Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (08. November 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Eva Ulmer, Weil der Stadt [Eva.Ulmer@elkw.de ]

1. Thessalonicher 5, 1-11

IntentionDie Sehnsucht nach dem Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen, verbindet uns Menschen heute mit unseren Vorfahrinnen und Vorfahren im Glauben.
Es galt und gilt zu allen Zeiten, offen und sensibel für das Reich Gottes in unserer Welt zu sein, das so ganz anders ist, als wir uns das vorstellen. Die Predigt nimmt Bezug auf die Schriftlesung Lukas 17, 20–24.

Liebe Gemeinde,
zwei Menschen unserer Zeit: Sandra wartet. Nein, eigentlich wartet sie nicht, sondern sie hofft. Schon viele Jahre. Darauf, dass ihre Ehe endlich gerettet werden kann. Dass ihr Mann endlich aufhört mit den vielen Affären. Dass er sich um seine Kinder kümmert, die ihren Vater lieb haben und brauchen. Sandra wartet darauf, dass sie endlich wieder Kraft für ihren Alltag bekommt, weil die Sorgen sie so in Beschlag nehmen.
Auch Jörg hofft. Dass der freie Fall in seinem Leben endlich aufhört. Eigentlich ist er ja sehr erfolgreich in seinem Beruf und steht kurz vor dem Ruhestand. Aber der Tod seines Sohnes, der innerhalb von wenigen Monaten an Krebs verstarb, war ein schwerer Schicksalsschlag. Und seine Frau konnte mit der Situation nicht umgehen. Sie wurde krank darüber und sah in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen.
Was Sandra und Jörg, die sich nicht kennen, verbindet, ist, dass sie glauben und hoffen. Darauf, dass Gott in ihrem Leben wirkt. Eingreift und die Dinge irgendwie wieder zum Guten wendet. Trotz aller Widrigkeiten im Leben haben sie ihr Vertrauen in Gott nicht verloren – obwohl sie allen Grund dazu hätten.
Sandra und Jörg leben in unserer Zeit. Aber ihre Hoffnungen und Wünsche sind so alt wie die Menschheit. Ihre Frage nach Gott. Die Hoffnung auf den großen Knall, mit dem sich auf einmal alles verwandeln könnte. Warum müssen wir immer weiterkämpfen. Wo bleibt Gott? Wann greift er ein?

Diese Fragen gehören zu den Fragen der Menschheitsgeschichte. Zu den existenziellen Fragen unseres Menschseins. Und sie sind schon sehr, sehr alt. Auch die junge christliche Gemeinde stellte diese Fragen.
Sie haben sie in ihrer damaligen Sprache formuliert: „Wann kommt der Tag des Herrn“, der Tag, der dieser Welt und ihrem Elend ein Ende bereitet? Der Tag, an dem es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt. Der Tag, an dem wir mit Gott vereint sein werden. Auf diese Frage versucht Paulus zu antworten. Ich lese aus dem 1. Thessalonicherbrief, Kapitel 5 die Verse 1-11:

„Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

Um zu verstehen, was dieser Text Sandra und Jörg heute sagen könnte, lohnt es sich zu schauen, wie die Denkweise der Menschen im ersten nachchristlichen Jahrhundert war.

Das erwartete Kommen des Messias am Tag des HerrnDamals wird auf die genannten Fragen eine ganz eindeutige Antwort gegeben. Und die fällt ziemlich schwarz-weiß aus. Denn auch wenn das Leben der Frommen in einer grausamen, gottlosen Welt über alle Maßen schwer sein wird, so muss doch der Tag Gottes irgendwann gewiss kommen. Der Tag, auf den alle warten. Da wird eben jener große Knall erfolgen, der die Welt verwandeln wird. Und die Welt wird eine neue, klare Ordnung bekommen. Und die ist für heutige Verhältnisse ganz klar gegliedert: Schwarz-Weiß, Gut und Böse. Dann, so glaubten die Menschen, wird Gott sein Reich aufrichten, und die Grausamen, Gottlosen, werden ihre gerechte Strafe erhalten. Aber für die Glaubenden, die ihre Hoffnung ganz auf Gott gerichtet haben, wird dann die Zeit der Freude anbrechen. Das Leid der Vergangenheit wird reichlich belohnt werden. Und wenn Gott seine Herrschaft aufrichten wird, glaubten die Menschen damals, dann wird das geschehen durch einen, der aussieht wie ein Mensch, oder, wie Luther übersetzt, „eines Menschen Sohn“. Dieser ist in der Erwartung des Judentums kein anderer als der Messias. Kein Wunder, dass man in frommen Kreisen geradezu von fieberhafter Erregung gepackt wurde: Wann kommt der Messias? Wer ist es? Vielleicht der – oder jener? Und wie lange wird es noch dauern, bis alle, wirklich alle, ihn erkennen? Und die junge christliche Gemeinde – der 1. Thessalonicherbrief wurde um das Jahr 50 verfasst – fragte sich immer brennender: „Wann kommt Jesus wieder?“ Weil sie fest davon überzeugt war, diesen Tag selbst noch erleben zu dürfen.
Und damit sind wir bei der Ausgangsfrage, auf die Paulus eingeht. „Wann kommt der Tag des Herrn?“ Wann hat das Schlechte und Böse in der Welt endlich ein Ende?

Wann kommt das Reich Gottes?Eine ganz ähnliche Frage haben nach der Schriftlesung dieses Sonntags aus Lukas 17 auch die Jünger Jesu gestellt: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Jesus gibt darauf eine Antwort, die – wie so oft – nicht in das Konzept der Fragenden passt. „Es nützt doch all die aufgeregte Fragerei und Sucherei nichts! Sie lenkt nur ab vom Eigentlichen.“ Denn die eigentliche Aufgabe des Menschseins ist es doch, die Kräfte einzusetzen für Liebe und Gerechtigkeit. In unserem Alltag. So wie Jesus es uns vorgelebt hat. Da fängt dann die gute Weltordnung Gottes an, sichtbar zu werden. In unserer Welt. Wir beten immer wieder darum: „Dein Reich komme“, weil wir wissen, wie brüchig all unsere eigenen Bemühungen sind. Weil wir wissen, dass diese letzte Sehnsucht auf dieser Erde nicht gestillt werden kann. Wir beten es aber auch, weil wir Gott zutrauen, dass er wachsen lassen kann und wird, worum wir uns nach unseren Kräften bemühen.
Aber können wir es glauben, dass Gottes Reich anbricht? Hier und heute. 2000 Jahre, nachdem Jesus auf der Erde gelebt hat?

Menschen begleiten in schwierigen SituationenFür Sandra und Jörg tut es gut zu wissen, dass Menschen sie begleiten. Ihnen zuhören. Mit ihnen lachen und weinen. Menschen, die für sie beten, wenn der Glaube schwankt. Aber Sandra schöpft auch Kraft, wenn sie abends Rückschau auf den Tag hält. Darüber nachdenkt, wo sich Gott in ihrem Leben gezeigt hat. Nicht in spektakulären Aktionen. Sondern oft ganz sanft und zärtlich. Jörg beginnt sich mit den Geschichten der Bibel zu identifizieren. Auch Hiob hat gelitten wie er. Hat mit Gott gerungen und gehadert. So wie er auch gerade. Und er nimmt Gott beim Wort, dass auch sein Leben sich zum Guten wenden kann. Entgegen der eigenen Erfahrung.

Für uns Menschen heute sieht das Reich Gottes anders aus als in der Urgemeinde. Wir reden auch mit anderen Worten darüber. Benutzen weniger drastische Bilder. Nicht so schwarz-weiß. Auch bricht es nicht so spektakulär an. Kein großer Knall. Sondern leise, vielleicht sogar liebevoll und zärtlich. So, dass es sogar ganz leicht übersehen werden kann. Aber es lohnt sich, Augen, Ohren und Herz offen zu halten. Denn das Reich Gottes ist schon mitten unter uns. Wir dürfen es entdecken.
Amen.

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