1. Sonntag nach Trinitatis (06. Juni 2021)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Rolf Noormann, Denkendorf [Rolf.Noormann@elkw.de]

Jona 1,1-2,2.11

IntentionDas Buch Jona veranschaulicht die Güte Gottes, die Menschen zur Umkehr bewegt (Römer 2,4). Gott gibt niemanden auf, weder die mörderische Welthauptstadt Ninive noch den unwilligen Propheten Jona. Beide führt er, mit unterschiedlichen Mitteln, zu einem Sinneswandel.

Das Unrecht muss ein Ende findenDas kleine Buch Jona ist eines der schönsten Bücher der Bibel. Es erzählt davon, wie Gott ist. Und wie wir Menschen sind. Im Zentrum steht eine große Stadt: Ninive. Die Hauptstadt eines Weltreichs, in dem der Mensch nicht zählt (O. Mandelstam). Was zählt, ist die Macht. Dafür müssen die Menschen bluten: die Gegner, die sie besiegt haben; die Kriegsgefangenen, die zum Spaß getötet werden; und auch die eigenen Leute. Ein Weltreich, in dem der Mensch nicht zählt – da kann Gott nicht einfach tatenlos zuschauen. Da muss er eingreifen. Und er tut es. Allerdings anders, als zu erwarten wäre. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, Ninive zu vernichten. Weltreiche kommen und gehen; da wäre der Untergang Ninives keine Überraschung gewesen. Aber Gott will keine Menschen vernichten, auch die Bewohner Ninives nicht. Für ihn zählt der Mensch, jeder Mensch, selbst der verrufenste. Ninive zu vernichten, ist deshalb keine Option, die Gott will. Es ist nur die allerletzte Möglichkeit. Aber anders werden muss es. Und kann es. Menschen können sich ändern. Jeder Mensch kann sich ändern, auch die Menschen von Ninive. Gott hat sie noch nicht aufgegeben. Darum schickt er ihnen einen Propheten. Der soll ihnen sagen, was Sache ist: “Noch vierzig Tage, dann ist es vorbei mit Ninive. Dann geht die Stadt unter!” Einladend klingt das nicht gerade, ganz im Gegenteil. Aber Gott weiß, was er tut. Das sind Worte, die in Ninive ankommen werden.

Gott braucht BotenAber es muss ihnen einer sagen. Wenn Gott etwas tun will, braucht er Menschen. Aber nach Ninive gehen und der Stadt den Untergang verkünden? Das ist ein heikler Job. Wer lässt sich schon gerne den Marsch blasen? Noch dazu von einem unbekannten Menschen aus einem anderen Volk? Darum braucht Gott einen Propheten, einen Gottesmann, der seine harten Worte weitergibt. Seine Wahl fällt auf Jona. Warum gerade Jona? Wir wissen es nicht. Vielleicht muss man umgekehrt fragen: Warum nicht Jona? Gott kann jeden gebrauchen, auch ihn. Er wird die Rolle des Propheten schon gut ausfüllen. Allerdings hat Gott damit, wie es scheint, die Rechnung ohne Jona gemacht. Hören wir, was im Buch Jona dazu zu lesen ist:

Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais:
„Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“
Und Jona machte sich auf, um vor dem HERRN nach Tarsis zu fliehen,
und kam hinab nach Jafo.
Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte,
gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weg vom HERRN.
Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen,
und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer,
dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen.
Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und sie warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde.
Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief.
Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm:
“Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an!
Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben.”
Und einer sprach zum andern:
“Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht.”
Und als sie losten, traf’s Jona.
Da sprachen sie zu ihm:
“Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht?
Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her?
Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du?”
Er sprach zu ihnen:
“Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels,
der das Meer und das Trockene gemacht hat.”
Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm:
“Was hast du da getan?”
Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt.
Da sprachen sie zu ihm:
“Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse?”
Denn das Meer ging immer ungestümer.
Er sprach zu ihnen:
“Nehmt mich und werft mich ins Meer,
so wird das Meer still werden und von euch ablassen.
Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.”
Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an.
Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen:
“Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt.”
Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer.
Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten.
Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.
Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen.
Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.
Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches. (...)
Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Der Bote bocktJona will den Auftrag nicht. Er ist ihm zu heiß, ein paar Nummern zu groß für einen einfachen Mann wie ihn. Soll Gott sich einen anderen suchen. Da gibt es bestimmt tausende, die so etwas besser können als er. Er, Jona, ist dafür nicht der richtige. Doch was tun? Einfach so zu tun, als hätte er nichts gehört, geht anscheinend nicht. So macht Jona sich einfach auf den Weg, allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung. Nichts wie weg, so lautet seine Devise, so weit es irgend geht. Es ist fast schon süß, wie Jona sich davonzustehlen versucht: mit einem Schiff, gen Westen. Als ob er Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, so entkommen könnte.

Tatsächlich wird er Gott so nicht los. Gott gibt nicht auf, auch Jona nicht. Er braucht einen Boten, und seine Wahl ist nun einmal auf ihn gefallen. Davon rückt Gott nicht ab, ob es Jona gefällt oder nicht. Dass Menschen, die er ruft, ablehnend reagieren, ist er gewohnt. Wenn er darauf warten wollte, bis er Menschen findet, die mit seinen Aufträgen einverstanden sind, könnte er lange warten. So bleibt es bei Jona, auch wenn sein Enthusiasmus zu wünschen übrigen lässt. Den Auftrag wird er nicht los, auch wenn Gott einiges in Bewegung setzen muss, um ihn zurückzuholen.

Gott greift einEin schwerer Sturm setzt dem Schiff zu. Die Seeleute fürchten um ihr Leben. Jeder fleht zu seinem Gott um Rettung. Schließlich werden sie auf Jona aufmerksam, der mitten im schwersten Sturm seelenruhig im Bauch des Schiffes vor sich hin schlummert. Auch er soll zu seinem Gott flehen. Vielleicht kann der helfen. Gleichzeitig machen sie sich auf die Suche nach der Ursache. Es muss jemand an Bord sein, der schuld ist an ihrem Unglück. Eine gefährliche Theorie: Wenn es ein Unglück gibt, muss es auch einen Schuldigen geben! Unzählige sind dieser Vorstellung schon zum Opfer gefallen. Um herauszufinden, wer der Schuldige sein könnte, greifen die Seeleute zu einem alten religiösen Mittel: Sie werfen das Los. Es fällt auf Jona. Jetzt zeigt sich, wie gottesfürchtig die Seeleute sind. Leichtfertig einen vermeintlich Schuldigen zu opfern, ist ihre Sache nicht. Sie befragen Jona, um herauszufinden, weshalb sein Gott ihm zürnt. Auch nachdem Jona sein Fehlverhalten eingeräumt hat und vorschlägt, ihn ins Meer zu werfen, versuchen sie alles, um ihn zu retten. Erst als sie keine andere Möglichkeit mehr sehen, entschließen sie sich zum Äußersten. Sie rufen den Gott Jonas an und bitten ihn im Voraus um Vergebung für das, was sie jetzt tun müssen. Seine Macht erkennen sie an. Kaum haben sie Jona über Bord geworfen, legt sich der Sturm. Das Schiff kann seine Reise fortsetzen. Was Jona betrifft, können die Seeleute unbesorgt sein. Gott selbst sorgt dafür, dass er wohlbehalten wieder an Land ankommt. Er wird ja noch gebraucht.

Gott gibt niemanden aufGott gibt nicht auf, Ninive nicht und Jona auch nicht. Warum hält er so hartnäckig an Jona fest? Und warum versucht er, die Stadt Ninive zur Umkehr zu bewegen, statt sie einfach dem Erdboden gleich zu machen?
Der Gott des Alten Testamentes ist ein Gott der Liebe. Er ist geduldig und von großer Güte. Wenn Menschen auf Abwege geraten, wünscht er sich nichts sehnlicher, als dass sie umkehren und auf den rechten Weg zurückfinden. Er tut alles dafür, sie zu einer Sinnesänderung zu bewegen. Das gilt für Ninive, die Hauptstadt des assyrischen Weltreiches, nicht weniger als für Jona, den widerwilligen Propheten. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1.Tim 2,4). Das Buch Jona zeigt uns, wie dies im Idealfall aussehen kann. Als Jona endlich in Ninive eintrifft, ist seine Predigt von großem Erfolg gekrönt: Die ganze Stadt geht in Sack und Asche, in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal Gnade vor Gott finden möchten. Sie geben ihr böses Treiben auf und machen einen neuen Anfang.

Und Jona? Seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Jetzt, wo er mit dem sanften Druck Gottes doch nach Ninive gegangen ist, möchte er auch den Untergang der Stadt sehen. Dass Gott sich erweichen lässt, passt ihm gar nicht. Obwohl er selbst die Güte Gottes gerade erst am eigenen Leib erlebt hat. Gottes Güte ist größer, als Menschen es sich ausmalen können oder wollen. Gott will, dass Menschen ihr Leben ändern, nicht, dass sie zugrunde gehen. Darum gibt er nicht auf. Niemanden. Auch heute nicht. Jeder Tag ist eine neue Chance. Jeder Augenblick ist eine Möglichkeit, mein Leben zu ändern und neu zu beginnen.
Amen.

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