Letzter Sonntag nach Epiphanias (31. Januar 2021)

Autorin / Autor: Pfarrerin Ulrike Kuhlmann, Pfullingen [Ulrike.Kuhlmann@elkw.de]

2. Petrus 1, 16-19

IntentionHoffnung und Geduld sollen gestärkt werden, dass Gott uns trotz aller Dunkelheit in der Welt mit Christus sein Licht geschenkt hat und eines Tages sein Reich auf Erden errichten wird.

Liebe Gemeinde,
wir sehnen uns nach dem Licht am Ende des Tunnels. Wir sehnen uns danach, dass das Virus uns endlich in Ruhe lässt oder wenigstens, dass wir wieder einigermaßen normal leben können. Es kann doch nicht immer so weitergehen mit der Angst vor Ansteckung, mit der Angst, doch noch schwer zu erkranken, gar zu sterben.

Da ist ein Mann, Mitte 50, der kommt sich vor wie in einem unendlich langen Tunnel ohne Licht am Ende.
Er sitzt auf dem Küchenstuhl und ist völlig außer Atem.
Dabei ist er doch nur aus dem Keller die paar Stufen hochgestiegen.
Früher hat er das im Laufschritt gemacht – immer zwei Stufen auf einmal. Und nun fühlt er sich wie ein uralter Mann.
Kurz nach Ostern hatte der Arzt eine Lungenentzündung festgestellt. Es war ihm schon wieder besser gegangen. Doch dann – von einem Tag auf den anderen – hatte er keine Luft bekommen.
Mit Blaulicht ging‘s ins Krankenhaus. Dann: Filmriss.
Er musste künstlich beatmet werden. Mühsam hat er in einer Spezialklinik wieder selbstständig atmen gelernt. Und auch jeden Handgriff, jeden Schritt musste er neu lernen und trainieren. Inzwischen ist er wieder zu Hause.
Immer noch braucht er zwischendurch Sauerstoff.
Dass ihn sein Körper so im Stich lässt! Er schüttelt den Kopf und überlegt:
„Jetzt ist das schon so lange her, dass ich krank wurde. Das muss doch endlich mal ein Ende haben. Wie lange dauert das denn noch, bis ich wieder normal atmen, leben und arbeiten kann?
Wird es je wieder sein wie vorher?
Werde ich jemals mit den Kindern wieder Radtouren unternehmen können?
Oder werde ich ihnen lästig, weil ich nicht mithalten kann? Wenn ich nur ein kleines Licht sehen könnte am Ende des Tunnels!“

Die frühen Christen fragten nach dem Licht am Ende des TunnelsVon den frühen Christen, die 100 Jahre nach Jesu Tod lebten, wissen wir, dass auch sie sehnsüchtig nach dem Licht am Ende des Tunnels Ausschau hielten. Aufmerksam und freudig hatten sie die Geschichten von Jesus gehört und gerne weitererzählt. Das hat ihnen geholfen, manche Bedrängnisse auszuhalten. Aber die Wendung der Welt zum Guten ließ auf sich warten. Immer öfter kam der Gedanke auf und wurde auch ausgesprochen: „Das sind doch nur Märchen.“
Solche Zweifel spiegeln sich in einem Abschnitt aus dem 2.Petrusbrief wieder. Hören Sie:

„Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

Thomas und Petrus im GesprächDas ist jetzt sehr knapp ausgedrückt. Stellen wir uns vor, zu Petrus, dem Menschen, der den Brief geschrieben hat, ist ein junger Mann gekommen. Nennen wir ihn Thomas.
„Petrus“, sagt er, “was ihr von Jesus erzählt, das sind doch nur ausgeklügelte Fabeln. Fake-News. Jesus und seine Jünger sind längst tot. Du erzählst von seiner Herrlichkeit, als ob du sie selbst gesehen hättest. Aber du warst nicht dabei. Du warst damals noch nicht auf der Welt. Stimmt’s?“

„Ja, das ist richtig. Aber deine Uroma kennst du. Du kannst dich an sie erinnern. Und sie hat dir immer wieder erzählt, dass sie Jesus begegnet ist.
Jesus hat ihren krummen Rücken geheilt. Sie hatte keine Schmerzen mehr. Sie konnte sich wieder aufrichten. Hältst du das auch für ein Märchen?“

„Nein, natürlich nicht. Ich hab ihre Erzählung immer wieder mit Begeisterung gehört. Ich fand es Schade, dass ich Jesus nicht erleben konnte. Aber wenn Uroma erzählte, dann war’s, als ob Jesus dabei ist.“

„Siehst du, so ist es mit all den anderen Geschichten. Menschen, die sie erlebt haben, haben sie erzählt. Ihren Kindern, ihren Enkeln, auch ganz fremden Leuten. Und allen ging es wie dir. Es war, als ob Jesus selbst dabei ist. Gescheite Leute haben all die Geschichten aufgeschrieben. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Auch von den Aposteln Paulus und Petrus wissen wir vieles. Sie haben uns mit ihrem Glauben angesteckt.“

„Klar“, sagt Thomas, „Jesus hat gelebt. Er hat viel Gutes getan. Man hat ihn umgebracht. Aber ihr sagt, dass er wiederkommen wird. Warum ist er nicht schon längst da. Die Welt bräuchte ihn. Warum erlöst er uns nicht von den Reichen, die über Leichen gehen? Warum stürzt er nicht die Politiker vom Thron, die die Menschen für dumm verkaufen? Ihr wollt uns doch nur vertrösten.“

„Für mich ist das kein Vertrösten. Dieser Glaube ist eine große Kraft in meinem Herzen. Sie hilft mir, auch dann durchzuhalten, wenn alles um mich herum finster ist. Ich weiß, dass Jesus wiederkommt. Das ist für mich wie ein Licht, das mir Orientierung gibt.“

„Ach, Petrus. Wie gerne würde ich auch so glauben können. Aber ich spüre das leider nicht. In mir drin sind so viele Zweifel und Fragen. Ich finde Jesus ja einen coolen Typ. Er hat echt viele tolle Dinge getan. Aber ist er wirklich mehr gewesen als ein guter Mensch, der nach Gottes Willen gelebt hat?“

„Ja, Thomas, viel mehr. Jesus ist Gottes Sohn. Er hat das Licht in unser Leben gebracht. Erinnerst du dich an die Geschichte, als Jesus mit seinen Jüngern auf den Berg stieg und in hell leuchtendes Licht gekleidet wurde?
‚Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!‘ haben sie Gottes Stimme sagen hören. Gott hat den Jüngern damals sozusagen bestätigt, dass Jesus sein Sohn ist und in seinem Auftrag redet und handelt.
Als ich diese Geschichte zum ersten Mal gehört habe, da war es mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.“

„… selbst dabei gewesen“, murmelt Thomas vor sich hin, immer wieder.

Petrus stockt kurz und blickt ihn fragend an. Dann redet er weiter. „Weißt du, Thomas, das macht mich zuversichtlich. Alles Lebensfeindliche und Dunkle, Lug und Trug, Hass, Neid und Krieg, Machtgier und Machtmissbrauch werden irgendwann keinen Nährboden mehr haben, weil die Liebe selbst von ausgemachten Schurken als das Größte erkannt wird.
Diese Liebe hat uns Gott mit Jesus an Weihnachten geschenkt. Durch ihn und seine Liebe zu uns ist unsere Welt schon verwandelt worden. Und eines Tages wird Jesus unsere Welt endgültig verwandeln. Es ist wie mit dem Licht am Ende eines dunklen Tunnels. Ich weiß, dass es kommt, auch wenn ich es noch nicht sehe.

Und du weißt doch auch: Wenn du den Morgenstern, die Venus, am Himmel siehst, dann ist der Morgen nicht mehr fern, dann wird die Nacht bald vergehen. Der Tag wird anbrechen und das Licht die Dunkelheit vertreiben.
Mit Jesus ist es wie mit dem Morgenstern. Sein Licht leuchtet in meinem Herzen, auch wenn jetzt noch Nacht ist und vieles im Dunkeln und Argen liegt.“

Licht bricht sich BahnKehren wir wieder zurück zu uns, ins Heute, zu jenem Mann am Küchentisch.
Er ist wieder etwas zu Atem gekommen. Sein Blick fällt auf den kleinen Glasstern aus dem Adventskalender, den seine Tochter ins Küchenfenster gehängt hat.
Das Licht der Sonne bricht sich in ihm und wirft einen Regenbogen an die Wand. Wie schön. Wie ein Hoffnungszeichen aus einer anderen Welt.
Er atmet tief durch.
Auch wenn er nicht weiß, wie lange es dauern wird – irgendwann kommt das Ende des Tunnels. Irgendwann wird er das Licht sehen und dann weiß er: Es ist nicht mehr weit.
Amen.

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