Jahreslosung (01. Januar 2021)

Autorin / Autor: Prof. Dr. Friedrich Schweitzer, Tübingen [Friedrich.Schweitzer@uni-tuebingen.de]

Lukas 6, 36

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzigkeit – nur ein fremdes Wort?Auf den ersten Blick scheint das alte Wort Barmherzigkeit tatsächlich zu einem fremden Wort geworden zu sein. Im Alltag spricht kaum mehr jemand von Barmherzigkeit. Kein Grund also, sich darüber noch Gedanken zu machen?
Anders sieht es freilich sofort aus, wenn an Unbarmherzigkeit gedacht wird – etwa an unbarmherzige Eltern oder Lehrer, die kein Pardon zu kennen scheinen, kein Mitleid und eben auch kein Erbarmen. „Fehler übersehen sie nicht, bloß Menschen“, so heißt ein viel gelesenes Schülerbuch von Irmela Wendt. Erfahrungen mit Unbarmherzigkeit sind offenbar weit verbreitet. So fremd ist uns die Frage nach Barmherzigkeit demnach doch nicht.
Und nicht nur Christen denken bei Barmherzigkeit fast automatisch an die beiden großen biblischen Gleichnisse, die auch zur Weltliteratur gehören: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der sich des von Räubern überfallenen Mannes erbarmt, der verletzt am Straßenrand liegt – und dies obwohl er selbst doch gar nicht richtig zum jüdischen Volk gehört, sondern bloß ein verachteter Außenseiter ist.
Das andere Gleichnis wird manchmal als Gleichnis vom verlorenen Sohn bezeichnet, heute mitunter aber auch als Gleichnis vom barmherzigen Vater. Auf seinem Weg in die vermeintliche Selbstständigkeit und Freiheit ist der Sohn tief gefallen, in Armut, Abhängigkeit, Hoffnungslosigkeit und Hunger. Eine armselige Gestalt ist er geworden, durch eigenes Verschulden.
Wer den Ausgang der Geschichte nicht kennt, kann hier nur eines erwarten – den wohl unbarmherzigsten Satz, den es geben kann: „Du bist nicht mehr mein Kind! Von dir will ich nichts mehr wissen!“
Doch der Vater im Gleichnis reagiert bekanntlich ganz anders. Er kennt nur Erbarmen, ist also barmherzig, und nimmt seinen Sohn freudig in allen Ehren wieder auf.

Seid barmherzig! – Kann man Barmherzigkeit befehlen?Was Jesus im Losungsvers sagt – Seid barmherzig! – mag wie ein Befehl klingen. Aber jeder Befehl zur Barmherzigkeit ginge ins Leere. Denn Barmherzigkeit ist ein inneres Gefühl, nicht einfach ein äußeres Tun. Auch dies kann man im Gleichnis vom barmherzigen Vater deutlich sehen. Damit der Sohn wirklich wieder als Sohn anerkannt wird, braucht es eine innere Veränderung: Vergebung, Verzeihen, neue Zuwendung. Erst dann können Vater und Sohn wieder zueinander finden.
Jesu Aufforderung zur Barmherzigkeit ist deshalb eher als eine Einladung zu verstehen, und diese Einladung hat einen besonderen Grund. Nur deshalb ist sie wirksam.

Sich einladen lassen: der barmherzige GottDer bloße Aufruf – Seid barmherzig! – bliebe wirkungslos, wenn Jesus nicht auch den Grund für die Barmherzigkeit hinzufügen würde: „wie auch euer Vater barmherzig ist“.
Auf diese Aussage kommt alles an. Denn dahinter steht, was für den christlichen Glauben und für das ganze Evangelium entscheidend ist: Gott ist barmherzig und gnädig! Von Gott werden wir immer schon barmherzig behandelt, lange bevor wir selbst barmherzig sein können. Gott verzeiht und vergibt alle menschlichen Fehler und Ungerechtigkeiten. Er behandelt uns nicht nach Leistung und Erfolg, sondern Gott nimmt uns so an, wie wir sind – auch schwach und erfolglos, fehlerhaft und am Ende vielleicht auch noch undankbar.
Gerade in dem Kapitel des Lukas-Evangeliums, aus dem die Jahreslosung stammt, kommt dies unmittelbar vor dem Losungsvers darin zum Ausdruck, wie Gott die Menschen als seine Kinder annimmt: „Ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“
Wir können – und sollen – barmherzig sein, weil uns selbst Barmherzigkeit widerfahren ist, als unverdiente Vergebung, trotz allem. Wie es im Kirchenlied bei Philipp Friedrich Hiller heißt: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert.“
Barmherzigkeit kann man nicht befehlen, aber man kann zur Barmherzigkeit einladen und befähigen, indem man selbst Barmherzigkeit übt. Und alle Barmherzigkeit lebt letztlich von einem barmherzigen Gott, der dem menschlichen Leben eine neue Richtung gibt.

Kann man lernen, barmherzig zu sein?Nach dem Gesagten ist die Fähigkeit, barmherzig zu sein, ein Geschenk. Barmherzigkeit kann man nicht lernen wie das Lesen und Schreiben. Das bedeutet aber nicht, dass man die eigene Fähigkeit zur Barmherzigkeit nicht stärken könnte.
Der erste und wahrscheinlich wichtigste Schritt dazu wird getan, wenn man sich bewusst wird, dass wir selbst immer schon von der Barmherzigkeit Gottes leben. Unser unvollkommenes Leben, unsere trotz aller Erfolge doch immer wieder auch erfolglosen Bemühungen, unsere Lebensziele zu erreichen, müssen uns nicht erdrücken und mit Hoffnungslosigkeit ersticken. Das gilt, weil Gott uns seine Liebe ohne jede Bedingung zusagt.
Ein zweiter Schritt kann darin bestehen, sich selbst auf die Probe zu stellen: Gehöre eigentlich auch ich zu denen, die kein Pardon kennen, kein Mitleid und kein Erbarmen? Wo müsste ich mich ändern, wenn ich anderen Menschen mit Barmherzigkeit begegnen will? Da geht es dann oft um kleine Schritte – im Umgang mit den eigenen Kindern, mit Schülerinnen und Schülern, mit Kolleginnen und Kollegen in ganz alltäglichen Situationen. Wenn es richtig ist, dass Barmherzigkeit die Voraussetzung dafür ist, selbst barmherzig zu handeln, dann sind aber alle noch so kleinen Schritte wichtig.
Das bleibt auch dann richtig, wenn man sich bewusst macht, dass die Jahreslosung einer der berühmtesten großen Reden Jesu entnommen ist – bei Lukas heißt sie „Feldrede“, bei Matthäus ist es die „Bergpredigt“. In dieser Predigt geht es tatsächlich noch um viel mehr: um eine neue Lebenshaltung, die über die Barmherzigkeit hinaus in der Feindesliebe gipfelt. Mit dieser Feindesliebe stellt Jesus alles auf den Kopf: „Tut wohl denen, die euch hassen.“
Die von Jesus geforderte Barmherzigkeit gehört zu dieser veränderten Lebenshaltung: nicht verurteilen, sondern vergeben, geben statt nehmen (v. 37f.).
Diese veränderte Lebenshaltung trägt die Verheißung, dass auch uns gegeben wird und auch wir nicht gerichtet werden. Ein neues Miteinander der Menschen und letztlich die Hoffnung auf das Reich Gottes, wie es in Jesu Verkündigung zu den Menschen kommt. Barmherzigkeit schafft Zukunft – eine bessere Zukunft!

Zuletzt: Barmherzigkeit – kann das gut gehen?Zwei Fragen stehen bei der Barmherzigkeit häufig im Raum: Wird Barmherzigkeit nicht doch ausgenützt? Und kann ich das wirklich durchhalten, so einfach barmherzig zu sein?
Wird das Kind oder die Schülerin, deren Vergehen und Fehler ich barmherzig übersehe, dadurch vielleicht ermutigt, eben genauso weiterzumachen wie zuvor? Wäre nicht Härte und das Aufzeigen klarer Grenzen das bessere Mittel?
Zugegeben: Auch solche Situationen kann es geben. Doch scheint die Erfahrung der besonderen Kraft der Barmherzigkeit gerade mit solchen Situationen zusammenzuhängen, in denen ein Missetäter sich seiner Schuld nur allzu bewusst ist. Auch das wird im Gleichnis vom barmherzigen Vater beispielhaft deutlich. Denn niemand weiß besser als der auf Abwege geratene Sohn, wie es tatsächlich um ihn steht. Und die vom Vater her erfahrene Barmherzigkeit lädt ihn keineswegs zum Missbrauch ein. Nein, sie bewegt auch den Sohn zutiefst. Man darf wohl annehmen und sagen: Sie verändert diesen Menschen bis ins Innerste hinein. Zumindest ist dies sehr wahrscheinlich, auch wenn die Bibel durchaus andere Beispiele kennt. Wer Barmherzigkeit übt, hat also gute Chancen auf Erfolg, auch wenn Barmherzigkeit tatsächlich ein Wagnis bleibt.
Aber bin ich wirklich fähig, barmherzig zu sein? Mich selbst ertappe ich immer wieder dabei, dass mir Gerechtigkeit doch wichtiger erscheint als Gnade und Barmherzigkeit. Gerade dann muss ich mir aber bewusst werden, dass die höchste Gerechtigkeit – die Gerechtigkeit Gottes – am Ende Barmherzigkeit meint. Und ich muss mir eingestehen, dass auch ich selbst von nichts anderem lebe als von der Barmherzigkeit Gottes, der mir immer wieder mit Vergebung und Güte begegnen will und begegnet.

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