20. Sonntag nach Trinitatis (25. Oktober 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Stefanie Wöhrle, Tübingen [stefanie.woehrle@elkw.de]

Markus 2, 23-28

IntentionWie sollen wir handeln? Die Frage nach dem Willen Gottes lässt sich nicht eindimensional beantworten. Es gelten nicht allein der geschriebene Buchstabe des Gesetzes oder der biblischen Überlieferung, seit Jahrhunderten bestehende Traditionen oder lieb gewordene Gewohnheiten in unseren Kirchen und Gemeinden. Ausschlaggebend für das von Gott gewollte Handeln ist die Liebe zu Gott und in gleicher Weise die Liebe zu den Menschen. Wer nach Gottes Willen fragt, muss daher neben dem biblischen Wort auch die Bedürfnisse des Menschen im Blick haben. Dieser Abwägungsprozess ist alles andere als einfach. Nach Gottes Willen zu fragen und zu leben, kommt vielmehr einer Zumutung gleich.

Eine Zumutung, dieser MannEine Zumutung, dieser Mann! Die Pharisäer sind außer sich. Ihre Entrüstung kennt keine Grenzen. Dieses Mal ist er zu weit gegangen. Was bildet er sich eigentlich ein!?

Mk 2,23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Ich kann die Entrüstung der Pharisäer gut verstehen. Sie sind mir zwar nicht besonders sympathisch mit ihrer Genauigkeit und ihrer Streitlust. Doch dieses Mal geht Jesus bis an die Grenzen des für sie Erträglichen. Das Abzupfen und Ausraufen der Ähren verstehen die Pharisäer als Erntetätigkeit. Ernten am Sabbat ist nicht erlaubt. Da ist das Gesetz ganz klar. Das Hungergefühl der Jünger scheint zudem nicht lebensbedrohlich zu sein. Das Handeln Jesu und seiner Jünger zu beurteilen, fällt den Pharisäern leicht: Jesus und seine Jünger kümmern sich nicht im Geringsten um das Gesetz und die Gebote Gottes. Sie missachten Gott, und sie missachten die Gemeinschaft des Gottesvolkes. Niemand, auch dieser Jesus nicht, darf einfach machen, was er will. Wo kämen wir denn da hin?

Sein oder NichtseinJesus und seine Jünger brechen das Gesetz. Sie arbeiten am Sabbat und halten nicht die geforderte Ruhe ein. Sie treffen mit ihrem Handeln die gesetzestreuen Pharisäer, ja, das ganze jüdische Volk bis ins Mark. Denn das Gesetz und die Gebote, die Tora, sind mehr als nur eine einfache Zusammenstellung von Regeln und Geboten, die das gemeinsame Leben leichter und einfacher machen sollen. Die Tora ist mehr als eine Zusammenstellung von Regeln und Geboten, die man einhalten kann oder auch nicht. Die Tora macht den Unterschied. Sie macht den Unterschied zwischen denen, die zu Gott und seinem Volk gehören, und den anderen. Die Tora, die Gott seinem Volk durch Mose auf dem Sinai gegeben hat, ist ein festes Band zwischen Gott und seinem Volk. Am Halten der Gebote, ganz besonders am Halten des Sabbatgebotes, werden die Israeliten als von Gott geliebtes und auserwähltes Volk erkennbar. Wer die Gesetze bricht, gehört nicht dazu, steht draußen. Ja mehr noch: Wer die Gesetze bricht, die Tora nicht hält, stellt die Existenz des Volkes Israel in Frage. Wer die Gesetze bricht, die Tora nicht hält, setzt die Existenz des Volkes Israel aufs Spiel.

PerspektivenwechselJesus und seine Jünger gehen bis an die Grenze – und noch darüber hinaus. Doch was hier geschieht, ist mehr als ein einfacher Streit, mehr als Provokation. Jesus stellt die Gesetzestreue der Pharisäer in Frage, die nur „Ja“ oder „Nein“, nur „Tun“ oder „Lassen“ kennt. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“, sagt Jesus und fordert damit einen Perspektivenwechsel. Bei der Befolgung der Tora soll nicht allein darauf geachtet werden, was Wort für Wort aufgeschrieben ist, sondern auch darauf, was für die Menschen jetzt und hier, in diesem Moment, gut und richtig ist. Jesus und seine Jünger brechen das Gesetz, aber sie stellen es damit nicht in Frage. Jesus verliert kein Wort darüber, dass das Gesetz nun nicht mehr gültig sei, er und seine Nachfolger sich nicht mehr danach zu richten hätten. Der Wille Gottes, der im Gesetz seinen Ausdruck findet, ist weiterhin entscheidend. Doch der Wille Gottes ist eben nicht allein in dem zu erkennen, was Wort für Wort geschrieben steht. Um dem Willen Gottes auf die Spur zu kommen, muss auch auf den Menschen geachtet werden. Jesus fragt: Welche Bedürfnisse hat der Mensch? Was braucht er gerade jetzt, in dieser Situation? Was ist für den Menschen förderlich und gut? Das ist neu und eigentlich doch schon altbekannt, fest verankert in der Tora selbst, die sich im Doppelgebot der Liebe zusammenfassen lässt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Jesus schafft die Tora nicht ab. Er legt sie nur nach neuen Maßstäben aus: Mit dem Blick nach oben – zu Gott – und mit dem Blick nach links und rechts – zum Nächsten. Nur mit dieser doppelten Perspektive können wir Menschen dem Willen Gottes auf die Spur kommen. Nur so können wir nach Gottes Willen handeln. Davon ist Jesus überzeugt.

Eine Zumutung, diese AufgabeDas klingt erst einmal alles ganz sympathisch: Beim Leben nach Gottes Willen geht es nicht allein um den Buchstaben des Gesetzes, sonders es geht auch um den Menschen. Es geht um mich und meine Bedürfnisse. Gott schafft mit seinen Geboten und Gesetzen Ordnung, sorgt für Recht und Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen. Aber Gott will das alles nicht abgehoben von den Menschen. Im Gegenteil: Er will, was gut für mich ist, was mir persönlich zum Leben dient, was mein Leben gelingen lässt. Ist das nicht wunderbar?
Doch bei genauerem Nachdenken wird schnell klar, welche Zumutung hinter diesem Perspektivenwechsel steckt. Es ist alles andere als einfach, klar und eindeutig zu entscheiden, was jeweils richtig ist und was nicht. Es ist alles andere als einfach, klar und eindeutig zu entscheiden, was jeweils zu tun und was zu lassen ist. Denn auf einmal gibt es da nicht mehr nur eine Meinung, nicht mehr nur das geschriebene Gesetz, die Bibelstelle, die wortwörtlich zu verstehen ist. Auf einmal gibt es ganz viele unterschiedliche Ideen, wie die Gebote Gottes sowie gute alte Traditionen und Gewohnheiten in unserer Kirche und auch in unserer Gesellschaft zu verstehen und zu befolgen sind. Jeder und jede hat einen ganz eigenen Blick auf das Wohl der Menschen, jeder und jede schätzt die Situation und die Bedürfnisse der Menschen unterschiedlich ein. Auf einmal ist es gar nicht mehr so einfach zu sagen, wie wir Menschen, wie wir Christen, zu leben und zu handeln haben. Mit dem Blick auf Gott und den Menschen gibt es kein einfaches „Ja“ oder „Nein“ mehr, kein einfaches „Tun“ oder „Lassen“. Mit dem Blick auf Gott und den Menschen können wir nicht jede Bibelstelle als Gottes unhinterfragbaren Willen verstehen, der Wort für Wort zu befolgen ist, etwa wenn dadurch Menschen verunglimpft werden, zu Schaden kommen oder ganz und gar abgelehnt werden. Mit dem Blick auf Gott und den Menschen können wir nicht einfach blind an jeder Tradition festhalten, die längst am Leben der Menschen vorbeigeht und für sie keinerlei Bedeutung mehr hat. Jesus fordert uns auf und mutet uns zu, für Gott und die Menschen um uns herum sensibel zu sein.
„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Mit diesem einfachen Satz fordert Jesus nicht nur die Pharisäer heraus, sondern auch uns, seine Kirche, die ihm seit 2000 Jahren folgt. Mit diesem einfachen Satz trifft Jesus uns bis ins Mark. Denn für uns als Kirche ist das Handeln nach Gottes Willen maßgeblich. Doch diesen ganz klar und eindeutig zu benennen, ist nicht einfach. Die Diskussion um den richtigen Weg, die Diskussion um „Ja“ oder „Nein“, „Tun“ oder „Lassen“, ist hart. Sie ist anstrengend und schwierig, sie kann zu Streit und Verletzung führen, sie kann unsere Gemeinden, unsere Kirche bis an ihre Grenzen bringen. Ich kann die Entrüstung hören. Ich kann die Angst um die Existenz der Kirche und der Gemeinden deutlich spüren. Doch dieses Ringen um den Willen Gottes, um die Gebote und Traditionen und zugleich um die Bedürfnisse der Menschen, ist notwendig. Denn nur so folgen wir im Glauben und in unserer Kirche keinem anderen als Jesus. Nur so folgen wir Jesus, dem „Menschensohn, der Herr ist über den Sabbat.“
Leben nach Gottes Willen, eine echte Zumutung. Nehmen wir sie an?!

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