Reminiscere / 2. Sonntag der Passionszeit (28. Februar 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Frieder Dehlinger, Eislingen [Frieder.Dehlinger@elkw.de]

Jesaja 5, 1-7

IntentionDie Predigt soll Hoffnung und Enttäuschung des liebenden Gottes in Erinnerung rufen. Und die Mitverantwortung des Menschen für den Zustand der Schöpfung.

5,1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.
6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Liebe Schwestern und Brüder,
beliebt wird man durch so ein Lied nicht.

1. Das Lied vom WeinbergStellen wir uns vor: in Jerusalem ein Fest.
Vielleicht das Laubhüttenfest, Erntedank.
Leckere Speisen, köstlicher Wein,
Straßenfeststimmung; ein Sänger tritt auf,
packt seine Gitarre aus, stimmt ein Lied an.
Die Leute kommen näher.
Ein Liebeslied? - Eher eine Ballade.
Eine Ballade von einem Weinberg
und von meinem Freund, dem er gehört.
Mit eigenen Händen hat mein Freund seinen Weinberg urbar gemacht,
das Brombeergestrüpp weggehauen,
die wilden Wurzeln ausgegraben,
die Steinbrocken aus dem Boden gebrochen;
zum Schutz vor der Wildnis hat er seinen Garten ummauert,
eine Kelter gebaut und einen Turm für die Wächter.
Schließlich hat er die Reben gepflanzt:
die besten waren ihm gerade gut genug.
Jetzt wird es Sommer und es wird Herbst,
spürt ihr, wie mein Freund sich freut,
sich freut auf die Frucht seiner Mühe,
sich freut auf einen guten Wein!
Nun, ihr Gäste unseres Festes: hat er nicht alles Recht,
sich auf die Früchte seiner Arbeit und seiner Liebe zu freuen?
- Doch vergeblich:
„Er wartete, dass sein Weinberg gute Trauben brächte;
aber er brachte schlechte.“

Der Sänger greift nun härter in die Saiten seines Instruments,
seine Stimme lauter,
die Zuhörenden - ein wenig irritiert.
Schon wird er direkt:
„Ihr, ihr Bürger Jerusalems,
richtet zwischen mir und meinem Weinberg:
Hab ich nicht alles getan?
Warum dankt er mir mit schlechten Trauben?“

Im Publikum Unruhe: Auf was will er hinaus?
Er sprach doch von einem Freund,
nun ist er selbst der Eigner des Weinbergs.
Und wirkt er nun nicht doch wie ein enttäuschter Liebhaber:
aufgeben und auflassen will er seinen Weinberg,
so handelt doch kein Bauer.
Die Disteln wieder wachsen lassen und die Dornen,
wie wenn‘s ihm egal wäre, wenn sein Garten wieder zur Wildnis wird
und alles verkommt.
- Der Sänger lässt seine Gitarre sinken.
Jetzt spricht er Klartext:
Der Weinberg ist der Weinberg des Herrn,
Ihr seid es, die seine Mühe mit schlechten Früchten dankt,
Gott pflanzte Gerechtigkeit, ihr gabt ihm Schlechtigkeit.
Gott erwartete Rechtschaffenheit, ihr tratet sein Recht mit Füßen.

2. Gottes GegenwartHaben sie ihn beschimpft, die Feiernden in Jerusalem,
als das Lied von seinem Freund so ausging?
Haben sie Jesaja beworfen mit Papptellern und leeren Bechern?

Dies Lied des Jesaja, das Weinberglied, wird ja erzählt
kurz vor der Berufung des Jesaja (Jes 6),
noch ehe er Gott, den Herrn, sitzen sieht
auf dem hohen himmlischen Thron
ihn thronen sieht so, dass der Saum seines Mantels
hinunterfließt und in Jerusalem die Mauern des Tempels füllt!
- Stellen Sie sich vor: der Mantel Gottes,
sein Saum fließt hinunter vom Himmel
und füllt hier unser Kirchenschiff! -
So präsent wird Jesaja Gott schauen!
Und es macht einen Unterschied,
es macht den entscheidenden Unterschied,
ob Gott präsent ist,
ob Gott mit seinem Volk ist,
oder ob er sein Volk verlässt:
Mit Gott: Garten. - Ohne Gott: Verwilderung.

Gott hat alles gut gemacht,
hat aus dem Nichts den Garten Eden geschaffen
und aus einer Handvoll Erde den Adam und die Eva;
Gott hat aus seiner Weisheit sein Gebot gegeben,
zehn Gebote, die wie ein Zaun um unsere Gemeinschaft stehen,
damit unser Garten nicht zur Wildnis wird,
und er hat sein Gebot der Gerechtigkeit und der Treue
in unserer Mitte aufgerichtet,
damit wir Menschen uns nicht gegenseitig zerfleischen,
sondern einander stärken.
- So gut ist Gott,
so gut hat er seinen Weinberg geordnet.

Und jetzt der Mensch. Jetzt ist es an uns,
dass wir die Arbeit Gottes erkennen und würdigen
und die Früchte bringen, die guten, die Gott von uns erwartet.

Darf Gott von uns etwas erwarten?
Hat Gott einen Anspruch darauf, dass wir schöpfungsgemäß,
Garten-gemäß, seiner Weisheit, seinem Gebot gemäß uns verhalten?
Ihr Bürger [EIGENEN ORT EINFÜGEN],
„richtet zwischen mir und meinem Weinberg!
Was kann man noch mehr tun an meinem Weinberg,
das ich nicht getan habe an ihm?
Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht,
während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“

3. Drohung als WarnungIm Weinberglied ist es eine feine Note,
auf die sehr viel ankommt:
was Gott getan hat für seinen Garten,
sein Schaffen, Kultivieren und Aufbauen,
liegt in der Vergangenheit, ist ganz real.
Was er sagt, jetzt, wo sein Garten ihn
mit Rechtsbruch und Schlechtigkeit bitter enttäuscht,
dass ist Zukunft, das ist Emotion, das ist Stimme der Enttäuschung.
Und, hören wir genau hin: es ist Drohung.
Drohung eines enttäuschten Liebenden.
- Ob Gott die Drohung wohl wahr macht?
Will Gott wirklich den Wolken gebieten,
dass sie seinen Segen nicht mehr regnen lassen
auf seinen Garten und sein erwähltes Volk?

Ohne Gottes Gegenwart, ohne Gottes Segen,
ohne Gottes Gerechtigkeit
wird unser Garten verwildern.
Die Wildschweine würden ihn zerwühlen,
alles Wertvolle würde geklaut,
Disteln und Dornen würden die Reben ersticken,
die Hitze den Boden ausdörren - bis nichts mehr bleibt:
kein Garten, keine Schönheit, keine Kultur, kein Grün.

Doch hätte Gott nicht alles Recht, seinen Weinberg aufzulassen:
Er hat die Erde und Menschen geschaffen,
er kann sie auch wieder abschaffen,
ein misslungenes Experiment.
Er hat sein Gesetz gegeben, dass es das Leben regelt und fördert,
er kann sein Gesetz auch wieder aufheben.
Er könnte den Menschen sich selbst überlassen,
unserem Eigensinn, unserer Kurzsichtigkeit, unserer Sünde,
unserer Gier.
„Ihr Bürger, richtet zwischen mir und meinem Weinberg!“
Freilich, so sehr wie dieser Gärtner seiner Weingarten liebt,
wird er dies wirklich tun?
Er hätte alles Recht dazu, aber wird Gottes dies wirklich tun?

4. Macht Gott seine Drohung wahr?Schaut man von Jesajas Weinberglied aufs Ganze der Bibel,
wird erkennbar, dass Gott immer wieder verzweifelt,
dass von uns Menschen so wenig Resonanz kommt
auf seine Weisheit und seine Liebe.
Er wirbt und bittet, und Gott lädt ein und argumentiert,
sendet Propheten, kommt selbst in Christus als Mensch!
Immer neu kommt Gott auf uns Menschen zu,
dass wir umkehren und aus seiner Weisheit leben.
- Und manchmal droht Gott,
so wie er hier durch Jesaja warnt und droht.
Und manchmal nimmt Gott sich zurück
und gebietet den Wolken,
für eine kleine Zeit keinen Segen zu regnen.
„Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns
ein wenig vor dir verborgen,
aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen,
spricht der HERR, dein Erlöser“ (Jes 54,8).
Doch dann kommt Gott wieder zurück,
zeigt sein Gesicht, spendet seinen Segen,
zeigt seine Liebe, wendet neu sich uns zu
und wirbt wieder um uns -
weil, wenn ich die Bibel recht versteh,
weil Gott, der allmächtige, - weil er nicht anders kann.
Das ist die Ohnmacht des Allmächtigen.

5. Gottes Gerechtigkeit braucht unser MittunUnd ein letztes aus diesem Lied des Jesaja:
Gott pflanzte Gerechtigkeit, wir gaben ihm Schlechtigkeit.
Gott erwartete Rechtschaffenheit, wir traten sein Recht mit Füßen.

Dass Gott Segen regnen lässt über seinen Garten,
scheint für das Gedeihen der Früchte nicht zu genügen.
Wir Menschen sollen mittun.
Mitsegnen und mitlieben,
mitwirken in Gottes Gerechtigkeit
und mitarbeiten in Gottes Schöpfung.
Die Bibel geht davon aus,
dass ein Mensch, der die Schönheit der Schöpfung Gottes erkennt
und eine Gemeinde, die die Weisheit der Gerechtigkeit Gottes sieht,
Frucht bringen kann und Frucht bringen will und Frucht bringen wird.
Wir arbeiten mit.

Wir müssen Gottes Segen nicht machen.
Aber unter seine Wolke uns stellen
und seinen Segen durch uns hindurchfließen lassen:
ja, das können wir,
dafür sind wir gemacht.
AMEN.

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