Jubilate (25. April 2021)

Autorin / Autor: Pfarrerin Susanne Wolf, Tübingen [susanne.wolf@elkw.de]

Apostelgeschichte 17, 22-34

IntentionDiese Predigt möchte zum Gotteslob einladen. Es ist unsere menschliche Antwort auf Gottes schöpferisches Wirken.

Apg 17, 22-34 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Paulus redet auf dem Markt„Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes.“ Was Paulus den Römern schreibt, zeigt er den Athenern in seiner Rede. Er spürt Gemeinsames auf, stellt die Ehrfurcht vor dem unbekannten Gott in ein neues Licht, wirbt um Verständnis für den Schöpfer und die Schöpfung mit ihren Ordnungen und Strukturen. Und bringt zuletzt auch das ganz Eigene ins Gespräch ein: Jesus, den Gekreuzigten, und seine Auferstehung. Keine zwei Götter, wie manche Athener meinen. Es ist der eine Gott, der sich als Mensch auf Erden allem aussetzt bis zum Tod am Kreuz. Seine Schöpferkraft besiegt den Tod. Seither sind alle Menschen zum Umdenken aufgerufen. Wem wollt ihr euch anvertrauen im Leben und im Sterben? Vor wem seht ihr euch verantwortlich jetzt mitten im Leben und am Ende erst recht, für euch und die ganze Welt?
Dass sich die einen mit Spott verabschieden und die Aufmerksamkeit der anderen schon längst woandershin gewandert ist, sei’s drum. Das irritiert Paulus nicht. Er hat getan, was dran war und geht nun wieder seiner Wege. Gottes Geist wird schon das Seine tun und Glauben wirken. Und siehe da, Frauen und Männer schließen sich Paulus an, darunter Dionysios und Damaris.

Erzählen, was uns Halt gibtErzählen, was uns Halt gibt im Leben, wo wir in kritischen Zeiten wie diesen Zuflucht finden. Das tun Sie, jede und jeder auf eigene Weise immer wieder. Beiläufig, alltäglich, persönlich. Im Gespräch mit der Nachbarin, mit der Freundin, dem Enkel. Sie tauschen aus, wie Sie die Lage einschätzen, wie es Ihnen selbst dabei geht. Sie blicken zurück auf überwundene Krisen, lassen durchblicken, wofür Sie dankbar sind. Sie deuten an, was Sie erwarten und worauf Sie mit verhaltener Zuversicht oder voller Vertrauen zugehen. Sie teilen so, was Sie bewegt und Ihnen hilft, im Leben zurecht zu kommen. Gemeinsame Überzeugungen werden sichtbar. Ureigenes blitzt auf. Das geschieht niederschwellig, ohne dass Sie sich das vornehmen. Es kommt einfach über Ihre Lippen, weil es Sie bewegt. Vielleicht mischt sich ab und an ein „Gott sei Dank“-Seufzer dazwischen. Täglich geschieht so vieles, was sich nicht dem eigenen Handeln zurechnen lässt und auch niemand anderem. Täglich gibt es zig Gründe, Gott zu danken und zu loben.

Gott loben, das ist unser AmtJubilate. Jubelt, lobt Gott. Das ist das Motto dieses Sonntags. Aufmerksam sein für den Grund des Lebens. Für alles, was mich umgibt. Für den Atem, der mich durchströmt. Für die Luft, den Himmel über mir und die Erde unter meinen Füßen. Für Licht und Dunkel, den Rhythmus von Tag und Nacht, von Arbeit und Ruhe. Für Freundschaft und Liebe. Für Rücksicht und Fürsorge. Loben heißt: nichts für selbstverständlich halten und nehmen. Würdigen und wertschätzen, wovon ich lebe, ohne dass ich es beginnen, am Laufen halten, beenden könnte. Nichts an Gottes Schöpfung ist selbstverständlich. Wir haben Anteil an ihr, wir sind frei in ihrem Gebrauch. Sie zu pflegen und zu bewahren gehört zu unseren Aufgaben. Täglich gehen wir mit den Schöpfungsgaben um. Wasser, Erde, Luft und Feuer – ohne die Elemente, ohne die Strukturen und Ordnungen dieser Welt wären wir nicht zum Leben fähig. Nichts Lebendiges hätte hier seinen Platz.
Wenn Paulus den Athenern sagt, Gott habe nicht nötig, dass ihm jemand diene, dann stimmt das nur halb. Der Gott Israels und Vater Jesu Christi ist reich an Beziehungen. Er will gar nicht für sich sein. Sonst gäbe es ja die Schöpfung nicht, das Werk seiner Liebe. Gott begibt sich in Beziehung mit ihr, mit seinen Geschöpfen. Verwickelt ins Wechselspiel von Ruf und Antwort. Deshalb ist das Loben unsere Antwort an ihn: Gott loben, das ist unser Amt und Gottes Freude!

Gebrauch statt RaubbauWas uns zu Händen ist, bleibt unverfügbar. Wenn wir es gebrauchen, dann hoffentlich mit einer letzten Scheu: wie wenn ein Kind etwas neu entdeckt, oder wenn ich aus einem kostbaren Glas trinke. Mit zarter Geste. Weder zaghaft noch zupackend. Ich bin hier zu Gast. Ich spüre die freundliche Absicht des Gastgebers. Sei mir willkommen!
Wo das Staunen ins Zugreifen umschlägt, da schrumpft die wunderbar vielfältige Welt zusammen auf den Maisacker, das Weizenfeld, die Bananenplantage. Oder auf das Stück Land, planiert und betoniert zum Wohnen und Fahren. Alles, worauf der Mensch meint, einen Anspruch zu haben, was er und sie in ihren Besitz zu bringen versuchen, verändert sich unter ihren Händen. Aus Nießbrauch wird Raub. Aus Gabe wird Beute, gar Ausbeutung. So kommt’s zum Landgrabbing, zum Krieg um seltene Erden und um Wasser. Die Klimakrise ist eigentlich eine Krise des Menschen. Dreht sich denn die ganze Welt um uns? Muss sich alles unserem Zugriff fügen? Sind wir uns selbst Gott?

Denkt neu - kehrt umDer Ruf zum Umdenken und Umkehren hat uns längst erreicht. Mit ihm beginnt Jesu öffentliches Auftreten. Gebt Gott die Ehre, setzt euer Vertrauen in ihn, wie ich es tue, so lädt er seine Zeitgenossen ein. Er erzählt von Gott in Gleichnissen, er demonstriert Gottes heilende Macht, er setzt sich mit denen an den Hecken und Zäunen zu Tisch. Lobt Gott, den Schöpfer eures Lebens! Freut euch an seinen Wirkungen! Anerkennt Gott als Herrn über euer Leben und die ganze Welt! Jesu Auftreten, Reden und Handeln provoziert Zustimmung und Ablehnung. Wer sich auf sich selbst verlässt oder nur die Herrschaft der Mächtigen fürchtet, gehört nicht zu seinen Anhängern. Nicht einmal die ihm Nächsten sehen, wie sich der Konflikt mit den Mächtigen anbahnt und zuspitzt und Jesus das Leben kostet. Auch für sie ist mit seinem Tod das Ende da.

Auferweckt zur neuen SchöpfungEbenso unerwartet trifft die Jüngerinnen und Jünger Jesu die Botschaft, Jesus sei auferstanden. Die Auferstehung ist das Werk von Gottes schöpferischem Geist. Gott nimmt sich des toten Jesus an. Nun ist er nicht mehr von Gott und der Welt verlassen. Nun hat er Anteil an Gottes Macht. Gott macht dem tödlichen Zugriff aufs Leben ein Ende. Und weckt Glauben in den Jüngerinnen und Jüngern. So geht ihnen auf, wie Gottes Schöpferkraft in Jesus lebendig war und ist und bleiben wird. Sie ahnen: Die Auferstehung des Einen, der nichts für sich selbst sein und haben wollte, hat Folgen für alle, die ihr Vertrauen auf ihn setzen. Wenn er nicht im Tod geblieben ist, haben wir Hoffnung für unsere Toten und für uns selbst und für diese Welt. Dann hat der Tod nicht das letzte Wort über uns, wenn der, der selbst zum Opfer gemacht wurde, nun als Richter Recht spricht: Dann bleiben die stumm gemachten Opfer nicht stumm für immer. Dann kommen alle, die von anderen geschädigt und zur Seite gedrängt wurden, zu ihrem Recht. Dann bekommen die Zukurzgekommenen, die Schwachen und Ohnmächtigen eine völlig neue Aussicht auf Leben.
Lobe den Herrn, meine Seele!
Die Auferstehung Jesu und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten gehören zusammen, unauflöslich. Weil Jesus nichts für sich exklusiv haben will. Weil Jesus die Seinen zu sich zieht. Und weil zu den Seinen gehört, wer ihn den Herrn über Leben und Tod sein lässt.
Zu wem willst du gehören? Wem dienst du mit deinem Leben? Fragen an die Jüngerinnen und Jünger nach Ostern, an die Leute in Athen, an uns heute. Lasst uns darauf antworten: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Amen.


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