1. Advent (29. November 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer Julian Scharpf, Fellbach [Julian.Scharpf@elkw.de ]

Sacharja 9, 9-10

IntentionTrotz alledem: Freude und Jauchzen! Inmitten all der Herausforderungen unserer Zeit soll ein Fenster; nein, im Advent besser: ein Tor für die Hoffnung aufgerissen werden… zumindest ein kleines Tor.

Liebe Gemeinde,
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit!...“
Dieses Jahr haben wir durch das Corona-bedingte Lüften ja schon einige Erfahrungen darin gesammelt, Türen und Tore zu öffnen. Mit den sinkenden Temperaturen wird es allerdings nicht einfacher, diesem Prinzip zu entsprechen. Immer öfter bleiben die Türen leider sowieso ganz geschlossen, weil Veranstaltungen ausfallen.
Auch im übertragenen Sinn kann es dieses Jahr schwerer fallen, unser Herz für die hoffnungsvolle Botschaft des Advents zu öffnen. Zu viele Hiobsbotschaften und deprimierende Nachrichten erreichen uns die Tage. Wie soll es denn bei all den Schwierigkeiten am Ende noch so richtig Advent, geschweige denn Weihnachten werden?
Inmitten dieses Corona-Blues höre ich die Worte des Propheten Sacharja (9,9-10):

„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.“

Freude in allem LeideFreude! Jauchzen! Frieden! Es braucht zurzeit ein wenig mehr Übung als sonst, um diese Worte leidenschaftlich vorzutragen. In meinen Gedanken sortieren sich schnell die Bilder, die gegen diese Worte zu sprechen scheinen. Doch je mehr ich mir diese Bilder vor Augen halte, umso stärker wird meine Sehnsucht eben nach Freude trotz allem Leid, nach Jauchzen trotz aller Trauer, nach Frieden statt Krieg.
Ich sehne mich nach bunten Gegenbildern zum Schwarzweißfilm im Kopfkino; nach hoffnungsvollen Entwürfen für die Wirklichkeit; nach einer leuchtenden Adventskerze im Dunkeln. Ich wünsche mir, dass Gott bei uns die Türen öffnet, die wir gerade selbst nicht aufschließen können. Dass er uns selbst die Freude bringt, wenn wir uns nicht dazu aufraffen können.
„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!“
Wenn ich die Sacharjas Verse lese, höre ich Händels Melodie und möchte zu laut und etwas schief wie immer mitsingen:
„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem!“

Der Friedenskönig„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“
Vor meinen Augen sehe ich den Einzug Jesu in Jerusalem, wie er im Matthäusevangelium beschrieben wird. Jesus, auf einem Esel langsam durch das Tor reitend. Palmzweige auf dem Boden, Hosianna-Rufe, Hoffnung und Spannung. Durch die Worte des Propheten Sacharja aus dem Alten Testament verstehen wir erst, welche Botschaft in diesem Bild liegt: Jesus zieht ein mit den Symbolen eines Friedenskönigs.
Wie anders, wie friedlich wirken diese Bilder gegenüber den Inszenierungen von Macht, die wir im Fernsehen sehen können. Mir fallen zwei bis drei Präsidenten ein, deren Auftreten eher martialisch als friedlich ist. Vor dem Hintergrund des Einzugs Jesu wirken sie auf mich lächerlich. In diesem Einzug Jesu erkenne ich ein einen Gegenentwurf zu den Bildern der Wirklichkeit, die mich umgeben. Es muss nicht alles so sein, wie es ist. Es kann auch ganz anders sein.

Anders als gedachtDiese Sicht auf die Dinge ist keine rosarote Brille, die um jeden Preis nur das Gute sehen will. Eine christliche Gemeinschaft, die so auf die Welt schauen würde, wäre blauäugig und unrealistisch. Die Bibel ist schließlich kein Denk positiv!- Ratgeber in der Sachbücherauslage der Weltliteratur. Sie ist vielmehr Zeugnis davon, wie menschliche Erwartungen bedient, aber auch enttäuscht und zu einem guten Teil anders als gedacht erfüllt wurden.
Die Menschen, die die Worte des Propheten Sacharja in seiner Zeit hörten, erlebten nicht mehr, dass ein Friedenskönig in Jerusalem einzieht. Aber der langersehnte Wiederaufbau des zerstörten Tempels wurde realisiert und entwickelte sich zu einem Zentrum für die jüdische Diaspora.
Die Menschen, die Jesus beim Einzug in Jerusalem zujubelten, erlebten nicht, dass die Völker dem gebotenen Frieden entsprachen. Und doch erfuhren sie durch Jesus, dass der Tod kein Ende sein muss, sondern ein Anfang sein kann. Dass seine Macht sich nicht in der Stärke, sondern in der Schwäche ausdrückt. Dass seine Botschaft sich nicht durch Gewalt unterdrücken ließ.

Erwartungen im AdventDie Erfahrungen dieser Menschen zeigen, dass Gottes Geschichte mit uns immer wieder andere Bahnen nahm, als wir uns errechneten. Und dass wir mit ihm immer wieder in der Lage sind und sein werden, einer Situation etwas Gutes abzutrotzen.
Wir sind jetzt im Advent, in der Vorbereitung auf die Feier der Geburt Jesu.
Es ist, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig anders als sonst. So wie wir üblicherweise Advent und Weihnachten feiern, wird es wohl dieses Jahr nicht sein. Keine volle Kirche beim Krippenspiel, kein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, keine traditionelle Adventsfeier mit dem Verein oder im Betrieb.
Doch zugleich sehe ich, wie viele Menschen sich kreative Gedanken machen, was an Alternativen möglich ist. Wie Menschen um Ideen ringen und etwas ermöglichen wollen. Die schwierigen Bedingungen sollen nicht verharmlost werden. Es ist aber doch eine Frage der Perspektive, ob wir uns darauf konzentrieren, was alles nicht möglich ist – oder darauf, was möglich sein kann. Die hoffnungsvollen Nachrichten haben eine Chance verdient.

Auf der Suche nach guten NachrichtenEs ist ein wenig so wie mit der Sachbuchauslage in der Buchhandlung: Da finde ich in der Mehrzahl drastische Warnungen vor Krisen und Geheimoperationen in grellen Lettern. Buchgewordene Alarmsignale, denen eigentlich nur noch ein Martinshorn als dekorative Ergänzung fehlt. Ich entdecke auch Lebensratgeber, die mir erklären, dass ich wohl leider noch nicht schlau, glücklich, beziehungsfähig und gesund genug bin. Schade eigentlich!
Inmitten dieser Untergangs- und Selbstoptimierungsliteratur behauptet sich seit über einem Jahr das Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ von Hans Rosling.
Rosling war Professor für Internationale Gesundheit in Schweden. Seine Botschaft ist, dass wir dazu neigen, das Schlechte aufmerksamer wahrzunehmen als das Gute. Das führt dazu, dass unser Weltbild zu pessimistisch ist. Mir war vor der Lektüre nicht so bewusst, wie rapide die Kindersterblichkeit weltweit sinkt oder auch wie Alphabetisierung und Schulbildung gerade bei Mädchen selbstverständlicher werden. Oder haben Sie beispielsweise mitbekommen, dass Afrika durch Impfungen seitdem endlich als frei von Polio gilt? Wenn wir solche guten Nachrichten bewusster wahrnehmen, wird unsere Perspektive auf die Welt realistischer.
Mit dieser Offenheit für gute Nachrichten schaue ich auf Advent und Weihnachten.

Trotz alledem: WeihnachtenUnd ich höre, was Sacharja uns allen ankündigt:
„Siehe, dein König kommt zu dir!“
Mein König kommt zu mir. Jesus kommt zu mir. Zu dir. Zu uns. Anders als erwartet. Und dass er zu uns kommt, hängt nicht davon ab, wie wir dieses Jahr Weihnachten feiern. Es hängt nicht von unserer Stimmung ab oder von den Umständen, unter denen wir feiern. Das Versprechen bleibt dasselbe: Jesus kommt zu uns.
Die Geschichte Jesu begann damals in Betlehem unter merkwürdigen Umständen. In einem stinkenden Viehstall und mit einer Futterkrippe als Babywiege. Mit einer Teilnehmerliste, deren Einträge jedem Gesundheitsamt heute Kopfzerbrechen bereiten würde. Unsere Umstände in diesem Jahr mögen auch noch so merkwürdig sein, sie sind nichts im Vergleich mit den Verhältnissen damals in Bethlehem…Und egal, wie unsere Weihnachtsgottesdienste und Feiern am Ende aussehen:
Jesus kommt.
Und auch wenn wir die Türen nicht hoch machen dürfen und die Tore weit:
Dieser König wird einen Weg zu uns finden. Er findet die Tür zu unseren Herzen und wird sie aufreißen, wenn wir es nicht schaffen, sie zu öffnen. Halten wir die Augen und Ohren offen. Vielleicht entdecken wir ihn in dem Moment bei uns, wo wir die erste Kerze am Adventskranz entzünden. Oder wenn wir die ersten Advents- und Weihnachtslieder im Radio hören. In einem Brief, mit dem wir nicht gerechnet hätten.
Oder wenn es uns doch möglich ist, zu Weihnachten mit anderen zusammen „O du Fröhliche“ anzustimmen.
Mit Abstand. Natürlich.
Amen.

Literatur:
Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlund, Ola Rosling: Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Berlin 2019; Erich Zenger u.a.: Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 2008.

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