Judica / 5. Sonntag der Passionszeit (21. März 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Alexander Fischer, Stuttgart [fischer@dbg.de]

Hiob 19, 19-27

IntentionIn schwierigen Zeiten zeigt das Beispiel Hiobs: Man darf und kann Gott sein Leid klagen und sich auch bei Gott beklagen. Und trotzdem darf und kann man Gott und seinen Beistand und seinen Segen bitten. In seinem Segen ist Gott auch denen nahe, die mit ihm hadern und ringen.

Hiob 19,19-27
19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich liebhatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.


Liebe Gemeinde! Alles ist weg! Die Freunde sind weg. Die Gesundheit ist weg. Die Bewegungsfreiheit ist weg. Die Perspektive ist weg. »Nur das nackte Leben brachte ich davon«, heißt es im Predigttext. Da spricht ein leidender Mensch. Da spricht ein verzweifelter Mensch, der sich von Gottes Hand schwer getroffen fühlt. Wir sind sprachlos, wir sind ratlos. »Erbarmt euch über mich!«, ruft er uns zu, aber wir werden ihm nicht helfen können. Es tut uns leid! Da spricht ein Mensch, sein Name ist Hiob! Und dieser Hiob, so erzählt die Bibel, hat einmal ein gutes Leben geführt, ein frommes Leben, als alles noch normal war, als alles noch so war, wie wir es gewohnt sind. Doch dann wurde Hiob alles genommen: sein Besitz, seine Familie, seine Anerkennung, seine Gesundheit und zuletzt Menschen, die ihm zuhören. Seine Reden laufen ins Leere. Alle, die ihm nahestehen – im Predigttext heißen sie »die Getreuen« –, können seine Reden nicht länger ertragen. Man hat Hiob zu überzeugen versucht, dass er die Schuld für seine Misere bei sich selber suchen soll. Man hat ihm auszureden versucht, dass er Gott für sein Leiden verantwortlich macht. Man hat lange und sehr geduldig auf ihn eingeredet, endlich Ruhe zu geben und sich mit seinem Ge-schick abzufinden. Jetzt lässt man ihn reden, lässt man ihn ausreden. Seine Reden laufen ins Leere. Wir sind ratlos, wir sind sprachlos. Aber immerhin: Wir haben’s versucht! Doch wir wollen, wir können nicht zugeben, was Hiob immer wieder von sich gibt: nämlich dass Gottes Handeln auch und gerade in den Zweifelsfällen des Lebens als dunkel erfahren, ja sogar als ungerecht empfunden werden kann.

PerspektivenwechselManchmal hilft es, liebe Gemeinde, die Perspektive zu wechseln. Vom Zuschauer zum Mitleidenden: Wir sollten uns vielleicht zu Hiob in den Staub setzen, zu diesem so aufgewühlten und geschlagenen Menschen, der nun wirklich im Dreck sitzt. Ihm nahe sein, aus seiner Sicht auf die Dinge sehen, eine Hiob-Perspektive einnehmen. Dann würden wir wahrscheinlich sofort und unmittelbar merken: Leiden macht ein-sam, entsetzlich einsam. Und Fragen stehen im Raum, zermürbende Fragen: »Warum hat es mich so schwer getroffen? Warum ist gerade mir das passiert? Ist das nicht ungerecht? Ist Gott nicht ungerecht?« Ja, man darf so fragen, denn es ist im Grunde genommen nur ehrlich! Solche zermürbenden Fragen, die im Raum stehen, darf man aussprechen, auch und gerade gegenüber Gott. Das merken wir, wenn wir die Hiob-Perspektive einnehmen. Und noch etwas anderes dreht sich in dieser Perspektive um: Jetzt sind es nicht mehr die Reden Hiobs, sondern die Reden der Freunde, die ins Leere laufen. Denn wer sich so wie Hiob von Gottes Hand getroffen fühlt, dem helfen keine Belehrungen weiter, keine guten oder gut gemeinten Ratschläge, keine frommen Erklärungen. Unschuldig ins Leiden zu geraten, ist kein theoretisches, wohl aber ein praktisches Problem. »Warum leide ich?« – diese so sehr bedrängende Frage kann und darf nicht zugedeckt werden. Sie darf nicht ungehört bleiben! Deshalb lässt sich auch der Wunsch, den Hiob im Predigttext äußert, sehr wohl nachvollziehen: »Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden!« Und das heißt: Wenn mir schon niemand mehr zuhört, dann soll wenigstens meine Verteidigungsrede, meine Unschuldsbeteuerung für immer dokumentiert werden. Mit dem Meißel in den Felsen gehauen werden, die Buchstaben zum dauerhaften Erhalt mit Blei ausgegossen sein. Damit alle Welt es lesen kann, schwarz auf weiß. Damit alle Welt es lesen kann, wie ungerecht das ist.
Sollen wir Hiob verraten, was wir von seinem Wunsch halten? Einzelschicksale, in der Zeitung geschildert und dokumentiert, in einem Buch aufgeschrieben, oder – wie man das heute macht – gefilmt und ins Netz gestellt, sie berühren leider nur für den Moment und werden augenblicklich wieder vergessen: Der bei frostigen Temperaturen im Zelt ausharrende Flüchtling, die im Krankenhaus liegende Mutter, die hoch verschuldete Ladenbesitzerin, sie müssen ihr Leiden einzeln aushalten. Denn eine Gesellschaft, die davon nicht unmittelbar betroffen ist, will solche Einzelschicksale nicht lange aushalten, will oder kann sie nicht länger aushalten. Das ist das große Dilemma in unserer Gesellschaft. Wir schließen hinter uns die Tür. Sollen wir es Hiob verraten? Besser nicht, aber wahrscheinlich ahnt er das schon.

Mit Gott gegen GottUnd nun, liebe Gemeinde, nimmt unser Predigttext eine unerwartete, ja überraschende Wendung. Statt im Unglück zu versinken, findet Hiob zu einem Satz, in den er sei-ne ganze, noch vorhandene Energie fließen lässt: »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!« Dieser Satz steht im Zentrum des Predigttextes und ist aus der Tiefe des Herzens gesprochen. »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!« Wir ahnen unmittelbar, was Hiob damit sagen will. Freilich lässt sich das schwer in Worte fassen. Auch deshalb, weil das Wort »Erlöser« eine etwas andere Bedeutung hat als im Neuen Testament. Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, ist mit dem Wort »Erlöser« der »Fürsprecher« gemeint. Hiob wendet sich an Gott in der Gewissheit, dass er mit ihm einen Fürsprecher hat. Gott wird sich als Beistand bis zuletzt für ihn einsetzen. Gott wird ihn nicht aufgeben. Und damit stoßen wir auf einen außergewöhnlichen Gedanken, auf ein sehr großes Wagnis, das Hiob eingeht: Gott hat dem Hiob so ganz den Boden unter den Füßen weggezogen. Und jetzt wendet sich Hiob mit Gott als seinem Fürsprecher gegen Gott, den er als ungerecht empfindet. Mit Gott gegen Gott! Wo gibt es noch einen Halt? Allein bei Gott, der aus der Macht des Todes retten kann! Ich glaube, dass man auch das nur aus der Hiob-Perspektive verstehen kann. Gegen Gott zu klagen, dass ich unschuldig ins Leiden geraten bin: Das führt nur zum Ziel, wenn ich mit Gott einen starken Fürsprecher an meiner Seite weiß. Und dessen ist sich Hiob gewiss: Im Hier und jetzt ringt er mit Gott um sein Leben, um seine nackte Existenz. Er hat nur ein Ziel: Er will Gott spüren. Er will mit Gott, der ihm so in die Ferne gerückt ist, wieder in Kontakt kommen. Er setzt sein ganzen Vertrauen darauf, ihm zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht, wie es im Predigttext heißt: »Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und er wird für mich kein Fremder sein.«

Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegenLiebe Gemeinde! Ich habe Mühe, dieses Ringen Hiobs mit Gott zu verstehen. Und ich bin dabei auf einen anderen Bibeltext gestoßen, der mir geholfen hat. Dieser andere Bibeltext erzählt von Jakob. Jakob ist auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, den er in seiner Jugend arglistig betrogen hat. Jakob hat jetzt Angst, große Angst um sein Leben. Und er taucht ein in eine tiefe Nacht. Es ist dunkel um ihn, so dunkel wie es um Hiob ist. Er versucht zu entkommen, seiner Vergangenheit zu entkommen, und durchschreitet einen Fluss. Da tritt ihm plötzlich ein Unbekannter in den Weg. Und Jakob ringt mit dem Unbekannten um sein Leben, um seine nackte Existenz. Bis er erkennt: Der Unbekannte, der ihn bedroht, ist ja Gott selbst. Jakob muss also unterliegen. Doch die Nacht ist noch nicht vorbei. Es ist noch immer dunkel um ihn, so dunkel wie um Hiob. Dann dieser eine Satz: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« (1. Mose 32,27). Jakob gibt den Kampf gegen Gott nicht auf. Er hält an Gott fest, ja er hält an seinem Gott fest. Er ist sicher, dass Gott ihn segnen wird. »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!« – »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Diese Gewissheit, dieses Vertrauen will ich mir als Beispiel nehmen. Im Hier und Jetzt, im Licht und in der Dunkelheit, auch und gerade, wenn es in meinem Leben einmal dunkel sein sollte und sich Gott für mich verfinstert hat. Wenn es mir schlecht geht und ich mich niedergeschlagen fühle. Ja, ich darf Gott um seinen Segen bitten, jederzeit. Ich darf sogar mit Gott um seinen Segen ringen. Denn in seinem Segen ist Gott mir nahe, begegnet er mir, ist er ganz und gar präsent. Und eben deshalb schließen wir unsere Gottesdienste bis heute mit einem biblischen Segen. Auch in Zeiten, in denen wir Präsenz so sehr vermissen. Im Hier und Jetzt ist Gott in seinem Segen präsent, ist er uns ganz und gar zugewandt: Der Herr segne dich und behüte dich! – Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Amen.

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