Kantate (02. Mai 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Johannes Schleuning, Weinstadt-Schnait [Pfarramt.Schnait@elkw.de]

Lukas 19, 37-40

IntentionAm Sonntag Kantate führt uns dieser Text in die Zeit vor Ostern zurück. Die Jünger stimmen ein Loblied auf Jesus an, der nach Jerusalem einzieht. Sie erinnern sich an alles, was sie mit ihm und durch ihn erlebt haben. Für diesen Lobgesang soll auch bei uns und gerade in dieser seltsamen Zeit Raum sein, damit Gott bei uns einziehen kann.

19, 37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
38 und sprachen:
Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Zwischen Jubel und TränenZwischen Jubel und Tränen zieht der Herr in Jerusalem ein. Ideenreich wurde in diesem Jahr während der Karwoche der Ereignisse Jesu in Jerusalem gedacht. Hier in unserer Kirche z.B. waren die Stationen der Passion Christi mit biblischen Figuren aufgebaut. Jeder und jede konnte – coronagerecht sozusagen – von Station zu Station gehen und diesen Weg ans Kreuz und zum Ostermorgen mitgehen. Mich und manche andere haben viele dieser Szenen an frühere Gemeindereisen ins Heilige Land erinnert. Auch diejenige, die der Evangelist Lukas hier beschreibt. „Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war“ – ein steiler Weg führt bis heute von der Himmelfahrtskirche hinunter ins Kidrontal. Und wer aufblickt, hat das Panorama der Stadt vor Augen in seiner ganzen Pracht und Schönheit.
Von Betfage kommt Jesus her. Dort haben zwei seiner Jünger das Eselfohlen gefunden und losgebunden, auf das sie nun ihre Kleider werfen und Jesus daraufsetzen. Unter dem Jubel der Männer und Frauen, die ihm bis hierher gefolgt sind, wird Jesus einziehen in die heilige Stadt. Davon erzählt unser kurzer Predigttext.
Doch bevor er das Stadttor erreicht, sieht Jesus noch ein letztes Mal hinüber auf die Türme und Mauern und weint über Jerusalem, weil er vorhersieht, was kommen wird an Zerstörung und Leid. Auch diesen Ort kennt der Jerusalem-Pilger, es ist die Kapelle in Form einer Träne am Abhang auf halber Höhe: Dominus flevit, der Herr weinte. Durch ihr Abendmahlsfenster sieht man hindurch auf die Häuser Jerusalems. Wer einmal da war, wird sich für immer daran erinnern.
Zwischen Jubel und Tränen. Das ist die Stimmung am Palmsonntag ebenso wie am Ersten Advent, wo der Einzug in Jerusalem seinen Platz im Kirchenjahr hat. Die furchtbare Friedlosigkeit der Welt und die Freude über Gottes Ankunft, beides ist da. Und am Sonntag Kantate? Da auch, besonders in diesem seltsamen Jahr 2021. Denn wir dürfen nicht singen, auch wenn der Sonntag uns genau dazu aufruft: „Kantate“, „Singet!“. Bereits das „Stille Nacht“ am Heiligen Abend und das „Christ ist erstanden“ am Ostermorgen durften wir nicht mitsingen. Es ist so schmerzlich wie das Verbot, einander zu umarmen und sich nahe zu sein. Und kaum auszudenken in einem evangelischen Gottesdienst, in der das Singen die unverzichtbare Antwort der Gemeinde auf Gottes Anrede an uns darstellt. Aber es ist so: auch heute darf nur ein kleiner Chor oder eine kleine Gruppe von Instrumentalisten stellvertretend für uns alle den Mund zum Lob Gottes auftun.

Der Jubel, den Gottes machtvolle Taten hervorrufenLukas erzählt nicht von Einwohnern Jerusalems, die zum Stadttor herausdrängen, um Jesus zu empfangen. Er nennt „die ganze Menge der Jünger“, also die, die mit ihm hierhergekommen sind, um nun beim Finale seiner Krönung dabei zu sein. Sie alle spüren, dass jetzt etwas Großes beginnt. Noch hoffen sie auf ein anderes Ende, als es der Herr vorausgesagt hatte. Noch sind sie freudig gestimmt und sehen ihren Meister als König in der Stadt Davids.
Sie jubeln, weil sie so viel Schönes mit Jesus erlebt haben. Sie preisen Gott und jubeln „über alle Taten, die sie gesehen hatten“. Sie waren ja dabei, als er den Zachäus vom Baum geholt hat und bei ihm eingekehrt ist und ihn zu einem gleichberechtigten Sohn Abrahams erklärt hat. Sie waren dabei, als er in Jericho dem Blinden das Augenlicht geschenkt hat. Sie haben seine Geschichten gehört vom verlorenen Schaf und von den zwei Söhnen, die der Vater zum Fest bittet. Den, der weit fort war und alles verspielt hat, und den, der immer zuhause war und mit dem sein Vater alles teilte. Den Glanz, den Jesus von Nazareth in ihr Leben gebracht hat, werden sie niemals vergessen. Sie sehen noch das Leuchten in den Augen der armen und geknechteten Menschen, denen Jesus das Reich Gottes vor Augen gemalt hat. Seine Worte und seine Wunder und die Hoffnung auf eine neue, gerechte und bessere Welt sind ihnen noch präsent. Darum jubeln sie ihm zu, dem Eselreiter, dem Lastenträger, dem Friedensstifter, der liebt und leidet für Gottes neue Welt.
Sie tun das „mit Freuden“ und „mit lauter Stimme“. Was in ihnen ist, muss nach außen. Es muss unter die Leute. Darum jubeln diese vielen kleinen Leute, Fischer, Bauern und Zollbeamte, Männer und Frauen, die Befreiung und eine neue Perspektive durch den Rabbi Jesus erfahren haben. So wie es im Wochenspruch für die neue Woche heißt: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ (Psalm 98,1). Genau das geschieht hier am Abhang des Ölbergs zwischen Jubel und Tränen. Die Jünger singen das neue Lied. Sie tun es voller Freude über ihren Retter und mit lauter Stimme, so dass alle es hören.

Jesus wird als König empfangen„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Als Nachkomme Davids wird Jesus in Jerusalem empfangen. Als der, der sein Volk Israel erlösen wird von der Herrschaft der römischen Besatzer und von aller Unterdrückung und Not.
„So bist du dennoch ein König?“ wird Pilatus ihn fragen und sich diesen seltsamen König von allen Seiten verwundert anschauen. Bereits beim Einzug in die heilige Stadt wird deutlich, dass „sein Reich nicht von dieser Welt“ ist. Denn die Menschen rufen: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Anders als beim Jubel der Engel anlässlich seiner Geburt ist hier nicht mehr vom „Frieden auf Erden“ die Rede. Jesu Weg führt nicht zur Befreiung von Rom. Er lässt seine Jünger nicht mit dem Schwert für sich kämpfen. Sein Weg – in Gethsemane wird ihm das selbst ganz deutlich – soll durch Gefangensein, durch Verspottung und durch Schmerzen führen. Es ist kein königlicher Weg, sondern er wird ans Kreuz führen.
So einen Weg wählt kein irdischer Herrscher. Aber er, Jesus Christus, geht ihn für uns. Er ist unser König.

Dieser Lobgesang braucht RaumNicht allen gefällt dieses Lied. Einige fürchten den Zorn der Römer oder bangen um ihre eigene Stellung beim Volk. Sie fordern Jesus auf, seine Jünger zurechtzuweisen. Aber es ist nicht möglich, diese Leute zum Schweigen zu bringen. Ihre Sehnsucht nach Freiheit ist geweckt. Ihr Hunger nach Leben ist nicht zu stillen durch Ersatzangebote. Die Leute haben selbst erlebt, dass es bei diesem Menschen Leben in Fülle zu sehen und zu schmecken gibt.
Deshalb sagt Jesus: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Dieser Lobgesang braucht Raum. Das Lied von der Erlösung muss erklingen, selbst wenn wir nicht singen dürfen. Das Evangelium hat sich auch in Zeiten des Lockdowns tausend Wege gesucht, um die Ohren, Augen und Herzen der Menschen zu erreichen. Viele neue Ideen wurden geboren und umgesetzt. Gott sei Dank!
Unsere evangelischen Gottesdienste brauchen den Lobgesang „mit Freuden“ und „mit lauter Stimme“, von Chor- und Instrumentenklang aller Art. Posaunenchor, Band- und Orgelklang sind willkommen. Sie stimmen das „neue Lied“ an gegen unser altes, nämlich dass wir bisweilen viel lamentieren und argumentieren. Dass die Welt ungerecht ist und das eigene Leben oft ganz schön kompliziert, das weiß ich und bringe es zum Gottesdienst mit. Aber dass es jemanden gibt, der diese Welt und mich und mein Leben in seinen Händen hält, der mich liebt und niemals fallen lässt, nicht einmal wenn ich sterbe, das erfahre ich erst im Gottesdienst. Das will und muss ich hören. Das glaube ich von Herzen. Und darüber will ich jubeln und Gott loben mit allen Gotteskindern zusammen, ob es nun am Abhang des Ölbergs ist, am Sonntag im Gottesdienst oder im Laufe der Woche an dem Ort, an den Gott mich führt. Tief drinnen im Herzen gilt auch inmitten dieser Pandemie: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Amen.

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