Erntedank (04. Oktober 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Lucie Panzer, Stuttgart [Lucie.Panzer@elk-wue.de]

Markus 8, 1-9

IntentionDas Erntedankfest zeigt: Wir können viel tun – aber wir können es doch nicht machen. So ist die Welt. Trotzdem können wir dankbar sein für vieles, was gelingt.

Erntedank trotz allemErntedank. Auch in diesem Jahr. Trotz allem. Trotz Corona. Und der Erntealtar zeigt: Es gab eine gute Ernte, trotz der Trockenheit. Die Arbeit im Garten und auf dem Feld hat sich gelohnt. Wobei: Gerade diese Abfolge von trockenen Jahren erinnert uns auch: Das ist nicht selbstverständlich. Es hätte auch anders kommen können. Noch weniger Regen, noch mehr Hitze – dann hätte auch das Gießen nicht mehr geholfen. Dann wäre die Mühe umsonst gewesen. Für Gärtner und Landwirte ist es noch immer, wie Matthias Claudius vor über zweihundert Jahren gedichtet hat: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land – doch Wachstum und Gedeihen steht in der Himmels Hand.“

Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels HandUnd eigentlich ist es ja nicht nur für die Landwirte so. Für viele andere Bereiche gilt das auch. Wenn ein Kind zur Welt kommt. Natürlich haben die Eltern es gezeugt. Natürlich kann man mit ärztlicher Vorsorge und moderner Geburtshilfe viel tun. Aber am Ende kann niemand garantieren, dass alles gut geht. Und wenn das Kind gesund geboren ist und Mutter und Kind wohlauf, dann sind auch wenig religiöse Menschen für eine Weile einfach froh und dankbar.
Genauso die Erziehung eines Kindes: Eltern und Großeltern geben sich viel Mühe, setzen sich ein – aber wir haben doch den Lebensweg eines Kindes nicht in der Hand und können nicht garantieren, dass sein Leben gelingt.
Oder im Beruf: Man investiert Zeit und Energie in ein Projekt, man kann stolz sein, wenn man etwas erreicht. Aber ob es gelingt, das hat man nicht allein in der Hand.
Nicht einmal im Sport geht das. Einzelne und Mannschaften trainieren und tun alles für ihre Leistungsfähigkeit. Aber ob man dann einen guten Tag erwischt oder ein anderer oben auf dem Treppchen steht – das weiß man erst hinterher.
„Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Und wenn es gut gegangen, wenn etwas gelungen ist und man ehrlich mit sich selber ist, dann stellt sich Dankbarkeit ein. „Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm dankt… und hofft auf ihn.“
Genau dazu ist jedes Jahr beim Erntedankfest die Gelegenheit. Ich finde es gut, dass es das gibt, so selbstverständlich wie Weihnachten oder Ostern – man hält es doch leicht für selbstverständlich, dass etwas gelingt. Oder – das gibt es auch – man hält es für selbstverständlich, dass man Pech hat und immer wieder etwas schief geht. Da hilft das Erntedankfest, im Auge zu behalten, was gelungen ist.

Dass es gut geht und alle bekommen, was sie brauchen, davon erzählt auch der Predigttext für heute.
Ich lese Markus 8, 1-9:

„Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.“

Dankbarkeit wird nicht erwartet„Sie aßen aber und wurden satt…und er ließ sie gehen.“ Das ist die Geschichte zum Erntedankfest. Darin kein Wort von Dankbarkeit und danken! Und Jesus ist anscheinend nicht mal beleidigt. Kein „und wie sagt man?“, mit dem er an die gute Erziehung erinnert. Auch kein Appell „nun danket alle Gott“.

Dankbarkeit stellt sich einJesus weiß offensichtlich, was auch ich erlebe und Sie vielleicht auch: Dankbarkeit stellt sich ganz von allein ein. Wer gehofft und gebangt hat, ob es gut geht – und dann klappt wirklich alles: Die Ernte ist gut, das Kind kommt gesund zur Welt, der Erfolg stellt sich ein. Wer das erlebt, ist dankbar. Auch dann, wenn man vielleicht gar nicht so genau sagen könnte, wem man dankbar ist. Viele können vielleicht nur mit Matthias Claudius sagen: „steht in des Himmels Hand“. Manche sagen vielleicht: „Na Gott sei Dank.“ Und andere voller Erleichterung: „Das war wirklich ein Wunder!“

Es ist genug da – ein WunderEin Wunder ist auch das, was damals bei den viertausend Menschen in der Wüste passiert ist. Und die Geschichte zeigt wohl auch, wie solche Wunder möglich werden können: Als die Jünger sagen „es ist unmöglich hier in der Wüste, wir können ihnen nichts geben“, da lässt Jesus das nicht gelten. Vielleicht sind sie in dem Moment einfach überfordert. Oft mangelt es ja nur an Ideen und Phantasie, manchmal ist es einfach Bequemlichkeit, dass man schnell sagt: „Es ist unmöglich!“ Jesus gibt sich damit nicht zufrieden. „Was genau habt ihr denn?“, fragt er seine Jünger. „Was könnt ihr denn tun?“ Da schauen sie genau hin und finden: ein paar Brote. Mit dem, was da ist, fängt Jesus an. Er teilt aus, was sie haben. Und dann finden sich auch noch ein paar Fische. Und auf einmal reicht es für alle, und alle werden satt. Wer weiß, was sie noch gefunden haben? Wer weiß, was die vielen Leute eben doch dabei hatten? Und jetzt behalten sie es nicht für sich, sondern teilen – und dann reicht es? Ist das nicht ein Wunder? Zuerst denken Sie, man kann nichts machen, es reicht nicht – dann fangen ein paar an, tun etwas und es reicht doch? Und alle werden satt? Das erzählt die Geschichte zum Erntedankfest.

Nicht der Geber, sondern die Bedürftigen sind wichtigIch finde, sie erzählt noch etwas. Jesus ist nicht beleidigt, auch nicht verletzt oder enttäuscht, als die Leute nicht „Danke“ sagen. Er lässt sie gehen. Sie sind satt. Darauf kam es ihm an. Er wollte, dass es den Menschen gut geht, dass sie nicht „verschmachten“ müssen.
Es geht Jesus nicht darum, dass sie ihn und seine Großzügigkeit loben. Er erwartet weder ihren Dank noch eine Gegenleistung. Nicht einmal vom Glauben ist die Rede in dieser Geschichte. Er hat sie nicht satt gemacht, damit sie an ihn glauben. Er hat ihre Not gesehen und wollte helfen. Weiter nichts. Die anderen, die Notleidenden stehen für Jesus im Mittelpunkt. Nicht er selber. Er will nicht gelobt und geehrt werden. (Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist es gut, Kindern beizubringen, wie man sich bedankt. Damit sie lernen, dass vieles im Leben nicht verdient auch nicht nur selbst erarbeitet ist. Aber es geht beim Danke sagen nicht darum, einen guten Eindruck zu machen. Es geht vielmehr darum, dem anderen eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen für sein Geschenk. Der andere hat etwas geschenkt, damit es mir gut geht. Damit ich mich freue. Aber nicht, damit ich ihn lobe und davon rede, was er für ein guter Mensch ist.)
Wer etwas schenkt oder gibt oder teilt – der tut es für den anderen. Nicht für sich selbst. Andernfalls wäre das Geschenk kein Geschenk mehr. Auch das zeigt diese Geschichte von den vielen, denen Jesus austeilt, was da ist.

Würdigkeit oder Bedürftigkeit werden nicht in Frage gestelltUnd etwas Drittes erzählt sie: Jesus fragt nicht, was das für Leute sind. Auch nicht, ob sie Hilfe verdienen. Hätten Sie nicht selber etwas mitbringen können, vorsorgen für alle Fälle? Sind die Leute wirklich so arm, oder wollen sie einfach bloß Sozialhilfe abgreifen?
Müssen sie nicht lernen, für sich selber zu sorgen? Jesus fragt auch nicht als erstes, wer verantwortlich ist für das Elend der Menschen, fragt nicht, wer Schuld hat. Jetzt haben sie Hunger. Jetzt brauchen sie Hilfe. Ob nicht die Politik etwas tun kann, um solches Elend zu verhindern, ob nicht die Behörden sich kümmern müssten – das kann man später fragen. Das muss man fragen. Aber jetzt muss man helfen: Menschen, die hungern, Menschen, die in Flüchtlingslagern um ihre Zukunft gebracht werden, Menschen, die auf hoher See vom Ertrinken bedroht sind, Ernten, die in Gefahr sind, weil das Klima sich verändert. Da braucht es Hilfe. Man muss den Menschen helfen. „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“, lehrt Jesus (Mt 7,12, Goldene Regel). Jesu Nachfolger, die sich erst einmal drücken wollen, die sollen helfen. Alles andere kommt dann (hoffentlich) später. Auch das sollten wir am Erntedankfest bedenken.

Was können wir tun?Erntedank. Wir schauen auf das, was gewachsen ist: In den Gärten, auf den Äckern und auf den Feldern unseres Lebens. Ich denke, wir spüren: Auch mitten in der Corona-Pandemie gibt es Grund zur Dankbarkeit. Jeder möge sich fragen, wo er solche Felder hat, auf denen viel gewachsen ist.
Aber, gerade in diesen Monaten erkennen wir auch: Nicht alle haben Grund zum Danken. Warum das so ist? Was soll ich sagen? Die Welt ist nicht das Paradies. Leider.
Viele hat die Krise in Not gebracht. Es ist gut, dass der Staat da Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht hat. Die sind auch ein Weg, zu teilen, was da ist. Wahrscheinlich könnte man da noch mehr tun. Wenn man nur richtig hinschaut, welche Möglichkeiten es gibt und welche Mittel.
Und wir können Gott bitten, dem das Wohl seiner Menschen am Herzen liegt. Jesus hat gezeigt, dass Gott die Notleidenden in den Mittelpunkt stellt. Für sie kann man viel tun – auch in dieser Krise. Aber machen, dass die vielen Krisen in der Welt verschwinden – das können wir wohl nicht.
Deshalb wollen wir Gott bitten, dass wir sehen, was nötig ist und was wir tun können – damit die Not weniger wird.
Danke, guter Gott, dass du uns auch dafür so reich gesegnet hast. Amen.

Wichtige Einsichten zu dieser Predigt verdanke ich Manuel Stetter in a+b, 17, 1. September 2020, S. 9-13.

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