Quasimodogeniti (11. April 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Jochen Maier, Kirchheim/Teck [Jochen.Maier@elkw.de]

Johannes 21, 1-14

IntentionWas bedeutet die Ostererfahrung, dass der auferstandene Christus gegenwärtig ist, für den Fortgang des Lebens? Als der auf uns Wartende und als der Wegweisende eröffnet Christus Zukunft, die jeden Tag zur österlichen Gelegenheit macht.

Liebe Gemeinde!
„Wie soll es jetzt weitergehen?“ Das ist eine Frage, die sich uns spätestens dann innerlich aufdrängt, wenn einschneidende Veränderungen unser Leben betreffen: Abschied zum Beispiel oder Trennung oder plötzliche Krankheit. Erschütterungen, die die Sicherheit unseres gewohnten Alltags ins Wanken bringen wie jetzt auch die Corona-Pandemie. „Wie soll es jetzt weitergehen?“
Aber es sind nicht nur bedrohliche Einschränkungen des Lebens, die diese Frage in uns hervorrufen. Auch ungeahnt verheißungsvolle Erfahrungen können plötzlich mein ganzes gewohntes Leben durcheinanderwirbeln. Plötzlich sehe ich etwas ganz neu. Plötzlich macht mich etwas ganz dankbar und bescheiden. Plötzlich eröffnet sich eine ganz neue verheißungsvolle Gelegenheit. „Wie soll es jetzt weitergehen?“
Die Anhängerinnen und Anhänger Jesu hatten eine überwältigende Erfahrung gemacht. Eine gleichermaßen erschütternde wie frohmachende Erfahrung. Jesus ist nicht tot. Er lebt! Er ist ihnen begegnet, aber auf kaum zu fassende Art und Weise.
Er ist da. Aber er ist anders da. Wie soll es weitergehen, wenn Jesus nicht mehr wie früher vorausgeht und predigt und heilt und sie lehrt, worauf es ankommt? Sie haben zwar erfahren, dass Jesus nicht tot ist, sondern auferstanden – aber was folgt jetzt daraus für das Weiterleben? Wie soll es weitergehen nach Ostern?
Als Predigttext für den heutigen Sonntag nach Ostern hören wir auf Johannes 21, Verse 1 bis 14:

„Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Genezareth. Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch.
Das ist schon das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.“

Der Auferstandene ist der WartendeWie soll es weitergehen nach Ostern? Im Predigttext wird uns zunächst erzählt, dass die Jünger in ihren Alltag zurückkehren. Das Leben muss ja irgendwie weitergehen. Man muss für den Lebensunterhalt sorgen. Petrus entschließt sich, wieder fischen zu gehen, also wieder zurückzukehren zur altgewohnten Arbeit. Und als ob die anderen Jünger froh gewesen wären, dass etwas geschieht, haben sie sich Petrus angeschlossen. So kehren die Jünger wieder dorthin zurück, von wo aus sie einst mit Jesus losgegangen sind: zu ihren Booten, zum gewohnten Fischeralltag am See Genezareth.
Liebe Gemeinde, zuerst wird uns also eine Rückkehr ins Gewohnte geschildert. Es gibt, glaube ich, tatsächlich so etwas wie einen Sog des Gewohnten. Das Alltägliche bietet Halt. Das Gewohnte ist weniger anstrengend, als wenn man sich mit herausfordernden Fragen oder neuen Lebenssituationen auseinandersetzen muss. Wir mögen es im Allgemeinen nicht, wenn unsere eingespielten Lebensgewohnheiten erschüttert werden. Im Grunde lieben wir die Normalität. Aber so entlastend die Alltäglichkeit unseres Lebens auch sein mag – die Alltäglichkeit verwischt auch die Unterbrechungen und Öffnungen im Gewohnten, die uns in unserem Leben auf neue Spuren lenken und locken könnten. Die Unterbrechungen unserer festgefügten Lebensmuster sind immer auch Gelegenheiten!
In dieser Ostergeschichte wird geschildert, wie den Jüngern die bloße Rückkehr ins Gewohnte verwehrt wird. Sie fischen die ganze Nacht, aber sie fangen überhaupt nichts, so sehr sie sich auch mühen. Der Versuch, das Leben in der Normalität von früher zu leben, misslingt. Die Jünger müssen begreifen, dass sie nicht einfach in den alten Alltag zurückkehren können! Sie können nicht einfach zur gewohnten Tagesordnung übergehen nach der Ostererfahrung! Denn die Auferstehung Jesu Christi bedeutet, dass die Geschichte mit ihm nicht hinter ihnen liegt, sondern weitergeht und vor ihnen liegt.
Der auferstandene Herr ist nicht entschwunden, sondern er steht am Ufer, als die Jünger enttäuscht von ihrer Arbeit zurückkehren. Er wartet auf sie. Am Rand der Nacht, am Ufer der enttäuschenden Versuche, die Netze in alter Gewohnheit selbst wieder voll zu kriegen, wartet Jesus. Am Beginn des Tages wartet er.
Ich verstehe das als eine ganz grundsätzliche Aussage über die Art und Weise, wie Jesus Christus für uns da ist: Er wartet auf uns am Rand unserer mühsamen und oft scheiternden Versuche, unsere ins Leben ausgeworfene Netze selbst zu füllen. Er wartet auf uns in all den Unzufriedenheiten und Bedenken und Sorgen, in denen wir sogar manchmal gar nicht mehr wagen, unser Netz ins Leben hinauszuwerfen. Er wartet auf uns als der, der weiß, was uns fehlt. Er hat schon das Essen vorbereitet. Und wenn er den Jüngern gegenüber feststellt: "Ihr habt wohl nichts zu essen?", dann ist sicher mehr gemeint als nur der leibliche Hunger, nämlich insgesamt der Hunger nach einem Leben, das nicht nur im Trüben fischt. Der überreiche Fischzug, den die Jünger machen, als sie auf Jesu Wort hören und noch einmal hinausfahren, verdeutlicht: Das Leben wird beschenkt und gesättigt sein für den, der auf sein Wort hört.

Der Auferstandene ist der WegweisendeWichtig scheint mir in dieser Ostergeschichte zu sein, dass die Jünger zuerst auf Jesu Wort hören und seinen Anweisungen gehorchen – und erst dann, als sich tatsächlich wider Erwarten ihre ausgeworfenen Netze ganz füllen, erst dann erkennen sie die Gegenwart des Auferstandenen! Der Auferstandene wartet auf uns. Er ist gegenwärtig, aber – wie bei den Jüngern in dieser Ostergeschichte – ist er oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Aber dass er da ist für uns, das erkennen wir, wenn wir seiner Richtungsangabe, seiner Wegweisung trauen und gehorchen. Sein Wort weist den Weg zu gefüllten Netzen! Das wegweisende Hören auf sein Wort ist laut dieser Ostergeschichte die entscheidende Art und Weise, wie der Auferstandene in unser Leben hineinwirkt. Dabei wissen wir oft nicht, zu welchen Entdeckungen, Erleuchtungen oder Kursänderungen es uns führen wird, wenn wir uns im Vertrauen auf seine Wegweisung an sein Wort halten. Wird es unser Leben erfüllter machen, wenn wir voller Hoffnung leben; wenn wir geduldig sind miteinander und barmherzig; wenn wir – auf sein Wort hin – behutsamer, bescheidener und dankbarer miteinander leben? Ja! – ist die Antwort des Osterevangeliums! Ja, es wird sich Segen zeigen! Überraschend gefüllte Netze, wie bei den Jüngern: Staunen und Freude, Sattwerden und Orientierung, Zukunftsneugier und die Gewissheit, nicht allein zu sein. Es wird sich Segen zeigen in unserem Leben, wenn wir dem Sog der erwartungslosen Alltäglichkeit widerstehen und darauf vertrauen, dass Christus wartend und wegweisend am Rand unserer Nächte, am Ufer unseres Lebens steht.

Österliche GelegenheitJesus ist der Wartende. Jesus ist der Wegweisende. Und er ist nicht zuletzt der Sammelnde. Er lädt die Jünger zum gemeinsamen Mahl, das er schon vorbereitet hat. Er ruft sie dadurch zusammen und bewahrt sie vor der Zerstreuung in eine bedeutungslose Alltäglichkeit. Er beruft mit den ersten Jüngern alle seine Jüngerinnen und Jünger aller Zeiten zur österlichen Weggemeinschaft – denn nur in der Gemeinschaft der Nachfolge können wir in dieser Welt die sein, als die der Auferstandene uns braucht: Salz der Erde und Licht der Welt.
„Wie soll es nach Ostern weitergehen?“ war die unausgesprochene Frage, auf die unser Predigttext eine Antwort gibt. Liebe Gemeinde, die Osterbotschaft vom auferstandenen, gegenwärtigen Herrn verweigert es uns, unsere Tage als belanglos und alltäglich anzusehen! Jeder Morgen, jeder Tag unseres Lebens trägt die österliche Gelegenheit in sich, uns dem Geleit Jesu Christi anzuvertrauen und gespannt darauf zu sein, welche Wegbegegnungen und Segensmomente er für uns bereithält. Und zu welchen Aufgaben er uns zusammenführt! So soll es weitergehen: Der Auferstandene wartet auf uns. Er weist uns den Weg. Er sammelt uns zur Gemeinschaft. Nicht zufällig ist es Morgen, als Jesus da am See Genezareth am Ufer steht. Als Leben von Ostern her kann unser ganzes Leben ein solcher Morgen sein: ein erwartungsvolles, ausgerichtetes, vertrauensvolles Hineingehen in die Tage unseres Lebens, in den Alltag dieser Welt. Amen.

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