5. Sonntag nach Trinitatis (12. Juli 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [ka.rieker@gmx.de]

Lukas 5, 1-11

IntentionDie Predigt will die Zuhörerinnen und Zuhörer hineinnehmen in die Situation der Fischer vom See Genezareth. Vergeblichkeit und Tradition stehen dem Auftrag Jesu gegenüber. „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“
Die Predigt will die Gemeinde mitnehmen in den Entscheidungsprozess zum Wagnis des Jesusvertrauens: „Aber auf dein Wort hin…“
Die Predigt will die Hörerinnen und Hörer ermutigen, im Alltag Schritte der Nachfolge Jesu zu wagen und Chancen der Versöhnung zu nutzen. „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du …“

5,1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.
2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde!
„Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“
So lauten die Worte Jesu an Simon Petrus, und damit ist ein Berufswechsel geschehen, der dramatischer und drastischer nicht sein könnte. Vom einfachen Fischer am See Genezareth zu einem Hauptmissionar der späteren Kirche.
Wer von Ihnen, liebe Gemeinde, schon einmal in seinem Leben den Beruf gewechselt hat, der weiß, welche schwerwiegenden Überlegungen und biographischen Einschnitte einer solchen Entscheidung vorausgehen. Sie muss dann durchgestanden und manchmal auch erkämpft werden, gegenüber den Eltern als junger Mensch, gegenüber Ehepartnern, aber auch gegenüber den eigenen Ängsten und Zweifeln.
Genau so ist es in unserer Geschichte vom Berufswechsel der Jünger. Von einfachen normalen Seefischern in Genezareth werden sie zu wagemutigen und selbstbewussten Menschenfischern in Galiläa.
„Sie verließen alles und folgten ihm nach“, so heißt es am Schluss.
Vorausgegangen aber ist etwas, das einschneidend und schwerwiegend war für sie.
Und genau das, liebe Gemeinde, wollen wir uns heute Morgen einmal etwas genauer ansehen.
Wir wollen uns einmal in die Rolle und Situation der Jünger hineinversetzen, wir wollen uns in sie hineindenken, wollen uns überlegen, was sie gefühlt, gedacht, gespürt haben.
Und wir werden sehen, dass diese Regungen, Gedanken und Erfahrungen auch uns nicht fremd sind und auch in unserem Leben vorkommen.

Erfahrungen der Nacht und der VergeblichkeitDa ist zuerst einmal die Erfahrung der Nacht.
„Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“
Viele Leute könnten diese Worte wortwörtlich genauso aus ihrem eigenen Leben sagen.
Es sind Menschen, die gearbeitet und sich geplagt haben, und nichts ist dabei herausgekommen.
Nächte, die sie durchwacht haben in Sorge, in Gedanken an den Morgen, und dann kommt der Morgen und es ist immer noch dasselbe Elend.
Nächte, die sie durchgearbeitet haben, weil eine Prüfung anstand, und dann kommt die Prüfung, und man besteht sie nicht.
Vergeblich war alles, was man gepaukt und geleistet hat – scheinbar.
Wer kennt solche Erfahrungen nicht?
Erfahrungen der scheinbaren Vergeblichkeit, die einen zweifeln lassen an sich selber und am Sinn aller Mühe und Plage.
Besonders schlimm ist es, wenn der Lebensunterhalt davon abhängt, wie es bei den Fischern am See Genezareth der Fall war. Sie hatten nichts gefangen, und ihre Familien hatten nichts zu essen.

Solche Misserfolge treffen die Menschen auch noch heute.
Da hat ein Landwirt seine Ernte eingebracht, schwer dafür gearbeitet, und nun bekommt er kaum etwas dafür.
Da hat sich eine im Betrieb Mühe gegeben und gut gearbeitet – und nun ist sie arbeitslos, der Betrieb ist geschlossen.
Da hat sich einer ein kleines Geschäft aufgebaut, hat einen Kredit aufgenommen und ein Ladenlokal angemietet, und nun kommt die Corona-Krise, er muss schließen und steht vor dem Nichts.

Jesus kommt und spricht zu den MenschenIn einer solchen Situation nun begegnen die Fischer Jesus.
Jesus braucht ihre Hilfe.
Viele Leute sind zusammengekommen, und er will zu ihnen reden.
Aber er braucht Platz.
Er braucht einen Ort, von dem aus ihn alle sehen können.
Und so bittet er die Fischer, dass sie mit ihrem Boot ein wenig in den See hinausfahren und er vom Schiff aus zu den Leuten reden kann.
Sie werden sich gewundert haben, die Fischer.
Was soll das?
Was will der für Reden halten?
Von großen Reden werden wir nicht satt – so werden sie gedacht haben.
Und es stimmt ja auch.
Von Worten kann man nicht abbeißen.
Wenn einer in Not ist, wenn es einem schlecht geht, dann können Worte meistens auch nicht helfen, sie können sogar verletzen.
Trauernde zum Beispiel klagen darüber, wie oberflächlich und banal ihre Nachbarn und Freunde sie trösten wollten, mit Worten, die zwar gut gemeint, aber eben nicht hilfreich waren:
„Das Leben geht weiter“, „Kopf hoch, lass dich nicht unterkriegen“, „kommt Zeit kommt Rat.“
So etwas ist nicht nur unnütz, sondern es verletzt auch.
Es verletzt die Seele eines trauernden oder kranken Menschen, wenn ihm oberflächliche und hilflose Worte als scheinbarer Trost gesagt werden.

Was hat Jesus wohl gesagt, damals am See zu den Fischern und zu all den Leuten, die gekommen waren, um ihn zu hören?
„Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.“
So heißt es im Bibeltext.
Stellen wir uns vor, er habe ähnlich gesprochen wie in der Feldrede:
„Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.
Selig seid ihr, die ihr hier hungert, denn ihr sollt satt werden.
Selig seid ihr, die ihr hier weint, denn ihr werdet lachen.“
(Lk 6, 20f)

Es sind nur Worte, aber sie sind von einem gesagt, der nicht oberflächlich ist, sondern bereit ist, für diese Worte zu sterben.
Haben die Fischer das gespürt?
Wie mögen diese Worte Jesu auf sie gewirkt haben?
Sie, die gerade mit einer großen Enttäuschung und einem Misserfolg nach Hause gekommen waren?
Haben sie aufgehorcht und sich gefragt, ob das wohl wahr sein kann?
Oder haben sie die Fäuste geballt und sich darüber geärgert, dass ihnen da jemand von der Fürsorge Gottes redet angesichts ihres Misserfolgs während der vergangenen Nacht?

Jesus mutet scheinbar Unsinniges zuAber Jesus geht noch weiter.
Vielleicht hat er ihren Ärger gespürt, jedenfalls fordert er sie auf, noch einmal auf den See hinauszufahren und ihre Netze noch einmal auszuwerfen.
Es ist Mittag, und die Sonne scheint.
Die Zeit zum Fischen ist aber nachts, das weiß jeder Fischer.
Niemand fährt am Tag zum Fischen auf den See.
Am Tag sind die Fische auf dem Grund des Sees, soweit kommen die Netze nicht hinab. Man fängt nichts.
Es ist eine unsinnige, lächerliche Zumutung, die Jesus ihnen da aufträgt.
Aber, liebe Gemeinde, so geht es einem mit Jesus ja öfter.
Er mutet den Menschen, die ihm begegnen, scheinbar Unsinniges zu.
Es gibt viele Worte Jesu, in denen uns etwas zugemutet wird, das im Gegensatz zu unserer Lebenserfahrung steht.
Nach den Seligpreisungen im 6. Kapitel des Lukasevangeliums folgen Jesu Worte von der Feindesliebe.

„Liebet eure Feinde.
Tut wohl denen, die euch hassen.
Segnet, die euch verfluchen.
Bittet für die, die euch beleidigen.“

Diese Aufforderung scheint zunächst vollkommen unmöglich.
Das widerspricht jeglicher Alltagserfahrung.
Das kann man schwer nachvollziehen, geschweige denn befolgen.

Dem Petrus ging es wahrscheinlich genauso.
Bei Tag zum Fischen auf den See fahren?
Das können wir uns nicht vorstellen.
Das geht nicht.
Das widerspricht jeglicher Berufserfahrung.
Die Väter und Vorväter sind immer nur nachts ausgefahren.
Das hat Tradition, das ist Gewohnheit, das ergibt Sinn.

Aufbruch und Wagnis auf Jesu Wort hinAber, so sagt Petrus dann doch:
„Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“
Und das tun sie dann auch.
Sie fahren hinaus auf den See – und machen einen großen Fang.
Wie ist das möglich?
Es ist unbegreiflich.
Alle Lebens- und Berufserfahrung steht dagegen.
Und vieles von der angeblichen Erfahrung stellt sich am Ende als Unglaube heraus.
Hinter dem Es-geht-Nicht steht oft ein Ich-will-Nicht.
Die scheinbar so überzeugenden Gründe und Sachzwänge sind dann nur Ausflüchte vor dem Wagnis, das Jesus uns zumutet.

Einen Feind lieben – das geht nicht, sagen wir.
Heißt das nicht vielleicht doch in Wirklichkeit: Ich will nicht?
Ich fürchte mich vor dem Misserfolg, vor der Bloßstellung und dem Spott?
Aber da, wo wir auf Jesu Wort hin das Wagnis auf uns nehmen, da kann es ganz anders ausgehen.
Da kann es sein, dass alte Fronten aufbrechen, dass der vermeintliche Feind überrascht ist und versöhnlich reagiert, dass Vorurteile ins Wanken kommen und neue Möglichkeiten des Miteinanders entdeckt werden.
Da kann es sein, dass mitten in einer Corona-Lebenskrise einem Menschen neue Perspektiven aufgehen. Dass Hilfe kommt von Seiten, mit denen man niemals gerechnet hätte.
Dass Nachbarschaften gestärkt werden.
Dass Menschen, die sich vorher nicht einmal gegrüßt haben, plötzlich auf Distanz nahekommen, füreinander einkaufen, miteinander seelsorgerlich telefonieren usw.
Es gibt keine Garantie dafür, dass das „funktioniert“.
Es funktioniert auch nicht wie ein Rezept.
Es ist kein anwendbarer Trick.
Da, wo es geschieht, ist es ein Wunder.
Und wenn wir es genau betrachten, sehen wir, dass nicht unsere Fähigkeiten das bewirkt haben.
Es ist ein Geschenk.

Besondere Augenblicke sind ein GeschenkGenauso, liebe Gemeinde, geht es den Fischern.
Ein unglaublich reicher Fang ist ihnen geschenkt worden.
Sie können es gar nicht begreifen – und sie können es nicht einmal allein bewältigen.
Sie müssen ihre Kollegen zu Hilfe rufen, die mit einem zweiten Boot den Rest des Fanges einholen.

Die Reaktion des Petrus auf dieses Erfolgsereignis ist allerdings ungewöhnlich, und das ist ein weiterer wichtiger Aspekt in dieser Geschichte, den ich zum Schluss noch benennen will.
Normalerweise bedankt man sich für ein Geschenk.
Auch Petrus hätte sich bei Jesus für diesen tollen Fischfang bedanken können.
Aber was macht er?
Er fällt vor Jesus nieder und stammelt:
„Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“

Was ist da wohl vor sich gegangen in diesem Petrus?
Ich denke, die Ausstrahlung Jesu hat ihn ergriffen und betroffen gemacht.
Auch die Besonderheit dieses spektakulären Fangs, die Besonderheit des Augenblickes, in dem er sich ereignet hat, ging ihm nahe.
Solche Besonderheiten, liebe Gemeinde, solche besonderen Augenblicke und Momente gibt es in jedem Leben.
Sie müssen nicht mit Schrecken oder Furcht verbunden sein so wie bei Petrus. Sie können auch von freudiger Art sein.
Wichtig ist, dass uns beides, das Geschenk und die Gefährdung unseres Lebens, immer wieder bewusst wird.
In der gegenwärtigen Krisenzeit wird uns beides dramatisch bewusst.
An jedem Tag haben wir die Chance zu Augenblicken und Momenten der Nächstenliebe in den Spuren Jesu.
Durch solche Augenblicke gestärkt, gehen wir zuversichtlich unseren Weg.
So wie Petrus.
Er ging den Weg der Nachfolge.
Er bekam von Jesus den Auftrag der Verkündigung.

Von nun an wirst du...Und auch das können wir auf uns übertragen und uns fragen:
„Wo habe ich den Auftrag zur Nachfolge?“
„Wo habe ich die Möglichkeit zur Verkündigung?“
Jeder und jede von uns hat an seinem und ihrem Ort viele Möglichkeiten.
Wir müssen nur aufmerksam dafür sein und den ersten Schritt gehen.
Jesus gibt uns mit der Geschichte des Petrus den Auftrag dazu.
Er gibt uns ähnlich wie Petrus eine Verheißung:
„Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du...“
Von nun an wirst du was?
Nun, was von nun an aus dem Leben wird, was von nun an vielleicht sogar anders wird, das muss jetzt jeder und jede von uns sich selber fragen – und sich dann auf den Weg machen.
Amen.

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