2. Sonntag nach Trinitatis (13. Juni 2021)

Autorin / Autor: Pfarrerin Anja Wessel, Stuttgart [anja.wessel@elkw.de]

1. Korinther 14,1-12 (23-25)

IntentionWas bedeutet Oikodomē unter dem alles entscheidenden Vorzeichen der Liebe? Die Predigt konzentriert sich darauf, zu entfalten, was prophetische Rede ist, die von Gott als der Liebe in Person herkommt. In prophetischer Rede verbinden sich Wort und Tat in kraftvoller Weise. Gleichzeitig wird die Wirklichkeit transzendiert.

1.Kor. 14, 1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. 5 Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. 6 Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? 7 So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten? 9 So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. 12 So auch ihr: Da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? 24 Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde,
ein neues Haus soll entstehen. Baugrund ist teuer. Deshalb muss der Platz optimal ausgenutzt werden. Zeit ist Geld, und entsprechend ist alles minutiös geplant. Der Bauherr ist mehrmals täglich vor Ort. Er erläutert den Zeitplan. Unvorhergesehenes darf nur in einem gewissen Zeitkorridor geschehen. Oder besser gesagt: Unvorhergesehenes, was zu Verzögerungen führen könnte, ist nicht vorgesehen.
Der Einzugstermin steht fest; er passt zu den beruflichen Planungen der Eltern und den schulischen Bedürfnisse der Kinder.
Mehrmals täglich ist der Bauherr vor Ort, nimmt alles in Augenschein, misst nach, dringt immer wieder auf Einhaltung des Zeitplans, denn das nächste Gewerk steht schon in den Startlöchern.
Alles läuft wie am Schnürchen in beachtlichem Tempo.
Hoffentlich gibt es keine (bösen) Überraschungen unter der Erde oder in der Kanalisation. Das Wetter muss mitmachen. Die Arbeiter:innen dürfen nicht krank werden, Pandemie hin oder her.
Der Plan geht auf. Der Termin der Fertigstellung kann gehalten werden. Der Einzug erfolgt ebenfalls planmäßig. Was macht es da, dass die Arbeiter:innen zeitweise von 7:00 Uhr morgens bis in die Abendstunden auf der Baustelle waren. Sie haben das Unvorhergesehene abgefedert.
Das Haus kann sich sehen lassen.

Gemeinde Christi als noch unfertiges BauwerkDer Apostel Paulus vergleicht in seinem Brief an die Gemeinde von Korinth die Gemeinde mit einem Haus bzw. genauer mit dem Bau eines Hauses. Gemeinde wird gebaut, so wie ein Haus gebaut wird.
Im griechischen taucht hier der Begriff Oikodomē auf, der ein Bauwerk bezeichnet; dabei liegt der Fokus auf dem Prozess des Bauens: Alle Christ:innen bauen an Gottes Gemeinde mit, seit nunmehr rund 2000 Jahren. Wann dieser Bau fertig bzw. vollendet ist, entzieht sich unserer Kenntnis und unserer Machbarkeit. Gott selbst ist der Bauherr. Er definiert die Kriterien.

Gott, die Liebe, als Maß aller DingeDas Kriterium schlechthin ist die Liebe: „Strebt nach der Liebe!“ (V.1). Damit greift Paulus auf das zurück, was er im vorangehenden 13. Kapitel über die Liebe gesagt hat. Auf diese Liebe kommt es an, wenn sich die Gemeinde versammelt, also wenn sie Gottesdienst feiert. Denn diese Liebe strahlt aus. Sie wird Menschen in ihren Bann ziehen.
Wenn Menschen Gottes Liebe in ihrer ganzen Tiefendimension erfahren, wird dies nicht ohne Folgen bleiben. Diese Liebe ist keine Liebelei. Sie taucht nicht alles in ein rosarotes Licht. Diese Liebe brennt wie Feuer, transportiert Gottes unbedingtes Ja zu seiner ganzen Schöpfung. Sie widersteht den Versuchungen, lau zu werden und sich mit dem Leid dieser Welt abzufinden.
Kurt Marti hat wunderbare Worte gefunden für den dreieinigen Gott, der Liebe ist:

ein nachapostolisches bekenntnis (1)

ich glaube an gott
der liebe ist
den schöpfer des himmels und der erde

ich glaube an jesus
sein menschgewordenes wort
den messias der bedrängten und unterdrückten
der das reich gottes verkündet hat
und gekreuzigt wurde deswegen
ausgeliefert wie wir der vernichtung des todes
aber am dritten tag auferstanden
um weiterzuwirken für unsere befreiung
bis dass gott alles in allem sein wird

ich glaube an den heiligen geist
der uns zu mitstreitern des auferstandenen macht
zu brüdern und schwestern derer
die für gerechtigkeit kämpfen und leiden
ich glaube an die gemeinschaft der weltweiten kirche
an die vergebung der sünden
an den frieden auf erden für den zu arbeiten sinn hat
und an die erfüllung des lebens
über unser leben hinaus

Die Gemeinde Jesu Christi ist ein Bauwerk, das durchdrungen ist von der Liebe Gottes. Aus allen Fugen und Ritzen quillt diese Liebe. Dieser Bau wird nicht in Rekordzeit fertiggestellt. Die Liebe Gottes braucht Zeit, um zu wirken. Sie meint unterschiedslos alle. Sie verhilft denen, die bedrängt und unterdrückt werden, zu einem erfüllten Leben.

Prophetische RedeProphetische Rede steht im Dienst der Liebe Gottes. Sie benennt die Dinge so, wie sie sind. Sie verharmlost und beschönigt nicht. Sie übertreibt nicht. Sie richtet auf. Sie befreit von Ängsten, von Scham, von Schmerz. Sie ruft zur Umkehr und zur Verantwortung. In der Tradition der Prophetie des Ersten Testaments lockt sie auf den Weg mit Gott.
Die Liebe Gottes ermahnt und tröstet gleichermaßen. Dafür sind deutliche Worte notwendig. Maßstab ist nicht die Zustimmungsquote der Hörenden. Maßstab ist allein die Liebe Gottes. Ohne diese Liebe ist der Bau vielleicht schnell schlüsselfertig. Aber der Geist der Liebe hat keine Gelegenheit, alle Räume zu durchwehen.
Prophetische Rede rechnet mit dem Geist der Liebe und baut so mit am Reich Gottes. Da fallen manche Mauern. Hier und dort muss angebaut werden, damit für alle Platz ist.
Prophetische Rede wird nicht müde für die Wahrheit einzutreten.

Prophetische Rede heuteUnsere Welt braucht diese Rede, die von Gottes Liebe herkommt – heute!
Gottesdienst ist kein Privileg, sondern Dienst an den Menschen, ganz besonders in der Krise. Darum ringen wir um passende Gottesdienstformate – im Geist der Liebe. Wir lernen, uns von Lieblingslösungen zu verabschieden.
Prophetische Rede ruft auf zu hören; zu hören auf Gott, der seinen Geist gibt und auf Menschen, damit wir wissen, was sie bewegt und was sie brauchen. Prophetische Rede gibt den Stummen eine Stimme. Die Pandemie bringt erkrankte Menschen (nicht nur an Covid 19!) noch mehr zum Schweigen als sonst. Menschen in großer persönlicher Not, in Schmerzen, in Angst, im Sterben, haben plötzlich nicht mehr den notwendigen Beistand. Und Angehörige müssen zusehen, wie sie ihren Liebsten nicht die notwendige körperlich spürbare Liebe und Nähe geben können.
Lobbyismus gibt es auch in dieser großen Krise, in der alle zusammenstehen müssten, als Brüder und Schwestern. Die Lasten sind nicht gleich verteilt. Wer arm ist, leidet doppelt. Viele „Kleine“ kommen in der Pandemie zu kurz: Kinder, Jugendliche; Existenzen gehen zugrunde, während große Unternehmen in der Pandemie Gewinne einfahren und Großaktionäre bedienen.

Gott ist Liebe – der Welt zuguteUnsere Aufgabe als Christ:innen ist es, den Gott, der Liebe ist, vor aller Welt zu bezeugen. So können wir mithelfen, dass Menschen die Liebe Gottes konkret erfahren. So bauen wir ein Haus, in dem die Kraft dieser Liebe spürbar wird. Wir stehen mit leeren Händen und offenen Herzen vor Gott, als Schwestern und Brüder. Wir ermahnen und trösten dort, wo es nötig ist. Und wir lassen uns ermahnen und trösten.
„Strebt nach der Liebe“ (V.1)! Sie er-trägt, sie glaubt, sie hofft, sie duldet alles. Sie hört nie auf (1.Kor.13,7.8a), denn sie ist stärker als der Tod. Stärker als alles, was das Leben schwer macht. Kommt und lasst uns gemeinsam bauen am Haus der Liebe. Amen.

Anmerkung
1 Aus: Kurt Marti, Abendland, S. 92, Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1980.

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