15. Sonntag nach Trinitatis (20. September 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Karl Hardecker, Stuttgart [Karl.Hardecker@elk-wue.de]

1. Mose 2, 4b -9

IntentionDie Predigt möchte die Hörerin davon überzeugen, dass der Mensch an demselben Geist Anteil haben kann, mit dem Gott alles geschaffen hat. Sich dieses Geistes zu vergewissern, öffnet Menschen die Augen für alles Schöne und hilft ihnen dazu, ihren Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, erfüllen zu können.

2,4b Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.
5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;
6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.
7 Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Liebe Gemeinde,
Gott erschafft die Erde aus seinem Geist und schafft sie schön.
Dieser Garten, der Garten Eden ist ein Geschöpf des Geistes und darum ist er schön. Gott schafft die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel und schafft sie schön – schöner noch als all die wunderbaren Kleider von König Salomo oder die Kreationen von Armani und Versace. Er schafft die Fische im Meer und die Papageien im Urwald. Gott schafft den Menschen mit schöner Gestalt, mit Haut wie Ebenholz und mit Augen, die leuchten und einem Mund, der reden, singen und küssen kann.
Der aus dem Geist herausschaffende Gott ist ein Ästhet. Mit der Erschaffung des Menschen und mit der Erschaffung des Gartens lehrt er uns die Erde zu sehen: Von schöner Gestalt ist sie und von großem Farbenreichtum und mit unendlicher Vielfalt ausgestattet ist sie an Arten und Unterschieden, hundertausendfach, ja millionenfach in ihrer Verschiedenheit. Und wir dürfen uns daran freuen. Mit seiner Schöpfung lehrt Gott uns die Erde in ihrer Schönheit zu sehen und mit Christus, dem Sohn, unserem Bruder, lehrt er uns, uns selbst zu sehen – mit einem liebevollen Blick. So wie Jesus, der Rabbi und Bruder, die Bedürftigen ansah, die Gelähmten, die Blinden, die Aussätzigen und die psychisch Kranken, so dürfen auch wir auf uns selbst sehen in unserer Bedürftigkeit. Es ist dieser liebende Blick auf andere, aber auch auf uns selbst, den er uns lehrt.
Wir sind bedürftig, wir sind kränkbar, wir sind verletzbar, wir sind sterbliche Wesen oder wie Luther es sagte:
„Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Als solche werden wir von Gott angesehen, barmherzig und nicht verurteilt, erhoben und nicht verdammt. Und deshalb sind die letzten Worte Luthers nicht zum Verzweifeln, sondern reinstes Evangelium.

Kein Narzisst ist unser GottEin geistloser Gott hätte keine Erde geschaffen, keine Tiere, keine Pflanzen, keinen Menschen. Ein geistloser Gott hätte sich als Narziss im Spiegel betrachtet und wäre gar nicht auf die Idee gekommen, sich ein Gegenüber zu schaffen. Ein geistloser Gott wäre ein liebloser Gott, ein Gott, der nur sich selbst liebt wie Narzissten lieben und den nichts und niemand berührt, ein Gott, dem nichts zu Herzen geht. Ein geistloser Gott wäre also einem Präsidenten vergleichbar, dem die Pandemie-Opfer seines Volkes gleichgültig sind, der nicht berührt wird vom Leid anderer Menschen oder der auf seine eigenen Leute schießen lässt, um seine Macht zu erhalten. So ein Gott hätte nichts geschaffen und wenn überhaupt einen gefühllosen Menschen, einen Narzissten, einen geistlosen Menschen.
Ein Gott aber, der aus dem Geist die Erde schafft, die Zeiten und Gezeiten, die Pflanzen und die Tiere und eine Atmosphäre, in der wir atmen können, der schafft aus Liebe.
Sind wir also froh, dass Gott den Menschen mit seinem Geist schafft und damit mit Geist begabt. Nun kann der Mensch fragen und antworten und aus sich selbst herausfinden und heraustreten. Nun kann dieser Mensch Gott lieben und sich selbst und andere Menschen lieben.

Wirtschaften mit einer geliehenen ErdeIm Garten pflanzt Gott den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis und markiert damit Grenzen für uns als Menschen. Und eine dieser Grenzen heißt Gewalt. Nicht mit Gewalt sollt ihr euch nehmen, was anderen gehört und euch nicht zusteht. Nicht mit Gewalt sollt ihr die Erde beherrschen. Und verboten ist es euch, aus dem Reichtum der Schöpfung ein Artensterben zu machen durch euere Gewalt. Und verboten ist es euch, Menschen zu bedrücken und Kriege zu führen und andere zu morden und die Erde zu plündern. Der aus dem Geist schaffende Gott gibt uns Gebote mit auf den Weg.
Töten dürft ihr nicht, stehlen dürft ihr nicht, andere beneiden und ihnen Gewalt antun dürft ihr nicht; ihr dürft euch nicht selbst zu Göttern erheben, die ihr doch nur Sterbliche seid, Kreaturen und also Bettler, das ist wahr.
Der aus dem Geist schaffende Gott lehrt uns, wie wir diese Erde bewirtschaften sollen, nämlich verantwortungsvoll und mit Augenmaß. Nicht Raubbau sollen wir an dieser Erde betreiben, nicht ihre Schätze plündern und Halden und Endlager hinterlassen, keine verseuchten Gewässer und vergifteten Böden, weil die nach uns auch noch leben wollen. Weil nicht uns die Erde gehört und weil sie nicht denen vor uns gehört hat und auch nicht denen gehören wird, die nach uns kommen. Weil diese Erde geliehen ist und weil diese Leihgabe auch denen nach uns noch Leben gewähren soll. Ein Wirtschaften ist deshalb abzulehnen, bei dem einheimische Märkte zerstört werden und, wie in Afrika, Bauern ihre Absatzmärkte verlieren, weil Billigprodukte aus China oder aus Europa importiert werden. Ohne Arbeit und ohne Perspektiven machen sich diese Bauern schließlich auf, um nach Europa zu gelangen. Ja, es sind Wirtschaftsflüchtlinge, aber Flüchtlinge, die der kapitalistische Markt selber hervorbringt. Buchstäblich vertrieben werden diese Menschen aus dem Garten Eden.
Ihr sollt bebauen und bewahren und nicht zerstören. Denn Gott hat euch mit Geist begabt. Aus diesem Geist heraus schafft Gott die Erde und den Menschen und lehrt uns, wie sie behandelt werden will: solidarisch, geschwisterlich, mit dem anderen zu teilen.
Aber wie ist das mit mir? Spürt man mir ab, dass Gott mich mit seinem Geist geschaffen hat? Atmet mein Sein hier auf Erden etwas von der Weite des Himmels? Kann ich andere spüren lassen unumschränkt willkommen zu sein auf dieser Erde?
Oder fühlen sich andere von mir abgewiesen? Muss ich mir eingestehen: Meine Anteilnahme ist oft halbherzig und meine Gedanken reichen selten über meine kleine Welt hinaus.
Wie groß ist mein Garten Eden, von dem ich noch Erinnerungsspuren in mir trage? Ist er so klein, dass da kein Spielraum ist für Menschen anderer Religionen, anderer Sprachen, anderer Kulturen? Oder zeigen diese Erinnerungsspuren noch einen weiten, bunten und belebenden Garten an?

Im Geist Gottes Zerstörung überwindenIm Garten, in den er uns heute noch setzt, finden wir Spuren seines Geistes. Dieser Schöpfergeist, dieser Geist der Schönheit, dieser Geist der Schöpfungsfreundlichkeit hilft unserem armen Geist auf. Ob ihm das gelingt, bleibt ein Risiko, ein Risiko der Schöpfung. Denn unser armer Geist kann genauso gut in die Irre gehen, seine Grenzen überschreiten, die Vielfalt zerstören. Es ist das Werk unseres armen und ängstlichen Geistes, der sich an sich selbst berauscht und in diesem Rausch die Relationen verliert. Aus diesem armseligen Geist heraus wird der Regenwald abgeholzt, werden Kriege geführt und ganze Hafenstädte in Schutt und Asche gelegt. Das ist der Triumpf unseres kleinen und ängstlichen Geistes.
Am Garten Eden und an der Gabe des Geistes könnt ihr ablesen, welcher Gott dies geschaffen hat: ein Gott, der aus Liebe tätig wird, ein Gott, der sich der Vielfalt erfreut, ein Gott, der das Schwache erhebt und das Starke beschränkt, ein Gott, der uns Menschen mit Geist begabt. Dieser Geist hilft uns, Gemeinschaft zu stiften. Mit diesem Geist können wir Heimstätten bauen für Menschen mit allerlei Handicaps. Dieser Geist hilft uns, Gesetze zu beschließen und Strukturen zu erschaffen, in denen unterschiedliche Menschen auf einer Erde, in einem Land und in einer Stadt in Frieden leben können.
Mit diesem Geist können wir die Kraft der Zerstörung überwinden, Vorurteile und Hass, im Netz und auf der Straße. Wo dies geschieht, da geschieht Gott.
Wir sind Bettler, das ist wahr! Und unser Geist ist arm, wohl wahr, aber genauso haben wir die Zeit, Gott um seinen Geist zu bitten, diesen größeren Geist, diesen Geist, der uns anders sehen lässt.
In diesem Geist werden unsere Augen aufgetan, und wir werden uns als Bettler sehen, die wir sind in unserer Kreatürlichkeit, als Bettler, von Gott gekrönt und erhoben und in den Garten gesetzt, der einfach nur schön ist. Einfach schön, weil aus dem Geiste geschaffen. Und alles, was hässlich macht, Krieg und Zerstörung, Hunger und Folter wird überwunden sein in der Kraft seines Geistes. Wenn Gott geschieht. Amen.

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