8. Sonntag nach Trinitatis (02. August 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Friedemann Bresch, Rottenburg [bresch72072@aol.com]

Johannes 9, 1-7

IntentionDie Frage, wer schuld ist an Unglück und Krankheit, ist zwar verständlich, wird aber von Jesus nicht geteilt. Er stellt alle Menschen ins Licht der Liebe Gottes. So lehrt er einen neuen Blick auf Gott und die Welt. Die Predigt bezieht die an die Perikope anschließende Auseinandersetzung um die Frage nach der Messianität Jesu ein.

9,1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Wer ist schuld?„Was habe ich getan, dass es mir so geht?“ „Warum straft mich Gott mit dieser Krankheit?“ So reagieren die meisten Menschen, wenn sie von einer schweren Krankheit oder einem Unfall getroffen werden oder wenn ein Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt. Ich kann das verstehen: Wir Menschen wollen gerne einen Grund wissen, wenn das Leben eine andere Wendung nimmt als wir gedacht und geplant haben. Man möchte das gerne einordnen. Und wir fragen nach Gerechtigkeit. Was ist daran gerecht, wenn das Kind der einen Frau so auf die Welt kommt, dass es lebenslang gepflegt werden muss, während die andere sich über drei kerngesunde Kinder freut? Und warum trifft der schwere Unfall den einen und lähmt ihn für den Rest seines Lebens, während der andere weiterhin Fußball spielt und Skifahren geht? Das muss doch einen Grund haben.
So denken auch die Jünger von Jesus, als sie den Blinden vor dem Tempel sitzen und betteln sehen. Auf der Schwelle zwischen heilig und profan sitzt er. Der Tempel ist die Wohnung Gottes. Hier ist alles in Ordnung. Sollte es zumindest sein. Blinde und Lahme haben da keinen Zutritt. Sobald man aber diesen Schutzraum verlässt, stolpert man über sie. Es ist ein wenig wie bei uns, wenn wir einen schönen Gottesdienst erlebt haben und dann zurück in den Alltag müssen mit seinen vielen Aufgaben und Problemen.
Genau hier an dieser Schwelle sitzt der Blinde. Das hat praktische Gründe: Er hofft, barmherzige Menschen zu finden, die seinen Almosenteller füllen. Die Unterstützung Bedürftiger ist Pflicht für fromme Juden. Die Schwelle hat aber auch symbolische Bedeutung. Sie stellt die Frage, wie die gute Schöpfung Gottes zusammenpasst mit dem Elend in der Welt, mit Krankheit, Unfall und Behinderung. Am Anfang der Bibel heißt es, dass Gott nach Vollendung seiner Schöpfung alles sehr gut gefunden hat. Offensichtlich ist die Welt aber nicht gut. Die Bibel erklärt das damit, dass die Menschen Gott zu wenig vertraut und sein Gebot übertreten haben. Dadurch kam das Schlechte in die Welt. Das erklärt aber nicht, weshalb es den einen schlecht geht, die anderen aber durchaus unbeschwert leben. Ist das gerecht?
Eine beliebte Erklärung heißt: Wem es schlecht geht, der hat Schlechtes getan und wird des-halb von Gott bestraft. Das steckt ja auch in der Frage „Was habe ich getan, dass ich so da sein muss?“ Und bei jeder großen Epidemie behaupten Gruppen von Menschen oder ganze Glaubensrichtungen, das sei eine Strafe für die Verdorbenheit der Menschen. Das war bei der Pest so, bei AIDS und jetzt bei Corona ist es nicht anders. Reflexartig suchen sie Schuldige, wenn etwas Schlimmes geschieht. Dann haben Angst, Enttäuschung und Wut ein Ziel. In unserer Geschichte muss deshalb der Kranke nicht nur seine Blindheit tragen, er wird darüber hinaus ausgegrenzt und scheel angesehen. Sein Platz ist eben vor dem Tempel. Hinein darf er nicht. Und die, die da vorbei gehen und ein Geldstück in seine Schale fallen lassen, tuscheln oft genug: „Das wird schon seinen Grund haben…“ „Gott weiß, warum er ihn straft…“ Das trifft ihn härter als seine Behinderung.
Aber bei einem blind Geborenen ist es nicht so einfach. Wie muss man sich denn das mit der Sünde denken in seinem Fall? Hat er schon im Mutterleib gesündigt? Das wird in der jüdischen Tradition zwar nicht ausgeschlossen, ist aber doch schwer vorstellbar. Oder haben seine Eltern gesündigt? Dann müsste er für die Schuld seiner Eltern büßen. Auch das hält die Bibel für möglich. Es wäre aber doch ungerecht. Wie also kann man sich das Elend dieses Menschen erklären?

Jesus denkt und handelt andersJesus macht dieses ganze Denken nicht mit. Für ihn ist Gott nicht der Richter, der belohnt und straft. Für Jesus ist Gott der gnädige Vater, der möchte, dass es seinen Kindern gut geht. Symbolisch gesprochen: Er möchte, dass sich der Bereich des Tempels ausweitet und nach und nach alle erfasst: Gesunde und Kranke, Arme und Reiche, Starke und Schwache. So will er die zerrissene Schöpfung heimholen in Gottes heilmachende Gegenwart. Aus diesem Vertrauen lebt Jesus. Für diese Überzeugung geht er von Ort zu Ort, predigt eine neue Zeit und heilt die Kranken. „Wir müssen die Werke Gottes tun.“ Das ist seine Mission und damit die erfüllt wird, sollen möglichst viele daran teilnehmen.
Das bleibt nicht unwidersprochen. „Wie kann man so von Gott reden?“, sagen etliche. „Gott hat klare Gebote gegeben. Danach muss man sich richten. Wer das nicht tut, gehört bestraft. Das ganze Gefüge der Gemeinschaft kommt ins Wanken, wenn das nicht mehr gilt.“ Dieser Konflikt überschattet auch diese Szene vor dem Tor zum Tempel. Kurz nach der Heilung veranstalten die Pharisäer ein Tribunal. Sie werfen Jesus vor, dass er am Sabbat heilt und damit eines der wichtigsten Gebote verletzt. Außerdem verführe er das Volk.
Mir scheint: Dieser Konflikt ist bis heute aktuell: Wer ist für uns Gott? Wie reden wir von ihm? Ist er in erster Linie der, der die Sünde aufdeckt und bestraft? Oder steht ganz vorne seine Barmherzigkeit, die der Sünde Menge zudeckt? Beurteilen wir Menschen zuerst danach, was sie tun? Stellen wir Vorbedingungen, wenn sie ernst genommen und dazu gehören wollen? Oder nehmen wir sie so ernst, wie sie sind?
Diese Geschichte zeigt: Jesus verlangt gar nichts von diesem Blinden. Kein ordentliches Leben, keinen Glauben. Und gerade so, sagt er, ist er das Licht der Welt. Von ihm fällt ein neuer Schein auf Gott und auf uns Menschen. Wir sind umgeben von der Liebe Gottes und um heimzukehren braucht es nicht mehr als zu sagen: „Hier bin ich.“
Jesus nennt das „sehen“ in einem anderen, tieferen Sinn. In ihm Gott sehen, seine heilschaffende Liebe, seinen Frieden. Und so bekommt diese Geschichte noch eine zweite Bedeutung. Uns allen, die wir das hören und lesen, sollen die Augen aufgehen, damit wir uns selbst und die Menschen um uns herum in einem neuen Licht sehen. Im Licht des Reiches Gottes, das nah herbeigekommen ist.
Die, die das anders sehen, beseitigen Jesus am Kreuz. Da wird es finster. Da schweigen die Werke Gottes. Da geht gar nichts mehr. Das ist die Nacht, da niemand wirken kann. Die Bosheit siegt, der Schmerz wird übermächtig – und Gott schweigt. Keine Heilung. Kein offener Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Nur noch der Schrei „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Aber von Ostern her wissen wir, dass auch diese Nacht vergeht. Am Ende siegt das Licht. Und wer gerade in der Nacht lebt, soll dennoch wissen: Jesus ist an meiner Seite. Er teilt diese Erfahrung der Finsternis. Ich bin nicht allein.

Behinderung neu sehenEin letzter Gedanke: Menschen mit Behinderungen wehren sich dagegen, als Mängelwesen wahrgenommen zu werden. Sie sagen: „Wir sind vollständige Menschen wie ihr anderen auch. Nur eben anders. Wir können vielleicht nicht sehen, aber wir können besser hören und riechen. Diese Wahrnehmung ist bei euch Sehenden meist verkümmert.“ Ich finde es wichtig, das Thema auch von dieser Seite zu betrachten. In der Regel sehen wir in Menschen mit Behinderungen eine Belastung. Viele werden deshalb schon vor der Geburt abgetrieben. Ob der Blindgeborene heute auf die Welt kommen würde, ist keineswegs sicher.
Ich will nun niemanden verurteilen. Eltern können sich wirklich überfordert fühlen mit dem Gedanken, ein stark behindertes Kind zu bekommen. Vor allem dann, wenn sie mit dieser Aufgabe alleingelassen werden. Aber im Kontakt zu Menschen mit Behinderungen kann man auch erleben, dass sie eine Bereicherung sind. Sie erschließen andere Bereiche des Lebens. An ihnen kann man lernen, dass nicht Leistung und Gesundheit das Wichtigste sind, sondern ein Lachen, eine zärtliche Berührung, ein Wort des Dankes. Kurz: Diese Menschen können unser Leben bunter machen. Der Jerusalemer Talmud, eines der wichtigsten Traditionswerke des Judentums, sagt: „Wer einen Schwarzen, einen Roten, einen Weißen, einen Ungestalteten oder einen Gedrungenen sieht, spricht: ‚Gesegnet der, welcher die Geschöpfe unterschiedlich macht!‘ “

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.

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