2. Sonntag nach Epiphanias (17. Januar 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Albrecht Conrad, Stuttgart-Degerloch [Albrecht.Conrad@elkw.de]

Johannes 2, 1-11

IntentionMaria gibt uns ein Beispiel für einen Glauben, der auch gegen den ersten Eindruck auf Jesus Christus vertraut. In Marias Glauben sind vier Anweisungen für heute vernehmbar.

Das Wort ward Mensch„Am Anfang war das Wort und das Wort ward Mensch.“ Liebe Gemeinde, so haben wir’s an Weihnachten über Jesus Christus gehört. Gott hat uns sein menschgewordenes Wort in die Krippe gelegt.
Nach Weihnachten wohnte das Wort unter uns 30 Jahre lang relativ unauffällig in Nazareth. Dann, so erzählt es Johannes, berief sich das Wort einige Männer und Frauen, die auf sein Wort hören sollten, „Jünger“ heißen die. Schließlich taucht das Wort, weil eine Einladung vorliegt, auf einer Hochzeit auf. Das ist das erste Mal, wo sich das menschgewordene Gotteswort öffentlich hören und sehen lässt. Auf einer Hochzeit.
Johannes erzählt davon in Kapitel 2 seines Evangeliums:
1 Am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Maria glaubt gegen ihr eigenes GefühlDas ist ein hartes Wort, liebe Gemeinde: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Das Wort ward Mensch, und wenn man es um Hilfe bittet, dann hat es erstmal keine Zeit?!
Wie muss sich Maria gefühlt haben?! Voll Vertrauen wendet sie sich an ihren Sohn. Voll Glauben wendet sie sich an Gottes Sohn. „Sie haben keinen Wein mehr.“
Und der? Lässt einfach den Laden runter. Das Wort Gottes gibt sich in seiner Antwort extrem kurz angebunden.
Da bittet ein Mensch Gott um Hilfe, weist ihn hin auf den ausgetrunkenen Wein, spürt die versiegende Festfreude, muss miterleben, wie’s immer weniger zu lachen gibt, leidet unter einer trostlosen Situation. Da hält ein Mensch Gott die eigene Hilfsbedürftigkeit hin und dann heißt es: „Antwort verweigert.“
Ganz ehrlich: Dazu hätte das Wort nicht Mensch werden müssen, wenn unsere Gebete dann doch ohne Antwort bleiben. Wenn wir doch enttäuscht werden beim Glauben. Wenn wir anders glauben müssen, als wir fühlen.
„Ja, ich habe einen Glauben“ – das sagen viele Menschen. Doch wenn sie sich in ihren Alltag stürzen, ihren vielen Aufgaben und Pflichten, ihren Vergnügungen und Beschäftigungen nachgehen, dann saugen diese den Glauben auf, dann läuft das Leben als gäbe es Gott nicht, dann fühlen sie nichts von Gottes Nähe. Und glauben trotzdem!
„Ja, ich will glauben“ – das sagen viele Menschen. Doch dann erleiden sie einen Schicksalsschlag. Ein Schatten legt sich auf ihr Leben, das doch eigentlich strahlen müsste vom Licht des Lebens. Die Freude versiegt. Es gibt immer weniger zum Lachen. Drum blicken sie auf zu Gott. „Gott, tu doch was!“, so beten sie. Und Gott scheint zu antworten: „Was geht’s dich an, Mensch, was ich tue?“. Ein hässliches Gefühl. Und doch glaubt der Mensch, glaubt anders als er fühlt.
Auch Maria glaubt anders als sie fühlt. Das zeigt ihre Reaktion auf das harte Wort Jesu.
Weiter in Johannes 2:
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? (…)
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

„Jesus spricht: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?“ Und Maria „spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.“
Liebe Gemeinde, in dieser Anweisung hören wir, wie Maria glaubt gegen ihr eigenes Gefühl. Und in dieser Anweisung von damals hören wir vier Anweisungen für heute. Vier Anweisungen, die uns helfen, auch gegen das Gefühl zu glauben. Die erste der Anweisungen gibt Maria selbst:

Was er euch sagt, das tut!Die Reaktion der Maria bezeugt vollkommenes, weil vollkommen gelassenes Vertrauen. Ganz gleich, wie wenig Jesus mir antwortet, gleich, wie schroff er meine Bitten zurückweist: Er wird schon das Richtige tun.
Vielleicht hat Maria diese Erfahrung mit ihrem Sohn schon öfter gemacht. Wir alle erleben es so mit Kindern: Zuerst lehnen sie kategorisch ab, was von ihnen verlangt wird. Schon bei so kleinen Anforderungen wie Schuhe anziehen, geben sie einem deutlich zu verstehen: „Nein, ich ziehe keine Schuhe an. Nein, was du von mir willst, ist jetzt nicht für mich dran“, auf jesuanisch: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
Und eine Minute später stehen sie vor einem. Fertig angezogen für den Einkauf. An den Füßen – die Schuhe. Kinder, kleine und natürlich auch große, neigen bisweilen dazu, ein fremdes Ansinnen zuerst abzulehnen und es dann auszuführen, als sei es eigenem Antrieb entsprungen.
So auch Jesus Christus. Er handelt immer schon aus eigenem Antrieb. Souverän. Er handelt von oben her und lässt sich darum auf keinen Handel ein. Lässt sich nicht zwingen, nach unseren Maßstäben zu handeln. Das wäre ja auch kein Gott, der nach unseren Maßstäbe handelte. Und Jesus Christus wäre nicht Gottes Wort, wenn er uns nach dem Mund redete oder immer das machte, was wir ihm sagen.
Drum heißt es nicht: „Was ihr ihm sagt, das tut er!“ Sondern: „Was er euch sagt, das tut!“ Diese Anweisung befolgen, das heißt: Gelassen sein. Gelassen vertrauen. Darauf vertrauen, dass Jesus Christus das Richtige für unser Leben will. Vertrauen, manchmal auch gegen das Gefühl.
Mit diesem Vertrauen hören wir die zweite Anweisung:

Was er euch nimmt, das gebt!Maria ist eine mitfühlende Frau. Sie erkennt die Situation: Zu wenig Wein. Peinlich. Sie will helfen. Eigentlich muss sie scheitern. Wie soll sie das auch können, für ein Fest in kurzer Zeit den nötigen Wein herbeischaffen?
Andere hätten aufgegeben. Aufgabe erkennen – Aufgabe als unerfüllbar erkennen – Aufgabe nicht erfüllen – fertig.
Ein alltägliches Beispiel: Da weiß einer von einem anderen Menschen, dem nicht der Wein, aber vielleicht die Kraft ausgegangen ist. Es sollte ihn mal einer besuchen. Es sollte mal einer nach ihm schauen. Aufgabe erkannt.
Doch was redet man mit einem Kraftlosen? Und wenn der Andere sein Leid klagt – was antworten? Und wenn er gar nichts sagt – was machen? Es wächst in uns das Gefühl großer Unsicherheit. Und gegen dieses Gefühl trauen wir uns nichts zu. Wenn wir eine Aufgabe annehmen, dann wollen wir sie richtig erfüllen. Wir wollen etwas machen. Einfach da zu sein, schlicht Hilfe anbieten, wo wir nichts machen können, dazu sind wir nicht in der Lage. Solche Aufgaben lassen wir lieber unerfüllt.
Anders Maria: Maria will nicht immerzu etwas machen. Sie lässt sich diesen Anspruch durch Jesus nehmen. Sie weiß, dass sie die Aufgabe nicht zu erfüllen vermag. Deshalb lässt sie die Aufgabe aber nicht unerfüllt. Sie ist da, sie zeigt Mitgefühl. Sie schafft einen Raum, aus dem göttliches Handeln geboren werden kann. Sie ist eben die Mutter Gottes, von der wir dies lernen können:
Was er euch nimmt, das gebt, auch euren Anspruch, immer etwas machen zu wollen, alles in der Hand zu haben, die Situation kontrollieren zu können.
Was er euch nimmt, das gebt, auch eure Unsicherheit, dort, wo ihr nichts machen könnt. Denn er, Jesus Christus, er kann aus dem Kleinen, was ihr zu geben habt, Großes machen.
Auch eure kleine Kraft, euer unsicherer erster Schritt, eure täppischen Versuche können göttliches Handeln gebären. Zu dem, was ihr gebt, zu dem, was Jesus Christus von euch nimmt, hat er selbst viel zu geben.
Daher die dritte Anweisung:

Was er euch gibt, das nehmt!Maria macht in dieser Geschichte wenig: Sie bittet Jesus. Sie gibt eine Anweisung. Auch wir machen oft wenig. Doch Jesus gibt viel dazu. Und was er gibt, das nimm an!
• Nimm an, dass du einen kraftlosen Menschen besuchst und vielleicht einfach 30 Minuten mit ihm schweigst. Und er freut sich, weil ein dritter ungesehen dabei war.
• Nimm an, dass dort, wo alles verfahren und verschlossen scheint, Jesus Christus helfen will. Spät vielleicht, eigenwillig, aus eigenen Antrieb, doch er hilft.
• Nimm an, dass auch gegen dein Gefühl aus Traurigkeit zumindest leise Freude wachsen kann, wie in dieser Geschichte aus Wein-Mangel Festfreude wächst.
• Nimm an, dass du jetzt vielleicht glaubst gegen dein Gefühl, dass jedoch bald schon dein Glauben dich Jesu Nähe wieder fühlen lässt.
Nimm aus Jesu Nähe die Gelassenheit an. Was jetzt noch nicht ist, kann durch ihn werden. Was er euch gibt, das nehmt. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und (…) von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“ (Joh 1,14.16). Und dann das Letzte:

Was er euch tut, das sagt!Liebe Gemeinde, genau das tun wir heute. Wir sagen gemeinsam, wir sagen laut, was Jesus Christus uns tut. Wir singen davon, wir beten, wir bekennen unseren Glauben. Wir sagen gemeinsam, was er uns tut.
Und jeder für sich tut es leise, bezeugt mit seinem Leben, was Jesus Christus an ihm tut. Das Wort ward Mensch, und wir lassen dieses Wort Gottes nicht verschwinden unter tausend anderen Worten. Wir leben dieses Wort. Wir sagen es einander. Wir tun aneinander so, wie er an uns tut. Wir lassen andere wohltuend spüren, dass wir unseren Weg mit Gott gehen, selbst wenn wir bisweilen gegen unser Gefühl glauben müssen.
So wie Maria gegen ihr Gefühl glaubte und sich nicht abschrecken ließ von Jesu hartem Wort. Ich bin ihnen noch den letzten Vers des Textes schuldig: „Danach ging Jesus hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger“ (Joh 2,12).
Maria geht mit Jesus weiter. Was passiert ist auf der Hochzeit, ist passiert. Jesus gab sich kurz angebunden. Doch Maria glaubte gegen ihr Gefühl und vertraute ganz gelassen: „Was er euch sagt, das tut.“
So öffnete sie einen Raum, in welchem wir unseren Willen zum Selbermachen, unsere Unsicherheit und Zögerlichkeit Jesus übergeben und also uns von Jesus nehmen lassen können: „Was er euch nimmt, das gebt.“
Und dieser Raum füllt sich mit Gottes Handeln. Zu dem, was wir zu geben haben, gibt Gott das Seine hinzu. So wird was draus. Drum: „Was er euch gibt, das nehmt.“
Und zuletzt geben wir das an andere weiter: „Was er euch tut, das sagt.“ Zumindest dies sagen wir heute: Glauben lohnt sich, manchmal auch gegen das Gefühl. Jesus und Maria gehen zusammen nach Kapernaum, Jesus und wir bleiben gemeinsam auf dem Weg. Amen.

An dieser Predigt haben mitgeschrieben: Josef Epping; Klaus Hemmerle, Lothar Steiger.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)