Rogate (09. Mai 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [gerhard.schaeberle-koenigs@web.de]

Sirach 35, 16-22

IntentionDie Predigt macht auf Gottes Souveränität aufmerksam. Er nimmt bevorzugt die Gebete und die Not der Marginalisierten wahr. Was bedeutet das für das Beten derer, die nicht arm dran sind?

Wir hören heute einen Predigttext aus dem Buch Jesus Sirach. Wahrscheinlich haben Sie noch nie in dieses Buch der Bibel hineingeschaut. Es gehört zu den sogenannten Apokryphen, den Spätschriften des Alten Testaments. Sie finden sie in manchen Bibelausgaben zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Diese Schriften sind entstanden, nachdem die Hebräische Bibel bereits abgeschlossen war.
Hören Sie, was der Schriftgelehrte Jehoshua ben Sira – wie sein Name auf Hebräisch heißt – vom Beten zu sagen weiß (Sirach 35, 16 – 22a):
„Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.“

Gott bevorzugt die ArmenDas muss man erst einmal verdauen, liebe Gemeinde.
Gott bevorzugt einseitig ganz bestimmte Menschen. Wenn sie beten, dann reagiert er auf ihre Bitten und ihre Hilferufe. Ihre Gebete dringen durch die Wolken hindurch an sein Ohr. Sie gehen ihm zu Herzen. Es rührt ihn, wenn er die Klagen einer Witwe hört oder das Wimmern einer Waisen wahrnimmt. Er hilft dem Armen. Er erhört das Gebet des Unterdrückten.
Wir wissen nun aber von Jesus: Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Gott teilt also diese seine Wohltaten sozusagen mit der Gießkanne über alle aus. Jehoshua ben Sira jedoch hat erkannt: Wirklich aufmerksam hört er auf Menschen, die arm dran sind. Ihr Leid und ihre Tränen bewegen ihn besonders. Ist das gerecht?
Der Name dieses Sonntags fordert uns auf: „Betet!“ Wenn es aber so ist, wie Jesus Sirach sagt, macht es dann für Menschen, die gar nicht arm sind, überhaupt Sinn, zu beten? Können es etliche von uns gleich sein lassen, weil ihre Gebete zwar weit reichen, aber eben nur bis an die Wolken und gar nicht an Gottes Ohr kommen?

Der Schriftgelehrte Jehoshua ben SiraWer ist dieser Mensch, der das Buch Jesus Sirach geschrieben hat, und darin diese Einseitigkeit Gottes so herausstellt? Von Jehoshua ben Sira wissen wir durch seinen Enkel. Er lebte wohl in Jerusalem um 200 vor Christus. Er hat ausführlich die ganze Heilige Schrift studiert. Er fand es kostbar, was darin zu finden war. Und er wollte seinen Mitmenschen eine Hilfe geben, Gott zu verstehen und ihr Leben nach seinen Weisungen auszurichten.
Was Jehoshua ben Sira von der Einseitigkeit Gottes schreibt, das weiß er aus den Propheten und aus den Psalmen. Das ist nicht seine eigene Erfindung. Immer schon haben die Propheten angemahnt, sich um die Armen und Unterdrückten und die Witwen und Waisen zu kümmern und auch um die Fremdlinge. Und sie haben den Mächtigen fürchterliche Strafen angedroht, wenn sie dieser Pflicht nicht nachkommen und stattdessen die, die eh schon arm dran waren, auch noch bedrückten und ihnen ihr Letztes wegnahmen.
Aus alter Zeit hat Jehoshua ben Sira neu zur Sprache gebracht, dass Gott einseitig die Armen bevorzugt. Jesus von Nazareth hat später diese Einseitigkeit Gottes gegenüber denen, die arm dran sind, noch deutlicher herausgestellt. Er hat sie selig genannt, weil Gott ihnen besonders zugewandt ist.

Die eigensinnig einseitige BäurinMeine Mutter war auf ihre Art auch eigensinnig einseitig. Alle zwei Wochen war bei ihr Backtag. Da hat sie im Dorfbackhaus das Brot für ihre große Familie gebacken. Dazu auch Hefezopf und Zwiebelkuchen. Und dann noch ein paar besondere, kleinere Brote. Und wenn alles fertig war, schickte sie ihre Kinder los. „Du gehst zu Marie und bringst ihr dieses Brot und ein Viertel Zwiebelkuchen“, trug sie dann auf. Marie lebte in einem kleinen Häuschen mit zwei Zimmern. Als sie jung war, war sie das Kindermädchen meines Vaters gewesen. Später hat sie selbst auch ein Kind zur Welt gebracht. Doch der Vater ihres Kindes hatte sich davongemacht. So war sie schon jung sozusagen Witwe geworden. Wir sagen heute alleinerziehend. Ihr Leben war armselig in jeder Hinsicht. Doch mit dem Korb voller Frischgebackenem konnte sie zuverlässig rechnen.
Aus dem Ofen kam auch ein besonders feines Weißbrot. „Das bringst du zu Frieda.“ Frieda war immer im Bett. Seit Jahren konnte sie nicht mehr aufstehen. Sie war kein angenehmer Mensch. Wer konnte, drückte sich davor, zu ihr zu gehen. Die Frage stand deutlich im Raum, ob sie es eigentlich verdient habe, dieses feine frische Weißbrot. Aber eines von uns musste doch zu ihr hin. Und so ging es weiter, hierhin und dorthin.
Und genauso lief es zweimal im Jahr, wenn geschlachtet wurde. Einer meiner Brüder schimpfte jedes Mal. „Da hat man monatelang zu tun, bis die Sau endlich fett ist. Und abends nach dem Schlachten ist die Hälfte schon verschenkt. Für nichts!“
Meine Mutter stritt sich nicht mit ihm. Sie tat, was sie für richtig hielt. Und wenn keines ihrer Kinder zur Frieda gehen wollte oder zu sonst einem komischen Kauz, dann ging sie zuletzt halt selbst. Sie blieb sich treu – in ihrer eigensinnigen Einseitigkeit.

Arme habt ihr immer bei euch„Arme habt ihr immer bei euch“, sagte Jesus (Mt 26,11). Stimmt das wirklich? Wie ist das bei uns? Manche sagen: „Armut gibt es bei uns in unserem reichen Land nicht. Und wer arm ist, ist selbst schuld.“ Wir sind auch stolz auf unsere freiheitliche Gesellschaft. „Hier wird niemand unterdrückt.“ Und „das Problem mit den Witwen und Waisen, das ist bei uns schon seit mehr als hundert Jahren gelöst, damit die nicht am Hungertuch nagen müssen.“
Ja, es ist vieles gut geregelt bei uns. Gott sei Dank. Doch wenn Jesus sagt: „Arme habt ihr immer unter euch“, dann sollten wir noch einmal unsere Brille putzen, ob da nicht ein paar blinde Flecken drauf sind.
Wir könnten besser Bescheid wissen über Armut. Armut zeigt man lieber nicht. Arm zu sein in unserem Land, gilt als peinlich. Es sind vielleicht nur noch die Obdachlosen, die es nicht aufgegeben haben, ihre Armut zu zeigen. Viele von ihnen gehen schon gar nicht mehr auf die Ämter. Es tut ihnen nicht gut, wie sie dort behandelt werden. Nur noch wenige trauen sich, an Pfarrhäusern zu klingeln.
Es gibt bei uns auch Arbeitsverhältnisse, in denen Menschen unwürdig, schutzlos und der Willkür ausgeliefert arbeiten. Da gibt’s keine freie Wahl der Wohnung. Da wird man eingepfercht in Massenunterkünfte. Da gibt es wenig Sorgfalt beim Arbeitsschutz und bei den Hygienevorschriften. Und selten den eigentlich vorgeschriebenen Mindestlohn. Wer damit nicht zufrieden ist, kann ja wieder dorthin gehen, woher er gekommen ist.
Viel schlimmer noch ist es in einem ganz anderen Bereich, der völlig im Dunkel lebt. Der Menschenhandel. Jungen Frauen, oft kaum erwachsen, wird versprochen, sie könnten einen guten Job in Westeuropa bekommen. Wenn sie sich drauf einlassen, dann nimmt ihr Unglück seinen Lauf. Sie werden nach Deutschland gebracht. Kaum sind sie da, werden ihnen die Pässe abgenommen. Sie werden gezwungen, sich feilzubieten. Es wird ihnen vorgerechnet, wie viele Schulden sie haben und dass sie diese abbezahlen müssen. So sind sie hilflos der Gewalt und der Gier anderer ausgeliefert.
Unterdrückte sind das. Nicht in fernen Ländern, sondern mitten in unseren Städten.
Gott erhört ihre Gebete.

Die Gebete der Armen?Gott erhört ihre Gebete?
Viele derjenigen, die heute am dunklen Rand unserer Gesellschaft leben, beten nicht. Sie haben‘s nie gelernt. Sie sind enttäuscht und verbittert. Sie hoffen auch nicht auf Gott.
Andererseits kann man beobachten, dass in Kirchen, die offen sind, und in deren Gebetsecke man eine Kerze anzünden kann, oft Menschen kommen, denen man ansieht, dass sie arm dran sind. Die würden sich nie trauen, in den Gottesdienst zu kommen. Sie wollen ihre Not keinem Menschen zeigen. Sie wollen auch nicht auffallen, dass sie nicht richtig dazu gehören. Darum kommen sie zu Zeiten, an denen kaum jemand in der Kirche ist. Und manche von ihnen beten. Mit Worten oder ohne, mit oder ohne Tränen, kniend oder stehend oder in der hintersten Bank sitzend. Gott hört’s.
Da es nun so ist, dass diejenigen, deren Gebete Gott bevorzugt erhört, oft gar nicht beten, haben wir allen Grund zu beherzigen, was der Name dieses Sonntags uns nahelegt: „Betet!“ Betet stellvertretend für die, die keine Worte finden oder es aufgegeben haben. Wenn deren Gebete, falls sie welche hätten, durch die Wolken hindurchdringen, dann können wir doch auch darauf vertrauen, dass das, was jemand für sie betet, ebenfalls die Wolken durchdringt. Darum noch einmal: „Betet!“. Amen.

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