Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit (14. März 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Gerd Ziegler, Backnang [Altenheimseelsorge.Backnang-Staigacker@elkw.de]

Johannes 12, 20-24

IntentionDas Bildwort vom Weizenkorn wirkt durch das österliche Licht. Das tröstet und kann Menschen Kraft geben, um durchzuhalten, wo ihr Bedürfnis nach Begegnung und gelingender Gemeinschaft auf eine harte Probe gestellt ist.


12,20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen‘s Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Liebe Gemeinde!
„Keine besonderen Vorkommnisse! Wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven, aber wir prügeln uns nicht“, berichtet eine Passantin ihrer Begleiterin. „Schön, dass wir beide uns jetzt zum Spaziergang treffen“, fährt sie fort. Dieses Stückchen Gespräch dringt an unsere Ohren, als meine Frau und ich kurz vor der nächtlichen Ausgangssperre noch eine Runde um den Block drehen. Manche Leute haben eben eine laute Stimme und sind auf einige Meter Abstand zu hören. Offenbar erzählt die Passantin etwas von ihren persönlichen Erfahrungen. Arbeiten sie und ihr Mann zwangsweise beide zuhause? Muss sie den ganzen Tag die Kinder betreuen? Geht sie mit ihnen im Wohnzimmer den Lernstoff durch, weil die Schulen gerade geschlossen sind?
Auf dem Heimweg denken meine Frau und ich an verschiedene Auswirkungen von Maßnahmen, die uns vor der Ausbreitung der Virus-Krankheit schützen sollen. Die wirtschaftlichen Sorgen und existentiellen Nöte etlicher Berufsgruppen kommen uns in den Sinn: Gastronomen, Einzelhändlerinnen oder Kulturschaffende gehören zu diesen. Vor wieviel Monaten waren wir zuletzt bei unserer Friseurin? Wann dürfen wir wieder einmal ein Konzert oder ein Theaterstück im Schauspielhaus besuchen? Den Betroffenen geht an die Substanz, was uns eine Zeitlang eher verkraftbar erscheint. An solchen Beispielen wird mir deutlich, was fehlt, wenn das gewohnte Leben eingeschränkt ist. Was fehlt alles, wenn Kontakte beschränkt und Einrichtungen geschlossen sind? Viele BewohnerInnen unserer Heime haben das schmerzlich erfahren. Zeiten ohne Besuche von den Angehörigen, auf die ich warte, sind kaum zu ertragen. Einander sehen, sich sprechen und hören, Nähe spüren – all das hält uns lebendig.

Gemeinsam Feste feiern stärkt und verbindetMir baut diese Einsicht eine Brücke zu unserem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Wir erfahren von einigen Griechen. Sie gelten als aufgeschlossen, als wohl gesonnen und interessiert. Sie suchen Nähe und möchten etwas sehen. Genauer, sie wollen einen Menschen sehen: Jesus. Was sind das für Leute gewesen, die Jesus sehen wollten? – Einige gebildete Griechen suchten absichtlich den Kontakt mit der jüdischen Gemeinde. Besonders interessierten sich für deren Gott. Gleicht der doch nicht irgendeiner der übrigen Gottheiten – sei es einer der ägyptischen, der römischen oder der griechischen. Sehr gerne besuchten jene Griechen daher die Synagogen. In Jerusalem – dem geistlichen Zentrum Israels – beteiligten sie sich sogar an den Feiern im Tempel. Freilich durften sie den inneren Bereich des Tempels nicht betreten. Wer nicht beschnitten war und nicht nach den jüdischen Reinheitsgesetzen lebte, musste sich mit einem speziellen Platz auf dem Gelände begnügen: dem Vorhof für die Heiden. Weil diese Griechen aber um nichts weniger als an den Gott Israels glaubten, erhielten sie den Beinamen die „Gottesfürchtigen".
Das Passahfest bietet unseren Griechen Gelegenheit, ihren Plan zu verfolgen. Das Fest ist ein sinnenfreudiger Höhepunkt im Leben der Menschen damals. Ganz Israel feiert alljährlich die einstige Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. In fröhlicher Gemeinschaft wird das Passahlamm verzehrt. – Viele BewohnerInnen unter uns werden an die vorletzte Weihnachtsfeier zurückdenken. Wie wertvoll es ist, gemeinsam schöne Feste zu feiern, spüre ich ganz stark, wenn diese einfach fehlen.

Die Begegnung verläuft anders als geplantBeim Passahfest damals hat sich herumgesprochen: Jesus wird zum Fest kommen. Der aufsehenerregende Wanderprediger aus Galiläa – so viel Wunderliches hat man von ihm schon gehört! Hat er nicht eben in Bethanien den toten Lazarus wieder zum Leben erweckt? Dessen Schwestern Maria und Martha hatten ihn nach den ersten Anzeichen der Verwesung in die Grabhöhle der Familie legen lassen. Jesus hat ihn einfach aus dem Grab herausgerufen. Und jetzt soll Jesus mit seinem Freundeskreis hier in Jerusalem sein, um Passah zu feiern. Allerdings nicht offiziell, um keinen Aufruhr zu erregen. Einem öffentlichen Aufruhr würden die Römer ein rasches Ende bereiten.
Vielleicht hatten die interessierten Griechen das alles im Ohr, als sie ihren Wunsch über Philippus und Andreas vermitteln: Wir wollen Jesus sehen! Schön, dass ihr da seid! Ich freue mich auch, euch zu sehen. Das wäre eine spontane Antwort, die ich erwartet hätte – nach dieser Vorgeschichte und bei dieser Begegnung. Jesus reagiert ganz anders. Er spricht etwas aus, was die interessierten Griechen nicht erwarten:
Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit sichtbar. Das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.
Es scheint, als sei ein Knoten geplatzt, als sei ein Damm gebrochen. Wie lässt sich Jesu Antwort auf den harmlosen Wunsch verstehen? „Die Stunde ist gekommen“, beschreibt den Ernst der Lage. Jesu Worte kennzeichnen seinen Weg. Sie rücken dessen Ziel vor Augen. Früher war die Stunde, seine Stunde, noch nicht gekommen. Auf der Hochzeit zu Kana hatte er Wasser in Wein verwandelt. Von seiner eigenen Mutter zur Rede gestellt, fährt er sie barsch an: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!"
Als er einmal in der Synagoge mit Schriftgelehrten heftig herumstritt, wollten ein paar aufgebrachte Zuhörer ihn am liebsten mit Händen packen und abführen. Etwas hat sie daran gehindert: Seine Stunde war noch nicht gekommen. Jetzt aber, in dem Moment, als Menschen anderer Völker – „Heiden“ – Jesus sehen wollen, ist die Stunde nahe herbeigekommen, die Stunde seines Todes. Jesu Antwort geht weiter. Jetzt wird der Menschensohn in Gottes Herrlichkeit aufgenommen – bedeutet das nicht: seine Aufgabe ist erfüllt?

Das Korn ist der Kern der guten NachrichtDas Johannesevangelium teil uns mit: So hat Jesus sein Schicksal begriffen: in dem Bild vom Weizenkorn. Ein in den Acker eingesätes Weizenkorn verliert seinen schützenden Panzer. Es legt Keimkräfte in seinem Innern frei. Diese Kräfte treiben den frischen, zart grünen Halm hervor und lassen die Ähre bis zur vollen Reifung wachsen und gedeihen. Aus einem Korn entstehen viele Körner. Ein Saatkorn wird selbst nicht verzehrt, sondern mit Erde bedeckt. Wie tot liegt es dort zunächst eingegraben. Nach einiger Zeit bringt es vielfache Frucht hervor.
Mit dem Weizenkorn verbindet Jesus den bevorstehenden Tod mit seiner Auferstehung an Ostern. Das österliche Licht scheint schon jetzt auf den Weg des Leids und des Leidens. Kann unser Glaube begreifen, was unsere Augen nicht sehen, was unser Verstand nicht versteht? Gewiss zählen die wundersamen Taten Jesu zu den ganz besonderen Vorkommnissen. Viel wichtiger für uns bleibt, was an Ostern geschehen ist. Im Korn liegt der Kern der guten Nachricht.
Die interessierten Griechen wollten Jesus sehen: den Menschen. Er begegnet ihnen und es zeigt sich Gott selbst. Das Wort wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit (aus Joh 1,14). Tröstet uns das auf unserem Weg? Macht es uns Mut in dieser schwierigen Zeit? Ich wünsche es uns. Amen.

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