3. Advent (13. Dezember 2020)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothee Eisrich, Schorndorf [ Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche_West@elkw.de]

Lukas 1, 67-79

Intention der PredigtWo haben wir uns – wie Zacharias – zu früh daran gewöhnt, dass große Verheißungen nicht in Erfüllung gehen? Sein Lobgesang stellt uns Vereinzelte in eine große Gemeinschaft und macht Mut, heute mit Gotteserfahrungen zu rechnen.

Liebe Gemeinde,
jemand hat einen Wunsch: Er möchte einfach dazugehören, gleichwertig sein, wie die anderen auch. Er möchte nicht immer mit diesem mitleidigen Blick angeschaut werden. Es liegt ein Schmerz über seinem Leben, und er sieht, wie auch seine Frau darunter leidet. Er betet. Er hört nicht auf zu hoffen. Die Jahre vergehen, eins ums andere. Seine Gebete werden nicht erhört. Er bleibt ein frommer Mann, er betet weiter. Aber irgendwie gewöhnt er sich daran, dass das doch weit auseinanderklafft: Glaube und Alltagsrealität. Verheißung und Erfüllung. Himmel und Erde. Gott und Mensch.
Da passiert, mitten in einem Gottesdienst, dass ein Engel ihn antippt und sagt: Gott hat deine Gebete erhört.
Er ist verwundert. Kann das sein? Warum gerade jetzt? War es nicht schon hundertmal so, dass er durch irgendetwas wieder neu Hoffnung geschöpft hat, und dann blieb doch alles so, wie es vorher war? Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte, Argumente, dass es diesmal anders ist?

Gehen unsere Gebete in Erfüllung?Zacharias heißt der Mann. Sein Lobgesang steht heute im Mittelpunkt. Die Geschichte, die ihn zu diesem Lobgesang geführt hat, sollen wir uns heute weitererzählen. In diesem Jahr, wo immer noch alles so anders ist als sonst, wo das Leben noch zerbrechlicher, noch mühsamer als sonst geworden ist. Es ist die Geschichte von einem, der lange gewartet und gehofft hat – und der jetzt einfach müde geworden ist. Man könnte auch sagen: Er hat sich daran gewöhnt, dass manche der großen Verheißungen doch nicht in Erfüllung gehen.
Zacharias und seine Frau Elisabeth. Der Glaube an Gott hat ihr ganzes Leben geprägt. Sie haben daraus immer wieder Kraft geschöpft. Sie haben gelebt, was sie geglaubt haben. Ihre Lebenshaltung war für andere spürbar. Sie waren engagiert im Tempel. Ihre Kinderlosigkeit traf sie hart. Sie war nicht nur ihr persönlicher Schmerz. Sie war damals verbunden mit einer gesellschaftlichen Geringschätzung. Und jetzt soll Glaube nicht nur Trost sein, sondern tatsächlich Wirklichkeit werden? Jetzt soll ihr sehnlicher Wunsch ganz konkret für sie in Erfüllung gehen?

Glauben wir daran, dass die biblischen Verheißungen Wirklichkeit werden?Wir feiern heute den 3. Advent. Die meisten Gutsle sind gebacken, viele Häuser sind geschmückt. Die Kerzen am Adventskranz sind angezündet. Wir hören adventliche Musik. Das wärmt die Seele. Es sind ja schon große Worte: Licht –für all das, was dunkel und ungewiss und manchmal wie ein Berg vor uns liegt. Es kommt der Herr der Herrlichkeit. Glauben wir, was wir beten und singen? Sehen wir tatsächlich Gott kommen? Oder sind auch wir bescheiden geworden, freuen uns eben an der adventlichen Stimmung und haben uns daran gewöhnt, dass Glaube und Alltag auseinanderklaffen?
Unser täglich Brot gib uns heute. Wie oft beten wir diese Worte. Spenden für „Brot für die Welt“. Aber dass wirklich alle heute ihr täglich Brot bekommen, dass es wahr werden kann, dass alle satt werden… wer von uns glaubt daran?
Unser Gebet um Frieden. Was für ein zentraler Gotteswunsch verbirgt sich dahinter: Friede auf Erden. Unverändert leiden 80 % der Menschen an Ungerechtigkeit und Gewalt. Ist es auch hier das gleiche Muster, dass wir uns im Grund abgefunden haben und gar nicht mehr damit rechnen? Und wer rechnet ernsthaft mit dem, was Jesus angekündigt und woran er geglaubt hat: dass Blinde sehen und Lahme gehen, dass Gefangene frei und dass Tote lebendig werden?
Der Engel hat zu Zacharias gesagt: Ich bin von Gott gesandt, um dir die frohe Botschaft zu bringen. „Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können, bis zu dem Tag, wo dies geschehen wird.“
Zachäus wurde stumm. Ganz plötzlich. Zur großen Verwunderung der Leute.

VerstummenEs gibt so viele Arten von Stummheit bei uns. Auch in unseren Kirchen. Am meisten verbreitet ist wohl eine Stummheit, die wir in vielen Sätzen verstecken. Wie viele Richtigkeiten hören wir, die wahr, aber belanglos sind. Betuliches, Dogmatisches. Kirchensprache – gut gemeint, aber die Worte bleiben merkwürdig leer, berühren nicht, treffen nicht.
Es gibt auch eine Stummheit bei uns, die man eher feiges oder bequemes Verschweigen nennen müsste. Man macht sich nicht die Mühe, das Gespräch zu suchen, die Stimme zu erheben, wo jemand die Stimme erheben sollte, die richtigen Wort zu finden, die der andere verstehen könnte.
Die Stummheit, die Zacharias getroffen hat, ist noch einmal anders. Ihm hat es im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache verschlagen. Etwas ist geschehen, was er selbst erst einmal verdauen musste. Ich wünschte mir öfter ein solches Schweigen. So viel ändert sich gerade, Strukturen brechen weg, Menschen und Organisationen kämpfen ums Überleben. Kirchen werden leerer, nicht nur weil wir weniger werden, sondern auch, weil wir Kontakte meiden sollen. Müssten wir nicht erst einmal schweigen, verdauen, was da gerade passiert, in unserem Land, in unserer Kirche, auf dieser Welt - und nicht so schnell wie möglich weitermachen wie bisher? Müssten wir nicht dem Raum geben, was während unserem Schweigen an Neuem entstanden ist, was jetzt unser Augenmerk braucht, damit es weiterwachsen und gedeihen kann?
Neun Monate hat es gedauert, so lange wie die bisherige Coronakrise bei uns, bis Zacharias und Elisabeth ihr Kind endlich im Arm halten konnten. Es gab für sie nur einen Namen, der dann gepasst hat. Johannes, Gott ist gnädig.

Der Lobgesang des ZachariasZacharias hatte seine Stimme wieder. Es war nun eine Stimme, die vom Heiligen Geist erfüllt war. Er hat begonnen, in der Kraft Gottes zu reden. Seine Worte richten sich heute an uns:

„Gepriesen sei Gott, der Ewige!
Ich bin da ist sein Name.
Er hat sein Volk besucht.
Er hat Befreiung gebracht.
Er hat für uns eine heilbringende Macht erweckt,
wie er durch den Mund der Propheten seit Menschengedenken gesprochen hat.
Es gibt Rettung vor denen, die uns feindlich gegenüberstehen,
Rettung vor denen, die uns hassen.
Er handelt barmherzig unter unseren Vätern und Müttern
und erinnert sich an seinen heiligen Bund.
Er hat Abraham, unserem Vater, einen Eid geschworen, nämlich:
uns zu schenken, dass wir ihm ohne Furcht dienen,
erlöst aus den Händen er Feinde.
Du aber, mein Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden.
Du wirst der lebendigen Gotteskraft vorangehen
und ihre Wege bereiten.
Du wirst ihrem Volk zu erkennen geben,
dass Rettung möglich ist.
Sie werden davon befreit, Unrecht zu tun,
weil Gott von Herzen mit uns barmherzig ist.
Daher wird Licht
wie von der aufgehenden Sonne in der Höhe hervorbrechen
und sich denen zeigen,
die in finsterer Ohnmacht und im Schatten des Todes wohnen
um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu lenken.“ (1)

ErmutigungenEs steckt so viel Ermutigendes und tatsächlich so viel Gotteskraft in diesen Worten. Die drei wichtigsten möchte ich mir bewusst machen und sie mitnehmen in die neue Woche:
Das Erste: Ich glaube Zacharias. Es gibt eine Erfüllung von dem, was uns verheißen ist. Nicht irgendwann später, sondern jetzt, mitten in unserem Leben. Manchmal bleibt schmerzlich lange aus, worum wir bitten. Wie oft bleiben wir hungrig und durstig. Einsam und alleingelassen. Wie lange müssen wir manchmal warten: auf Wertschätzung, auf Frieden, auf Gerechtigkeit. Aber Sattwerden, das beginnt schon jetzt und hier. Immer wieder schmecken wir es.
Das Zweite: Wir sind nicht vereinzelt. Wir sind in diesen Abstandszeiten oft auf uns selbst gestellt. Damit umzugehen ist nicht leicht. Aber wir Christen gehören zusammen. Wir sind Teil einer großen Hoffnungsgemeinschaft. Wir sind Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. So viele Generationen vor uns haben gebetet und gehofft, gezweifelt und gelitten. Haben uns ihr Kostbarstes weitergegeben: dass es sich lohnt, Gott ohne Furcht zu dienen. Dass es Licht gibt für die, die in finsterer Ohnmacht und im Schatten des Todes wohnen. Dass eine lebenschaffende und befreiende Kraft am Werk ist. Durch alle Zeiten. Überall.
Und schließlich das Dritte: Unsere Aufgabe, unser Platz ist es, Wegbereiter zu sein. Dieser Gotteskraft vorangehen. Sie kommt. Aber ihr einen Weg bereiten, das müssen wir. Ihr einen Weg bereiten in die verhärteten und verängstigten Herzen. Unsere eigenen Füße auf den Weg des Friedens lenken.
Beten, glauben, hoffen und arbeiten wir weiter, wie Jesus uns zu beten gelehrt hat, dessen Wegbereiter Johannes war: Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Im Himmel wie auf Erden.
Amen.

Anmerkung 1: Der Predigttext wird zitiert nach der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“.

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