21. Sonntag nach Trinitatis (01. November 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Malte Jericke, Stuttgart [Malte.Jericke@ELK-WUE.DE]

Jeremia 29,1.4-7(8-9)10-14

IntentionDer Predigttext ermutigt dazu, das Leben, so wie es kommt, anzunehmen als aus Gottes Hand und bestmöglich zu gestalten. Nicht Resignation, sondern Aufbruch, Zuversicht und Gemeinwohl lauten einige Trostworte Gottes.

Liebe Gemeinde,
ich wünsche mir mein altes Leben zurück. Ich möchte wieder leben wie vor Corona. Nicht mehr überlegen, wie viele Freunde ich zum Geburtstag einladen kann. Nicht mehr darüber nachdenken, ob es gut ist, meine Eltern zu besuchen. Und Singen ohne Mundschutz und Abstand wäre doch auch mal wieder schön.
Je nach Interesse ist es unterschiedlich, was und wohin man sich zurückwünscht. Aber ich habe den Eindruck, dass sich die meisten Menschen einig darin sind, dass das Leben vor Corona freier, lustiger, unbeschwerter war.
Und auch wenn ich sonst kein Freund davon bin, gute alte Zeiten heraufzubeschwören, teile ich diesen Wunsch, die Pandemie hinter uns zu lassen. Denn im besten Fall nerven die Einschränkungen. Im schlimmsten Fall ist Corona ein todbringendes Virus, welches das eigene Leben bedroht oder das Leben von Freundinnen oder Familienangehörigen beendet hat.
Nein, Corona brauche ich wirklich nicht. Und ich kann mich an kein Ereignis erinnern, welches mein persönliches und das gesellschaftliche Leben so radikal verändert hat. Und andererseits: Ganz neu ist das Phänomen ja nicht.

Leben im UmbruchEs gibt ja immer wieder Ereignisse, die unser Leben stark verändern.
Negativ: Wenn eine Krebsdiagnose das bisherige Leben von einem auf den anderen Moment infrage stellt. Wenn eine Ehe in die Brüche geht oder Freundschaften zerbrechen.
Positiv: Wenn ich mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin mein Leben teilen und Neues entdecken kann. Oder wenn ich meinen absoluten Traumjob finde.
Umbrüche gehören zum Leben dazu. Die kann man natürlich nicht alle in einen Topf werfen. Man muss die auch gar nicht immer bewerten. Klar ist: Immer wieder verändern sich unsere Lebensbedingungen. Mal geplant, mal ohne unser Zutun. Immer wieder passiert etwas, was Selbstverständliches und Gewohntes infrage stellt.
Darum geht es auch im Predigttext. Er wendet sich an Menschen, die sich in einer völlig neuen Lebenssituation befinden. Sie müssen ganz neu anfangen. Ich lese aus dem Jeremiabuch (29,1.4-7(8-9)10-14).

Damals wie Heute„Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte.
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.
Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“

70 Jahre Exil. Das prophezeit Jeremia den Israeliten. Nach der Zerstörung Jerusalems durch König Nebukadnezar wurden viele Israeliten nach Babylonien verschleppt. Da sind sie nun. Sie haben Krieg erlebt, ihre Heimat wurde zerstört. Nun sitzen sie weinend an den Flüssen von Babylon, wie es Psalm 137 so eindrücklich schildert. Und dann kommt auch noch diese Ankündigung: 70 Jahre soll das Exil dauern. Eine ewige Zeit. Das kann man nicht aussitzen. Sie müssen ihr Leben ganz neu organisieren.
Für die Israeliten stellen sich da ganz existenzielle Fragen. Jerusalem galt ihnen auch als Wohnsitz Gottes. Ist er auch in der Fremde bei ihnen? Bestraft Gott sie vielleicht sogar mit dem Exil?

Keine Strafe GottesJeremia nimmt diese Fragen auf, indem er Perspektiven für das Leben in der Fremde aufzeigt. Die Israeliten sollen nicht resignieren, sie sollen den Umbruch gestalten. Pflanzt Bäume, baut Häuser, heiratet! Baut euch ein neues Leben auf. Gott lässt durch Jeremia ausrichten: Israeliten, schafft euch eine schöne neue Welt!
Sie werden nicht allein gelassen mit ihren Fragen und Ängsten. Gott spricht auch im Exil zu ihnen. Das zeigt: Das Exil und der vorausgehende Krieg sind keine Strafen Gottes, sondern von Menschen gemacht. Gott hat die Israeliten nicht nach Babylonien geschickt, um sie zu quälen. Es ist genau andersherum. Er will, dass sie unter den gegebenen Umständen das bestmögliche Leben haben.
Die Meinung, dass Krieg, Naturkatastrophen und dergleichen Strafen Gottes seien, tritt ja in unseren Breitengraden zum Glück nicht mehr ganz so häufig auf. Den einen oder anderen Versuch, Corona damit zu erklären, habe ich aber doch gelesen oder gehört. Der Predigttext aber zeigt – wie viele andere Stellen in der Bibel – eindeutig: Die Erklärung, dass Gott mit Exil, mit Vernichtung, mit einem Virus oder was auch immer bestraft, läuft ins Leere. Auch ein Virus ist keine Strafe Gottes. Gott hat diese Situation nicht herbeigeführt, sondern er hilft, die gegebenen Umstände zu bewältigen. Trotz allem soll das Leben so angenehm wie möglich sein.

Mit Umbrüchen umgehenAber wie geht das? Wie kann das gelingen?
Eines ist schon angeklungen: indem man die Situation annimmt. Es geht darum, die neuen Umstände zu akzeptieren. Pflanzt Gärten, baut Häuser, esst Früchte. Der Wohnort ist zweitrangig.
Nehmt euer Leben in die Hand, werdet wieder zum Akteur des eigenen Lebens. Aber nicht nur des persönlichen Lebens. Es geht auch darum, sich ins soziale Leben einzubringen.
Suchte der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Das heißt: Bringt euch in die Gesellschaft ein. Neue Lebensbedingungen verunsichern, sie stellen manches infrage.
Andererseits bieten sie auch die Möglichkeit, sich und die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Das Schöne an diesem Vers – Suchet der Stadt Bestes – ist, finde ich, dass er so offen, so unvollständig ist. Hier wird nicht gesagt: Macht es so und so, und dieses und jenes ist gut. Aber er ermuntert, sich einzubringen, gemeinsam gute Wege zu suchen. Gerade in Zeiten des Umbruchs.
Und ich denke, da hat die Pandemie einiges gezeigt, wo ein gemeinsames Suchen und Diskutieren nötig ist. Wie verteilen wir öffentlichen Raum? Gibt es genug Platz für Spielplätze und Freibäder? Kümmern wir uns genug um die Schuldbildung? Wie ist das mit der Wirtschaft? Vielleicht hat der eine oder die andere während des Shutdowns festgestellt, dass man auch mal auf den Kauf neuer Schuhe verzichten kann. Wie müssen wir unser auf Wachstum getrimmtes Wirtschaftssystem vielleicht neu organisieren?
Das Beste suchen für die Stadt, für die Menschen, für mich. Da kann immer wieder etwas anderes herauskommen. Wichtig ist, dass wir suchen, um unter den gegebenen Bedingungen das Beste zu ermöglichen und zu finden. Insbesondere in Zeiten, in denen manches Gewohnte nicht mehr funktioniert.
Das geht aber nur dann, wenn es möglich ist, wirklich etwas zu finden.

Leben in der Fremde heuteWas würde wohl ein Flüchtling aus dem Lager Moria auf Lesbos dazu sagen? Das Beste suchen. Pflanzen, bauen, sich eine neue Existenz aufbauen.
Mehr als ein höhnisches Lachen hätte er wohl kaum übrig. Der Predigttext geht ganz offensichtlich davon aus, dass die Israeliten die Möglichkeit hatten, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Europäische Union dagegen versucht genau das zu verhindern. Flüchtlinge sollen sich hier nur nicht allzu heimisch fühlen. Sonst kommen immer mehr. Dass die nicht vorhandenen Häuser, Bäume und Hoffnungen auf Europa vor einigen Wochen in Moria verbrannt sind, ist da nur der vorläufige traurige Höhepunkt.
Ich finde: Für die europäische Gemeinschaft, die sich immer wieder gerne christliche Traditionen und Werte auf die Fahne schreibt, ist das ein Trauerspiel. Das Beste aus der Situation machen, sich etwas aufbauen – das muss man eben auch zulassen. Gerade Menschen, die in der Fremde leben, die vor Krieg geflüchtet sind, sollen ihr Leben gestalten dürfen.
Suchet der Stadt Bestes – das ist alles in allem ein recht pragmatischer Ansatz. Exil, Umbrüche, neue Situation werden im Predigttext nicht romantisiert. Aber ich finde, gerade in diesem realistischen, sehr konkreten Ton steckt für solch eine Situation viel Hoffnung. Weil es nicht darum geht, abzuwarten, bis alles besser wird, sondern gezeigt wird, was man selbst beitragen und tun kann.

Hoffnung zum SchlussTief im Herzen haben sich die verschleppten Israeliten wahrscheinlich dennoch nach Jerusalem zurückgesehnt. Und auch ich hoffe und freue mich auf ein Leben nach Corona.
Und auch der Predigttext bleibt nicht nur in der Gegenwart:
„So will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“
Gott öffnet damit eine weitere Perspektive. Zum Das-Beste-aus-der-Situation-Machen gehört auch das Hoffen auf die Zukunft. Denn auch dieser Blick ist ja für das Leben im Hier und Jetzt wichtig. Und Gott sagt: „Diese Hoffnung ist berechtigt.“ Er will die Israeliten heimführen. Und auch wir können auf eine gute Zukunft hoffen, aber es gibt eben auch die Gegenwart mit ihren ganz besonderen Bedingungen.
Diese gilt es zu gestalten! Trotz Ärger über und Angst vor dem Virus. Obwohl es verunsichert, nicht zu wissen, wie sich die Lage entwickelt. Und vielleicht gibt es bei Ihnen auch noch ganz andere Fragen, die Sie im Moment beschäftigen. Trotz alledem:
Suchet der Stadt Bestes. Es ist wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, wie es schon im Wochenspruch heißt. Sondern das Gute zu suchen, zu finden und zu diesem beizutragen. Gott segne uns dabei. Amen!

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