16. Sonntag nach Trinitatis (27. September 2020)

Autorin / Autor: Studienleiter Dr. Michael Gese, Stuttgart [michael.gese@elk-wue.de ]

2. Timotheus 1, 7-10

IntentionIm Mittelpunkt der Predigt steht Vers 10, der auch der Wochenspruch ist. Zum Herbstanfang soll die Predigt noch einmal an die Osterbotschaft erinnern, die gegen alle Dunkelheit Besonnenheit schenkt, Kraft gibt und zur Liebe befähigt.

Liebe Gemeinde!
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Was für eine Frage, werden Sie denken! Ostern ist im Frühjahr, wenn die Knospen sprießen, wenn das Grün sich entfaltet und neues Leben aufbricht. Doch in diesem Jahr ist alles anders. „Ostern ist für mich ausgefallen“, sagte mir neulich ein Freund, als wir über den Lockdown sprachen. „Ohne Gottesdienste und ohne Ostergruß blieb es für mich Karfreitag“, so meinte er, „schrecklich: drei Tage Trauer“.
Ich denke an eine andere Begebenheit: Mit Straßenkreide hatte jemand flüchtig auf den Asphalt gekritzelt: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wo sonst Kinder die Kästchen für „Himmel und Hölle“ malen, stand plötzlich die Botschaft dessen, der die Hölle überwunden und den Himmel erschlossen hat. Unwillkürlich musste ich stehenbleiben: Die ewige Botschaft im vergänglichen Staub, schon der nächste Regen würde sie wegspülen. Und trotzdem: Die Worte gelten weiterhin, auch im Herbst, wenn die Spuren schon längst verwaschen sind.
Kann man Ostern auch im Herbst feiern? Ja, davon bin ich überzeugt! Jeder Sonntag ist Osterfest und jeder Gottesdienst Feier der Auferstehung. Besonders der heutige Sonntag, ein halbes Jahr nach Ostern. Der Wochenspruch klingt ganz österlich: „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“ Ostern im Herbst. Statt Frühlingsknospen Herbstfärbung. Statt keimendem Leben fallendes Laub: die Zeichen der Vergänglichkeit. Auch dahinein spricht die Osterbotschaft. Wie anders höre ich die Worte jetzt – im Blick auf den zu Ende gehenden Sommer?

Ich lese aus dem 2. Timotheusbrief 1,7-10:

„7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Paulus im GefängnisDer zweite Timotheusbrief zeichnet ein eindrückliches Bild: Der alte Paulus sitzt im Gefängnis. Vor dem Kaiser soll er sich verantworten. Er macht sich keine Hoffnungen. Er weiß, dass er unschuldig ist. Er ahnt jedoch, dass man ihn trotzdem verurteilen wird. Sein baldiger Tod steht ihm vor Augen. Das klingt im zweiten Timotheusbrief an. „Testament des Paulus“ hat man den Brief darum genannt. Der Brief wurde wohl erst von einem Späteren aufgeschrieben. Aber der hatte Paulus gut gekannt und konnte sich noch genau daran erinnern: Paulus wollte sich von Timotheus, seinem wichtigsten Schüler, verabschieden. Er wollte ihm nochmals das Wertvollste ans Herz legen. Liebevoll spricht der Ältere zum Jüngeren: ‚Fürchte dich nicht!‘ „Denn Gott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Was für eine Ermutigung! Damals wurde sie Timotheus zugesprochen. Heute gilt sie uns. Was will sie uns sagen?

Louisas SterbeseminarKraft, Liebe, Besonnenheit. Louisa hatte das erlebt. Sie hatte sich zu einem Sterbeseminar im Kloster angemeldet. Von ihren Freundinnen erntete sie verwunderte Blicke, als sie dorthin aufbrach. Auch ihr war etwas mulmig zumute, sich drei Tage mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Aber dann merkte sie, wie befreiend es sein kann, die Realität des Todes nicht zu verdrängen. Eine Frage auf dem Seminar lautete: „Was würde ich tun, wenn ich nur noch 24 Stunden zu leben hätte? Und was würde ich lassen?“ Louisa malte sich das in Gedanken aus. Sie merkte, wie sich ihr Blick auf die Dinge verschiebt. Was wurde plötzlich alles überflüssig und bedeutungslos! Manches fiel als Ballast ab, womit sie sonst die Tage füllte. Anderes wurde ihr wichtig: Gesichter von Menschen, die sie schon vergessen hatte, traten ihr in Erinnerung. Begegnungen bekamen neue Bedeutung für sie. Bestimmte Dinge wollte sie noch einmal ganz bewusst erleben. Und auf einmal hatte sie einen Blick für scheinbar Nebensächliches: Sie entdeckte Blüten, die der Herbst noch bereithielt, freute sich am Lachen spielender Kinder und beobachtete einen Vogel, der sein Gefieder wohlig in der Herbstsonne spreizte. „Wieviel Schönes umgibt mich und ich hatte es nicht bemerkt“, dachte sie.
Wohl erst der Blick darauf, dass alles ein Ende hat, vermag die Augen zu öffnen für das Schöne und für das, was wirklich wichtig ist: Beziehungen etwa. Wie wertvoll sind Menschen, die einem zugetan sind, Freunde, auf die Verlass ist. Man bekommt ein Gespür dafür, wo Liebe und Treue tragen.
Es gab viel Beglückendes, das Louisa auf ihrem Seminar entdeckte. Aber es blieb auch Angst. Doch die bekam genauere Konturen: Angst, vor dem, was kommen mag. Angst, ob die Kräfte reichen, ob sie durchtragen. Angst vor dem Nichts, in das man fallen kann. Die Angst ließ sich nicht leugnen. Aber zugleich bemerkte Louisa, dass sie sich dieser Angst stellen kann. Besonnen – nicht in Panik. Die Angst durfte sein, weil da noch etwas anderes war, was ihr Kraft gab und sie trug.

Die Sehnsucht des PaulusDer Apostel Paulus hat diese Angst schon überwunden. Während der Haft im Kerker ist in ihm eine Sehnsucht gereift, die über dieses Leben hinausgreift: „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein“, schreibt er (Phil 1,21). Das sind nicht die Gedanken eines Menschen, der sich selbst aufgegeben hat. Es sind Gedanken eines Menschen, der so vom Geist Christi erfüllt ist, dass diese Beziehung sein Ein und Alles ist. Christus hat ihm nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit geschenkt – gerade angesichts des Todes. Und diese Kraft möchte Paulus dem Timotheus ans Herz legen: „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ Solcher Glaube macht besonnen, schenkt Kraft und macht fähig zu lieben – trotz aller Angst.

Ostern im HerbstKann man Ostern auch im Herbst feiern, war die Frage gewesen. Mich bewegt ein Gedicht von Hilde Domin:
„Es knospt / unter den Blättern / das nennen sie Herbst.“ (1)
Wer jetzt im Herbst sich einmal genau die Blätter anschaut, der bemerkt: In den Blattachseln sind nicht nur die Sollbruchstellen für den Laubabwurf vorgezeichnet, sondern bereits die Knospen für das kommende Frühjahr angelegt. Das Bild motiviert mich: In wieweit sind in meinem, von der Vergänglichkeit gezeichneten Leben verborgene Spuren des künftigen himmlischen Lebens gegenwärtig? Ich sehe meist nur die Sollbruchstellen im Leben und trauere den zu Boden taumelnden Blättern nach: Vergangene Tage, vergebene Chancen, unwiederbringliche Abschiede. Lange könnte man darüber sinnieren.
Stattdessen wäre es gut, einen neuen Blick auf das Leben einzuüben, einen österlichen – auch im Herbst: Was zunächst wie eine Enttäuschung aussah, mag sich als Chance entpuppen. Was grau und blass erschien, kann in Farben aufleuchten. Was unvollkommen oder bruchstückhaft war, kann zu einem Ganzen werden. So kann schon hier etwas von jener anderen Welt aufblitzen, die meinen Augen verborgen und für mein Denken so unvorstellbar ist. Das nährt die Hoffnung: Was in diesem Leben geschieht, ist eben nicht belanglos oder vergeblich. Gerade das kann der Blick auf die Endlichkeit meines Lebens lehren: Auch wenn das alte Leben verwelkt und abfällt wie Herbstlaub, sind bereits verborgen die Knospen von Gottes neuer Welt da.

Louisas neuer BlickSo kehrte auch Louisa aus dem Kloster verändert zurück. Da war eine stille Freude, die in ihr Herz eingezogen war. Sie hatte für sich festgestellt: Das Wertvolle des Lebens sind nicht Dinge wie Erfolg, Glück oder Reichtum. Wertvoll sind Beziehungen, in denen sie mit anderen das Leben teilte. Beziehungen, die sie von Christus her und auf ihn hin leben wollte. Sie spürte in sich eine Gelassenheit und Weite, die alle Furcht vertrieb. Egal, was kommen sollte, so sagte sie sich, aus Christus stammt unser Leben, zu ihm führt es. Er trägt uns in jedem Moment.
So kann auch uns die Osterbotschaft verändern, uns einen neuen Blick schenken, jetzt im Herbst, mitten im Alltag, auf dem Asphalt der Straßen. Amen.


Anmerkung

1 Aus: Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, S. Fischer Verlag, S. 142.

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