1. Sonntag nach Weihnachten (27. Dezember 2020)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [ka.rieker@gmx.de]

Lukas 2, (22-24)25-38 (39-40)

IntentionIn der prophetischen Begegnung des Paares Simeon-Hanna mit Jesus im Tempel verbindet sich alttestamentliche Heilserwartung mit neutestamentlicher Reich-Gottes-Hoffnung. Die Glaubenshoffnung ist beiden Religionen gemeinsam. Daraus entspringt Trost, den die Predigt in schwerer Zeit und angesichts pandemistischer Ängste spenden will.

2,22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem,
um ihn dem Herrn darzustellen, 23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2. Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, 24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3. Mose 12,6-8).
25 Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. 26 Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. 27 Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, 28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.
33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. 34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird 35 und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.
36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt 37 und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. 38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. 40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

Liebe Gemeinde!

Zwei Pole sind es, zwischen denen diese Geschichte,
diese Episode im Tempel von Jerusalem, sich bewegt.
Der eine Pol ist Simeon und Hanna.
Ein prophetisches Seniorenpaar im Tempel von Jerusalem.
Sie stehen für das Alte.
Sie sind weise, abgeklärt und lebenssatt.
Der andere Pol ist Christus.
Das kleine Jesuskind.
Es steht für das Neue.
Es ist jung, kaum geboren, frisch und hoffnungsvoll, leuchtend und zukunftsweisend.

Man könnte auch sagen: Das Alte Testament begegnet hier dem Neuen Testament.
Beide Pole Simeon und Hanna einerseits – und Jesus andererseits, sind Repräsentanten je eines Teils unseres Glaubens.
Simeon und Hanna repräsentierten die uralte jüdische Tradition der Väter und Propheten.
Auf ihrer Seite steht der Alte Bund, den Gott mit Abraham und Moses geschlossen hat. Generationen um Generationen haben diesen Glauben, diesen Bund gelebt im Auf und Ab der jüdischen Geschichte.
Auf der anderen Seite repräsentiert Jesus den neuen Aufbruch, die Offenbarung Gottes für alle Menschen.
Mit ihm geht der Glaube an Gott hinaus zu allen Völkern.
Er ist der Heiland, der Messias der ganzen Welt.

Und der Ort, an dem die beiden sich begegnen ist der Tempel. Ein heiliger Ort, an dem das Neue sich mit dem Alten verbindet, und von dem diese Verbindung ausgeht und ausstrahlt.
Was, liebe Gemeinde, hat nun diese Geschichte, diese Begegnung uns heute, hier zu sagen?

Nun ich denke, wir sind ja auch an einem heiligen Ort.
Wir befinden uns auch in einer Art Tempel.
Natürlich ist eine evangelische Kirche nicht ganz so sakral und geheimnisvoll wie der jüdische Tempel damals in Jerusalem.
Aber der Sinn dieses Ortes ist derselbe.
Und wenn wir hier zusammenkommen und Gottesdienst feiern, dann kommen genau diese beiden Pole des Glaubens, das Alte und das Neue zusammen.
Unser Glaube ruht auf dem Alten und auf dem Neuen Testament.
Es sind keine Gegensätze, es sind Pole, die beide eine Einheit bilden.
Beides gehört zum christlichen Glauben dazu: die Glaubensart Simeons und Hannas und die Glaubensart, die Jesus verkörpert.
Und über beides wollen wir jetzt einmal ein wenig nachdenken:

Simeon und Hanna waren Wartende.
Er wartete auf den Trost Israels, so heißt es von Simeon.
Warten auf Trost, das ist etwas Ernstes und Schweres.
Es ist sicher kein freudiges Erwarten.
Das gibt es ja durchaus auch.
Kinder zum Beispiel warten gespannt und freudig auf Weihnachten oder auf ihren Geburtstag, weil es da Geschenke und ein Fest gibt.
Das Warten auf Trost ist anders. Mit ihm geht der Schmerz einher.
Das Warten auf Trost kennt den Mangel, weiß um Leid und kennt die Trauer.
Aber es ist dennoch ein Warten. Es ist kein Resignieren.
Wenn jemand auf Trost wartet, auf Trost von Gott, dann ist das ein gläubiges Warten, dann hat der oder die Wartende immer noch Vertrauen zu Gott, will etwas von ihm, will ihm entgegensehen, entgegengehen.
Selbst das Warten auf das Sterben und auf den Tod kann so ein gläubiges Warten sein.
Ich muss bei dieser Art des Wartens an Menschen denken, die vielleicht in einem Altenzentrum, oder mitten in unserer Gemeinde, tatsächlich aufs Sterben warten.
Menschen, die sterben wollen, es aber noch nicht, können oder dürfen.
Einmal bat mich ein Mann:
„Herr Pfarrer, beten Sie dafür, dass ich sterben kann.“
Er war ein Leben lang zutiefst gläubig, er nahm alles aus Gottes Hand. Aber nun war er lebenssatt und wollte nicht mehr. Und zuweilen haderte er mit Gott.
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren...
Wie gerne mochte dieser Mann in die Worte des alten Simeon einstimmen.

Warten auf Trost, das ist schwer.
Das gehört auf die ernste, mühevolle Seite unseres Glaubens.
Aber, und das ist wichtig, es gehört zum Glauben.
Das Warten gehört zum Glauben dazu.
Simeon wartete auf den Christus des Herrn, so heißt es in der Luther Bibel.
Der Christus des Herrn, das ist der Gesalbte Jahwes, der Messias, der Israel verheißen ist und der kommen soll zum Heil und zur Rettung des Volkes Gottes.
Auf diesen Messias warten die Juden heute noch.
Und auch wir Christen warten auf ihn, wenn wir es recht bedenken.
Wir wissen und glauben, Gott hat sich in Jesus Christus offenbart.
Er ist zur Welt gekommen und hat uns seine Gnade und Liebe offenbart.
Aber er ist auch wieder gegangen.
Er ist gegangen mit dem Versprechen seiner Wiederkunft.
Und von daher gehört das Warten sowohl zum jüdischen wie auch zum christlichen Glauben dazu.
Beide, Juden und Christen, warten auf das Reich Gottes.
Beide Religionen sind nach vorne, in die Zukunft, gerichtet.
Bei beiden haben Menschen wie Simeon und Hanna, auch wenn sie alt und grau sind, Hoffnung.
Hoffnung auf die von Gott verheißene Zukunft.
Das Warten hat immer auch etwas mit Hoffnung zu tun.
Und hoffendes Warten ist kein Leerlauf und kein Resignieren, sondern es ist eine Art inneres Vorbereiten.
Wenn jemand hoffend wartet, dann lässt er nicht alle Fünfe gerade sein, sondern er setzt sich ein, er übernimmt Verantwortung.
Und so haben sich der christliche und der jüdische Glaube immer auch verstanden, als ein aktiver Glaube, als ein hoffender und wartender, aber eben auch verantwortlicher Glaube.
Juden und Christen haben immer schon Verantwortung übernommen, Verantwortung für die gegenwärtige Welt und Verantwortung vor dem kommenden Reich Gottes.

Das sind natürlich jetzt große Worte vom Warten, Glauben und Hoffen.
Jeder und jede aber kann sich dabei im Stillen fragen:
Was erwarte ich eigentlich?
Was erwarte ich vom neuen Jahr?
Der Jahreswechsel lässt uns nach vorne sehen. Gespannt, vielleicht auch resigniert:
Was wird auf uns zukommen?
Wird 2021 ein wirtschaftlich noch schwereres Jahr als das vergangene Pandemiejahr es war?
Wir denken an alle die Menschen, deren Existenz das Coronavirus gesundheitlich oder wirtschaftlich gefährdet oder gar zerstört hat und wahrscheinlich noch zerstören wird.
Wie viele wird es im kommenden Jahr schicksalshaft treffen, durch Krankheit, Pleite, Jobverlust?
Was wird dieses Jahr 2021 für mich privat bringen oder auch nicht bringen?
Gibt es neue Perspektiven für mich oder kommen Katastrophen?
Werde ich das, was ich erwarte auch erreichen?
Werde ich das, worauf ich hoffe auch erleben und sehen und erfahren?

Auch hier bei diesen „Erwartungsfragen“ kann uns das alte Prophetenpaar Simeon und Hanna etwas zeigen. Bei ihnen wurde der wartende, hoffende Glaube zum Schauen.
Was erblicken Simeon und Hanna damals im Tempel?
Zunächst nichts anderes als ein junges Ehepaar mit einem kleinen Säugling. Ein vertrautes Bild.
Aber Simeon und Hanna sahen mehr, sie sahen hinter diesem Kind den Messias, den Heiland.

Hinter dem Wohlvertrauten sahen sie die Erfüllung.
Diese zwei alten Menschen sahen mehr als die anderen sahen.
Denn sie sahen mit den Augen des Glaubens.
Lukas hat ganz recht, wenn er meint, diese Kraft lasse sich nicht vom Menschen her erklären.
Diese Kraft kommt von Gott, durch den Heiligen Geist.

Aber der Heilige Geist wirkt. Er wirkte damals und er wirkt heute.
Auch heute noch, auch in unserem Leben gibt es das.
Es gibt Augenblicke, in denen wir durch das Unscheinbare und Gewöhnliche hindurch das Wunder Gottes erblicken.
Es gibt Momente, in denen wir durch die Oberfläche in die Tiefe der Dinge schauen und in denen wir trotz allem Stückwerk unseres Lebens die großartige Vollendung Gottes ahnen.
Solche Augenblicke gibt es in jedem aufmerksamen und bewussten Leben. Da bin ich mir ganz sicher.

Bei Simeon war es das Kind, das er behutsam in seine Arme nahm und das ihm Trost gab.
In diesem Kind erkannte der alte Simeon das Leben, das ewige Leben.
Aus diesem Kind leuchtete für ihn Gott und das Licht des ewigen Friedens.
Es ist beinahe wie die Szene im Stall von Bethlehem.
Der alte Simeon hält das Jesuskind in seinen Armen, geborgen wie in der Krippe, und alle stehen darum herum, und er verkündet, wie die Engel: „Dieser ist der Heiland, das Licht zum Heil der Völker und zum Trost Israels.“

Bei dieser Szene muss ich an eine Begebenheit denken, die ich in meiner Pfarrerstätigkeit erlebt habe und die mir angesichts dieser Geschichte mit dem alten Simeon wie eine moderne Wiederholung vorkommt.

Ich habe einen Mann ins Sterben begleitet, der dann mit 79 Jahren an Krebs verstarb.
Er hatte 4 Enkel und einen Urenkel mit 3 Monaten.
Der Mann ist zu Hause gestorben.
In den letzten Tagen seines Lebens gab es für ihn keine größere Freude als die, dass man sein „Urenkelchen“ neben ihn ins Bett auf ein Kissen legte.
Das war sein großer Trost in all dem Schmerz.
Ich denke, dass es diesem Mann so ging wie Simeon:
Er sah in seinem Urenkel das Leben und die Hoffnung.
Dieser Säugling war für diesen Mann das Bild des Lebens und ein reicher Trost.

Das Alte und das Neue, Vergangenes und Zukünftiges, Sterben und Geborenwerden, Tod und ewiges Leben, all das umfasst unser Glaube.
All das ist eingebettet in Gottes Geschichte mit uns Menschen.
Manchmal ist es ernst und schwer, und wir ringen um Trost.
Manchmal ist es aber auch ein großer Reichtum und eine Freude, und wir haben Grund zur Dankbarkeit.

Wir wollen dieses Jahr beschließen im Glauben an den Gott, der all das geschaffen und für uns gemacht hat. Und wir wollen in das neue Jahr hineingehen im Glauben an Jesus Christus, der uns vorwärtsschauen lässt, vorwärts in eine hoffentlich gute Zukunft, vorwärts in die ewige Vollendung bei ihm.
Amen.

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