7. Sonntag nach Trinitatis (26. Juli 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Bärbel Koch-Baisch, Schwäbisch Hall [Baerbel.Koch-Baisch@dasdiak.de]

Hebräer 13, 1-3

IntentionEine Ahnung wecken für den Segen, der in gewährter Gastfreundschaft liegt.

Liebe Gemeinde!
„Man weiß gar nicht mehr, was man tun darf“ – das sagen viele. Das Leben sei so anstrengend in Zeiten der Corona-Lockerungen. „Man weiß gar nicht was man tun darf.“
Es stimmt schon, das Corona-Virus hat unser Leben durcheinandergebracht. Nach dem Lockdown, der vieles auf Null gesetzt hat, gibt es nun Lockerungen und damit stellt sich die Frage: Was geht und was geht nicht. Dinge, deren Ablauf zuvor selbstverständlich waren und einem ohne großes Nachdenken von der Hand gingen, brauchen jetzt erst eine Überprüfung: Gefährde ich durch meine Verhalten andere und mich selbst? Oder geht es?
Wenn unser Leben aus dem Takt geraten ist, wenn bisherige Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten, sind wir auf der Suche. Und nicht wenige sehnen sich danach, dass einer oder eine sagt, was wir tun sollen, damit wir auf der sicheren Seite sind.

Das Schreiben an die hebräischen Gemeinden listet im 13. Kapitel solch klare und prägnante Handlungsanweisungen auf. Der ganze Brief richtet sich in einer Art Predigt an die jungen Christengemeinden. Sie sind verunsichert und müde geworden in ihrem Glauben. Die Hoffnung droht ihnen verloren zu gehen. Als Christen sind sie in ihrer Umgebung auf Widerstand gestoßen. Sie sind unfreundlich behandelt und ausgegrenzt, ja misshandelt worden. Nun will der Verfasser sie trösten und bestärken. Er erinnert sie daran, dass das Ziel nicht ist, sich im Hier und Heute einzurichten, so als ob die Welt die Heimat wäre. „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14) – schreibt er an die Gemeinden. Wir sind Gäste auf Erden; angewiesen auf Gastfreundschaft, auf Zusammenhalt untereinander.
Und dann schreibt er ganz konkrete Anweisungen zum Tun in der Gemeinde:

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Gastfreundschaft eröffnet neues LebenSind das Mut machende Anweisungen, um in der christlichen Gemeinde zu bleiben? Dem christlichen Weg treu zu bleiben, um die Hoffnung nicht zu verlieren? Drei Aufforderungen, ja die Mahnung „vergesst nicht“ – das soll helfen?
Vor allem die zweite Aufforderung ist nachgerade eine Zumutung. Gastfrei zu sein vergesst nicht – das griechisch Wort für Gastfreundschaft heißt wörtlich übersetzt: die Freundlichkeit, die Liebe zum Fremden. Denen, die den christlichen Gemeindeglieder unfreundlich begegnen, die sie ausgrenzen und ihnen übel mitgespielt haben – die Fremden, denen gegenüber sollen sie nun gastfrei sein? Das leuchtet zunächst nicht ein. Wäre nicht vielmehr der Rat zur Vorsicht gegenüber dem Fremden angemessen? Man weiß ja nie… Der Fremde könnte ein Feind sein. Die Fremde könnte schaden. Sie könnte etwas wegnehmen oder etwas Unangenehmes ins Haus bringen.
Normalerweise würden wir zur Zurückhaltung und Vorsicht dem Fremden gegenüber auffordern, vor allem wir hier in Deutschland.
Nicht so der Hebräerbrief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
Und nicht nur im Hebräerbrief lesen wird die Aufforderung zur Gastfreundschaft. Immer wieder wird in der Bibel daran erinnert: „Seid gastfrei untereinander ohne Murren“ (1. Petrus 4,9). „Übt Gastfreundschaft“ (Römer 12,13).
Von Jesus wird erzählt, wie er bei Menschen einkehrt und sie so zu Gastgebern macht oder sie auffordert, die Gastgeberrolle zu übernehmen. Den Zachäus nötigt er, sein Haus für ihn zu öffnen. Jesus lädt sich selbst bei ihm ein, wird so Gast.

„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Damit wird die Mahnung zur Gastfreundschaft zwar nicht begründet. Doch die Bibelkundigen unter den Hörenden werden an Geschichten der Bibel erinnert und daran, welchen Segen gewährte Gastfreundschaft bereithält. Im 1. Buch Mose wird von Sara und Abraham erzählt, die gastfreundlich drei unbekannte Männer bei sich aufnehmen. Sie laden sie ein, im Schatten des Baumes zu rasten; versorgen sie mit Wasser, um den Staub abzuwaschen und anschließend bewirten sie die drei Fremden großzügig. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem Abraham und Sara, den lange Kinderlosen, der ersehnte Sohn angekündigt wird.
Die Begegnung mit den Fremden verwandelt Abraham und Sara. Ihre gewährte Gastfreundschaft lässt sie verändert zurück. Ihre zugewandte und offene Lebensweise, mit der sie sich den Fremden öffnen, lässt sie die Erfahrung von Wunderbarem machen. Auch wenn sie es im Moment nicht fassen und glauben können. Später erfahren Abraham und Sara, dass wer Gastfreundschaft übt, nicht nur etwas selber gibt, sondern etwas Besonderes und Unerwartetes erlebt: Der ersehnt Sohn wird geboren (1.Mose 18).
„… denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
In der Kunst sind daher aus den drei Fremden in der Geschichte aus dem 1. Buch Mose Engel geworden. Die Dreifaltigkeitsikone des russischen Künstlers Andréj Rubljów zeigt die drei Männer als Engel und bringt damit zum Ausdruck, dass gerade im Gast, im Fremden und noch Unbekannten, der uns besucht, Gott selbst erscheinen und in unser Leben treten kann. Engel sind Botschafter. Hoffnungsboten. Sie kündigen neues Leben an. Mit dem fremden Gast kommt die Ahnung, dass Nichts beim Alten bleiben muss. Davon erzählen die Geschichten der Bibel. Bei Sara und Abraham. Bei Maria in Nazareth. Bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem. Am Grab Jesu.
In der Gastfreundschaft ist Segen enthalten. In der Begegnung mit dem Fremden, in der Gastfreundschaft ihm gegenüber, eröffnen sich neue Horizonte. Neue Lebensperspektiven tun sich auf.

Im Fremden begegnet uns GottGastfreundschaft gehört zum Wesen Gottes. In Psalm 23 erweist sich Gott als Gastgeber, der uns den Tisch bereitet und voll einschenkt. Und im Neuen Testament bringt Jesus in der Rede vom Weltgericht zum Ausdruck, dass im Fremden nicht nur ein Engel, ein Bote Gottes uns begegnet, sondern Gott selbst. Jesus sagt: „…Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). Die Angesprochenen können sich nicht erinnern, wo sie Jesus gastfreundlich aufgenommen haben. Und Jesus antwortet ihnen: „Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habe einem von diesen meinen geringste Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Im Fremden, dem wir uns gastfreundlich öffnen, begegnet uns Gott. Das zeigt, dass Gastfreundschaft mehr ist als eine soziale Geste oder eine mitmenschliche Regung. Gastfreundschaft ist Gottesdienst. Im Fremden, den wir aufnehmen, dienen wir Gott. Im Fremden kann uns Gott begegnen.
Gastfreundschaft ist damit elementarer Ausdruck unseres Glaubens. Sie ist eine Frage der inneren Haltung, die dem, der von außen kommt, dem Fremden, nichts Böses zutraut, sondern neugierig und offen ist für das, was er oder sie bringen, welche neuen Perspektiven sich uns eröffnen. Was an Neuem möglich ist. So kommen wir mit Menschen ins Gespräch, hören aufmerksam und neugierig zu, teilen eigene Erfahrungen mit anderen. Gastfreundschaft ist Begegnung. Dass wir aufmerksam sind für den Moment, der uns berührt. Der etwas weit macht in uns.

Gastfreundschaft im AbendmahlIn jedem Abendmahl erfahren wir, dass wir nicht nur Gastgeber sind, sondern immer auch Gäste. Gott selbst lädt uns an seinen Tisch, dass wir uns bewirten und beschenken lassen von seiner Gegenwart in Brot und Wein.
Rainer Maria Rilke fasst das wunderbar in Worte:

Rast
Gast sein einmal.
Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost.
Nicht immer feindlich fassen nach allem,
einmal sich alles geschehen lassen
und wissen:
was geschieht, ist gut.

Welch ein Segen die Gastfreundschaft enthält, erfahren wir gerade im Abendmahl. Die Erinnerung, dass Gott unser Gastgeber ist, dass er uns begegnet in Brot und Wein, bestärkt uns, selbst gastfreundlich zu sein. Diese Erfahrung macht uns zu „Hausgenossen Gottes“, wie es im Wochenspruch heißt. Wir können selber Gastgeber und Gastgeberinnen werden und offen sein für Andere, Fremde. Sie sind uns nicht Bedrohung, sondern wir können in ihnen Gott begegnen. Und es tun sich neue Perspektiven für das Leben auf. Für ein Leben als Kinder Gottes.

„Man weiß gar nicht mehr, was man tun darf“– viele sagen das in dieser Zeit. Als Kinder Gottes, die von der Gastfreundschaft Gottes leben, werden wir uns immer neu auf die Suche machen, wie wir gastfrei leben können - auch in Zeiten der Corona-Lockerung. Vielleicht werden wir neue Wege finden, Abendmahl miteinander zu feiern. Ein Kollege wird in seiner Gemeinde den Gottesdienstbesucherinnen eine Tüte mit Brot und Weintrauben mit in den Gottesdienst geben. Sie werden im Gottesdienst gemeinsam gegessen. Auf Abstand. Und doch hoffentlich Gastfreundschaft erleben. Wir sind Gottes Gäste. Welch ein Segen.
Amen.

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