht; auf ihr stand eine Thermoskanne aus schwarzem Plastik. Als sie den Gestank roch, da tropfte auch schon die klebrige Masse auf den schönen Fliesenboden und hinterließ fiese Flecken.
Ottilia – schrubbte; sie schrubbte um ihr Leben. Nicht dass die Flecken besonders groß gewesen wären – aber ihre Angst, die war groß. Angst vor dem Schimpfen und dem – wie Wohmann es wunderbar formuliert – dem „feindschaftlich-pädagogischen Familienschweigen“, das auf das Schimpfen folgte und die schöne, stilvolle Wohnung eiskalt werden ließ. Später am Tag kam der Klempner, der Termin stand schon länger fest, ein vergnügter junger Mann. Als er Ottilias Mühsal mit dem Schandfleck auf dem Boden bemerkte, musste er etwas schmunzeln: „Was schrubben Sie denn hier herum“, fragt er sie. „Das kleine Fleckchen und so eine Plackerei?“ – „Na, wenn Sie wüssten“, erwidert Ottilia. „Also wenn es Sie so aufregt, dann helfe ich Ihnen gleich etwas damit. Ich mache hier nur noch schnell fertig“, meint der Klempner und dreht sich lachend unter das Spülbecken.
In dem Augenblick konnte sich Ottilia nicht mehr halten. Ihr kamen die Tränen. Sie wusste gar nicht genau warum. Aber es musste etwas mit diesem heiteren, sanftmütigen Blick, dieser Freundlichkeit des jungen Mannes zu tun gehabt haben.

Schluss: Der aufrechte GangOttilia und der Klempner – ein Beispiel für die Freundlichkeit Gottes? Warum nicht. Ich möchte mir jedenfalls auch Jesus gar nicht so ganz anders vorstellen als diesen jungen, vergnügten Klemptnerburschen. Wo ich schrubbe – wo ich mich abmühe mit dem Leben und meinen Fehlern, da hält mir Jesus sein heiteres ‚Was plagst du dich denn hier herum?‘ entgehen. Wo das Schimpfen droht – der strafende Blick, der mir den inneren Halt nimmt, da sieht mich Jesus freundlich und mit Sanftmut an.
Wer diese Erfahrung macht, der hat vielleicht ja wirklich etwas gelernt: Der hat etwas verstanden von Gott und seinem Wesen, wie es Jesus offenbart – und der richtet sich in der Welt vielleicht dann ja tatsächlich auch nochmals etwas anders ein: fühlt sich unter Umständen lebendiger, agiert freier, geht womöglich einen Tick aufrechter durchs Leben.
Amen.

Literatur: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8–17), EKK I/2, Zürich u.a. 31999; Gabriele Wohmann, Gnade vor Recht, in: Dies., Schwarz und ohne alles. Erzählungen, Berlin 2008, 207–219.

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