Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs / Volkstrauertag (15. November 2020)

Autorin / Autor: Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller , Ladenburg-Weinheim [monika.lehman-etzelmueller@kbz.ekiba.de]

Lukas 16, 1-8

IntentionEs sind Beziehungen, die das Leben tragen. Menschen am Rand sollen in der Mitte stehen. Nur Gott kann abgebrochene Geschichten zu einem guten Ende erzählen.

16,1Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.


Ein windiger Verwalter und das Lob einer schrägen TatWas ist dieser Verwalter doch für ein windiger Kerl. Wo ist das Geld seines Chefs hingekommen? Das soll er erklären. Tut er aber nicht. Stattdessen setzt er noch eins obendrauf. Er erlässt Schuldnern einen Teil ihrer Schulden. Aus der Geldschatulle des Chefs wohlgemerkt, nicht aus seiner eigenen Tasche. Dabei geht es ihm gar nicht um die Schuldner, die jetzt einen Teil ihrer Last los sind. Er handelt so, um seine eigene Haut zu retten. Wenn ich jetzt den Schuldnern helfe, werden sie mir helfen, wenn ich meinen Job als Verwalter verliere und rausgeschmissen werde, denkt er sich. Soweit der Plan. Der Verwalter ist ein ungerechter Verwalter, stellt die Geschichte ganz lakonisch auch selbst fest.
Sein Chef wird ihm schon den Marsch blasen, denke ich. Aber Pustekuchen. Der Chef, der gerade noch übers Ohr gehauen wurde, lobt den Kerl sogar noch. Klug habe er gehandelt, als er das Geld entwendet hat, um sich seine Zukunft zu sichern.

Eine seltsame Geschichte erzählt Jesus da. Wir hören auf sie an einem Sonntag, der ein ganz eigenes Gepräge hat. Das fühlen wir auch, hier in der Kirche, aber auch in unserer Gesellschaft und draußen auf den Friedhöfen. An diesem Sonntag geht es um das Gericht Gottes. Wer Kranke besucht hat, Hungernde satt gemacht, Trauernden beigestanden hat, dem öffnet Gott die Türen. Gott richtet, um unsere Menschlichkeit hervor zu bringen. Wir müssen keine Heiligen werden, es reicht, wenn wir Menschen werden, denen ein Herz gewachsen ist. Es reicht, wenn wir Mitmenschen werden, die dünnhäutig sind für das, was anderes Leben bedroht.

Dünnhäutig ist der Verwalter in der Geschichte nun gerade nicht. Das Schicksal der Menschen, denen die Last der Schulden schwer auf Schulter und Leben liegt, rührt ihn nicht. Wo ist Gott überhaupt in dieser Geschichte? Ich finde Gott nicht in dem Verwalter. Auch nicht in seinem Herrn. Ich finde Gott in dem Lob für die schräge Tat.

Gottes Augenmerk gilt den Einsamen, Schwachen, UnterstützungsbedürftigenIn diesem Lob erfahre ich etwas über Gott. Ihm geht es um die Hungernden, die Kranken, um die Einsamen. Seine Augen suchen nach den Schwächsten.
Es geht also nicht um den Verwalter. Und auch nicht um seinen Chef. Die Schwächsten sind die Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen können.
Sie stehen in der Geschichte am Rand und im Leben auch. Sie schulden dem reichen Mann Öl und Weizen. Viel Öl und viel Weizen. Sie sind vermutlich Pächter, die sein Land bewirtschaften. Zur Zeit Jesu war das Land nicht selten im Besitz der Römer. Die römischen Besatzer hatten sich das Land angeeignet, einfach so. Nicht selten mussten die ehemaligen Bauern dann auf ihrem eigenen Land als Pächter schuften und einen großen Teil der Ernte abgeben. Wenn dann ein Jahr die Olivenbäume nicht trugen oder der Weizen nicht reifte, gerieten sie in Not. Kam noch so ein Jahr, wurden sie nicht selten mitsamt ihren Familien in die Sklaverei verkauft. Die Höhe ihrer Schuld lässt mich ahnen, dass die Schuldner davon nicht mehr weit entfernt sind. Nun erscheint das Handeln des Verwalters in einem neuen Licht. Er verkürzt die Schuld so sehr, dass die Schuldner eine Chance haben, einem schlimmen Schicksal zu entgehen und das Dach überm Kopf zu behalten. Auch wenn der Verwalter dabei nur an sich denkt, ist das ein gutes Ergebnis. Dem reichen Mann jedenfalls werden die fünfzig Fass Öl und die zwanzig Sack Weizen nicht fehlen.

Nur Gott kann abgebrochene Geschichten zu einem guten Ende erzählenWir wollen denen beistehen, die besonders verwundbar sind. So haben wir gedacht in diesem Frühjahr und Sommer. Viel Gutes ist geschehen. Menschen haben ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, um dem Virus den Weg abzuschneiden. Nachbarn haben einander geholfen. Auch in unserer Gemeinde haben wir viele Wege gesucht, um Menschen beizustehen, die das Haus nicht mehr verlassen können. Es gibt auch manches, was in der Rückschau schwer auf uns lastet. Da sind unsere Nachbarn in Europa, die mehr Hilfe gebraucht hätten statt geschlossener Grenzen. Kinder und Jugendliche, die keine Zuflucht mehr gefunden haben vor der Gewalt in den verschlossenen Wohnungen. Menschen, die nicht Corona krank gemacht hat, sondern Einsamkeit und Isolation.

Nirgendwo habe ich die Not dieser Zeit so sehr erspürt wie in dem Leid der Witwe, die allein am Grab ihres Mannes stand, weil ihre Kinder aus dem Elsass nicht einreisen konnten. Nirgendwo habe ich das Leid dieser Zeit so sehr erspürt wie in der Verzweiflung des Sohnes, der nicht zu seiner schwerkranken und sterbenden Mutter durfte. Menschen sind gestorben und konnten nicht mehr ihre Liebsten sehen. Angehörige tragen schwer daran, dass sie nicht haben Abschied nehmen können. Wenn Corona vorbei ist, dann wird es manches geben, das wir einander zu vergeben haben. Dieses Leid und diese Not sind auch heute da. An dem Sonntag, an dem wir auf Gott als Richter sehen, bitten wir ihn: Richte, bringe zurecht, wo wir aneinander schuldig geworden sind. Nur du, Gott, kannst die Scherben wieder zusammenbringen, so dass ein Bild entsteht. Nur du kannst die abgebrochenen Geschichten zu Ende erzählen – zu einem guten Ende.

Die Schwächsten ins Licht holen, Beziehungen geben Halt und tragenWie sehr würde es unsere Gesellschaft verändern, unsere ganze Erde, wenn nicht die reichen Männer im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen am Rand. Im Lob für den Verwalter höre ich Gottes Stimme, die uns dazu ruft.
Der Verwalter erkennt, wie wichtig Beziehungen sind, die Halt geben. Auch dafür wird er gelobt. Als sein Leben von einem Tag auf den anderen ausgebremst wird, sucht er nach den Beziehungen, die ihn tragen.
Diese Erkenntnis ist mir sehr nahe im Herbst 2020. Wie sehr können Menschen fehlen. Wie sehr kommt es darauf an, Menschen zu haben, geliebte Menschen, Freunde, Kinder, Eltern, Großeltern, Schwestern und Brüder, Lehrerinnen, Nachbarn, die Frau, die im Chor neben mir sitzt, und die Geschwister, die gemeinsam im Kreis stehen um Gottes Tisch, um das Brot zu teilen.
Die meisten Menschen sagen in der Rückschau: Das wirklich Wichtige in meinem Leben waren die Menschen. Aber das im Alltag auch zu leben, gelingt oft nicht gut. Du hörst mir gar nicht zu, sagen Jugendliche genervt zu ihren Eltern. Tage und Wochen ziehen vorbei, bis endlich mal Zeit ist für einen Anruf bei der alten Tante, die sich doch so darüber freut. Die Freunde habe ich allzu lange nicht mehr gesehen. Immer wieder drängelt vermeintlich Wichtigeres nach vorne. Der Verwalter kapiert es, als ihm die Felle davon schwimmen: In Beziehungen zu investieren, lohnt sich für alle.

Volkstrauertag, das bedeutet, durch die Zahlen hindurchzuschauen, sie aufzulösen in Lebensgeschichten, in Gesichter, in Menschen, die fehlen. Viele Tote haben noch nicht einmal einen eigenen Grabstein. Aber jede und jeder von ihnen hatte einen Namen, eine Geschichte, Träume, die nicht mehr reifen konnten. Jede Lebensgeschichte zählt und hinterlässt Spuren. Sie reichen bis hin zu denen, die später gekommen sind, die Kinder und Enkelkinder. In fast jeder Familie gibt es Geschichten, die weiter erzählt werden, um sie nicht zu vergessen. Sie erzählen von Menschen, die nicht zurückgekommen sind, von Leid und Not und auch von Mut und Bewahrung. In vielen Familien gibt es auch ein Schweigen über das, was Täter getan haben und was wir Menschenkinder nicht mehr gut machen können. Ist 75 Jahre nach Ende des Krieges nicht die Zeit gekommen, diese Geschichten vor Gott offenbar werden zu lassen und aus dem Schweigen ins Licht zu bringen?

Volkstrauertag, das bedeutet, durch die Zahlen hindurchzuschauen, sie aufzulösen in Lebensgeschichten, in Gesichter, in Menschen, die fehlen. Über eine Million Menschen sind an Corona gestorben. Menschen, die vermisst werden und Lücken lassen und Spuren gelegt haben, die weit hineinreichen in das Leben anderer. Diese Menschen fehlen. Auch heute leere Stühle, stille Zimmer, verstummte Kontakte auf WhatsApp, das Heimweh nach vertrauten Stimmen, nach dem Geruch von Haut und dem „Einfach-Du“ eines Menschen, der fort ist. Auch heute Leiden an Abschieden, die nicht möglich waren. Auch ihre Geschichten wollen wir hören, bewahren und weiter erzählen. Wir wissen: Gott kennt sie. Auch wenn wir vergesslich sind, ist er ewiges Gedächtnis.

Im Lob für den Verwalter höre ich Gottes Stimme, die die Schwächsten ins Licht holt und davon erzählt, wie kostbar jedes Leben ist, jeder Mensch, der mit mir unterwegs ist. Und noch ein drittes höre ich in Gottes Lob.

Anfangen zu handeln und kleine Schritte gehenGott achtet die 20 %. Und die 50. So viel erlässt der Verwalter den Schuldnern. Wir haben viel rechnen geübt in den letzten Monaten. Wenn wir 2 Meter Abstand halten, wie viele Leute passen dann ins Büro, in den Besprechungsrum, in die Kirche? 15 % oder vielleicht 20 von dem, was wir gewohnt sind? Wie viele Frierende können wir in die Wärmestube lassen, wie viele Erschöpfte ins Wohnzimmer der Bahnhofsmission, wie viele Menschen können satt werden, wenn die Tafel kocht? So wenig? Ermüdend und frustrierend ist das Prozentrechnen oft. Aber heute erfahre ich: Gott achtet das Wenige, das wir tun können. Er fragt nicht: wieso nicht 100 %? Er achtet und lobt die 20 %, die möglich sind. Sie machen einen Unterschied. Trau dich raus mit deiner Mitmenschlichkeit, mit deiner Freundlichkeit, mit deinem Trost, auch wenn es erst einmal 20 % sind. Fang mit etwas an. Es mag dir wenig erscheinen, aber Gott lobt und feiert es. Es mag dir wenig erscheinen, aber es macht einen Unterschied.

Jedes Gedenken verblasst und verweht, wenn es nicht in unser Handeln kommt. Hör nicht auf die, die sagen, es solle doch endlich vorbei sein mit den alten Geschichten. Erzähle die Geschichten, deine und die der Menschen vor dir, damit sie ein neues Haus finden in den Herzen der Jungen. Was für ein Tag könnte der Volkstrauertag sein! Dann, wenn wir an ihm die Geschichten weiter erzählen, die uns unser Leben und das Leben der vor uns ins Herz geschrieben haben. Dann kann Frieden werden. Dieser Friede erfülle unsere Herzen und Gedanken und all unser Tun. Der Friede Christi sei mit uns allen. Amen.

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