1. Sonntag nach Epiphanias (10. Januar 2021)

Autorin / Autor: Dekan i.R. Hans-Frieder Rabus, Stuttgart [hf.rabus@web.de]

Römer 12, 1-3 (4-8)

IntentionMuss ich gleich eine Moralpredigt machen…? – Deshalb folge ich lieber Röm 12, 1-3: Auf welcher Grundlage gibt Paulus seine Ermahnungen? Was ist zum Jahresbeginn die geistliche Grundierung, die unsern Alltag in den kommenden Monaten durchdringt?

12, 1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
(Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dieses Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.)


Schwarzbrot statt SpringerleDer sagt das so leichthin: „Opfer“. Als sei das für Paulus was ganz Normales. Ich dagegen kann das Wort nimmer hören. Es sind so viele Todesopfer, von der Pandemie gefordert. Die machte auch während der Feiertage keine Pause. Doch ab morgen beginnt der Werktag nach dieser so besonderen Weihnachtszeit. Wir alle mussten verzichten üben. Konnten das Christfest nur in kleinstem Kreis feiern und Silvester gleich gar nicht. Lockdown, deutsch „Ausgangssperre“. Auch ein möglicher Winterurlaub fiel dem zum Opfer. Ganz zu schweigen von Stress in der Familie durch ständiges Zusammenhocken, manchmal auf engstem Raum. Oder gar Sorge um nahe Menschen, die es erwischt hat. – Doch ab morgen ist Werktag. Und für den scheint mir Paulus etwas sagen zu können trotz seinem sperrigen Wort „Opfer“. Es könnte sein, dass er uns damit Schwarzbrot gibt statt Springerle: nicht so gefällig wie Weihnachtsgebäck, aber es steckt Kraft drin.

Opfer – was meint das denn heute?„Ich ermahne euch“, schreibt er. Nicht von oben herab tut er das, sondern weil er weiß, wodurch wir unser Leben überhaupt aushalten können: „Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer…“ – Und wir fragen zurück: Opfer und Barmherzigkeit, sind das nicht zwei Paar Stiefel? Krankheit, Unglück, Tod fordern eben unbarmherzig ihre Opfer. Aber schauen wir in Gedanken auf eine Intensivstation oder sprechen mit einer Pflegerin im Altenheim. Wie opfern sie sich auf, damit Menschenleben gepflegt und gerettet werden können! Wie sehr geht es ihnen an die Nieren und kostet Kraft. Manche sind am Ende nach so vielen Monaten und können selber nicht mehr. Aber – es sind doch Menschen, um die sie sich hingebungsvoll kümmern! Sind keine „Fälle“ in der Klinik oder nur „Kunden“ im Pflegeheim. Nein, es sind Menschen! Einen Menschen kannst du doch nicht einfach liegen lassen in seiner Hilflosigkeit und seinen vollen Windeln. Musst ihm doch beistehen in seiner Atemnot auf Intensiv – und so geben viele in ihren Hilfeberufen mehr als sie eigentlich können. Und allemal mehr als wofür sie bezahlt werden. Sie tun das wegen dieses inneren Ziehens im Herzen: Das ist doch ein Mensch, den kann ich doch nicht einfach liegen lassen.
Schauen Sie, so fühlt sich Barmherzigkeit von innen an. Wie ein Ziehen und Ergriffensein und Selber-Schmerz-dran-Haben, wie’s dem armen Tropf da – dem oder der Nächsten – geht. Wem der andere Mensch in Not so herein darf ins fühlende Herz, für den ist es auf einmal gar keine Frage mehr, dass er sich hinwendet mit aller Kraft und hingebungsvoll tut, was nötig ist. Ganz da sein für Menschen, haben Pflegeberufe nicht allein gepachtet. Das tut die Mutter, der Pädagoge, das tut die Politikerin oder der Künstler: hingebungsvoll für seine Aufgabe leben und alle Kraft drangeben, opfern. Damit Leben gedeihen kann, aufatmen darf, Schutz findet, Glanz bekommt.

In Hingabe leben – was macht uns so frei?Für Paulus hat es einen letzten Grund, wenn uns das Elend eines Menschen reißt und das Herz rumdreht. Er schreibt bewusst in der Mehrzahl: „Ich ermahne euch bei den Barmherzigkeiten Gottes.“ Gott in seiner so vielfältig gnädigen Heilsgeschichte ist der letzte Grund, dass es Erbarmen unter uns Menschen gibt. „Welt ging verloren“ – weiß Gott, in diesen Monaten können wir ein Lied davon singen! „Welt ging verloren, – aber Christ ist geboren!“ In ihm kommt uns der barmherzig handelnde Gott so nah wie es nur geht. Ja, er kommt uns noch näher als wir uns selbst. Auch noch da, wo wir uns selbst restlos verloren haben, in unserm Tod, sind wir für Gott nicht verloren. Ein paar Kapitel vorher in seinem Römerbrief erklärt Paulus, was unsere Taufe bedeutet: nämlich dass wir zusammen mit Christus in seinen Tod hineingetaucht sind, im Taufwasser untergehen. Aber rausgezogen werden aus dem Untergang mit ihm zusammen – und jetzt wörtlich: „Damit wir, wie Christus auferweckt ist von den Toten, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
In einem neuen Leben wandeln. Als von Herzen Befreite unsern Lebensweg gehen und unsere Ziele verfolgen. Das ist Schwarzbrot für unsern Start ins neue Jahr. Ist die Grundlage, dass wir nicht dauernd in die Schallplatten-Rille dieser Welt reinrutschen müssen. Nämlich den üblichen Zielvorgaben unter uns Menschen folgen: mehr Geld, mehr Lust, mehr Macht, mehr Ansehen. Aber auch mehr Tempo, mehr Arbeit, mehr Wünsche, mehr Stress. Die Grundlage, dass Gott sich selbst voll Erbarmen für uns geopfert hat, ändert unsern Sinn: Wir können klarer sehen und ausüben, was das meint: unseren Leib hingeben als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer. Da geht’s nämlich nicht so wie bei den alten Römern: Ich bringe ein Opfer, damit die Götter mir das schenken, was ich nicht selber machen kann. Auch nicht wie bei Kriegsherren, wo junge Leute sich opfern sollen für die Größe des Vaterlandes. Nein, für Paulus ist Opfer nicht Mittel zum Zweck. Sondern Ausdruck unseres Zwecks, wenn ich so sagen darf: Ausdruck dessen, dass ich durch und durch aus Gott lebe, mit jedem Atemzug seine Barmherzigkeit ein- und ausatme. Logisch, dass „Barmherzigkeit ausatmen“ anderen Leuten guttut, ja, das Leben am Leben erhält. Hass- und Neidausatmer, Wutschnauber und Lügen-Versprüher gibt’s ja zur Genüge um uns. Und gegen ihr Gift hilft keine Maske. Logisch, dass Barmherzigkeit da was anderes reinbringt. In der Tat verwendet Paulus hier das Wörtchen „logisch“ und sagt: Hingebungsvoll barmherzig leben, darin dienen wir Gott. Das ist unser „logischer Gottesdienst“ – „vernünftiger Gottesdienst“ übersetzt es Luther.

Aerosole der erbarmenden LiebeUnd dann gibt Paulus ein paar alltagstaugliche Beispiele, wie wir Gottes Barmherzigkeit ausatmen je mit unserer Begabung und Aufgabe: Verkündigung, Diakonie, Glaubensunterweisung, Seelsorge, Spendenbereitschaft, Gemeindeleitung, Großmütigkeit nennt er als Beispiele. Wir gehören in all dem zusammen, sind als Christen ein Leib, ein Organismus: Der auferstandene Christus waltet unter uns. Aktuell würde ich sagen: Wir sind eine gemeinsame „Blase“, und zwar eine „Barmherzigkeitsblase“, wir Gemeinden Jesu Christi. Der Atem, der da weht, die Aerosole der erbarmenden Liebe, die sind ansteckend. Nicht zum Tod hin, sondern zum Leben. Zum zeitlichen Leben, das wir hingebungsvoll führen wollen in unseren Aufgaben und dazu Mut schöpfen am Anfang des Jahres. Und zum ewigen Leben weht der Atem der erbarmenden Liebe und steckt uns an. Heute aus dem Mund des Paulus. Seine nüchtern-logische Auffassung von Gottesdient hilft mir, auch wenn wir liturgisch uns beim Feiern einschränken müssen, dennoch auf der Spur zu bleiben: Gott freut sich an unseren Liedern, auf die wir zurzeit ja leider verzichten müssen. Aber ebenso freut sich Gott, wenn wir in dem, was dran ist jeden Tag, ihm ganz praktisch dienen in Liebe und Barmherzigkeit. Ist doch logisch… Amen.

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